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Maxim-Gorki-Gymnasium Heringsdorf - Ende einer Diskussion?

Donnerstag, 19. Februar 2009, 17:18:38 | Armin Knigge

Maxim-Gorki-Gymnasium Heringsdorf - Ende einer Diskussion?

Maxim-Gorki-Gymnasium, Abitur 2008

Uwe Tellkamps Bestseller «Der Turm» brachte mir eine Sache in Erinnerung, die ich fast schon vergessen hatte. Denn dort gibt es eine Oberschule «Maxim Gorki», die als Schauplatz einiger prägender Erlebnisse des Protagonisten Christian Hoffmann dem Leser von heute einen, wie ich finde, guten Einblick in das Funktionieren des Bildungswesens in der DDR vermittelt. Eine höhere Schule erscheint dort vor allem als eine Einrichtung der politischen Erziehung und Überwachung, sie fördert die Karrieren derer, die sich – aus Überzeugung oder taktischem Kalkül – als loyale Staatsbürger präsentieren, und sie verhindert Karrieren von «unzuverlässigten» Elementen (s. den Eintrag Die "Maxim-Gorki-Oberschule" - ein Stück DDR Ich hatte im Jahr 2008 von einer Auseinandersetzung um den Namen einer nicht erfundenen, sondern seit 1952 real existierenden Schule erfahren, dem «Maxim-Gorki-Gymnasium» in Heringsdorf. Die Romanlektüre wirft Fragen an den realen «Namensvetter» auf: Wie mag es dort in den Zeiten der DDR zugegangen sein? Und wie stellen sich Schüler und Kollegium heute zu dem Namensgeber ihrer Schule?
Im Mai vorigen Jahres hatten eine Lehrerin und ein Schüler des Gymnasium, die auf dieses Gorki-Blog aufmerksam geworden waren, mir von Auseinadersetzungen an der Schule um den Namen Maxim Gorki berichtet. Während die einen den Schulnamen angesichts der Rolle Gorkis in der Stalinzeit für nicht mehr vertretbar hielten, betrachtete die anderen solche Überlegungen als einen Angriff auf die Tradition der Schule und die Würde ihrer Schüler. Die für eine kritische Diskussion über den Namensgeber plädierende Fraktion hatte sich zuerst durch einen Artikel in der Schülerzeitung («Maxim Gorki – eine unbequeme Wahrheit?») zu Wort gemeldet. Die Fraktion der «Verteidiger» Gorkis bestand hauptsächlich aus Lehrern, die schon vor der Wende dem Kollegium angehört hatten, und ehemaligen Schülern. Unterstützung erhielt sie von der Zeitung «Neues Deutschland», die mit einer Reportage vom Schulgelände ( Christina Matte: «Fürsprache für Gorki», 7.6.2008) klar gegen eine Abschaffung bzw.Infragestellung des Namens Stellung bezog.
Die beiden Vertreter der Schule beklagten in ihren Briefen an mich, dass die Schüler großenteils überhaupt keinen Begriff von Gorki hätten und es in der begonnenen Diskussion an fundierten Informationen über Gorki fehle. Sie baten mich um eine Stellungnahme zu dem Problem. Ich war über dieses Interesse erfreut, denn es ging ja um den Gegenstand dieser Website, den «Streit um Gorki», und zwar in einer sehr konkreten Form: nicht auf der Ebene der akademischen Literaturwissenschaft, sondern im wirklichen Leben; auch nicht auf der Ebene der Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert, sondern hier und heute im wiedervereinigten Deutschland. Schon aus den wenigen Angaben über die Beteiligten war erkennbar, daß es in dieser Auseinandersetzung wesentlich um die Aufarbeitung oder Nichtaufarbeitung der Geschichte der DDR ging und dass sich hier ost- und westspezifische Standpunkte gegenüberstanden. Der Artikel im «Neuen Deutschland» zeigte am deutlichsten die rein politische Seite des Konflikts: es ging dort nur um die polemisch geforderte Erhaltung eines Kulturdenkmals der DDR, die Persönlichkeit Gorkis blieb dabei ziemlich blass. Weder zu Gorkis Stalinismus noch zu seinem – keineswegs stalinistischen – künstlerischen Werk war dort etwas Wesentliches gesagt.

Der Bitte der Briefschreiber aus dem Gorki-Gymnasium entsprechend, habe ich eine Stellungnahme zu dem Problem verfasst, die ich ihnen im Juni 2008 zugesandt habe. Ich wollte damit einen Beitrag zur Versachlichung der Dcbatte leisten, die Argumente für und gegen eine Beibehaltung des Namens anführen, ohne damit einer Entscheidung vorzugreifen, die nur die Beteiligten treffen können. Leider ist seither der Kontakt zum Gorki-Gymnasium abgebrochen, auf meine Stellungnahme habe ich weder eine Empfangsbestätigung noch eine inhaltliche Antwort bekommen. Eine Erklärung dafür habe ich nicht. Ist die Debatte nach einem kurzen Aufwallen der Emotionen schnell wieder eingeschlafen? Die Homepage des Maxim-Gorki-Gymnasiums enthält keine Beiträge zu diesem Thema, sie befindet sich allerdings in einer Phase der Neugestaltung. Was immer der Grund für diese Zurückhaltung sein mag – ich möchte meine Stellungnahme nicht im Papierkorb verschwinden lassen und veröffentliche sie deshalb auf diesem Blog. («Abschaffen oder neu begründen?»)

Aus dem Abstand von fast einem Jahr erscheint mir meine Darstellung des Themas ein wenig zu relativistisch und «ausgewogen». Ich würde heute entschiedener für die Beibehaltung des Namens Maxim Gorki eintreten. Vielleicht neigen wir aus dem Bemühen um politische Korrektheit zu der Auffassung, schwere Sünden wie der Stalinismus Gorkis (und er ist eine schwere Sünde!) machten eine Beschäftigug mit einer solchen Person in ihrer Ganzheit unmöglich. Es gibt vertretbare Gründe für eine solche Auffassung, aber auch für die dagegen stehende Ansicht, dass man solche krassen Widersprüche wie die zwischen dem «humanistischen» und dem «antihumanistischen» Gorki aushalten muss. Dies meint auch der Autor der jüngsten , 2008 erschienenen Gorki-Monographie «Gab es Gorki?» (Byl li Gor'kij?) des bekannten russischen Schriftstellers Dmitrij Bykov. Der Verfasser lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass Gorki mit seinen politischen Artikeln der 30er Jahren der russischen Kultur, die er so liebte, und auch manchen zeitgenössischen Schriftstellern schweren Schaden zugefügt hat. Das hindert Bykov aber nicht, bei den Lesern des heutigen Russland für diesen Autor zu werben. In einer Zeit der politischen und moralischen Apathie sei es wichtig, sich an diesen Schriftsteller zu erinnern: Gorkis Ideal sei ein Traum, ohne den die Menschheit nicht existieren könne: «Er träumte von einem neuen Typ des Menschen, der Kraft und Kultur, Humanität und Entschlossenheit, Willenskraft und Mitleid in sich vereinigt.»

Auch die Lektüre des Romans von Uwe Tellkamp hat mich in der Auffassung bestärkt, dass es sehr wohl sinnvoll sein könne, den Namen Gorkis im Namen einer Schule des wiedervereinigten Deutschland beizubehalten. Dabei kann es nicht darum gehen, ein Denkmal nur deshalb unangetastet zu lassen, weil man die nostalgischen Gefühle ehemaliger DDR-Bürger nicht verletzen will. Wenn die heutigen Schüler mit ihrem erweiterten europäischen Horizont sich ernsthaft der Erforschung der Geschichte ihrer eigenen Schule widmen, wird sich der bislang weitgehend inhaltsleere, nur auf einen sowjetischen Klassiker verweisende Name Maxim-Gorki-Gymnasium mit einem widersprüchlichen, aber lebendigen Inhalt füllen und den Schülern die Identifizierung mit ihrer Schule leichter machen.

Kategorie: Gorki in unseren Tagen

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