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Ein Schiff voller Schriftsteller - Zu Christa Wolfs 80. Geburtstag

Dienstag, 10. März 2009, 11:45:48

Ein Schiff voller Schriftsteller - Zu Christa Wolfs 80. Geburtstag

Nizhny Novgorod

Christa Wolfs ehrwürdiger Geburtstag (am 18. März 2009) brachte mir ein Buch in Erinnerung, das ich schon länger in meinem Gorki-Archiv aufbewahre: Max Frischs Tagebuch 1966-1971, erschienen 1972 bei Suhrkamp in Frankfurt a.M.. Darin finden sich Einträge über eine Russlandreise 1968, die sowohl mit Gorki als auch mit Christa Wolf zu tun hatte. Gorkis 100. Geburtstag wurde auf einem „Schiff voller Schriftsteller“ gefeiert, das auf der Wolga unterwegs war nach dem damals noch „Gor’kij“ genannten Nishny Novgorod. Und auf diesem Schiff lernte Frisch die Wolfs kennen, Christa und ihren Mann Gerhard. Frischs Tagebucheinträge über dieses Ereignis vermitteln uns heute ein, wie ich finde, äußerst anschauliches Bild dieser vergangenen Epoche, wir Ältere erkennen vor allem gewisse Standardsituationen der westlich-sowjetischen Kulturkontakte in den Zeiten des Kalten Krieges wieder: staatlich verordnete Literaturfeiern – hier der von jedem Sinn entleerte Gorki-Kult -; überall Lautsprecher; die Gemütsverfassung der Gäste aus dem Westen, gemischt aus Neugier, Misstrauen und bemühter Loyalität; die unverblümte Bespitzelung der Gäste von seiten der Organisatoren; der vorsichtige Umgang zwischen deutschen Schriftstellern aus DDR, „BRD“ und anderen westlichen Ländern; rosarote Berichte der Literaturfunktionäre über das Leben sowjetischer Schriftsteller u.a.m. Daneben gibt es auf diesem „Kinderfest“ viel zeitlos Russisches, nicht nur die Wolga und den Wodka. Auf der anderen Seite zeigt uns der kluge Beobachter Max Frisch aber auch eine Welt, die sich diesem staatlichen Reglement verweigert: eine auf das persönliche Gespräch oder sogar auf wortlose Zeichen beschränkte Kommunikation zwischen Individuen, die es besser wissen. Etwas in dieser Art ereignet sich zwischen den Schriftstellern Max Frisch und Christa Wolf.
Im folgenden werden einige Auszüge aus dem Abschnitt über die Russlandreise wiedergegeben.

Einschiffung nach Gorki [Juni 1968]
Ein Schiff voller Schriftsteller, aber: ein Schiff ist immer etwas Schönes, und das ist meine erste Schiffahrt auf einem Strom. Heißer Sommerabend. Ich kenne niemand an Bord außer Günther Weisenborn. Ich begrüße Christa Wolf (DDR) und spüre Mißtrauen. Der Lautsprecher liefert Musik aus einem französischen Film. Möwen. Wir gleiten.



Plenum auf Deck:
Man sitzt mit Kopfhörern; jeder Redner sagt dasselbe über Maxim Gorki, die Übersetzung aus dreizehn Sprachen erübrigt sich, Maxim Gorki als proletarischer Schriftsteller, Meister des sozialistischen Realismus, nach und nach verstehe ich’s (ohne Kopfhörer) auf Spanisch, Rumänisch, Portugiesisch, Finnisch, sogar wenn ich nicht einmal errate, welche Sprache. Maxim Gorki und sein Konflikt mit Lenin, sein Exil nach der Revolution, Maxim Gorki und Stalin, Schriftsteller und Staatsmacht, davon kein Wort. Als ich weggehe aufs vordere Deck, bin ich nicht der einzige, der das Plenum schwänzt; auch Funktionäre finden’s langweilig, aber die Firma verlangt das.



Gespräch:
Mihalkov (Gesamtauflage 75 Millionen) erklärt mir, wie der sowjetische Schriftsteller bezahlt wird. Ich verstehe: die sowjetische Literatur wird nicht von kapitalistischem Profit-Denken manipuliert; nicht die Nachfrage, sondern die Behörden bestimmen die Auflage. Im Westen, sagt er, ist der Schriftsteller immer abhängig vom Publikum; hier nicht.[...]
Ich nicke viel... Es hat keinen Sinn, daß man widerspricht. Ich habe es versucht. Ich lobe nur Löblliches; das gibt es ja auch. Ich gebe keine Antworten, die ich nicht anderswo auch geben würde. Die Lüge beginnt im Verschweigen.[...] Am besten ist es, wenn man sich in Rußland einfach wohlfühlt. Ich lobe die Breite der Wolga; ich hüte mich, Erinnerungen an den Mississippi auszusprechen; Vergleiche verdrießen sie. Am Mittagstisch, als Gast zwischen Funktionäre gesetzt, lobe ich den grusinischen Wein, der sehr gut ist; ich zeige unablässig, daß ich mich wohlfühle. Ich werde nicht gefragt: wie sehen Sie die Unruhen in Berlin, die Lage in Paris, die Zwischenfälle in Rom? Man ist nicht neugierig auf Information.[...] Natürlich verschweige ich, was ich vermisse; ich bin ja nicht gekommen, um zu kränken. Meine arme Sofija [die Dolmetscherin]: sie verkürzt meine Fragen schon in der Übersetzung, um das Ungehörige zu mildern, und leidet vor ihren Vorgesetzen wie eine Mutter mit ihrem tolpatschigen Kind. Wer dann auf meine Frage antwortet, spielt kaum eine Rolle; sie widersprechen einander nie. Sie kennen Kritik nur als Kritik am Westen, diese ist hemmungslos und einfach, unbekümmert um Tatsachen; Kritik an sowjetischen Verhältnissen steht niemand zu – sie üben sie selbst nicht, die Funktionäre jedenfalls nicht.



Abends wieder Wodka.
Gespräch mit Christa Wolf und ihrem Mann bis vier Uhr morgens, draußen die helle Nacht über Wolga und Land. Labsal!: daß man Widerspruch gelten lassen kann. Lange Zeit saß ein sowjetischer Genosse dabei, der zuhörte, aber mich nicht störte. Er scheint berichtet zu haben: heute wissen meine Funktionäre, daß es ein sehr interessantes Gespräch gewesen sein soll, das wir geführt haben.



In der Stadt Gorki (22.6.1968)
Abends großes Bankett an langen Tischen, Flaschen in Griffnähe überall, Trinksprüche, die trotz Lausprecher niemand hört, alle trinken sofort, die Stadt Gorki und der Schrifsteller-Verband der Stadt Gorki begrüßen die Schriftsteller aus aller Welt, Hitze im Saal, man zieht die Jacken aus, Kaviar, Sulze zerfließt, schätzungsweise fünfhundert Leute in Turner-Frohsinn, ich sitze bei den Deutschen, die stiller sind, Georgier dröhnen vor Leben, Umarmungen, ein beflissener Rumäne erinnert durch den Lautsprecher nochmals daran, daß Maxim Gorki ein proletarischer Schriftsteller war und ist und bleibt, der alte Herr aus Prag versichert dasselbe, ein Inder bestätigt es, Selbstbedienung, eine Kapelle spielt Wien um die Jahrhundertwende, mein Funktionär hebt sein Glas auf meine Genesung, Beifall für den Inder, viele gehen umher, um anzustoßen, der Weimarer will auch ans Mikrophon, Grüße an die Brudervölker, aber er muß warten, zuerst das Faktotum aus den USA, Gesang der Georgier unter sich, ein Ungar setzt sich neben mich, aber man versteht kein Wort, also stoßen wir an, der Weimarer kommt ans Mikrophon, Grüße an die Brudervölker, man versteht kein Wort, aber er kommt zufrieden an den Tisch zurück, er hat in der Geburtsstadt von Gorki gesprochen, meine Betreuerin trinkt, Weisenborn ersetzt Wodka insgeheim durch Wasser, ich beobachte Christa Wolf, manchmal versinkt sie, dann gibt sie sich wieder Mühe, wir heben das Glas auf Distanz, ohne es zu leeren, ein Kinderfest, aber es sind nicht Kinder, sondern Bären, Trinkspruch auf Trinkspruch, Wodka gut, der Mensch auf Urlaub vom Staat, Du ein Mensch, ich ein Mensch, es ist nicht Suff, aber Feierabend vom Katechismus, lauter gute Menschen, plötzlich die Frage: Was ist ein anständiger Mensch? Ich schlage vor: Ein anständiger Mensch ist ein tapferer Mensch, einer, der sich und anderen die Treue hält, das ist hierzuland ein tapferer Mensch. Einverständnis, wir kippen das Glas, und ein Funktionär füllt sofort nach, kommt um den Tisch herum, während die anderen weiterreden, und nennt den Namen eines Menschen, ja, wir kennen ihn beide; der Funktionär sagt: Ein anständiger Mensch! Wir trinken auf einen, der in Ungnade ist, weil er sich für Daniel und Siniawsky eingesetzt hat, ausgestoßen aus der Partei und aus seinem Lehramt entlassen und von dem Schriftsteller-Verband, der hier feiert, schwerstens gerügt; der Funktionär: Ihr Freund auch mein Freund!... Es ist unheimlich. Ich reise vorzeitig nach Moskau zurück, um eine Aufführung zu sehen. Sofija hängt ihren Arm ein. Eine ältere Genossin, die im selben Nachtzug reist, betreut meine Betreuerin; sie nimmt die Beschwipste in ihr Abteil und füllt sie vollends mit Wodka.


Nachbemerkung:
In Jörg Margenaus Biographie „Christa Wolf“ (Kindler, Berlin 2002) erfahren wir, daß Max Frisch sich in einem Brief an Christa Wolf von dieser Darstellung ihrer Begegnung distanziert hat. Seiner Erinnerung nach habe er sie damals viel misstrauischer betrachtet als hier dargestellt. Er finde das „schrecklich, beschämend“. Das Misstrauen sei eine Unterstellung gewesen, ein „Reflex auf ein eigenes Vorurteil“. Dieses Bekenntnis, ein noble Geste, zeigt die Schwierigkeiten, in denen alle Beteiligten damals steckten. Aber wie immer in solchen Situationen gaben nicht alle in gleicher Weise den gesellschaftlichen und politischen Zwängen nach: es gab „anständige Menschen“. Mit Frischs Brief an Christa Wolf begann eine Freundschaft, die die Schriftstellerin zu den wichtigsten in ihrem Leben zählt.
Gorki hätte Frischs Definition – Treue zu sich selbst und anderen - sicher zugestimmt. Er hätte, denke ich, überhaupt seine Freude gehabt an dieser ebenso freundlichen wie bissigen Beschreibung einer Veranstaltung zu seinen Ehren.

Kategorie: Gorki in unseren Tagen

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