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Ein Gorki-Zitat als "extremistisch" begutachtet

Freitag, 11. September 2009, 19:24:29 | Armin Knigge

Die russische Internet-Zeitung Grani.ru, ein Organ der Opposition, hat in ihrer gestrigen Ausgabe (10.09.2009) einen Bericht veröffentlicht, der wie eine boshafte Erfindung der «Feinde Russlands» erscheinen könnte, - wäre er nicht, wie die Namen und Fakten belegen, eine wahre Geschichte aus dem heutigen Russland. Den Originalbeitrag finden Sie im russisch-sprachigen Teil des Blogs. Im folgenden gebe ich den ungekürzten Text in deutscher Übersetzung.

Klassikeraufstand

Die Losung «Freiheit gibt man nicht, man nimmt sie», ein perephrasiertes Zitat aus Maxim Gorki, ist als «extremistisch» begutachtet worden. Im abschließenden Teil einer staatlichen Expertise wird unterstrichen, dass die Losung «falsch und schädlich» sei. Das Novorossijsker Komitee für Menschenrechte, das die Losung benutzt, handle im Interesse der USA, «des strategischen Gegners Russland».
[Nach diesem Vortext die Einzelheiten:]

Die Losung «Freiheit gibt man nicht, man nimmt sie» ist im Ergebnis einer staaatlichen Expertise als extremistisch und «die sittlichen Grundlagen der Gesellschaft untergrabend» begutachtet worden, berichtet die Assoziation der Menschenrechtsorganisationen «AGORA». Das Expertenurteil, abgegeben auf Anforderung des Staatsanwalts von Novorossijsk Aleksandr Kazimirov, ist unterschrieben von dem Dozenten der Filiale der Kubanischen Staatlichen Universität in Gelendszhik, dem Kanidaten der philosophischen Wissenschaften Vladimir Rybnikov.

Auf der Grundlage dieses Gutachtens forderte die Staatsanwaltschaft das Bezirksgericht des Oktober-Rayons auf, ein Verfahren gegen das Menschenrechtskomitee von Novorossijsk einzuleiten mit dem Ziel, die Organisation als extremistisch zu erklären und zu verbieten. Die Leiter des Komitees, das Ehepaar Tamara und Vadim Karastelev, hatten ein Plakat mit dieser Losung auf einer Demonstration benutzt.

Dem Urteil Rybnikovs zufolge, erscheint die Losung «Freiheit gibt man nicht, man nimmt sie» «falsch und schädlich». Weiter wird betont, dass Karastelev – «bewusst oder nicht» – «den Interessen derjenigen dient, die die Grundlagen der gesellschaftlich-politischen Ordnung des gegenwärtigen Russland erschüttern wollen», insbesondere den Interessen der USA, «des strategischen Gegners Russlands».

Das zweite Gutachten zu der Losung erstellte auf Anforderung des Staatsanwalts Kazimirov die Leiterin der munizipalen Bildungseinrichtung «Psychologisch-pädagogisches und sozialmedizinisches Zentrum «Dialog»» der Stadt Novorossijsk Svetlana Guzeva. Die Psychologin mit der Qualifikation der höchsten Kategorie erklärte: «Den Aufruf, sich die Freiheit selbständig, jenseits des durch die Gesetzgebung gesetzten Rahmens, zu nehmen, kann man als den Aufruf der Organisatoren des Meetings zum aktiven Handeln gegen die bestehende Gesetzgebung verstehen. Die Losung «Freiheit gibt man nicht, man nimmt sie» ist eine auffordernde Aussage und kann von Minderjährigen als Aufforderung zum aktiven Widerstand gegen die Tätigkeit der Staatsorgane aufgefasst werden».

Dabei nahm keiner der Experten zur Kenntnis, dass die Losung ein perephrasiertes Zitat aus Maxim Gorkis Stück «Die Kleinbürger» ist. Dort heisst es: «Rechte gibt man nicht, man nimmt sie».

Die Probleme für das Novorossijsker Komitee für Menschenrechte im Zusammenhang mit der Losung begannen im April dieses Jahres. Auf eine Empfehlung aus dem FSB richtete der Staastanwalt Kazimirov eine Warnung an die Rechtsschützer, in der er ihnen die Unzulässigkeit ihrer extremistischen Tätigkeit vorhielt. Gegen dieses Vorgehen des Staastanwalts wandten sich die Rechtsschützer mit einer Klage an das Gericht, das jedoch mit Berufung auf die Gutachten die Forderungen der Bürgerrechtler abwies. Danach richtete der Staatsanwalt eine Erklärung an das Gericht, die die Auflösung des Novorossijsker Komitees für Menschenrechte, die Qualifizierung des Komitees als extremistische Organisation und die Einstellung seiner Tätigkeit bis zur gerichtlichen Klärung zum Ziel hatte.

Zur Information:
Auszug aus dem Gutachten des Experten Rybnikov

Mit der Herausstellung der Losung «Freiheit gibt man nicht, man nimmt sie» dient Herr Karastelev, bewusst oder nicht, den Interessen derer, die die Grundlagen der gesellschaftlich-politischen Ordnung des gegenwärtigen Russland erschüttern wollen. Die UdSSR ist zerfallen, es gibt jedoch noch eine Jugend, die, entsprechend den Plänen der USA, die staatliche Ordnung und das Wirken der staatlichen Organe, die für die Zukunft der Jugend verantworlich sind, vollständig ablehnen soll. Es liegt im Interesse der USA, dass die Jugend Russlands sich für Pepsi entscheidet und dabei ihre Eltern, die Sittlichkeit und Verantwortlichkeit für das Schicksal der Heimat vergisst. Für die USA als strategischen Gegner Russlands ist die der Jugend gewährte «Freiheit ohne Grenzen» sehr vorteilhaft, weil sie Kriminalität und Drogensucht hervorbringt. Wenn die «Freiheit» nicht Verantwortlichkeit und gesellschaftliche Ordnung vorsieht, so führt sie zwangsläufig zu Anarchie und Kriminalität.

[Zusätzlich zu dem Bericht und dem Auszug aus einem der Gutachten bringt Grani.ru einen Auszug aus Maxim Gorkis Werk «Frühlingsmelodien», einem 1901 illegal gedruckten Werk, das auch das berühmte Gedicht «Burevestnik» (Der Sturmvogel) enthielt. Das Zitat stammt aus dem ersten Teil, in dem das Thema der Freiheit in allegorische Bilder der Vogelwelt und des Frühlings eingekleidet ist. Der adelige Gimpel vertritt die Staatsmacht, er äußert sich über die Lerche, die gerade als Dichter aufgetreten ist:]

Der Gimpel schaute schief auf den Dichter und krächzte:
«Mm.. was für ein grauer... Halunke! Hat er da, wie es scheint, irgendwas über Sonne und Freiheit von sich gegeben? Ja?»
«Genau dies, Erlaucht», bestätigte der Rabe. «Er beschäftigt sich mit dem Wecken unbegründeter Hoffnungen in den Herzen der Jungvögel, Erlaucht!»
«Anstößig und ... dumm!»
«Völlig richtig, Erlaucht,», meldete sich der alte Sperling, «dumm! Freiheit, Erlaucht, ist doch etwas Unbestimmtes und, sozusagen, Unfassbares...»
«Aber, wenn ich mich nicht irre, haben Sie nicht selbst, wie es scheint, zur Freiheit aufgerufen?»
«Fa-akt!», schrie plötzlich der Rabe.
Der Sperling geriet etwas in Verlegenheit.
«In der Tat, Erlaucht, habe ich einmal dazu aufgerufen... aber unter mildernden Umständen...»
«Ach ja, und das heißt?»
«Nach dem Mittagessen, Erlaucht! Unter dem Einfluss ... das heißt unter dem Druck von alkoholischen Dämpfen. Und ich habe mit Einschränkung aufgerufen, Erlaucht!»
«Das heißt wie?»
«Leise habe ich gesagt: «Es lebe die Freiheit» und sofort und laut hinzugefügt: «in den Grenzen der Gesetzlichkeit».»

[Die Besucher des Portals Grani.ru haben bis jetzt schon über hundert Kommentare zu dem Beitrag hinterlassen, kluge und dumme, auch viele gänzlich sinnlose Schimpfereien. Da will ich mich nicht einreihen. Nur soviel: ich freue mich, dass Gorki, der Stalinist der dreißiger Jahre und Verächter der «professionellen Humanisten» heute wieder dort steht, wo er dem Geist nach hingehört – bei den Verteidigern der Freiheit. In der Tat deutet sich in Russland eine Wiederbelebung der vorrevolutionären oppositionellen Intelligenzija an, wenn auch diesmal in viel kleinerem Maßstab. A. Knigge]

Kategorie: Gorki in unseren Tagen

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