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Herz und Kopf in der russischen Kultur - „Der Nachtwächter“ (Storozh) -

Sonntag, 18. Juni 2006, 12:44:26 | Armin Knigge

Um mich herum tauchten Menschen auf, für die alles, womit ich lebte, fremd war. Jeder von ihnen warf sein Abbild in meine Seele, und in dem ununterbrochenen Wechsel dieser Abbilder fühlte ich mich zu der Qual verdammt, das Unverständliche zu verstehen.

Da bewegt sich vor meinen Augen in wildem Tanz Afrikan Petrovskij, der Bahnhofsvorsteher, ein breitbrüstiger und langarmiger Recke. Er hat dunkle Augen, die vorstehen wie bei einem Krebs, einen gewaltigen schwarzen Bart, ist ganz mit Wolle bewachsen wie ein Tier, spricht aber mit einer fremden Stimme, im Tenor, und wenn er wütend wird, dann pfeift er durch die Nase und bläst seine kalmückischen Nüstern auf. Er ist ein Dieb, er zwingt seine Wiegemeister die Waggons mit Ladung aus den Häfen am Kaspischen Meer aufzubrechen, die Wiegemeister bringen ihm Seide und Süßwaren, er verkauft das Diebesgut und veranstaltet nachts in seiner Wohnung Orgien, „Mönchsleben“ genannt. Er ist grausam, schlägt die Bahnhofswächter ins Gesicht, man sagt, er habe seine Frau zu Tode geprügelt.

Außerhalb des Dienstes putzt er sich mit einem purupurroten Seidenhemd, samtenen Pluderhosen und tatarischen Stiefeln aus grünem Saffianleder heraus, trägt eine violette, goldbestickte Tjubetejka auf dem schwarzen Schopf seiner krausen Haare. In diesem Aufzug sieht er aus wie ein Kneipensänger in einem „Bojarenkostüm“.

Zu ihm kommt der Gehilfe des Kreisrichters Maslov, kahlköpfig, rund, glattrasiert wie ein polnischer Priester, mit der Nase eines Raubvogels und den kleinen Fuchsaugen einer lasterhaften Frau. Das ist ein sehr böser, hinterhältiger, verlogener Mensch, in der Stadt nannten sie ihn „die Actrice“. Es erscheint der Seifenfabrikant Tichon Stepachin, ein rothaariger stattlicher Mann, schwer wie ein Ochse, in einer schläfrigen Verfassung. In seiner Fabrik vergiften sich die Arbeiter ständig mit irgendetwas und verfaulen bei lebendigem Leibe, er ist schon mehrfach wegen Körperverletzung angeklagt und bestraft worden. Es kommt der auf einem Auge blinde Diakon Voroschilov, ein Säufer, eine schmutzige, speckige Elendsgestalt, ein vorzüglicher Gittarist und Harmonikaspieler; sein pockennarbiges Gesicht mit starken Backenknochen ist von grauen Haaren umrahmt, dick wie die Stacheln eines Igels. Der Diakon hat kleine gepflegte Hände wie eine Frau und ein schönes, dunkelblaues Auge. So heißt der Diakon auch – das Gestohlene Auge.

Es kommen die flotten Mädchen aus dem Dorf und aus der Kosakensiedlung, manchmal ist auch Ljoska (die Prostituierte) dabei. In einem kleinen Zimmer, das mit Divanen vollgestellt ist, setzen sie sich an den schweren runden Tisch, der üppig gedeckt ist mit geräuchertem Geflügel, Schinken, vielen Sorten von Eingesalzenem, eingelegten Äpfeln und Melonen, Sauerkohl, und zwischen all diesen Wohltaten blinkt ein Vierteleimer Wodka, drei Liter. Petrovskij und seine Freunde kauen lange, schmatzen in fast völligem Schweigen, schlürfen den Wodka reihum aus einem silbernen „brüderlichen“ Becher, der ein Viertel einer Flasche fasst.

Sie haben sich sattgegessen. Stepachin rülpst wie ein Baschkire, bekreuzigt sich. Der Diakon, selig lächelnd, stimmt seine Gitarre. Sie gehen in das große Zimmer hinüber, wo es keine Möbel gibt außer einem halben Dutzend Stühle, und fangen an zu singen.

Sie singen – wundervoll. Petrovskij im Tenor, Stepachin in einem vollen, weichen Bass, der Diakon hat einen schönen Bariton, Maslov begleitet den Hausherrn gekonnt mit der zweiten Stimme. Die Frauen verfügen gleichfalls über schöne Stimmen, besonders der Kontraalt der Kosakin Kubasova hebt sich durch die Reinheit des Klangs heraus, die Stimme von Ljoska ist kreischend, – der Diakon droht ihr häufig mit dem Finger. Sie singen andächtig, so wie sie in der Kirche singen würden, und alle schauen sich gegenseitig streng an, nur Stepachin, der mit weit gespreizten Beinen dasteht, hat die Augen gesenkt, und er macht ein erstauntes Gesicht, so als ob er nicht glaubt, dass das seine Kehle ist, aus der sich dieser endlose samtene Klang ergießt. Die Lieder sind von einer quälenden Traurigkeit, zuweilen singt man feierlich etwas aus dem Kirchengesang, am häufigsten das Pokajanie, das Sündenbekenntnis.


Der Text (1923 in der Zeitschrift Letopis‘ revoljucii veröffentlicht) ist 1922 in Bad Saarow bei Berlin entstanden, wo Gorki nach seiner Ausreise aus Sowjetrussland lebte. Es war eine als Dienstreise getarnte Ausweisung, denn Gorkis Eintreten für die von Hunger und staatlichem Terror verfolgten Intellektuellen hatte zu schweren Differenzen mit Lenin und den Bolschewiki geführt. In Saarow und später in Italien fand Gorki die nötige Ruhe, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Die Erzählung „Der Nachtwächter“ gehört zum Material des dritten Teils der autobiographischen Trilogie „Meine Universitäten“. Die beschriebenen Ereignisse beziehen sich auf die Jahre 1888/1889, als der zwanzigjährige Aleksej Peschkow als Nachtwächter auf verschiedenen Bahnstationen (hier: Dobrinka) einer Eisenbahngesellschaft im Raum von Zarizyn an der Wolga (später Stalingrad, Wolgograd) beschäftigt war.

Der Textauszug beginnt mit einer der vielfach wiederholten Klagen des jungen Gorki: die Menschen seiner Umgebung sind ihm fremd, ihr Leben hat nichts mit der schönen, farbigen Welt der Bücher zu tun, in die er sich in jeder freien Minute versenkt. Dennoch bedrängen sie ihn mit ihrer bloßen Anwesenheit, jeder führt ihm seine Welt als die einzig richtige vor und verstärkt damit nur die Verwirrung und Orientierungslosigkeit des jungen Mannes. Dabei ist er begierig zu lernen, die Wahrheit über das Leben zu erfahren.

Aber was kann er lernen, wenn er das „Mönchsleben“ im Haus des Bahnhofsvorstehers Petrovskij beobachtet? Kann das etwas anderes sein als eine abstoßende Schule des Lasters, in der der sensible junge Mann endgültig jede Illusion über das Wahre und Gute verlieren muss? Zuerst scheint es so, als sei dies allein der Sinn der Erzählung. Die drastischen Beschreibungen der bei Petrovskij versammelten „Honoratioren“, ihre geballte moralische und physiologische Hässlichkeit muten an wie eine Galerie aus dem Repertoir des sozialistischen Realismus: Seht sie euch an, die verkommenen Subjekte der untergehenden kapitalistischen Herrenklasse! Aber so einfach ist das bei Gorki eben nicht. Schon das nationale Kolorit (mit östlich-asiatischen Zutaten) verleiht dieser Gesellschaft etwas Farbiges und Lebendiges. Der westeuropäische Leser, der schon so manche Welle des „Russenkults“ miterlebt hat, wird hier vieles freudig wiedererkennen: die herrlich kitschige Kostümierung des Bahnhofsvorstehers, der überladene Tisch mit russischen Köstlichkeiten und die obligatorische Riesenportion Wodka, vor allem aber – den Gesang.

Plötzlich, ohne Übergang, öffnet sich in diesem scheinbar schmutzigen Loch eine ganz andere Welt: russische Lieder, aber doch deutlich mehr als das, die Welt der Kunst, eine tief ernste Begeisterung, die sich im Mienenspiel der Beteiligtenspiegelt. Der letzte Absatz bietet ein Beispiel für Gorkis meisterhafte Kunst der Beschreibung.

Das „Möchsleben“ hat noch eine Fortsetzung: sie holen Peschkow, den späteren Gorki, in ihre Runde, weil auch er eine schöne Stimme hat, und er versetzt sie mit seinem Sologesang in Begeisterung. Ob er sich auch an der anschließenden Sexorgie beteiligt, bleibt offen.

Wie ist es möglich, dass diese im ‚normalen‘ Leben so widerwärtigen Gestalten zu einem solchen Aufschwung fähig sind, zu einer gleichsam religiösen Ehrfurcht vor der Kunst, die sie wie in einem höheren Auftrag ausführen. An späterer Stelle gibt es Erklärungen dazu, von einem „Götzendienst“ an der Kunst , der von „halbwilden Menschen“ aus einem „Übermaß an Kraft“ gefeiert wird, ist dort die Rede. Es geht, in deutlichere Begriffe übertragen, um den russischen Nationalcharakter, seine feindliche Einstellung zur Vernunft und sein Eingeschlossensein in der Welt der Instinkte. Es geht damit um eine zentrale Frage nicht nur im Denken Gorkis sondern in der ganzen russischen Literatur, um das Verhältnis von „Volk“ und „Intelligenz“. Gorki verdeutlicht das in dieser Erzählung durch die nachfolgende Episode.

Peschkov wechselt auf eine andere Bahnstation, und dort, in Borisoglebsk, begegnet er einer neuen Gruppe von Menschen, die sich von Petrovskij und seinen Kumpanen fundamental unterscheiden: es sind gebildete Menschen, die sich mit dem Zarenregime angelegt haben, politisch „Unzuverlässige“. Kurioserweise gelten sie auf den Bahnstationen als besonders zuverlässige Wächter, weil sie nicht korrupt sind. Nach den Regeln des sozialistischen Realismus müsste an dieser Stelle für den autobiographischen Helden die erhoffte Wende eintreten: endlich trifft er auf die richtigen Wegweiser. Aber wir sind bei Gorki, und für den Helden gibt es nichts als eine neue Enttäuschung. Diese „guten“ und „klugen“ Menschen führen ein Leben, das er „langweilig“ und „farblos“ findet, sie tragen ihre geistige Überlegenheit zur Schau und machen gleichzeitig irgendwelchen mausgrauen Provinzdamen den Hof, und für den Gesang haben sie keinen Sinn.

Wenn überhaupt, dann singen sie ohne wirkliches Können rührselige Liedchen mit banalen Texten, nicht Volkslieder! Peschkow denkt fast mit Wehmut an die Orgien bei Petrovskij zurück.

Hier wird nun deutlich, warum uns Gorki diese beiden Geschichten, zwei entgegengesetzte Erfahrungen seines autobiographischen Helden, erzählt hat, denn sie versinnbildlichen für ihn ein Fundamentalproblem der russischen Kultur, das Nebeneinander zweier Welten, die „durch einen tiefen Riss wechselseitiger Entfremdung getrennt sind“, reiner Instinkt und reiner Verstand, die Welt der Vertreter des „halbwilden“ russischen Volkes und die der „kurzsichtigen Büchermenschen“.

„Auf der einen Seite wütet sinnlos und ausweglos die Macht des Instinkts, auf der anderen schlägt die Vernunft wie ein flügellahmer Vogel an die Gitterstäbe des schmutzigen Lebens. Ich glaube, in keinem Land der Erde sind die schöpferischen Kräfte des Lebens so weit auseinandergerissen , wie dies bei uns in Russland geschehen ist.“

An dieser Stelle weist der Autor – mit Sternchen und ‚wissenschaftlicher‘ Anmerkung – darauf hin, dass dieses Problem „mich mein ganzes Leben mehr oder weniger beharrlich verfolgt hat“. In der Tat, das Problem ‚Herz und Kopf‘, ‚Gefühl und Verstand‘ durchzieht das ganze Werk dieses Schriftstellers. Auf welcher Seite der Autor selbst steht, ist von seinen Überzeugungen her keine Frage: Gorki ist der Apologet des „neuen Menschen“, und der ist ein Mensch des Verstandes, der den Sieg über die dunklen Instinkte davonträgt und sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Aber das ist das Glaubensbekenntnis, in der Lebenswirklichkeit sieht das oft anders aus. So wie hier: Peschkow feiert und singt mit Petrovskij und seinen Kumpanen, nicht mit den Verstandesmenschen!

So wird aus einer konkreten Geschichte ein ganzes Seminar über kulturphilosophische Fragen. Es mag Leser geben, die sich von soviel Didaktik unangenehm berührt fühlen. So direkte Belehrungen wird man bei Ivan Bunin oder Vladimir Nabokov vergebens suchen. Aber neben dieser Schwäche des Didaktismus offenbart die Erzählung auch die Stärke Gorkis: die Verallgemeinerung einer scheinbar ganz einmaligen und besonderen Situation zu einem exemplarischen Fall. Wer will, kann die abstrakte Ebene auch einfach ignorieren und nur den Geschichten zuhören, die der Autor aus dem reichen Erfahrungsschatz seines ungewöhnlichen Lebens zu erzählen hat.

Kategorie: Russland und die Russen

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