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"Antisowjetschik" - das klingt stolz!

Freitag, 06. November 2009, 01:20:43 | Armin Knigge

Schaschlik-Restaurant "Antisovetskaja"

(Die Version in russischer Sprache finden Sie hier.)

«Unsere im Schlaf befindliche Gesellschaft hat das alles noch nicht begriffen. Sie ist weder dazu fähig, die Bedeutung des antikommunistischen Widerstands zu würdigen, noch dazu, das Andenken der im Kampf mit der Sowjetmacht Gefallenen zu ehren. Unsere Gesellschaft befindet sich immer noch unter der Hypnose der sowjetischen Propaganda, bestenfalls schaut sie gleichgültig auf die eigene Vergangenheit, ohne ihre Bedeutung für die eigene Zukunft zu verstehen.»

Das sind Worte aus dem «skandalösen» Artikel von Aleksandr Podrabinek «Als Antisowjetschik an die Antisowjetschiki» (ezhednevnyj zhurnal, 21. September 2009) – und ich sehe in ihnen eigentlich nichts Skandalöses. Im Unterschied zu vielen polemischen und absichtlich scharfen Äußerungen des Verfassers in diesem Text beschreiben sie hinreichend sachlich die aktuelle Situation der Gesellschaft in Russland. Der «Krieg der Worte», den Podrabinek ausgelöst hat, ist eben deshalb bedeutsam, weil er eine gewisse Hilflosigkeit der Gesellschaft im Umgang mit der eigenen Vergangenheit und den aus ihr geerbten Problemen offenbart. Die Bewohner des Landes sind in ihrer Mehrheit nicht bereit oder fähig anzuerkennen, dass sie nicht in einem «einigen Russland», sondern in einer tief gespaltenen und in großen Teilen durch die sowjetische Vergangenheit traumatisierten Gesellschaft leben. Aufforderungen zu einem ernsten Gespräch über dieses Thema – und als eine solche betrachte ich Podrabineks Artikel trotz aller Überspitzung – werden von dieser Mehrheit ignoriert. Man überlässt die Reaktion solchen Gruppen und Organisationen, die im Namen der Mehrheit wütende Protestaktionen am Rand der Gewalt inszenieren, wie es in diesem Fall von der Jugendorganisation «Nashi» (Die Unsrigen) geschehen ist.

Über den Anlass, den Streit um ein Restaurant namens «Antisovetskaja», das nicht mehr so heißen darf, informiert der Kasten weiter unten. Der Fall wurde erst mit Podrabineks Artikel zu einem symbolischen Zusammenstoß zweier Lager in der Gesellschaft, musterhaft vertreten durch den Vorsitzenden der Organisation der Veteranen und einstigen Kandidaten für das Politbüro der KPDSU, Vladimir Dolgikh, auf der einen, und den Dissidenten und einstigen Lagerhäftling Aleksandr Podrabinek auf der anderen Seite. Und wie so oft in der russischen Kultur ist diese Auseinandersetzung ein Kampf um Worte und hat insofern einen «literarischen» Charakter.

Das Schaschlik-Restaurant «Antisovetskaja»
Gegenüber dem historischen Nobelrestaurant «Sovetskaja» auf dem Leningrader Prospekt in Moskau gibt es seit über dreißig Jahren eine «shashlychnaja», die im Volksmund immer «Antisovetskaja» hieß, einfach weil sie dem «Sovetskaja» gegenüber liegt. Der neue Besitzer beschloss, diesen Namen nun auch öffentlich zu machen und brachte ein Schild an. Darauf reagierte der Vorsitzende des Moskauer Komitees der Veteranen des Vaterländischen Krieges, Vladimir Dolgikh, mit einem Brief an den Präfekten des Stadtbezirks Oleg Mitvol', in dem er erklärte, das Schild beleidige die Würde der Veteranen und müsse entfernt werden. Mitvol' veranlasste entsprechende Maßnahmen, und der Besitzer nahm das Schild ab.
Auf diesen Vorgang reagierte Podrabinek mit seinem Artikel, der seinerseits eine Welle des Protests hervorrief. Vertreter der regierungsnahen Organisation «Nashi» (Die Unsrigen) führten über mehrere Wochen sogenannte «pikety» (Wachen ) vor dem Haus des Publizisten durch, um ihn zu einer öffentlichen Entschuldigung vor den Veteranen zu zwingen. Unterstützung für «Nashi» signalisierten die KPRF und Teile der Partei «Edinaja Rossija». Als Verteidiger Podrabineks traten Ella Pamfilova, die Vorsitzende des beim Präsidenten eingerichteten Rats für die Entwicklung der Einrichtungen der Bürgergesellschaft und der Menschenrechte auf, weitere Unterstützung kam von Menschenrechtsorganisationen.



Ich bin ein «Antisowjetschik» – und ich bin stolz darauf!

Podrabinek nimmt sich den sowjetisch geprägten Begriff «antisowjetisch» vor und entreißt ihn gewissermaßen seinen Opponenten, den Unterzeichnern des Protestbriefs, indem er seine Bewertung in das Gegenteil verkehrt. Aus einer Bezeichnung, die Gegner der Sowjetmacht als «Feinde» und verachtungswürdige Kreaturen diskreditieren soll, wird eine Ehrenbezeichnung für Widerstandskämpfer. Ja, ich bin ein Antisowjetschik, erklärt Podrabinek sinngemäß, und ich bin stolz darauf! Einer solchen Demontage der eingeführten Bedeutung unterzieht der Autor auch die Begriffe «Veteranen» und «Sowjetunion». Er bestreitet seinen Opponenten das Recht auf die Ehrenbezeichnung Veteranen im Sinne von «Verteidiger des Vaterlandes, Russlands»: «Eure Heimat ist nicht Russland. Eure Heimat ist die Sowjetunion. Ihr seid sowjetische Veteranen, und Euer Land gibt es, Gott sei Dank, seit 18 Jahren nicht mehr.» Die Sowjetunion sei zudem «ganz und gar nicht das Land, das Ihr in den Schulbüchern und in Eurer verlogenen Presse dargestellt habt». Sie war nicht nur das Land der Helden der Arbeit und der Kosmonauten – sie war auch der Schauplatz der Kollektivierung und des «Golodomor», der Vernichtung durch Hunger, das Land tausender unschuldig erschossener und Millionen in den Lagern gequälter Menschen. «Die sowjetische Vergangenheit ist blutig, verlogen und schändlich.»

Vielen ehemaligen Sowjetbürgern erscheinen solche Äußerungen unannehmbar oder sogar skandalös. Aber hier spricht ein Mensch, der in den 1970er Jahren wegen «Verleumdung der sowjetischen Gesellschaftsordnung» verurteilt wurde, weil er sich mit Nachforschungen zum Missbrauch der Psychiatrie für politische Zwecke beschäftigt hatte. Er verbrachte acht Jahre in Lagerhaft und Verbannung. Es ist nicht schwer zu verstehen, dass die von den Veteranen deklarierte Kränkung bei einem Menschen mit einer solchen Biographie gleichfalls starke Emotionen auslöst. Er spricht in seinem Artikel im Namen seiner Freunde, der politischen Gefangenen, die in namenlosen Gräbern verscharrt liegen und nach denen keine Straßen und Plätze benannt werden. Die Empfindung einer tiefen Ungerechtigkeit dieser Situation versetzt Podrabinek in einen Zustand der Erbitterung und veranlasst ihn zu maßlosen und zum Teil unsinnigen Vorwürfen an die Adresse seiner Opponenten: «Ihr habt Euch wahrscheinlich deshalb so über die «antisowjetische» Bezeichnung empört, weil Ihr selbst Aufseher in den Lagern und Gefängnissen, Henker in den Erschießungskommandos wart». Hier hat Podrabinek zweifellos den Bogen überspannt. Dagegen ist seine Bezeichnung «Veteran des Totalitarismus» für Vladimir Dolgikh nicht unbegründet. Der Vorsitzende des Veteranenkomitees war einst Kandidat für das Politbüro, d.h. er war und bleibt im Gedächtnis der Zeitgenossen ein hochgestellter Vertreter der Staatsmacht, die – nicht nur in den Augen der «Antisowjetschiki» – die Verantwortung für die an der Bevölkerung im Namen des Staates und der Partei begangenen Verbrechen trägt.

Die Sowjetunion war in ihrer Selbstpräsentation ein Land der «Helden». Auch dieses Wort nimmt Podrabinek seinen Opponenten aus der Hand. Wer ist im Gedenken an die sowjetische Periode würdig, ein Held genannt zu werden? Das sind nach seiner Auffassung nicht nur Dissidenten im Inneren des Landes, sondern auch diejenigen, die «in den Wäldern Litauens und der Westukraine, in den Bergen Tschetscheniens und in den Sandwüsten Mittelasiens gegen die Kommunisten gekämpft haben». Eine solche Ausweitung des Kreises der «Antisowjetschiki» forderte natürlich in besonderen Maße Protestreaktionen heraus. Doch auch diese zugespitzte Formulierung kann als Aufforderung zu einer fälligen öffentlichen Debatte verstanden werden. Wie gehen wir, die ehemaligen Sowjetbürger, in unserem Gedächtnis mit jenen Feinden der Sowjetmacht um, die nicht weniger patriotisch waren als wir es heute sind, und die für die Unabhängigkeit ihrer Heimat gekämpft haben?

Als Anstoß zu einer interessanten Diskussion könnte auch eine Bemerkung Podrabineks zu der Rolle der sowjetischen Symbole im Leben des heutigen Russland dienen. Nicht nur die Verteidiger der Sowjetunion, sondern ganz «normale» Bürger, erklärt der Autor, «leben gehorsam und ohne Anstoß zu nehmen in einer Welt sowjetischer Symbole.» Sie lesen die «Komsomol'skaja pravda», arbeiten im «Moskovskij komsomolec», spielen im Theater des «Leninskij komsomol» und denken gar nicht an die Möglichkeit einer Umbenennung. In den Reaktionen der Unterstützer Podrabineks wurde außerdem auf erheblich schwerer wiegende Relikte der Sowjetzeit hingewiesen, insbesondere auf den wiedererstandenen Stalin-Kult. Wie sollen sich die Opfer des stalinistischen Terrors und ihre Angehörigen zu solchen Erscheinungen verhalten? Haben nicht auch sie triftige Gründe, sich in ihrer Würde verletzt zu fühlen?

Die «Unsrigen» gegen Podrabinek

Die öffentliche Resonanz auf Podrabineks Artikel wurde von Anfang an von der Organisation «Nashi» dominiert. In einer Presseverlautbarung im Rahmen ihrer Demonstrationen vor dem Haus des Verfassers erklärten die «Nashi», sie wollten «den Sieg in Erinnerung rufen, den Russland um den Preis des Lebens von Millionen Helden errungen hat, Helden, die von den «Podrabineks», die diesem Sieg ihr Leben verdanken, als Speichellecker, Flegel und Henkersknechte bezeichnet werden». Das Betragen der Aktivisten war offensichtlich darauf gerichtet, Podrabinek zu demütigen und in Angst zu versetzen. Gegen diese Aktionen protestierte Ella Pamfilova, die Vorsitzende des für den Präsidenten arbeitenden Rates für die Förderung der Einrichtungen der Zivilgesellschaft und der Menschenrechte. Sie forderte im Namen des Rates die Einstellung der «Verfolgung» des Publizisten und warf den «Unsrigen» «Rechtsnihilismus, Extremismus und Abenteurertum» vor. Aber selbst die Nähe zum Präsidialamt verlieh Pamfilova offenbar nicht die genügende Autorität, um die Angelegenheit zu beenden. Stattdessen geriet sie nun selbst in das Schussfeld der «Unsrigen», die ihr Unterstützung der «flegelhaften» Ausfälle Podrabineks vorwarfen und ihre Entlassung forderten. Zudem distanzierten sich einige Mitglieder des Rates öffentlich von der Erklärung der Vorsitzenden. Auch die Unterstützung der «Unsrigen» durch Teile der Führung der Regierungspartei «Edinaja Rossija» beschädigte die Autorität der Menschenrechtler.

Putin: «Mir gefällt das alles nicht»

Man konnte nach Lage der Dinge erwarten, dass die Regierung der Russischen Föderation – als Rechtsnachfolger der Sowjetmacht – diese Sache zugunsten der beleidigten Veteranen und ihrer Verteidiger durch ein Machtwort entscheiden würde. Aber so einfach stehen die Dinge in Russland eben doch nicht. Der Präsident und der Premier erklärten ihre Absicht, die Angelegenheit nicht ohne die Mitwirkung der Zivilgesellschaft zu entscheiden. Die Pressesprecherin des Präsidenten Natalja Timakova sagte auf einer Pressekonferenz (laut Bericht der «Rossijskaja gazeta» vom 8. Oktober), man halte den Streit um Podrabinek für eine «normale Diskussion», das gelte auch für die Rufe nach einer Entlassung von Ella Pamfilova. «Die Zivilgesellschaft kann und muss ihre Ansichten zu aktuellen Fragen äußern, aber die endgültige Entscheidung bleibt beim Präsidenten.» Vladimir Putin sagte dem Journalisten Aleksandr Archangel'skij (nach einem Bericht der Internetzeitung Gazeta.ru vom 23. Oktober), ihm sei von den Aktionen der «Unsrigen» nichts bekannt gewesen, und diese ganze Geschichte erscheine ihm als Beweis für das niedrige Niveau der politischen Kultur im Land: «Der eine schreibt einen flegelhaften Artikel über die Veteranen – und andere belagern ihn vor der Haustür.» «Mir gefällt das alles nicht», erklärte der Premier.

Es ist schwer vorauszusagen, ob die «Unsrigen» die Aufrufe der Regierung zur politischen Kultur beachten werden. In einer Deklaration vom 22. Oktober haben sie ihre Absicht erklärt, die Wachen vor Podrabineks Haus künftig in jedem Jahr so lange zu wiederholen, bis die geforderte Entschuldigung des Verfassers ergangen ist. Die Streit, der sich am Namen eines Restaurants entzündet hat, geht also weiter. Bislang hat sich die eingangs zitierte Diagnose Podrabineks im wesentlichen bestätigt: die Gesellschaft ist nicht in der Lage oder nicht willens, eine ernsthafte Debatte ohne hysterisches Geschrei, Drohungen und Verbotsforderungen zu führen. Dennoch gab es in dieser überhitzten Diskussion einige Beiträge, die sich für eine ruhige Erörterung dieser Fragen einsetzten.

Eine Stimme aus der «antisowjetischen Kultur»

Besondere Beachtung verdient m.E. der Beitrag von Viktor Militarev unter dem Titel «Einem alten Häftling geht es nicht von der Hand, einem Politbüro-Kandidaten politische Korrektheit zu erweisen» (lentacom.ru, 7. Oktober). Die Formulierung benennt den Kern des Problems, den symbolischen Zusammenstoß zweier «Sowjetmenschen», eines Opfers der Repressionen des Staates auf der einen und eines Vertreters eben dieses Staates auf der anderen Seite. In den empörten Reaktionen auf den Artikel wird dieser Gesichtspunkt in der Regel mit Schweigen übergangen, die Verfasser interressieren sich nur für den angeblichen «Zynismus» Podrabineks und die gekränkte Seele der Veteranen. Militarev solidarisiert sich keineswegs mit allen Aussagen des Journalisten und noch weniger mit seinen polemischen Ausfällen, er macht nur einfach darauf aufmerksam, dass auch Podrabinek gute Gründe hatte, sich zu empören, und zwar auch aus einem scheinbar so banalen Anlass wie der Aufschrift «Antisovetskaja», diesmal wegen der Entfernung dieser Aufschrift. Mehr noch, Militarev bekennt sich dazu, dass er in diesem Punkt Podrabineks Gefühle ohne Einschränkung teilt: «Für mich persönlich als einen Menschen, der der antisowjetischen Kultur angehört, erscheint ein solches Verbot äußerst kränkend.» Interessant ist hier der Gedanke einer «antisowjetischen Kultur», von deren Existenz den Opponenten Podrabineks nichts bekannt ist. Noch interessanter und überraschender ist der Umstand, dass hier nicht ein eingefleischter Liberaler spricht, sondern der Vizepräsident des Instituts der nationalen Strategie, ein konservativer Politiker mit guten Beziehungen zur Regierung und zur Orthodoxen Kirche. Über seine negative Beziehung zur Sowjetmacht kann es aber keinen Zweifel geben. «Herr Dolgih» und seine Genossen sind für ihn «feindliche Personen», «Internet-Stalinisten», und Podrabineks Reaktion auf ihren Protest von daher voll verständlich. Aber bei aller Entschiedenheit in diesem Punkt verfügt Militarev auch über eine Eigenschaft, die im heutigen Russland selten ist: die Fähigkeit zu einem nüchtern abwägenden Blick auf die Dinge. Ja, Podrabinek ist infolge seiner schweren Biographie «ein psychisch instabiler Mensch», sein Text erscheint Militarev «hysterisch», die versuchte Rehabilitation von «offenkundigen Menschenfressern in der Art der Banderov-Partisanen und der tschetschenischen Banditen» indiskutabel, aber nichtsdestoweniger ist Podrabinek «ein absolut anständiger Mensch», und die Leute, die sich da auf ihn stürzen, «müssen verstehen, dass er für einen Träger der antisowjetischen Kultur kein geringerer Held ist, als es für uns alle die Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges sind».

Zentraler Gedanke in Militarevs Artikel ist die Aufforderung an alle beteiligten Fraktionen, von dem Versuch abzulassen, die öffentliche Meinung zu dominieren, «Herren des Diskurses» zu werden.Eben einen solchen Versuch sieht der Verfasser in den aktuellen Ausfällen der «Stalinisten». Zugleich glaubt er darin und in der verbreiteteen «Nostalgie» in Bezug auf die Sowjetunion eine Reaktion auf eine ähnliche Unterdrückung Andersdenkender zu erkennen, die in den 1990er Jahren von den Liberalen ausgegangen sei. Sie hätten damals ihre antisowjetische Position durchgesetzt und abweichende Meinungen praktisch aus der Diskussion ausgeschlossen. Die letztere Ansicht – Schuld sind die Liberalen! – gehört nicht zu den stärksten Argumenten des Verfassers, aber mit seiner Zurückweisung jeder gewaltsamen Unifizierung des gesellschaftlichen Diskurses hat er zweifellos recht.

«Veteranen gibt es verschiedene»

Gegen die Hegemonie einzelner Gruppen über die öffentliche Meinung sprachen sich auch die Vertreter verschiedener Menschenrechtsorganisationen aus, die am 22. September auf Politonline.ru auftraten. Einer von ihnen, Nikolaj Svanidze, Mitglied des Bürgerparlaments Obszchestevennaja palata (einer seit 2005 bestehenden regierungsnahen Organisation, die die Interessen der NGOs gegenüber den Staatsorganen vertritt) bekennt sich zu seiner zwiespältigen Einstellung zu den Äußerungen Podrabineks: «Ich bin mit ihm einig in der Auffassung, dass Veteranen mit Generalsrängen und stalinistischen Überzeugungen die Erinnerung an den Krieg und die Verehrung der Veteranen monopolisiert haben. Indessen, Veteranen gibt es verschiedene. Mein Vater ist ein Veteran, und er ist keineswegs ein Gegner des Restaurants «Antisovetskaja» und er hat Stalin gehasst (und hasst ihn heute noch).» Podrabinek sei im Unrecht, wenn er ausnahmslos alle Veteranen als «Wachhunde und Lageraufseher» abstempele. Zu einem gemäßigten Umgang mit dem heiklen Thema mahnen auch andere Teilnehmer der Diskussion. Wichtig sei es, die «Biographien» der Menschen in Betracht zu ziehen. Alla Gerber, Vorsitzende des Fonds «Holocaust», verweist auf die Mehrdeutigkeit des Begriffs «Heimat» im Bewusstsein von Mitgliedern ihrer eigenen Familie, die am Krieg teilgenommen haben: «Als sie an die Front gingen, gingen sie, um ihre Heimat zu verteidigen. Für die einen war das die Sowjetunion, für andere Russland, für die dritten war es die Erde, auf der sie geboren waren und auf der sich die Gräber ihrer Vorfahren befanden». Darüber müsse man ernsthaft nachdenken, erklärt die Verfasserin: «Hier müssen wir sehr vorsichtig sein und, soweit wir es vermögen, ruhig bleiben.»

Die Debatte um den Namen einer gastronomischen Einrichtung hat ein vielschichtiges Bild über den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft in Russland hervorgebracht. Bemerkenswert sind vor allem die öffentlichen Bekenntnisse von Bürgern zu einer «antisowjetischen Kultur», die es so bisher nicht gegeben hat. Hier scheint sich wirklich die oft nur halbherzig herbeigewünschte Zivilgesellschaft zu formieren. Dazu gehört die Anerkennung unterschiedlicher Erfahrungen von Menschen mit der sowjetischen Vergangenheit. Die Vorbehalte und Ängste gegenüber einer öffentlichen Erörterung dieser Fragen sind menschlich verständlich. Viele andere Länder durchlaufen diesen schwierigen Prozess einer Aufarbeitung des öffentlichen Gedenkens, vor allem nach vorangegangenen Diktaturen. In Deutschland bietet der Fall der Mauer vor zwanzig Jahren Anlass für hitzige Diskussionen über das Verhältnis der Deutschen zueinander. Auch hier gilt der Satz: Veteranen gibt es verschiedene.

Quellenangaben s. in der russischsprachigen Version

Kategorie: Russland und die Russen

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