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Ein großes Buch - "Das Leben des Klim Samgin"

Freitag, 06. November 2009, 01:10:34 | Armin Knigge

(Die Version in russischer Sprache finden sie hier.)
Abschnitte: Ein Werk der sowjetischen Klassik – neu gelesen.- Samgin – das Unterbewusste Gorkis.- Revolutionäre ohne «Führer».- «Ein endloser, betäubender Disput».- «Ja, war denn ein Junge da?».- «Totenmesse für die Vergangenheit».- Warum «Klim Samgin» kein Bestseller geworden ist.- Und warum es sich doch lohnt, «Klim Samgin» zu lesen

«Das Leben des Klim Samgin» - Gorkis «Abschiedswerk», ein vierbändiges Romanfragment, erschienen 1927-1937, ist – vor allen möglichen spezifischen Bestimmungen - ein großes Buch, eines, das den Leser gleichsam «einsaugt» in seine seltsame, dunkle, ungastliche Welt. Viele Leser, die in der Sowjetunion aufgewachsen sind, haben die erste Begegnung mit diesem offiziell als Muster des sozialistischen Realismus gepriesenen Werk als ein überraschendes Erlebnis beschrieben. Die einen hatten das Gefühl, mit dieser Lebensgeschichte eines bürgerlichen Intellektuellen, verbunden mit 40 Jahren russischer Geschichte, «etwas Verbotenes» zu lesen, andere erfuhren zum ersten Mal von historisch bedeutenden Auseinandersetzungen in der russischen Intelligenzija jenseits des Marxismus oder von der religiösen Tradition der russischen Sekten. Wieder andere waren beeindruckt von der geistigen Freiheit, die im vorrevolutionären Russland herrschte, oder von dem materiellen Reichtum des Lebens in den Metropolen. Die Rede ist hier allerdings nur von Lesern mit gehobenen Ansprüchen. Für den Massenleser, vor allem für den aus der Generation der jungen Sowjetmenschen, war «Das Leben des Klim Samgin» von Anfang ein viel zu kompliziertes und darum langweilliges Buch. Gorki selbst sah den Misserfolg voraus: «Ich weiß, den Alten wird das Buch nicht gefallen, und die Jungen werden es nicht verstehen.»
Im Westen hat das Buch bis heute wenig Aufmerksamkeit gefunden, obwohl es dort ein größeres Leserpotential für diesen modernen Bewusstseinsroman gab. Aber hier hat die Politik, wie so oft im 20. Jahrhundert, das mögliche Interesse im Keim erstickt bzw. in feste parteiliche Bahnen gelenkt. Das Erscheinen des Buchs fiel in die Periode der Rückkehr Gorkis nach Sowjetrussland, und «Klim Samgin» gehörte damit zu den Aktivitäten Gorkis, mit denen er die Sowjetunion und ihren Führer Stalin unterstützte. Die offizielle Interpretation des Romans als eine Kampfschrift gegen die bürgerliche Intelligenz passte in dieses Konzept und wurde auch von Aussagen Gorkis gestützt. Fragen nach der Stimmigkeit dieser Deutung waren in Sowjetrussland praktisch verboten, im Westen hielt man sie für obsolet. Gorki wurde in den dreißiger Jahren immer mehr zu einem Schriftsteller der Kommunisten, sein einstiger Ruhm verblasste. In der DDR wurde er nach dem Krieg zum Klassiker der Besatzungsmacht, in der Bundesrepublik galt er – in Anlehnung an Urteile aus der russischen Emigration – als unbedeutender Künstler, der seinen unverdienten Ruhm der sowjetischen Propaganda verdankte. Diese Auffassung teilte im wesentlichen auch die akademische Literaturwissenschaft, die Gorkis letzten Roman fast gänzlich ignorierte. Ich weiß aus Gesprächen, dass viele Kollegen das Buch nicht gelesen haben.
Die erste – und lange Zeit einzige - Würdigung der Bedeutung des «Klim Samgin» in der westdeutschen Kritik stammt bezeichnenderweise von einem Autor, der in der DDR in Ungnade gefallen war. Jürgen Rühle widmete dem Roman ein Kapitel in seinem 1960 erschienenen Buch «Literatur und Revolution». Bezogen auf Urteile, in denen «Klim Samgin» als langweilig und unbedeutend beschrieben wird, erklärt der Autor: «Ich hingegen halte dieses Buch, das wie ein Granitblock unbewältigt inmitten der Sowjetliteratur liegt, für eines der großen Werke unseres Jahrhunderts, einen Schlüsselroman zum Verständnis des modernen Russland und überhaupt der Menschen unserer Zeit.» In seiner gedankenreichen Analyse, besonders zum Geschichtsverständnis in «Klim Samgin», hat Rühle thematische Kernprobleme des Romans beschrieben, die erst in der postsowjetischen Literaturwissenschaft unserer Tage Gegenstand der Forschung geworden sind.

Ein Werk der sowjetischen Klassik – neu gelesen

In einer Biographie des Schriftstellers aus dem Jahr 1946 urteilt der Gorki-Forscher Il'ja Gruzdev über «Klim Samgin»: «Diese künstlerische Großtat wird erst von kommenden Generationen in vollem Umfang gewürdigt werden.» (Gruzdev 1946, 116) [Literaturverzeichnis in der russischsprachigen Version des Eintrags]. Ein halbes Jahrhundert später kann man feststellen, dass sich diese Voraussage erfüllt hat, wenn auch in ganz anderen Sinndimensionen als denen, die die offizielle Gorki-Kritik für diesen Roman bereit stellte. In den Publikationen der letzten beiden Jahrzehnte hat sich diese kanonische Version bis zur Unkenntlichkeit verändert. Anstelle eines Musterwerks des sozialistischen Realismus, das den gesetzmäßigen Gang der Geschichte bis zum Sieg der Oktoberrevolution nachzeichnet, begegnet uns nun ein moderner, vielschichtiger Bewusstseinsroman, anstelle eines eindeutig «negativen Helden» eine komplexe Figur, die eigentümliche Ähnlichkeiten mit dem Autor Maxim Gorki aufweist.

Wenn also heute die «alte Sicht» auf Gorkis Roman weitgehend Geschichte geworden ist, so lohnt es sich doch, die in der Stalinzeit geltenden Thesen dazu in Erinnerung zu rufen. Nur so wird deutlich,welche Anforderungen die ersten Kritiker und Leser an dieses Werk stellten und wie groß die Schwierigkeiten eines Autors vom Format Gorkis waren, diesen Anforderungen zu entsprechen, ohne sich zugleich als Künstler selbst zu verraten. In welcher Weise das Buch von der zeitgenössischen Kritik dem Leser nahe gebracht werden sollte, zeigt die erwähnte Monographie I. Guzdevs von 1946. Als Beleg für die moralische Verkommenheit des Haupthelden, seinen heuchlerischen und verräterischen Charakter, zitiert Gruzdev aus einem Zeitungsartikel Gorkis (1935), in dem es allerdings nicht um «Klim Samgin», sondern um die Ermordung Kirovs ging: «Der Feind verdient ununterbrochene Aufmerksamkeit, das hat er bewiesen. Man muss lernen, die jesuitische Falschheit des Tons hinter den Worten seiner Lieder und Reden zu erkennen.» Die Besprechung des Romans geht unversehens in den politischen Zeitungsjargon über. Im folgenden dient das Thema der Ermordung Kirovs durch eine «trotzkistisch-sinowjewistische Verschwörung» als Überleitung zur Ermordung des Schriftstellers Gorki durch eben diesen «Abschaum», eine These, die in der Stalinzeit als bewiesene Tatsache galt. Gorkis Mörder hätten gewusst, erklärt der Verfasser, dass es keine anderen Mittel gegeben habe, seine «grenzenlose Ergebenheit an die Sache Lenins und Stalins» zu zerstören.

In unseren Tagen vernimmt man die «jesuitische Falschheit» eher in der offiziellen Version der Rolle Gorkis, wobei diejenigen, die den Künstler Gorki schätzen, mit Bedauern eingestehen müssen, dass er selbst mit seinen publizistischen Auftritten diesen gnadenlosen Jargon des politischen Kampfes mitgeschaffen hat. Was «Klim Samgin» betrifft, so steht dieses Werk nach Thema und Stil außerhalb des politischen Kontextes, es war in der Stalinzeit ein seltsames, «unmögliches» Buch, dessen Veröffentlichung keinem anderen Sowjetschriftsteller erlaubt gewesen wäre. Dabei kann es keinen Zweifel darüber geben, dass Gorki mit diesem Abschiedswerk aufrichtig der Sache der Revolution dienen wollte, indem er es als eine «Totenmesse für die Vergangenheit» konzipierte, genauer als einen Abgesang auf die bürgerliche russische Intelligenzija, die sich der bolschewistischen Revolution verweigert hatte. Aber welche Dimension diese Aufgabe für den Künstler Gorki besaß, konnte oder wollte die zeitgenösssische Kritik nicht wahrnehmen. Gruzdev verwies auf die Vorbilder Samgins, die verräterischen Intellektuellen, die nach der Revolution «zu heimlichen Ideologen der Restauration des Kapitalismus» wurden und unter den Bedingungen des sozialistischen Aufbaus «doppelzüngig» die Revolution verrieten. Über die Tatsache, dass Maxim Gorki selbst einer der schärfsten Kritiker des Oktoberumsturzes war, gibt es nicht einmal eine Andeutung. Solche unliebsamen Episoden konnten in der Stalinzeit problemlos verschwiegen werden, weil Dokumente wie Gorkis Artikelserie «Unzeitgemäße Gedanken» den Lesern nicht bekannt oder nicht zugänglich waren.

Samgin – das Unterbewusste Gorkis

Ja, Gorki liebt diesen Helden nicht, in dem, nach Gruzdev, «das Gefühl des persönlichen Ich bis zur Maßlosigkeit entwickelt ist». Samgin ist wirklich immer wieder als ein «selbstzufriedener Schlaukopf», als die «Verkörperung von Unzuverlässigkeit, Lüge und Heuchelei» gezeigt. Aber die Züge dieses «Revolutionärs auf Zeit» waren dem Autor keineswegs so fremd, wie es von dem legendären «Sturmvogel» der Revolution zu erwarten war. Der Individualismus und die schwankende Einstellung zu sozialen Veränderungen, ein ständiges Thema in Gorkis Werk, waren im gesamten Milieu der russischen Intelligenzija weit verbreitet, einem Milieu, das ihm, dem «Sohn des Volkes», zur geistigen Heimat geworden war und ihn als Persönlichkeit wesentlich geprägt hatte. In einigen herausragenden Beiträgen aus der Gorki-Forschung der letzten 20 Jahre wird die ambivalente Beziehung des Schriftstellers zu diesem Helden und seinem Milieu hervorgehoben. «Im Zentrum steht ein Mensch, der mir fremd ist», hat Gorki erklärt. Aber, so stellt S.I. Sukhikh fest, «er (Samgin) ist ihm verhasst nicht nur als «Fremder» (chuzhoj), sondern auch als «Vertrauter» (svoj), wie der «schwarze Mann» für Jesenin oder der Teufel für Ivan Karamazov». Von dieser Position aus kann man den Roman als die Beichte eines Menschen lesen, der «von unten» in das Milieu der Intellektuellen und Büchermenschen geraten ist und sich mit den guten auch die schlechten geistigen Manieren dieser Kreise angeeignet hat, ohne doch ganz einer der ihren zu werden. «Klim Samgin» ist, der Meinung eines weniger wohlwollenden Kritikers zufolge, «die psychologische Autobiographie eines Vagabunden, eines komplexbeladenen Plebejers» (Paramonov, 1992, 165).
Die Überzeugung, dass der Autor in seinem Helden eine «gewisse verwandtschaftliche Verbindung mit sich selbst» erkennt, teilt auch L.A. Kolobaeva. Sie weist darauf hin, dass sich diese Verwandtschaft nicht nur auf die unsympathischen Züge im Verhalten des «Intelligenzlers» Samgin bezieht, sondern auch auf ernsthafte weltanschauliche Überzeugungen, die Gorki vertrat, etwa die Abneigung gegen das Bauerntum, gegen die Dekadenz und die «kosmistische» Vergötterung der Natur. Man kann hier noch eine ganze Reihe von Ansichten und Erfahrungen hinzufügen, die den Helden mit seinem Autor verbinden. Zu ihnen gehört die ständige Empfindung der «Gewalt der Wirklichkeit» über sein Bewusstsein und sein ganzes Leben. Klagen darüber, er sei «derart zugeschüttet von fremden Worten», dass er sich selbst nicht mehr wahrnehme, wiederholen sich in endlosen Variationen. Alle halten ihn für den «Empfänger ihrer Meinungen», alle sind «Gewalttäter», «angesteckt von dem Streben, andere zu versklaven». In sich selbst findet der Held nichts, das allein ihm gehörte und ihn fähig machte, dem Druck der anderen standzuhalten. Unter der Oberfläche seiner geborgten Ideen fühlt er nur «Leere». (Der ursprüngliche Untertitel lautete – anstelle von «Vierzig Jahre – «Geschichte einer leeren Seele.») Klagen solcher Art finden sich häufig in Gorkis Erzählungen über seine Jugend, über die fruchtlosen Versuche, irgendeine «Hauptidee» in seinem Bewusstsein zu finden, die das Zentrum seiner Persönlichkeit bilden könnte.

Klim Samgin fühlt sich als „Gefangener des Lebens“ (nevol’nik zhizni), und sein Autor, der diese Erfahrung mit ihm teilt, entdeckt in dem Phänomen des nevol’nichestvo, der Unfreiheit und Abhängigkeit von einem fremden Willen, ein wesentliches Merkmal der russischen Intelligenzija. S.I. Sukhikh beschreibt das nevol’nichestvo als die Bereitschaft eines Menschen, sich einer herrschenden Ideenrichtung zu unterwerfen, sogar dann, wenn sie ihm innerlich fremd ist. Infolge dieser „Tyrannei der Ideen“ und der „Übermacht des Denkens gegenüber dem Leben“ werde der einzelne seiner Individualität und seiner Freiheit beraubt. Als er „Klim Samgin“ schuf, so argumentiert Sukhikh, „presste er alle samginschen Züge aus sich heraus“, wie es der russische Mensch nach einem Wort Tschechows mit einem „Sklaventum“ tun müsse. Ähnliche Thesen finden sich auch in den kritischen Analysen der russischen Intelligenzija, die in dem Sammelband „Vekhi“ (Wegzeichen, 1909) enthalten waren. Dass Gorki auf dieses Buch mit heftiger Ablehnung und dem Vorwurf des Verrats reagierte, könnte auch damit zu tun haben, dass manche Feststellung der Autoren von seinen eigenen Erfahrungen bestätigt wurde.

Für das Phänomen des nevol'nichestvo bieten sich auch weiter entfernte, aber bedeutungsreiche Bezugspunkte an, es begegnet in einer ganzen Reihe von «Bewusstseinsromanen», die nach dem Weltkrieg in der westeuropäischen Literatur entstanden sind, darunter Marcel Prousts «A la recherche du temps perdu», Thomas Manns «Zauberberg, Italo Svevos «La coscienza di Zeno» und Robert Musils «Der Mann ohne Eigenschaften». Die Haupthelden fühlen sich alle dem Druck anonymer Mächte der Geschichte ausgesetzt und mühen sich um die Verteidigung ihrer Unabhängigkeit. (Eine Zusammenstellung gemeinsamer Themen in diesen «Romanen des unglücklichen Bewusstseins» mit Bezug auf Gorkis Roman habe ich 1988 vorgelegt.)
Für weitere Phänomene, die in der modernen Literatur weit verbreitet sind, hat Gorki originelle Ausdrucksformen gefunden, etwa in dem Thema des «Ausdenkens» und des «Ausgedachten», das die von Wünschen und Vorurteilen gesteuerte Manipulation der Wirklichkeit beschreibt. Hierzu gehört auch Samgins Bestreben, die Welt «allein mit Worten» zu verändern, - ein deutlicher Hinweis auf das Handwerk des Schriftstellers. Man kann darin auch die selbstironische Beschreibung des Revolutionärs Gorki erkennen.

Die Diskussion um die vieldeutige Figur des Klim Samgin geht weiter. Der Schriftsteller Dmitri Bykov hat sich in seiner Gorki-Biographie (Byl li mal'chik?, 2008) kategorisch gegen die These von der «versteckten Autobiographie» ausgesprochen. Samgin habe, so meint er, «fast nichts mit Gorki gemeinsam». Auch ohne solche Bezüge sei «Klim Samgin» « ein großer Roman, unverzichtbar für jeden, der das russische 20. Jahrhundert verstehen will». Mit der Figur des Samgin habe der Autor «einen universalen und zugleich äußerst schädlichen Typus» dargestellt, den des geschickten Opportunisten. Sein Wirkungskreis erstrecke sich auch auf das nachrevolutionäre Russland: «Samgin wird sich auch in die sowjetische Welt einfügen und sich in ihr phantastisch vermehren.» Mir persönlich gefällt die temperamentvolle Verteidigung des «ungebrochenen» und kämpferischen Gorki, die Bykov in seinem Buch unternimmt. Allerdings scheint mir, dass der Komplex der ambivalenten Beziehungen zwischen Autor und Held ein wesentliches Merkmal des Werkes bildet, das der Leser als eine innere Gespanntheit des Textes wahrnimmt. Eben in dem Versuch einer Selbstreinigung des Autors, die an Selbstvernichtung grenzt, besteht die tragische Bedeutung dieses Abschiedswerks. Ähnliche Akte der gewaltsamen Selbstkorrektur haben viele linke Künstler und Schriftsteller in ganz Europa, vor allem aber in Sowjetrussland, unternommen. Jürgen Rühles Buch «Literatur und Revolution» bietet eine eindringliche Darstellung dieses Themas. Überzeugender als Bykovs Version erscheint mir daher die kompromisslose Formel A. Etkinds (1998): ««Das Leben des Klim Samgin» ist ein trauriges Denkmal der Selbsterniedrigung der russischen Intelligenz, ein klinisches Bild ihrer suizidalen Besonderheiten, die dem Helden und dem Autor gleichermaßen eigen sind.»

Die Figur des Samgin entzieht sich jedoch letztlich allen eindeutigen Bestimmungen, sie stellt eher eine multifunktionale Instanz des Erzählens als eine in sich geschlossene Persönlichkeit dar. Gorki hat Samgin die gesamte Beschreibung und Kommentierung der Welt des Romans anvertraut, eine Aufgabe, die ein Intelligenzler «von mittelmäßiger Begabung»(wie Gorki betont) nicht bewältigen könnte. Samgins Charakter erschöpft sich auch keineswegs in seinem arroganten und lehrerhaften Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen und seinen mehr oder minder müßigen Gedankenspielen. In außerordentlichen Situationen zeigt er eine Fähigkeit, die vom Autor für ihn nicht vorgesehen ist: er kann in einer authentischen Weise unglücklich sein. Das betrifft nicht nur seine Misserfolge in der Liebe, sondern auch die Vergeblichkeit seiner Suche nach dem Kern der eigenen Persönlichkeit und dem Sinn seines Lebens. Samgin erlebt diese «Leere» als ein persönliches Unglück und als einen katastrophalen Weltzustand. In dieser Grundstimmmung artikuliert sich, nach Meinung einer Gorki-Forscherin, «die Empfindung des Menschen des XX. Jahrhunderts, der mit den überpersönlichen Mächten der Geschichte zusammenstößt» (L.D. Dar'jalova, 1998).

Revolutionäre ohne «Führer»

Der Untertitel «Vierzig Jahre» verweist auf die zweite Hauptaufgabe des Werks. Der Roman ist zugleich Lebensbeschreibung des Helden und historische Chronik. Letzere sollte die wichtigsten historischen Ereignisse von den 1880er Jahren bis 1918 erfassen. Unter diesen Ereignissen wählte Gorki einige Massenaktionen aus, die in der kollektiven Erinnerung eine besondere, symbolische Bedeutung hatten (eine Bedeutung, die durch die meisterhafte Beschreibung in «Klim Samgin» und anderen Werken Gorkis verstärkt wurde). Dazu gehören das Massenunglück auf dem Chodynka-Feld in Moskau aus Anlass der Krönung Nikolajs II. (1896), die Allrussische Industrieausstellung in Nizhni Novgorod (im selben Jahr) und zwei Ereignisse der Revolution von 1905 – der «Blutsonntag» am 9. Januar und die Beerdigung des Bolschewiken Baumann. Alle diese Ereignisse verweisen in dieser oder jener Form auf das Herannahen des großen und, sozusagen, endgültigen Umsturzes in der Geschichte Russlands, auf die Oktoberrevolution, die das Ende des Helden und des Romans markiert. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass Gorki dieses Ereignis – entgegen früheren Einstellungen – vorbehaltlos begrüßen und den Gründungsmythos Sowjetrusslands mit seiner ganzen künstlerischen Kraft legitimieren wollte. Unter den Personen des Romans gibt es zahrleiche echte Revolutionäre, die sich von dem Haupthelden durch ihre uneigennützige und ehrliche Ergebenheit gegenüber der Revolution unterscheiden. In ihren Äußerungen und ihrem Verhalten ist das revolutionäre Pathos, das in der Sowjetliteratur oft schon zur Phrase erstarrt war, in einer überzeugenden Form dargestellt . Und doch ist dieses Pathos der Hoffnung und der Zuversicht auf den baldigen Sieg nicht zu der beherrschenden Grundstimmung des Romans geworden, die fähig wäre, den Leser mitzureißen. Einer solchen mobilisierenden Wirkung stehen andere wesentliche Merkmale der dargestellten Welt im Wege. Eins davon ist die besonders für Leser der Stalinzeit befremdende Umstand, dass in diesem revolutionären Milieu ein echter «Führer» zu fehlen scheint. Kutuzov, der erkennbar für diese Rolle vorgesehen ist, hat außer seinem berühmten Namen wenig zu bieten, was ihn als Führer einer Massenbewegung qualifizieren könnte. Bei seiner Charakteristik bemüht sich Gorki zwar deutlich, diesem Charakter des leninschen Typs sympathische Züge zu verleihen, aber ebenso deutlich sind dem Autor seine eigenen Vorbehalte gegenüber solchen «ganzheitlichen» und «vollkommenen» Menschen hinderlich. Wenn Samgin seine Abneigung gegenüber Kutuzov artikuliert, bei dem «alles fest gefügt und alles notwendig war, wie einer Maschine ihre Teile notwendig sind», so führt der Autor seinen Helden nicht nur ironisch vor, er solidarisiert sich auch in gewisser Weise mit ihm. Gorkis zwiespältiges Verhältnis zu Lenin, über das vieles erst später ans Licht kam, ist in der Darstellung Kutuzovs deutlich zu erkennen. Seiner Führerrolle widerspricht auch der Umstand, dass er selten in den Vordergrund der Handlung tritt. Gewöhnlich taucht er nur kurz auf, gibt seine stets fundierten Urteile über die politische Situation ab und verschwindet wieder im Untergrund.
Insgesamt erscheint die Gemeinschaft der Revolutionäre nicht als eine machtvolle Bewegung, auch nicht als die wohlorganisierte Avantgarde einer solchen, sondern eher als ein Kreis von gläubigen und opfermutigen Anhängern einer Idee wie die Revolutionäre im Roman «Die Mutter». Sie stellen damit, so scheint es, eine kleine Minderheit in der Gesellschaft dar. Die Mehrheit der Gesellschaft wird, wenn man von den Romanpersonen ausgeht, von den Lieblingshelden des Gorkischen Werks gebildet, den originellen «russischen Menschen», Sonderlingen, Schwätzern und hintersinnigen «Ordnungsstörern» (ozorniki). Der Roman sei «angefüllt mit zahlreichen Grimassenschneidern», empörte sich ein Kritiker aus dem Lager der proletarischen Schriftsteller (V. Veshnev, 1927), «alle diese Komödianten, physisch verschieden, aber geistig alle gleich, bringen nur ihre Leere und Nichtigkeit zum Vorschein.» Es fehlen in diesem Roman, nach Meinung des Kritikers, die wirklich bedeutenden Tendenzen der dargestellten historischen Periode, insbesondere die «erste mächtige Manifestation des Marxismus» in Russland.

«Ein endloser, betäubender Disput»

Besondere Aufmerksamkeit widmen die Autoren neuerer Beiträge der Darstellung des historischen Prozesses in «Klim Samgin». L.N. Dar'jalova bestimmt den Roman als «ein kompliziertes künstlerisch-philosophisches Ganzes, dessen Aufgabe nicht darin besteht, den historischen Prozess in seinem chronologischen Ablauf von Ereignissen zu rekonstruieren, sondern vermittels vielfacher Spiegelungen ein eigenes Bild der Welt zu modellieren». Als hauptsächliche bewegende Kraft des historischen Stroms erscheint nicht der Wille des Menschen, stellt die Autorin fest. «Keine einzige der handelnden Personen fühlt sich als ein freier Mensch, als Schöpfer der Geschichte», die Geschichte erhält im Roman «die Form und das Wesen einer chaotischen Brownschen Bewegung von Menschen, Strömungen und Parteien». Jede der Personen ist vor allem eine Stimme, ein Standpunkt, eine Meinung, die mit anderen Stimmungen, Meinungen kollidiert. Gemeinsam bilden sie die «Kakophonie der Zeit». Eine ähnliche Charakterisierung der Geschichte in Gorkis Roman findet sich auch in den Rezensionen der «proletarischen» Kritik in den 1920er Jahren. In «Klim Samgin» sei ein «gigantischer, endloser, betäubender Disput» vorgeführt, unter dessen Wrkung Gorki selbst «von Worten versklavt» worden sei (M. Poljakova, 1928). Gorki beschrieb die Welt seines Romans in einem Brief an Stefan Zweig (1925) als «etwas außerordentlich Asiatisches nach der Vielfalt der Schattierungen, durchtränkt von europäischen Ideen, die sich in einer gänzlich russischen Psychologie und Geistesrichtung widerspiegeln».
Jürgen Rühle spricht von einer «neuartigen Metaphysik der Geschichte», die Gorki in seinem Roman entworfen habe.: «Der Mensch trägt seines Schicksals Sterne nicht mehr in der eigenen Brust; er kann sein Leben von sich aus weder gestalten noch begreifen ... Die Schicksalsmächte unserer Zeit: die ökonomischen, administrativen und politischen Apparate..., die Katastrophen unseres Jahrhunderts: die Krisen, Kriege, Revolutionen und Diktaturen werfen den einzelnen in den Strudel einer unbegriffenen und unbegreifbaren Welt.» Für den Revolutionär Gorki und den Publizisten der 30er Jahre war dies natürlich eine unannehmbare, absurde These. Es spricht für die Unbestechlichkeit des Künstlers, dass die Romanwelt dem Leser diese Botschaft vermitteln kann, sofern er bereit ist, sie zu vernehmen.

«Ja, war denn ein Junge da?»

Das wesentliche Baumaterial des historischen Romans besteht also nicht aus Ereignissen, Fakten und Personen als solchen, sondern aus Ideen und Stimmungen, genauer ihrer sprachlichen Modellierung: «Die Lenkung der Sujetbewegung geht zu dem primären Element der Literatur über, dem Wort», stellt L.F. Kiseleva (1993) fest, und sieht hier eine Gemeinsamkeit mit den Romanen Thomas Manns. Die entscheidende Rolle bei der Herstellung von Beziehungen innerhalb des Werkes spielt die Verknüpfung von Motiven und Leitmotiven. Die Technik der Leitmotive gehört zu den bekannten und unbestrittenen Vorzügen des «Klim Samgin». Einige von ihnen sind zu geflügelten Worten geworden, allen voran «Ja, war denn überhaupt ein Junge da?», eine Formel, die die Neigung des Helden zur Selbsttäuschung bezeichnet. Samgin versucht mit dieser Frage, unangenehme Erinnerungen auszulöschen. Sie bezieht sich ursprünglich auf einen ertrunkenen Spielgefährten, an dessen Tod Samgin mitschuldig ist. Später wird das Motiv auf andere Situationen angewendet und fungiert als Signal für eine gestörte Beziehung zur Realität. Bekannt ist auch die empörte Frage «Warum treibt ihr solchen Unfug?», gerichtet an alle möglichen Störer der Ordnung, Revolutionäre eingeschlossen. Zu den Leitmotiven gehören auch bestimmte Definitionen aus der Samginschen Anthropologie. Der Mensch ist «ein System von Phrasen»; in jedem Menschen steckt eine «Fahnenstange», an der er «die Flagge seiner Originalität aufzieht». Der im Roman zahlreich vetretene Typ des lästigen Predigers wird mit einem Wort belegt, das anfangs aus dem Munde eines Bauern stammt – ein «erklärender Herr». Thematische Beziehungen werden auch durch wiederholte Motive der Monotonie hergestellt, z.B. «skuka» (Öde und Langeweile) oder «Staub» (der sich auch auf Worten und Gedanken niederlässt).

«Totenmesse für die Vergangenheit»

L.A. Kolobaeva unterscheidet in «Klim Samgin» die Merkmale zweier verschiedener Genres und entsprechend zweier verschiedener Tonlagen des Erzählens. Das ist einerseits die «heroisch-epische Erzählung» der historischen Chronik, andererseits die «Romantragödie». Im ersten Genre ist das «Pathos der Unausweichlichkeit der Revolution» vorherrschend, der Ton der Hoffnung und des bevorstehenden Sieges, im zweiten der düstere Ton des Untergangs der alten Welt, der herannahenden Katastrophe. «Der Roman ist übersättigt mit Bildern des Todes», stellt die Verfasserin fest, «mit Morden, Selbstmorden, dem Untergang der wichtigsten Personen des Romans. Auf mehr oder weniger schreckliche Weise sterben der Aristokrat Turoboev, der an Dostoevskijs Fedor Karamazov erinnnernde Ljutov, Samgins Frau Varvara, die Führerin der Sekte der «Geistigen» Marina Zotova und, zuletzt, der Held selbst, der in den Wirren der Oktoberevolution den Tod findet. Zu den Todesmotiven gehört auch die biblische Isaakslegende, Abrahams Opferung des eigenen Sohns. Die Rolle des Opfers wird im Roman, dem Selbstverständnis der Narodniki entsprechend, der Intelligenzija zugeschrieben. Sie wird der Revolution zum Opfer gebracht. Samgin bezieht den Mythos auf seine eigene Person und sieht sich als Opfer aller möglichen Verfolger, die es auf seine Unabhängigkeit abgesehen haben.
Zusätzlich kann man hier auf das vielfache Erscheinen von Begräbniszeremonien, von Fällen körperlicher und seelischer Krankheiten, von Szenen der Gewalt und des Terrors verweisen. Im ganzen entsteht der Eindruck, dass die dunklen Motive des Untergangs gegenüber den hellen der «heroisch-epischen Erzählung» das Übergewicht erhalten. In einem Brief an I. Gruzdev (1927) bemerkt Gorki anlässlich der Romanserie «Verwandlung» (Preobrazhenie) von S. Sergeev-Censkij, dass die Schriftsteller der 1890er Jahre eine «Totenmesse für die Vergangenheit» zelebrieren. «Ich bin auch dabei, obwohl ich älter bin als sie», fügt der Schriftsteller hinzu. «Auch ich zelebriere meine Liturgie, wie Sie an dem Buch «Vierzig Jahre» erkennen werden. Überhaupt sind wir im Umgang mit dem Leben keine Meister, aber beerdigen – das können wir.»

Wenn man dem Roman eine vorherrschende Gestimmtheit in der Gesellschaft entnehmen kann, so ist es gewiss nicht der revolutionäre Enthusiasmus. Weit stärker ausgeprägt ist eine Stimmung der Gereiztheit, die oft in eine hysterische Aggressivität aller gegen alle übergeht. «Razdrazhenie» – Gereiztheit, Erregung, Wut – gehört zu den Schlüsselwörtern des Romans. Besonders anschaulich vermittelt wird diese Stimmung (wie schon bei Dostojewski) in Restaurant- und Salonszenen. In abgerissenen Redefragmenten ertönt die «Kakophonie der Zeit», jeder versucht den anderen zu überschreien, niemand hört zu. Solche Szenen unterstreichen die Klagen des Helden über die Sinnlosigkeit des Lebens und erzeugen das Bild einer schrecklichen Welt, der nichts anderes bevorsteht als der Untergang.

In diesem Abschlusswerk, der weltanschaulichen Bilanz des Schriftstellers, tritt vielleicht deutlicher als in früheren Werken die religiöse Basis des Gorkischen Denkens zutage, insbesondere die Verwandtschaft dieses Denkens mit dem der Gnostiker, auf die M. Agurskij (1988) zuerst aufmerksam gemacht hat. Die Rede ist von einer dualistischen Konzeption der Welt, die davon ausgeht, dass die Natur und die Materie Träger des Bösen sind und nicht nur einer radikalen Umgestaltung, sondern der Vernichtung zugeführt werden müssen, und zwar auf dem Wege ihrer allmählichen Verwandlung in reinen Geist, den Gorki mit «Energie» gleichsetzte. Der Versuch einer solcher «Vergeistigung» des Lebens geht im dritten Teil des Romans in Gestalt der Liebesbeziehung zwischen Samgin und der Sektenführerin Marina vor sich. Das Experiment endet mit einem Fiasko, der «unheilbare Kopfmensch» Samgin erweist sich als unfähig, dem Ruf Marinas und der «Geistigen» zu folgen. Marinas Tod markiert einen ersten Schluss des Romans, nicht weniger bedeutungsschwer als die Oktoberrevolution.

Warum «Klim Samgin» kein Bestseller geworden ist

Der Komplex der Motive des Todes, des Chaos und des Untergangs ist geeignet, bei einem unvorbereiteten Leser eine abstoßende Reaktion hervorzurufen. «Klim Samgin» ist oft als ein «kaltes», «grausames» und in diesem Sinne «monotones», «langweiliges» Werk beschrieben worden. Unwillen und Irritation hat auch das ungeklärte Verhältnis des Autors zu seinem Helden ausgelöst. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Werk damit, wie L.A. Kolobaeva feststellt, «seiner künstlerischen organischen Ganzheit» beraubt wird. Aber das künstlerische Projekt Gorkis war von Anfang an nicht auf «organische Ganzheit» gerichtet, in ihm dominieren die Kräfte der Zerstörung, letztlich die «suizidalen Tendenzen der russischen Intelligenzija» (Etkind). Es kann nicht überraschen, dass ein Werk mit einem solchen Radikalismus der Verneinung nicht zum «Lieblingsbuch» einer großen Lesergemeinde werden konnte.
Das wird offensichtlich, wenn man «Klim Samgin» mit denjenigen Werken des XX. Jahrhunderts vergleicht, die diesen Status erlangt haben, und die in gewisser Weise polemische Antworten auf Gorkis Buch waren, in erster Linie «Der Meister und Margarita» Michail Bulgakovs und «Doktor Zhivago» Boris Pasternaks. Die problematische Persönlichkeit, die Gorki in der Person Klim Samgins polemisch zu vernichten versucht hatte, erlebte in den Hauptfiguren der genannten Werke eine grandiose Auferstehung. Und zusammen mit dem Helden wurden auch diejenigen Werte wieder in ihre Rechte eingesetzt, die in «Klim Samgin» sämtlich in Frage gestellt worden waren: Liebe, Kunst, Natur, Gott. Der unerschütterliche Glaube der Protagonisten Bulgakovs und Pasternaks an diese Werte verleiht ihnen die Kraft, ihre Persönlichkeit gegen die grausame Welt des Kommunismus zu behaupten. Ohne aktiven Widerstand, aber von der Position innerer Unabhängigkeit beobachten sie die absurden Versuche der Revolutionäre, «die Welt zu verändern». Und obwohl die Gestalten des Meisters und des Jurij Zhivago weit entfernt sind von der Vollkommenheit der Helden des sozialistischen Realismus, bieten sie doch dem Leser – und nicht nur dem Massenleser – ideale Bedingungen für Anteilnahme und Identifikation. Gegen sie als geniale Künstler und tragische Opfer des totalitären Staates kann Gorkis unattraktiver Held in der Lesergunst nicht bestehen.

Und warum es sich doch lohnt, «Klim Samgin» zu lesen

Die wissenschaftliche und literarkritische Diskussion über «Klim Samgin» der letzten Jahre hat gezeigt, dass dieses Buch, trotz aller Hindernisse, die seiner Anerkennung im Wege stehen, zu den großen Romanen des XX. Jahrhunderts gehört. In Russland ist es in einer neuen Gestalt wiederentdeckt worden und fügt sich mit seinen zentralen Ideen überraschend aktuell in die Debatten einer postkommunistischen Gesellschaft ein. In der Gestalt des Klim Samgin manifestiert sich das Problem der Freiheit der Persönlichkeit und ihrer Bedrohung durch das «nevol'nichestvo», die Macht der Ideologien und Apparate. Die Darstellung des geschichtlichen Prozesses erscheint unvereinbar mit der Idee einer revolutionären Umgestaltung der Wirklichkeit. Gorkis Idee eines «geistigen Bolschewismus» lenkt die Aufmerksamkeit auf vergessene außerkirchliche Traditionen im Kontrast zu einer wieder in ihre Rechte eingesetzten Staatskirche. Auch unter sozialgeschichtlichen Gesichtspunkten ist «Klim Samgin» ein keineswegs veraltetes Werk. Man findet dort (in der Gestalt des Varavka) das Bild des talentierten russischen Unternehmers ebenso wie (in der Gestalt Berdnikovs) das des Großkapitalisten in der Anfangsphase der Globalisierung. In der Umgebung des letzteren wird der Held mit dem dämonischen Reiz des Goldes bekannt. In den Bildern des Lebens der Reichen und Schönen in Paris um 1910 scheint die russische Kultur des «Glamour» unserer Tage vorweggenommen.

Aber «Klim Samgin» ist nicht nur ein Buch für Leser, die sich für philosophische Ideen und Sozialgeschichte interessieren. Es kann ebenso einen Leser faszinieren, der in der Literatur in erster Linie «interessante Menschen» und «interessante Geschichten» sucht. «Klim Samgin» bietet eine eindrucksvolle Galerie origineller «russischer Menschen», mit besonderer Akzentuierung der weiblichen Charaktere. Parallel zu den historischen Ereignissen verläuft die Linie der Liebesbeziehungen des Helden zu Frauen, die nach sozialem Profil und Charakter sehr verschieden sind. Sie sind in der Regel ehrlicher, stärker und überhaupt «interessanter» als Samgin, und jede von ihnen unterzieht den Helden einer Prüfung auf seine Tauglichkeit als Mann und als Charakter. Alle diese Examina enden mit einer Niederlage Samgins, der stets der gleiche «umnik» (Schlaukopf, Kopfmensch) bleibt. Auf diese Weise illustriert Gorki seinen eigentümlichen Feminismus, d.h. seine Überzeugung, dass das «Zeitalter des Mannes» an sein Ende gekommen ist und uns ein neues «Matriarchat» erwartet. Den Vorlieben des „Normallesers“ kommen auch die Motive des Familienromans entgegen. Die Beziehungen Samgins zum Bruder und zum Vater, zur Mutter und ihrem Liebhaber bieten Erklärungen für die Entstehung und Entwicklung seiner Persönlichkeit.

Schließlich scheint es mir – auf Grund eigener Leseerfahrung – nicht uninteressant, einfach den endlosen inneren Monologen des Helden zu folgen, die oft als Beleg für die Monotonie und Langeweile in diesem Buch angeführt worden sind. Man findet hier nicht nur treffende Beobachtungen des Alltagslebens und nachdenkenswerte Einsichten in die Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft, sondern auch eine ganze Theorie der Denktätigkeit des Menschen. Gedanken nehmen in Samgins Leben eine dominierende Stellung ein, er lebt „in Gedanken“, die er fortwährend produziert und nach Arten sortiert: es gibt „zufällige“, „klein(lich)e“, „schweifende“, „echte“, „verführerische“, „zuverlässige“ und andere Gedanken. Das Nachdenken über Gedanken, besonders über solche aus der Literatur, ist für den Helden eine liebe und unentbehrliche Gewohnheit wie das Rauchen. Auch diese „Technik des Denkens“ gehört, wie viele andere Themen des Romans, nicht ausschließlich dem Milieu der russischen Intelligenzija, man kann sie den Entdeckungen universalen Charakters zurechnen, die in diesem Buch zu finden sind.

Literaturverzeichnis s. am Schluss der Version in russischer Sprache

Kategorie: "Das Leben des Klim Samgin"

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