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Die "Maxim-Gorki-Oberschule" - ein Stück DDR in Uwe Tellkamps Roman "Der Turm"

Donnerstag, 19. Februar 2009, 17:32:13 | Armin Knigge

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Die Rede ist nicht von einer realen, sondern von einer erfundenen Schule, der Erweiterten Oberschule (EOS) „Maxim Gorki“ in Uwe Tellkamps vieldiskutiertem Roman „Der Turm“(2008). In dem Kosmos der späten DDR, den uns der Autor in diesem Riesenwerk (fast 1000 Seiten) präsentiert, stellt diese Anstalt nur einen kleinen Baustein dar. Aber sie spielt eine wichtige Rolle. Als eine Bildungseinrichtung, in der eine doktrinäre Erziehung und Überwachung der Schüler dem Ziel dient, eine loyale und dem Staat treu ergebene Elite heranzuziehen, „unzuverlässige Elemente“ dagegen auszusortieren, bringt diese Schule in konzentrierter Form das Wesen des gesamten Gesellschaftssystems in der DDR zum Ausdruck. War dieser autoritäre Geist auch der Geist des Namensgebers Maxim Gorki? Ja, denn der Name stand zuerst für jenen Gorki, den Stalin – nicht ohne Mitwirkung des Geehrten – zum ersten Schriftsteller der Sowjetunion erklärt hatte. In dieser Bedeutung wurde er auch zum Patron zahlreicher Einrichtungen in der DDR, er war der Klassiker der Besatzungsmacht. Mit dem lebendigen und widersprüchlichen Schriftsteller Maxim Gorki hatte diese in Marmor und Gips präsentierte Gestalt allerdings wenig zu tun. Insofern ist es nicht überraschend, dass der Schriftsteller Gorki in Tellkamps Roman außer in dem Schulnamen und in memorialen Symbolen auf dem Schulgelände praktisch nicht vorkommt, obwohl die Literatur eines der Hauptthemen des Romans bildet. Für mich bot dieser eigentümliche Gegensatz von sichtbarer Präsenz und geistiger Abwesenheit Gorkis Anlass zum Nachdenken über das Thema „Gorki in der DDR“ und allgemeiner über die Rolle der russischen Kultur in der DDR, die in Tellkamps Roman in zahlreichen Details gegenwärtig ist, sich aber weitgehend in Banalitäten wie Wodka und Kwas und Pauschalurteilen über „die Russen“ erschöpft. Denn leider hat die russische Kultur ebenso wie Gorki in Ostdeutschland keine tieferen Spuren hinterlassen. Eine verpasste Chance der Geschichte.

Gorki zwischen Fahnenmasten

Christian Hoffmann, im Roman wohl das Alter Ego des 1968 in Dresden geborenen Autors Uwe Tellkamp, hätte eigentlich eine Oberschule in Dresden besuchen sollen. Sein Vater Richard, ein angesehener und liberal gesinnter Chirurg an einer städtischen Klinik, hat durch Beziehungen erreicht, dass sein Sohn in die etwas abgelegene EOS in Waldbrunn aufgenommen wird. Die Dresdner Oberschulen galten als besonders dogmatisch. Waldbrunn ist – wie viele andere Namen von Orten, Straßen und Einrichtungen – ein fiktiver Name. Der Ort soll im östlichen Erzgebirge liegen (Altenberg als Vorbild?). Gorki ist auf dem Schulgelände mehrfach vertreten, auf dem Hof zwischen Fahnenmasten steht eine Gorki-Büste, eine zweite ziert das Russisch-Zimmer. Im ersten Stock gibt es eine Vitrine mit folgendem Inhalt: „Maxim Gorkis Augen glitzerten auf einem Foto..., darunter lag ein Trompete, ein Pionierhalstuch, die Kopie eines Briefs von Maxim Gorki an die Jugend, ein Gruß der Wismut-Kumpel an die neugegründete EOS und, davor blieben viele Schüler stehen, ein Achat, dessen Flammung von Milchringen und Feuerblumen durchsetzt war.Er stammte aus den Fundstätten von Schlottwitz.“(S.186) Immer wenn es um solche sozialistischen Symbole oder Rituale geht, färbt sich die scheinbar sachliche Beschreibung in den Ton beißender Ironie. Der Achat ist das einzige Interessante in der Vitrine, wegen Gorki bleibt keiner stehen.
Von Gorkis Werken wird nur ein Titel erwähnt: „Das Werk der Artamonovs“. Es befindet sich in der Bücherkiste, die Christian zum Dienstantritt bei der Volksarmee mitbringt, die er aber zurückschicken muss, weil private Bücher bei der NVA nicht erwünscht sind. Gorkis Roman über drei Generationen einer russischen Kaufmannsfamilie gehört zu den besten Büchern Gorkis, wir erfahren jedoch nichts weiter über Christians Interesse an diesem Werk.
Immerhin befindet sich das Werk in der Gesellschaft der großen Romane der Weltliteratur, die Christian die „Blauwale“ nennt, möglichst über 500 Seiten stark, von Autoren wie Tolstoi, Dostojewski, Thomas Mann, Musil, Doderer. Andere Werke von Gorki werden nicht erwähnt, auch nicht der berühmt-berüchtigte Roman „Die Mutter“, der in der Sowjetunion und allen sozialistischen Ländern zum Pflichtstoff gehörte und als langweilig galt.. In Christa Wolfs Aufzeichnungen „Ein Tag im Jahr“ wird von den Klagen einer Lehrerin berichtet, die den Roman in jedem Schuljahr zweimal „durchnehmen“ musste. („Die Mutter“ ist wirklich ein heute kaum noch lesbares Buch, dafür aber ein interessantes Objekt für die Erforschung der christlich-sozialistischen Mythologie der russischen Revolution.) Gorki ist als Schriftsteller im Roman gleichsam nicht vorhanden, seine Bedeutung erschöpft sich im Namen und den Abbildungen aus Gips.

Widerstand und Anpassung

Allerdings werden auch die anderen genannten Autoren nicht als wesentliche Faktoren für seine Entwicklung thematisiert. Das beherrschende Thema in Christians Schulzeit hat weder mit Literatur noch mit Politik zu tun: es ist die Liebe zu seiner Mitschülerin Verena, deren Schönheit und Klugheit er bewundert, der er sich aber nicht offen erklären kann, weil er Angst vor einer Zurückweisung hat. So äußert sich das wechselseitige Interesse nur im Austausch von spöttischen und bissigen Bemerkungen. Diese „private“ Beziehung bleibt jedoch nicht unberührt von den Zwängen der politischen Erziehung, die das gesamte Schulleben beherrscht. Im Karl-Marx-Jahr 1983 lässt der Russischlehrer Schnürchel, der in der Schule die Rolle des politischen Aufpassers spielt, unangekündigt eine Klassenarbeit schreiben: „Woran ist die Gesetzmäßigkeit des Siegs des Sozialismus über den Kapitalismus zu erkennen? Stützen Sie Ihre Argumentation auf den Marxschen Geschichtsbgriff“. Verena gibt ein leeres Blatt ab, weil sie die geforderten Phrasen verabscheut, während Christian die Aufgabe mit taktischem Geschick erfüllt, ohne im mindesten an das Geschriebene zu glauben. Der Grund: Christian will Medizin studieren. Dafür muss er sich als zuverlässiger Staatsbürger erweisen. Er hat sogar den Posten eines „Agitators“ in der FDJ übernommen. Verenas Akt des Ungehorsams stört den Frieden in der eingespielten Ordnung der Anpassung und Heuchelei. Schnürchel fordert eine Erklärung. Hat sie sich unwohl gefühlt? Verena nutzt die angebotene Entschuldigung nicht, sie habe nicht gewusst, was sie schreiben sollte. Die Mitschüler sind irritiert, Christian überlegt einen Moment ernsthaft, ob Verena vielleicht zu „Jenen“ gehört, den Informanten der Stasi, die sich solche Extravaganzen leisten können. Das Problem wird auf einer FDJ-Leitungssitzung verhandelt. Sie findet im Russisch-Zimmer statt, „unter Sputnik- und Pionierlager Artek-Wandtafeln, Patenbriefen der befreundeten Komsomol-Organisation und einer Maxim-Gorki-Büste aus Gips“. Swetlana, eine der wenigen, die der Sache des Sozialismus treu ergeben sind, greift Verena an: sie habe mit diesem Verhalten eine ablehnende Haltung zu der gestellten Aufgabe eingenommen. Und sie verspottet Christian, der sich mit einer unbestimmten Äußerung über mögliche Gesundheitsgründe für Verenas Verhalten aus der Affaire gezogen hat. „Mehr hast du nicht zu sagen?“, fragt ihn Swetlana. Die Verhandlung, die unter der Aufsicht Schnürchels abläuft, endet für Verena mit einer moralischen Niederlage. Sie gibt dem Druck nach und erklärt, sie habe sich wirklich unwohl gefühlt. Immerhin gibt sie kein Schuldbekenntnis ab, wie das – in früheren Zeiten - in Betriebs- und Parteiversammlungen solcher Art üblich war.

„Ja zum Ehrendienst in den Streitkräften“

Eine andere Bewährungsprobe, in der Christian wiederum keine gute Figur macht, betrifft seine Meldung zum freiwilligen dreijährigen Dienst in der Armee. Fahner, der Direktor, hat eine Reihe von Schülern zum Gespräch in dieser Angelegenheit zu sich bestellt. Christian hatte dieses Gespräch mit seinen Eltern „durchgeprobt“, er ist noch nicht entschlossen, für seine Karriere als Mediziner auch noch dieses Opfer zu bringen. Die Nationale Volksarmee sei nicht demokratisch legitimiert, erklärt er seinen Eltern, und handelt sich dafür eine Ohrfeige des Vaters ein, der entsetzt ist über solche Unvernunft: „Christian, du hältst deinen Mund, hast du verstanden!“
Und dann kommt alles ganz anders. Fahner hält zunächst, wie zu erwarten, einen Vortrag über die staatsbürgerlichen Pflichten eines Oberschülers. Christians bisheriges Verhalten befriedigt ihn nicht: Gute Noten, aber – trotz seiner Funktion als „Agitator“ - zu wenig gesellschaftlicher Einsatz. Fahner scheint ihn sogar im Verdacht zu haben, er warte auf die Gelegenheit zur Flucht aus der DDR: „Was nützen uns Verräter, die auf Kosten unseres Staates die EOS und die Universität besuchen, danach aber nichts Besseres zu tun haben, als egoistisch nur an sich zu denken und sich davonzumachen?“ Der Direktor spricht von sozialer Verantworung, vom parteilichen Standpunkt: „Deshalb erwarte ich von Ihnen Ihr Ja zum dreijährigen Ehrendienst in den Streitkräften.“ Christian hatte sich vorgenommen, Fahner wenigstens einmal zu widersprechen, Einwendungen zu machen. Aber zu seiner eigenen Überraschung findet er nicht die Kraft dazu, schlimmer noch, er findet Fahners Argumente einleuchtend und gerecht. Statt wie geplant seine Einwilligung zögernd und mit lauen Worten vorzutragen, beginnt er „ehrlich zu lügen“. Er trägt ein flammendes Bekenntnis für den Waffendienst vor, das im Romantext eine ganze Druckseite einnimmt. Er führt die Friedensdemonstrationen in Dresden und die Lage in Polen und in Afghanistan an, wo das System des Sozialismus „von revanchistisch gesonnenen Kräften bedroht“ werde. Der Wehrdienst sei zudem für gebildete Menschen, zumal für Mediziner, eine gute Lebensschule, weil sie im Umgang mit einfachen Menschen ihren Standesdünkel abbauen könnten. Die Rede gipfelt in einem Bekenntnis zum „humanistischen“ Charakter des medizinischen Wissenschaft, „humanistisch“ sei auch der sozialistische Staat und „humanistisch“ seine Armee, die mit ihren Waffen dem Frieden diene. Fahner ist offenbar überrascht von diesem Ausbruch staatstreuer Gesinnung. Christian glaubt in seinem Gesicht „ein sonderbares Empfindungsgemisch“ zu erkennen: „freundlicher Abscheu“. Christian selbst begreift, als er abends im Bett an diese Szene zurückdenkt, dass er vor Fahner „gekrochen“ ist, dass er sich „auf das ekelhafteste verleugnet hatte...“ Das Seltsame dabei ist, dass er das dort im Direktionszimmer nicht so empfunden hatte, er war von dem, was er gesagt hatte, „überzeugt“ gewesen.

Die Kunst des fachgerechten Lügens

Was ist der Sinn dieser Episode? Tellkamp will seinen Helden gewiss nicht als einen charakterlosen Opportunisten denunzieren. Er zeigt vielmehr die erschreckende Wirkung eines Erziehungssystems. Christian, eigentlich ein kritischer Beobachter seiner Umgebung, will im entscheidenden Moment „dazugehören“, nicht mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Die bittere Konsequenz ist der Verlust der eigenen Würde, die freiwillige Unterwerfung unter den Willen der Staatsgewalt. Es ist aber keineswegs allein der Druck von seiten des Staates, der dieses Verhalten hervorbringt. Die Gesellschaft, hier in Gestalt der Eltern, unterstützt dieses System und macht es dadurch erst wirklich effizient. Die Eltern haben das Gespräch vorher mit dem Sohn wie eine Aufführung geprobt. Christian erinnert sich an eine frühere Erziehungsaktion seines Vaters, in der es allgemein um das Erlernen des richtigen Lügens geht. Ein Schauspieler, der als ehemaliger Patient dem Vater einen Gefallen tun will, zeigt Christian und seinem Bruder vor einem Spiegel, wie man ein enthusiastisches Lob oder eine Schmeichelei mit hinreichender Glaubwürdigkeit vorbringen kann. Die staatsbürgerliche Erziehung im privaten Raum wird hier zur Groteske. Die Mutter kann das nicht mit ansehen und verlässt das Zimmer. Christian ist also von Schule und Elternhaus nicht nur zum Gehorsam gegenüber den Forderungen des Staates, sondern auch zur Heuchelei erzogen worden. In der Armee wird er weiteren Proben auf seine Standfestigkeit und Ehrlichkeit unterzogen und gerät dabei an den Rand der Selbstaufgabe. Erst in den Ereignissen des Herbstes 1989 findet er zu einem klaren Standpunkt: er wird auf keinen Fall die Waffe gegen die Demonstranten erheben, unter denen auch seine Mutter ist.

Gorki in der DDR – Geschichte eines Verlusts

Die geschilderten Romanepisoden spielen sich in einer „Maxim-Gorki-Schule“ ab, gewissermaßen im Angesicht der gipsernen Denkmäler des Schriftstellers. Es ist leider wahr, dass er nicht zufällig und unverschuldet in diese Rolle geraten ist. Seine Zeitungsartikel der dreißiger Jahre in „Pravda“ und „Izvestija“ waren inhaltliche und stilistische Vorgaben für zahllose Verdammungsurteile gegen „Feinde“ aller Art und ebenso für maßlose Glorifizierungen des Staates und der Partei. Nach dem Krieg fand dieser von Gorki mitgeprägte Stil auch Eingang in den Parteijargon der DDR, der das öffentliche Leben und auch die Schulen beherrschte. In diesem von jeder menschlichen Regung entkleideten Stil der Agitation wurde auch der Schriftsteller Gorki den Lesern in der DDR präsentiert, z.B. in den tonangebenden Monographien von Nadeschda Ludwig.
Wenn man dagegen von der lebendigen Persönlichkeit ausgeht, die sich in Gorkis Leben und seinem Gesamtwerk verkörpert, ergibt sich ein anderes Bild. Als Künstler, Publizist und als Revolutionär hat Gorki unermüdlich gegen staatliche Willkür gekämpft; auch gegen das Gewaltregime des Bolschewismus in den Jahren nach dem Oktoberumsturz. Sein Ideal war und blieb der Tschelovek, großgeschrieben: der stolze, freie Mensch, der sich wie ein Künstler in der Arbeit verwirklicht, ebenso im Kampf und in der Revolution. Von diesem Ideal ausgehend, unterzog Gorki nicht nur das autokratische Zarenregime, sondern auch die revolutionäre Bewegung einer rückhaltlosen Kritik. Er erkannte in dieser Bewegung nicht nur Enthusiasmus und Opferbereitschaft, sondern auch Betrug, Verrat, Heuchelei und „Jesuitentum“ der Führer. Die Vielzahl von Verrätern und Spitzeln in seinem Werk ist auffallend. Oft genug sind diese Erscheinungen nicht der Charakterschwäche des einzelnen Menschen zuzuschreiben, Gorki zeigt sie vielmehr als Übel eines Systems, das dem Grundsatz folgt: der Zweck heiligt die Mittel. Situationen wie das Gespräch Christians mit dem Direktor, in denen es um moralische Bewährungsproben, Widerstand oder Unterwerfung, Ehrlichkeit oder Heuchelei geht, finden sich in Gorkis Werk immer wieder. In dem Roman „Das Leben des Klim Samgin“ entdeckt der Held im Gespräch mit einem Beamten der Ochrana, der russischen Geheimpolizei, dass ihm dieser Mensch sympathischer ist als die Revolutionäre, die er mit Hilfsdiensten unterstützt. Der Geheimpolizist interessiert sich nicht nur dienstlich, sondern auch menschlich für Samgin, der sich von den bolschewistischen Führern nur als Instrument benutzt fühlt.
Gorkis Werke hätten also, so paradox das klingt, in der DDR als eine Literatur des Widerstands gelesen werden können, besonders sein letzter Roman „Das Leben des Klim Samgin“. Ältere Leser im heutigen Russland erinnern sich, dass sie „Klim Samgin“ in der Tat so, d.h. als Informationsquelle über das vergessene und verbotene geistige Leben der vorrevolutionären Periode, gelesen haben. Auch in der DDR gab es natürlich in Kreisen literarisch Interessierter andere Gorki-Bilder als das der Propaganda, ich nenne hier stellvertretend für viele nur Fritz Mierau und Ralph Schröder. Auch die Erinnerung an Gorkis größte Erfolge in Deutschland im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hätte als Gegenbild zu dem stalinistischen Gorki dienen können: die Gestalt eines jugendlich begeisterten und Begeisterung auslösenden Verkünders des „neuen Menschen“.

„Dawaj“ und „Nasdarowje“ – russische Kultur in der DDR

Gorki in der DDR – das ist also eher die Geschichte eines kulturellen Verlusts, nicht die eines Gewinns. Ähnlich steht es, wenn man die durchaus glaubwürdige Gestaltung dieses Themas in Tellkamps Roman betrachtet, mit der russischen Kultur in der DDR. Verbindungen zur Kultur der Sowjetunion und Russlands begegnen im Roman auf Schritt und Tritt, sie sind Bestandteile des täglichen Lebens wie in dem folgenden Satz. „Richard stellte den Lada beim „Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“ am Puschkin-Platz ab...“ (166) Es gibt zahlreiche Straßennamen wie Majakowskiweg oder Nadeschda-Krupskaja-Straße, auch Gegenstände aus sowjetischer Produktion, etwa die Luxuslimousine „Wolga“ (nur für große Tiere) oder ein Wecker namens „Zarja“ (Morgenröte). Letzterer wird in kyrillischer Schrift bezeichnet, ein koketter Hinweis des Autors darauf, dass er und seine Leser im Osten russisch lesen können. Christian ist stolz darauf , dass er das russische schtsch endlich richtig aussprechen kann, Schnürchel hat ihn gelobt. Hier und da tauchen russische Phrasen auf: Otschen choroscho! Dawaj! und natürlich Nasdarowje!, man kennt „Wetschernyj swon“, ein sentimentales russisches Lied, und man weiß, dass Kwas eigentlich „Brotwein“ ist.

Kultur der Besatzungsmacht

Aber nicht zufällig ist der Russischlehrer Schnürchel der unsympathischste Lehrer an der Gorki-Schule, ein Schnüffler und eine Art Politkommissar. Er lehrt nicht nur russische Aussprache, sondern auch Marxismus-Leninismus und lässt Aufsätze über sowjetische Kinofilme schreiben, in denen es immer um den Großen Vaterländischen Krieg und die Heldentaten der Rotarmisten geht. Das hat nicht den Charakter eines Kulturaustauschs: alles Russische – die Sprache wie die Kultur – gehört irgendwie zur Besatzungsmacht. Ein Rezensent des Romans in der „Welt“ scheint recht zu haben mit seiner boshaften Bezeichnung der DDR - „diese lächerliche sowjetische Satrapie auf deutschem Boden“. Die Sowjetisierung der DDR ist aber in dieser Romanwelt keineswegs gelungen. Manchmal scheint es, als hielten die Dresdner Bürger noch weniger von dem sowjetischen Brudervolk als die Westdeutschen. Richard, Christians Vater, sympathisiert mit Reagans Politik: „die Russen verstehen nur eine harte Sprache... Totrüsten“. Auf einer Hochzeit unterhalten sich Frauen über Schönheitsprobleme. Eine ist der Ansicht, dass das erste Kind für Frauen mit schwachem Bindegewebe eine Katastrophe sei – „sie gehen auseinader wie die Russinnen“. Man spricht von „Russenvillen“ in Dresden und wenn Richard einen hohen russischen Funktionär operiert, muss er sich anhören, er sei „ja auch so ein Russenknecht“. Ein unaufgeklärter Kriminalfall – das Kind einer deutschen Mutter ist in einem Laden, der zu einem russischen Lazarett gehört, entführt worden - führt zu einem Ausbruch von Hass gegen russische Frauen, die aus diesem Anlass einen „Soli-Basar“ für die Anwohner veranstaltet haben. Sie haben eine Suppe gekocht. Die Anwohner kommen – und spucken der Reihe nach in den Kessel!
Es gibt auch freundliche Äußerungen über die russische Nation , aber sie sind offensichtlich nicht DDR-spezifisch, sie wiederholen altbekannte Klischees, etwa Christians Beobachtungen an russischen Soldaten, denen er in einem gemeinsamen Manöver begegnet: irgendwie unberechenbare Kinder; wenn sie betrunken sind, fangen sie gefährliche Spiele mit ihren Waffen an, aber sie können wunderbar singen und viele können „ellenlang Puschkin zitieren“. Auch Redensarten über die „russische Unergründlichkeit“, aus der der Wodka und vieles andere stammt, zeichnen sich nicht durch besondere Originalität aus. So hat man in Deutschland schon immer über Russland gedacht.

Erinnerungen an Moskau in der Stalinzeit

Die Berührungen mit der russischen Kultur bleiben also oberflächlich und, wie es scheint, ohne fruchtbare Wirkung auf die Kultur der DDR. Dabei gibt es im Roman durchaus Ansätze für eine tiefergehende Behandlung des Russland-Themas: Meno und Ulrich, Brüder der Mutter Christians, sind als Kinder von emigrierten Kommunisten in Moskau geboren bzw. aufgewachsen, sie verstehen und sprechen russisch. Beide denken oft an ihre Kindheit in Russland. Meno erinnert sich z.B. an die festlichen Umzüge zur 800-Jahrfeier der Gründung Moskaus 1947 und an die russischen Worte eines Lieds: „Stalin ist ein Held und Muster für die Kinder,/ Stalin ist der Jugend bester Freund“. Und er erinnert sich gleichzeitig an die bedrückte Stimmung zu Hause, wo er und der Bruder mit dem Vater allein geblieben sind. Die Mutter sei im Ausland und lasse die Kinder grüßen, erklärt der Vater. In Wirklichkeit saß sie in Moskau im Gefängnis.
Verständllich, dass Meno in der DDR nicht offen über diese Erinnerungen sprechen kann Sie gehen auch nicht ein in den gesellschaftlichen Diskurs der „Bildungsbürger“, die sich lieber über Literatur und Musik unterhalten. Ähnlich verhält es sich mit den Erinnerungen des Altkommunisten mit dem unaussprechlichen Namen Eschschloraque, der im Jahr des großen Terrors 1937 in dem Moskauer Hotel „Lux“ wohnte, dem Schauplatz tragischer Schicksale der emigrierten Kommunisten aus Westeuropa. Ein anderer aus seiner Generation, der Schriftsteller Altberg, hat als Soldat der Wehrmacht den Krieg an der Ostfront erlebt. Seine Erinnerungen an den Judenmord, an Nahkampfszenen, Partisanenüberfälle und die blutige Abrechnung mit einer russischen Partisanin weisen inhaltlich und stilistisch eine – wohl beabsichtigte – Nähe zu den Landserromanen der Nachkriegszeit auf (der Kompaniekoch schneidet der Frau mit einem Tranchiermesser die Kehle durch: „Du Sau du Sau du Russensau“). Man könnte alle diese Erinnerungen als Fragmente eines neuen Gründungsmythos der DDR verstehen, aber sie treten nicht in einen erkennbaren Zusammenhang. - Die einzige von Vorurteilen und traumatischen Belastungen freie Begegnung mit der russischen Kultur findet auf der Insel Hiddensee statt, wo in einer fröhlichen Feriengesellschaft Gedichte von Jessenin und Mandelstam vorgetragen werden. Aber diese Episode bleibt isoliert und wirkt etwas aufgesetzt.

Das Ende der DDR – ohne Einflüsse aus Russland?

Am Schluss des Romans rückt das Ende der DDR, die Befreiung vom SED-Regime und zugleich die von der sowjetrussischen Herrschaft näher. Wie weit die Ereignisse in Russland an dieser Entwicklung mitgewirkt haben, bleibt im Roman eine offene Frage. Immerhin: Solschenizyns Bücher gehören, wie wir erfahren, zu denen, die von DDR-Bürgern auf der Leipziger Buchmesse mitgenommen, d.h. geklaut wurden. Aber die in den 1980er Jahren in Russland erstmals erschienenen, im Westen schon länger bekannten großen Bücher der Anklage gegen den Stalinismus: Pasternaks „Doktor Schiwago“, Grossmans „Leben und Schicksal“, Platonovs „Tschewengur“, Schalamows „Erzählungen von Kolyma“ haben die geschilderte Dresdner Gesellschaft anscheinend nicht erreicht oder nicht berührt. Auch in den Zeiten von „Klas-nosst“ und „Berestroiga“ (wie sie in Dresden ausgesprochen werden) bleibt die russische Kultur in dieser Welt ohne eine tiefergehende Wirkung. Schade um diese verpasste Gelegenheit, Deutsche und Russen einander näherzubringen.

Kategorie: Gorki in unseren Tagen

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