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"Zwei Seelen" - Ein Manifest des "Westlertums"

Freitag, 12. Februar 2010, 11:11:55 | Maxim Gorki

Gorkis Artikel «Zwei Seelen» (Dve dushi) ist 1915 in der von ihm redigierten Monatsschrift «Letopis'» erschienen. Dieses auch heute noch lesenwerte Manifest des «Westlertums», eine Streitschrift wider den «altersschwachen Geist des Ostens», für eine Welt der Freiheit, der Vernunft und der Arbeit, wird hier nach langer Pause in einer neuen Übersetzung vorgelegt (Die letzte deutsche Ausgabe ist, soweit ich sehe, 1922 erschienen.) Die Übersetzung folgt dem Originaltext in der Anthologie: Maksim Gor'kij – pro et contra, SPb.: RKhGI, 1997, S. 95-106.
Zur besseren Übersicht sind vier Zwischentitel eingefügt.
Einen Kommentar zu diesem Text finden Sie hier.



Die Katastrophe, die die Welt nie zuvor erfahren hat [1], erschüttert und zerstört das Leben gerade jener Stämme Europas, deren geistige Energie am fruchtbarsten auf die Befreiung der Persönlichkeit von dem düsteren Erbe der überlebten, Vernunft und Willen unterdrückenden Phantasien des Ostens gerichtet war und ist – die Befreiung von den mystischen Lehren des Aberglaubens, vom Pessimismus und dem Anarchismus, der unausweichlich auf dem Boden einer hoffnungslosen Beziehung zum Leben entsteht.

(1) OSTEN und WESTEN

Der Osten ist, wie bekannt, Teil der Vorherrschaft der emotionalen, sinnlichen Prinzipien über die Prinzipien des Intellekts, der Vernunft: der wissenschaftlichen Erforschung zieht er die Spekulation vor, der Hypothese das metaphysische Dogma. Der Europäer ist der Führer und Herr seines Denkens; der Mensch des Ostens der Sklave und Diener seiner Phantasie. Dieser altertümliche Mensch war der Schöpfer der Mehrzahl der Religionen, der Begründer der finstersten Metaphysik; er forscht nicht, er fühlt, und seine Fähigkeit, seine Erfahrung in wissenschaftlichen Formen zusammen zu fassen, ist vergleichsweise unbedeutend.

Da der Osten die Kraft der Elemente sinnlich und spekulativ auffasst, vergöttlichte er sie und unterwarf sich ihnen willenlos, gehorsam gegenüber jeder Art der Kraft, während die Menschen Westeuropas, die sich der Energie der Natur mittels ihrer Erfoschung bemächtigen, danach streben, diese Energie den Interessen und der Vernunft des Menschen zu unterwerfen.
Die Aufgabe der europäischen Wissenschaft besteht eben darin, die Kräfte der Natur zu studieren, sie zu zwingen, für den Menschen zu arbeiten, die Persönlichkeit von den Fesseln des Dogmas, des Aberglaubens, der Vorurteile, von dem Zwang der unfreien Arbeit zu befreien und die befreite physische Energie in geistige Energie zu transformieren.
Diese Aufgabe der europäischen Wissenschaft und Kultur war dem Osten unbekannt; erst seit dem vergangenen Jahrhundert begannen die aufmerksamsten Menschen der Länder Asiens die große wissenschaftliche Erfahrung Europas, seine Methoden des Denkens und die Formen seiner Lebenspraxis anzunehmen.
Die grundlegende Weltempfindung des Ostens fügt sich leicht in diese Formel: der Mensch ist für immer einer nicht erkennbaren Macht unterworfen, sie ist mit der Vernunft nicht zu begreifen, und der Wille des Menschen ist nichts vor ihr. Für die europäische Wissenschaft ist das Nichterkennbare – nur das Nichterkannte.
«Kismet» [2], sagt der Mohammedaner, indem er sich gehorsam dem Schicksal unterwirft, während der Europäer Romain Rolland stolz erklärt: «Der Franzose kennt kein Schicksal.»
Das ist nicht ganz zutreffend: der Westen kennt das Schicksal, er kämpft voller Zuversicht mit ihm, und da er sich zum Sieg über das Schicksal berufen fühlt, zieht er allmählich auch den Osten in diesen großen Kampf hinein. Der Westen betrachtet den Menschen als das höchste Ziel der Natur und als ein Organ, mit dessen Hilfe sie sich selbst erkennt, indem sie alle Eigenschaften dieses Organs unendlich weiter entwickelt; für den Osten hat der Mensch an sich keine Bedeutung und keinen Wert.
In dem Bemühen, seine übermäßig entwickelte Sinnlichkeit einzuschränken, hat der Osten den Asketismus, das Mönchtum, das Einsiedlerleben und alle anderen Formen der Flucht vor dem Leben, der finsteren Verneinung des Lebens geschaffen. Tabak, Opium und andere Narkotika, deren Ziel die Verstärkung oder Unterdrückung von Emotionen ist, sind im Osten gleichfalls beliebt und der Welt von dort gegeben worden. Das irdische Leben erscheint für den müden, aber sinnlichen Menschen der östlichen Länder geisterhaft, jeden Sinns beraubt, und die Überzeugung von der Möglichkeit eines anderen Daseins nach dem Tode veranlasst ihn, sich schon auf Erden auf die paradiesische Ruhe vorzubereiten, wie es die Einsiedler in der Wüste von Theben taten und wie es die Asketen Indiens und unsere Einsiedler und Mystiker weiter tun.
Im Osten haben ihren Ursprung das Skopzentum, das das Ende der Vermehrung des Menschengeschlechts anstrebt, und die anarchische Sekte der «Läufer» (begunstvo) oder «Pilger» (strannichestvo), die alle Formen der sozialen und politichen Organisation ablehnt.
Religiöse Intoleranz, Fanatismus, Grausamkeit – auch das sind Produkte der Emotionen des Ostens, und obwohl alle diese Emotionen den Ariern des Westens eingeimpft worden sind, so sind sie doch nicht charakteristisch für die westliche Kultur; ein gesunder Mensch kann sich mit Lepra infizieren, aber Lepra ist eine Krankheit, die im Osten entstanden ist.
Für Europa charakteristisch ist die stark ausgeprägte Aktivität seines Lebens, seiner Kultur, die auf Lernen und Tätigkeit gegründet ist, nicht auf Suggestion und Dogma, die Prinzipien der alten Kultur des Ostens.
Der Mensch des Ostens erwartet das ewige Glück und die Ruhe jenseits der Grenzen der Erde, im Reich der Phantasie; der Europäer erstrebt ein langes und glückliches Leben auf der Erde.
Das Ziel der europäischen Kultur ist es, eine weltumspannende Kultur zu sein, in ihrer Arbeit, in ihren Ideen die ganze Menschheit unseres Planeten zu vereinigen.
Die Losungen Europas lauten: Gleichheit und Freiheit auf den Grundlagen des Lernens, des Wissens, der Tätigkeit.
Soddy [3], Forscher auf dem Gebiet der Radioaktivität, sagt in einer Bewertung des gegenwärtigen Zustands der europäischen Wissenschaft: «Wir haben das begründete Recht zu glauben, dass der Mensch die Macht erlangen wird, die elementaren Quellen der Energie, die die Natur jetzt noch eifersüchtig für die Zukunft aufbewahrt, für seine eigenen Ziele einzusetzen. Infolge des Fortschritts der Physik befinden wir uns an einem Wendepunkt der Aufwärtsbewegunng der Zivilisation, wir machen den ersten Schritt nach oben – auf die unterste Stufe des folgenden aufsteigenden Zweigs. Vor uns – wenn auch noch in einer unbestimmten Zukunft – liegt der Aufstieg zur physischen Herrschaft über die Natur; er vollzieht sich weit jenseits der Grenzen der Träume der Sterblichen, der Träume, die in jedem philosophischen System ausgedrückt sind. Diese Möglichkeiten einer neuen Ordnung der Dinge, besserer Bedingungen des Daseins, als sie jemals vorhergesagt worden sind, sind nicht Versprechungen aus einer anderen Welt. Sie existieren in dieser Welt, für sie muss man streiten und kämpfen, um sie den Klauen der Natur zu entreißen, wie auch in der Vergangenheit alle unsere Erfolge, unsere Zivilisation ihr entrissen wurden durch die Arbeit des kollektiven Verstandes der Menschheit, der die geringe Kraft des einzelnen Menschen lenkt und vervielfältigt».
Das ist der Schlachtruft des Europäers, der auf die schöpferische Kraft seines Willens, seiner Vernunft vertraut.
Der Chinese Lao-tse [4] lehrt:
«Das Einzige, was ich fürchte, das ist – tätig zu sein. Alle müssen untätig sein. Untätigkeit ist nützlicher als alles, was zwischen Himmel und Erde existiert. Wenn alle zu Untätigen werden, dann wird auf der Erde die vollkommene Ruhe eintreten.»
Das ist der unversöhnliche Gegensatz zwischen Westen und Osten. Eben diese, aus der Verzweiflung geborene Eigenart des östlichen Denkens ist einer der Hauptgründe für die politische und soziale Stagnation der asiatischen Staaten. Eben aus dieser Niedergeschlagenheit der Persönlichkeit, ihrer Verwirrtheit, ihrem Unglauben an die Macht der Vernunft und des Willens erklärt sich auch das finstere Chaos des politischen und ökonomischen Lebens des Ostens. Im Laufe von Jahrtausenden war der Mensch des Ostens in seiner Masse «ein Mensch nicht von dieser Welt», und er bleibt es weiter.
Natürlich, auch der Osten ist auf seine Weise tätig, aber seine Tätigkeit ist unfrei, sie wird nur durch die strenge Macht der Notwendigkeit herbeigeführt – dem Menschen des Ostens ist der Genuss am Prozess der Arbeit unbekannt, unzugänglich sind ihm die Poesie und das Pathos der Tat.
Die Menschen des Westens sind schon lange zu dem Verständnis des weltumspannenden Sinns der Arbeit gelangt, für sie ist die Tätigkeit das einzige Prinzip, das fähig ist, den Menschen von den Fesseln der Relikte des Altertums zu befreien, vom Joch der Bedingungen, die die Freiheit des geistigen Wachstums der Persönlichkeit einengen.
Im Westen ist die Arbeit Ausdruck des kollektiven Willens der Menschen zur Schaffung solcher Formen des Daseins, die das Ziel haben, das Gebiet der Anwendung der Energie des Menschen im Kampf mit der Natur ständig auszuweiten und so die Kräfte der Natur den Interessen und dem Willen des Menschen zu unterwerfen.
Ich möchte jedoch eines deutlich machen: wenn ich dem Westen den Osten gegenüberstelle, dann denke ich keineswegs an irgendwelche «metaphysischen Wesenheiten» oder an «rassische Besonderheiten», die gleichsam organisch und unausrottbar dem Mongolen, dem Arier, dem Semiten eigen sind und die sie auf ewig in feindliche Lager teilen.
Nein, ich glaube zu tief an die Kraft der Vernunft, der Forschung, der Tätigkeit, um etwas Zeitliches für etwas Ewiges zu halten. Die Semiten sind auch Menschen des Ostens, aber wer wird ihre gewaltige Rolle in der Sache des Aufbaus der europäischen Kultur bestreiten, wer wird an ihrer großen Fähigkeit zum Schaffen, an ihrer Liebe zur Tätigkeit zweifeln?
Ich stelle zwei verschiedene Weltauffassungen gegenüber, zwei Gewohnheiten des Denkens, zwei Seelen. Ihr grundlegendes Wesen ist gleich, es ist das Streben nach dem Guten, nach der Schönheit des Lebens, nach der Freiheit des Geistes. Aber infolge einer ganzen Reihe komplizierter Gründe hat die Mehrheit der Menschheit die alte Angst vor den Geheimnissen der Natur noch nicht überwunden, hat sich noch nicht zu dem Vertrauen in die Kraft des eigenen Willens erhoben, fühlt sich nicht als Herrscher ihres Planeten und hat die Tätigkeit nicht als das Prinzip aller Prinzipien erkannt.
Es ist nicht zu bestreiten, dass die äußeren Bedingungen des Lebens des Ostens von jeher auf den Menschen in Richtung der Unterdrückung seiner Persönlichkeit, seines Willens eingewirkt haben und weiter einwirken. Die Beziehung des Menschen zur Tätigkeit – das ist es, was seine kulturelle Bedeutung bestimmt, seinen Wert auf der Erde.

(2) Stimmen für die Überlegenheit der westlichen Kultur

Die oben ausgeführten Gedanken stellen natürlich keine Neuheiten dar: die Unversöhnlichkeit der Weltauffassungen des Ostens und des Westens ist mehr als einmal und viel schärfer und klarer hervorgehoben worden.
Sogar Denker der muselmanischen Welt erkennen die Vorrangstellung der westeuropäischen Kultur an und verstehen die dunklen Seiten der Kultur des Ostens.
Kassim Amin [5], genannt der «Luther des Ostens», sagt in seinem Buch «Die neue Frau»: «Der Ursprung der Meinungsverschiedenheit zwischen uns und den Menschen im Westen erklärt sich daraus, dass sie die Natur des Menschen erkannt haben und seine Persönlichkeit achten.» Er räumt auch ein, dass «der Grund, der den Fortschritt der Zivilisation im Osten zum Stillstand gebracht und die ganze Bewegung des Lebens auf einen Kreis reduziert hat, aus dem es kein Entkommen gibt» – dass dieser Grund der «chronische Despotismus» war.
Muallim-Nadzhi [6], türkischer Schriftsteller, schrieb schon in den 1880er Jahren an Angela de Gubernatis [7]: «Wir werden nicht lernen einander zu verstehen, solange zwischen euch und uns die Mauer des religiösen Fanatismus steht.»
Eine kritische und negative Einstellung von Denkern des Ostens zu den Grundlagen der eigenen Kultur entwickelte sich schon im 17. Jahrhundert nach der Niederlage der Türken bei Wien. Seither erhoben sich im Osten von Zeit zu Zeit einzelne Stimmen, die die Trägheit, die Stagnation und die passive Beziehung zum Leben verurteilten.
Im «Kitabe-Akdes», dem heiligen Buch der Babiden [8], lehrt der 70. Vers: «O, Menschen, jeder von euch hat die Pflicht, sich mit einer Sache zu beschäftigen, mit einem Handwerk, einem Unternehmen oder etwas Ähnlichem».
Vers 72 sagt: «Für Gott sind am meisten verhasst diejenigen, die dasitzen und um etwas bitten; haltet stets an einem Gewerbe fest».
Noch weiter geht Bahaullah [9], der Autor des «Kitabe-Akdes», in seinem Gespräch mit E.G. Brown: «Wir aber wollen, dass alle Völker zu einem Glauben gelangen und die Menschen Brüder werden; dass der Religionsstreit aufhört und die Unterschiedlichkeit der Nationalitäten aufgehoben wird. Streit, Blutvergießen und Zwietracht sollen enden, und alle Menschen sollen eine Familie, eine Verwandtschaft bilden. Und der Mensch möge sich nicht damit brüsten, dass er seine Heimat liebt, er soll stolz darauf sein, dass er das Menschengeschlecht liebt.»
In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts wurden die Babiden abgeschlachtet, gefoltert, ihre Führer ausgerottet, und der praktische Einfluss der Kraft der westeuropäischen Ideen auf das soziale Leben des Ostens wurde von neuem geringfügig und blieb unbeachtet bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Apologie des wissenschaftlichen Denkens in der Türkei, in Persien und China – von der Mongolei nicht zu reden, - ergibt bisher keine spürbaren Resultate, sie ist gleichsam eine Strahlung ins Leere.
Diese traurige Erscheinung erkläre ich mit den besonderen Eigenschaften des östlichen Denkens, das nicht auf das Leben, nicht auf die Erde und die Tätigkeit gerichtet ist, sondern auf den Himmel und die Ruhe. Lehrreich ist die Gegenüberstellung zweier Typen des Verstandes, die der bekannte Schriftsteller und Sozialist Herbert Wells in einer Rede, gehalten am 24. Januar 1902 im Londonder Institut der Erforschung des Ostens, vorgetragen hat:
«Der menschliche Verstand begegnet in zwei Typen, die sich hauptsächlich in ihrer Beziehung zur Zeit unterscheiden, nämlich darin, welche Bedeutung sie der Vergangenheit und der Zukunft verleihen. Der erste, allem Anschein nach vorherrschende Typ, der bei der Mehrzahl der Menschen zu finden ist, denkt über die Zukunft überhaupt nicht nach, er betrachtet sie als ein dunkles «Nichts». Die Gegenwart rückt in seinem Verständnis langsam an die Zukunft heran und schreibt Ereignisse in sie hinein. Der zweite Typ des Verstandes, neuer und erheblich seltener anzutreffen, konzentriert seine Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die Zukunft, bei der Vergangenheit und der Gegenwart hält er sich nur insoweit auf, wie sie die Bedingungen für künftige Erscheinungen schaffen.»
«Vom Standpunkt des ersten Typs betrachtet, ernten wir im Leben nur das, was in der Vergangenheit gesät worden ist, vom Standpunkt des zweiten dient das Leben nur der Vorbereitung und Einrichtung der Zukunft.»
«Im Gegensatz zu dem ersten, passiven, ist dies der aktive Zustand des Verstandes, das ist der Verstand der Jugend, derjenige, der am häufigsten unter den westlichen Völkern anzutreffen ist, während der erste der Verstand des altersschwachen Ostens ist.»
Jedesmal, wenn Westeuropa, erschöpft von dem unaufhörlichen Errichten neuer Formen des Lebens, Jahre der Müdigkeit durchlebt, schöpft es reaktionäre Ideen und Stimmungen aus dem Osten. «Aus dem Osten kommt das Licht!»
In dem erschöpften Blut entwickelt sich siegessicher jenes Gift, das Europa beim Zusammensstoß mit Asien aufgenommen hat, es stammt aus dem wirren, kraftlosen, den Menschen erniedrigenden asiatischen Denken, jenem Denken, das vom Osten geschaffen worden ist, das diesen Osten unter den traurigen Bedingungen seiner Existenz versklavt hat und ihn nun der Gefangenschaft unter der Macht des europäischen Kapitals überlässt.

(3) Angst vor der Vernunft – reaktionäre Strömungen des 19. Jahrhunderts

Die offenkundigen und ständigen Züge einer jeden Reaktion zeigen sich immer darin, dass die Sieger anfangen, die Vernunft zu fürchten, deren sie sich als Waffe bedient haben und deren Kraft sie gut kennen; die Besiegten dagegen zweifeln an der Kraft der Vernunft, deren universale schöpferische Bedeutung ihnen nicht ganz klar ist, denn der Besiegte ist das Volk, und das Volk wird bekanntlich nicht gern mit der Macht der Vernunft und der Wissenschaft bekannt gemacht. Die Angst vor der Vernunft weckt bei den Siegern das Bestreben, ihre Kraft zu untergraben: sie fangen an, über die Begrenztheit der Vernunft zu sprechen, darüber, dass die wissenschaftliche Erforschung nicht geeignet ist, die Rätsel des Daseins zu lösen; sie setzen an die Stelle des Studiums die Spekulation, an die Stelle der Forschung die Kontemplation. Man kann annehmen, dass all dies, bewusst und unbewusst, mit der Absicht gepredigt wird, den Zweifel der Besiegten an der Macht der Vernunft zu verstärken.
Die Geschichte rechtfertigt und bestätigt diese Ansicht.
Nehmen wir die europäische Reaktion am Anfang des 19. Jahrhunderts, als Europa, erschreckt von der großen Revolution, dem Despotismus Napoleons und danach dem noch schwereren Joch der «Heiligen Allianz» unterworfen wurde, die gegründet wurde gegen «Freigeisterei, Atheismus und falsche Gelehrsamkeit». Damals fürchtete man die allmächtige Herrschaft der Prinzipien der Vernunft, die die materialistischen Philosophen des 18. Jahrhunderts verkündet hatten; in der Sphäre des praktischen Lebens und der Politik war das die Selbstherrschaft des Volkes, die Rousseau verkündet hatte.
Auf dem Boden dieser Angst und der Enttäuschung der Bourgeoisie hinsichtlich ihrer Fähigkeit, die «ganze Breite der Macht» in ihre Hände zu nehmen, entwickelte die Bourgeoisie ein Gefühl des Abscheus vor der Wirklichkeit, die ihre Hoffnungen enttäuscht hatte, und ihre Literatur ergab sich der Macht der Romantik. Grundlage der Romantik ist die krankhaft entwickelte Empfindung des eigenen «Ich», das die Romantiker höher als alle Erscheinungen der Welt stellen, höher als die ganze Welt, auf die Position eines göttlichen Gesetzgebers. Die Persönlichkeit ist nach Überzeugung des Romantikers gänzlich frei von der Verbindung mit der Welt, vom Einfluss der Wirklichkeit auf sie selbst. Wahrscheinlich lag dieser Überzeugung in der Tiefe das gerade erlebte Beispiel Napoleons zugrunde, der in wenigen Jahren vom Leutnant zum Imperator aufgestiegen war, ganz Europa unterjocht und aus einfachen Soldaten Marschälle und Könige gemacht hatte.
Das Verhältnis des Romantikers zu sich und der Welt hat seinen schärfsten und genauesten Ausdruck in Fjodor Dostojewskis «Aufzeichnungen aus dem Kellerloch» gefunden, einem Werk, in dem alle grundlegenden Ideen und Motive seines Werkes vereint sind.
«Sein eigenes uneingeschränktes und freies Wollen, seine eigene, selbst die allerausgefallenste Laune, seine Phantasie, die zuweilen bis zur Verrücktheit verschroben sein mag – das, gerade das ist ja jener übersehene allervorteilhafteste Vorteil, der sich nicht klassifizieren lässt und durch den alle Systeme und Theorien fortwährend zum Teufel gehen.»
«Ich bin ... für meine Laune und dafür, dass ich sie jederzeit haben kann.» «Ich würde ja dafür, dass man mich nicht belästigt, die ganze Welt sofort für eine Kopeke verkaufen. Soll die Welt untergehen, oder soll ich jetzt keinen Tee trinken? Ich sage, die Welt mag untergehen, ich aber will immer meinen Tee trinken.» [10]
Diese Predigt eines hemmungslosen, durch nichts beschränkten Eigenwillens verbirgt in ihrer Tiefe die Verzweiflung der Persönlichkeit, die unfähig ist, sich der Welt anzuschließen, von der sie abgerissen ist; das ist der Anarchismus der Verzweiflung, der der Stimmung der Romantiker immer eigen ist. Die Überzeugung von dem Recht der Persönlichkeit auf einen unbeschränkten Eigenwillen eröffnet dem Romantiker auf der einen Seite den Weg zu Anarchismus und Gesetzlosigkeit, auf der anderen führt sie ihn zur Idealisierung der Alleinherrschaft des Monarchismus.
Unter ihresgleichen können die Romantiker kein Oberhaupt anerkennen, und Novalis, einer der deutschen Romantiker, sagt direkt: «Der König – das ist ein Mensch, der auf Erden die Rolle der himmlischen Vorsehung verkörpert.»
Hier weitere Urteile von Romantikern: Chateaubriand, französischer Schriftsteller, erklärt: «Wozu soll ein Bauer die Chemie kennen? Im Volk steckt viel mehr Verstand als in den Philosophen, - das Volk lehnt Wunder nicht ab. Was man auch sagen mag, es ist immer schön, mit Wundern zu leben.»
Das war ein vollkommen bewusster Reaktionär, der seine Kraft dem Kampf gegen die von den Schriftstellern des 18. Jahrhunderts geschaffene Philosophie der Vernunft gewidmet hat. Seine Losung «Es ist unumgänglich nötig, zu den religiösen Ideen zurückzukehren» ist kürzlich von einer bekannten Gruppe der russischen Intelligenzija verkündet worden [11]. In einem Brief an seinen Freund de Maistre, auch ein Reaktionär, schrieb er: «Alles im Universum ist verborgen, alles unbekannt. Das ewige Schicksal hat das Verhängnis und den Tod an den beiden Enden unseres Weges aufgestellt, und von der Höhe seines Throns hat es unser Leben hinabgeworfen in die Leere der Zeit, damit es dahinfließe ohne Grund und ohne Sinn».
«Das Leben ist eine Krankheit des Geistes!», sagt Novalis. «Möge der Traum zum Leben werden!» Ein anderer Schriftsteller, Ludwig Tieck, stimmt ihm zu: «Träume sind vielleicht unsere höhere Philosophie». Diese Gedanken sind auch in der russischen Literatur der letzten Jahre mehrfach wiederholt worden.
Die Romantiker am Anfang des 19. Jahrhunderts zogen der praktischen Tätigkeit das freie Spiel der Phantasie vor, dem Studium die Kontemplation, der Wissenschaft die Religion, der Vernunft den Glauben.
Ihr Zeitgenosse, der große Dichter und Denker Goethe, bestimmte die Romantik so:
«Romantik nenne ich alles Kranke. Die Mehrzahl der neuesten Werke ist romantisch, aber nicht deshalb, weil sie neu sind, sondern infolge der ihnen eigenen Schwäche, Kümmerlichkeit und Krankhaftigkeit.»
Und der Literaturhistoriker Johannes Scherr hat erklärt: «Reaktion und Romantik sind vollkommen synonyme Begriffe.»
Ein dänischer Literaturhistoriker, der berühmte Georg Brandes - der, den man nicht zu Vorlesungen nach Russland einreisen ließ – sagt über die Stimmung der Romantiker: «Hass auf den Fortschritt und die Welt der Wirklichkeit führte dazu, dass die Neigung zur Phantasie und dem Wunderbaren zur Seele ihrer Poesie und Prosa wurde.»
Eine große Anziehungskraft auf die Romantiker übte der Osten aus. Der Historiker der deutschen Literatur Heinrich Hettner erklärt das so: «Der Romantiker will das Alte, weil die fertigen, ganz abgeschlossenen und sinnlich fühlbaren Bilder und Formen des abgelebten Vergangenen ihm angenehmer und poetischer erscheinen als das noch im Entstehen begriffene Neue, das für die hilflose Phantasie keine fühlbaren und festen Stützpunkte bietet.»
Die Begründer der Theorie der Romantik, die Brüder Friedrich und August Schlegel, empfahlen den Dichtern jener Epoche, ihre Aufmerksamkeit auf den Osten zu richten, weil das Leben dort am stärksten von der Phantasie durchdrungen sei. Sie stellten den Deutschen als Beispiel die Asketen des Hinduismus vor Augen, die die Vollkommenheit in der Kontemplation der Geheimnisse des Lebens zu erreichen suchen und das Antlitz Gottes erschauen. August Schlegel schrieb: «Europa hat sich in der Religion nicht als standfest erwiesen. Eine ernste Revolution kann nur aus Asien kommen, nur im Osten ist der Enthusiasmus noch nicht verschwunden.»
Das wurde gesagt in den Jahren 1811-1812, als Schlegel, ein Verteidiger der absoluten Freiheit der Persönlichkeit, im Dienst des Reaktionärs Metternich stand und in Wien Vorlesungen hielt, in denen er den Feldzug gegen die geistige und bürgerliche Freiheit predigte. Und fast ein halbes Jahrhundert später sagt der berühmte Erforscher des Ostens HermannVámbéry: «Erstaunlich ist die Fähigkeit des Ostens zu träumen, zu phantasieren, aber noch mehr verwundert die Abwesenheit von Enthusiasmus und Leidenschaft bei gleichzeitiger krankhaft entwickelter Sinnlichkeit.»
Die Brüder Schlegel studierten den Osten nach Büchern, von denen es in jener Epoche nur wenige gab. Die Kenner Asiens in unseren Tagen sehen im Osten keine eigenen Quellen von Enthusiasmus und Energie, die Mehrzahl von ihnen ist geneigt zu glauben, dass der Auslöser für die Ereignisse, die sich gegenwärtig im Osten abspielen, eher in der Energie der europäischen Kultur zu finden ist.
Wenn ich hier von Romantik gesprochen habe, so habe ich unter diesem Begriff, natürlich, nur die Romantik der Individualisten verstanden, der Menschen, deren Bezug zum Leben abgerissen ist. Die soziale Romantik Schillers, Byrons, Hugos ist eine der schönsten Schöpfungen der westeuropäischen Psyche, das ist die heilige Schrift des Genius des tätigen Lebens.

(4) Zwei Seelen Russlands

«Der Verstand des altersschwachen Ostens» übt seine schwerste und schädlichste Wirkung in unserem russischen Leben aus; sein Einfluss auf die russische Psyche ist unermesslich tiefer als auf die Psyche der Menschen Westeuropa. Der russische Mensch hat noch nicht die notwendige Standfestigkeit und Hartnäckigkeit im Kampf um die Erneuerung des Lebens ausgearbeitet, einem Kampf, den er erst vor kurzem begonnen hat. Wir sind, wie die Bewohner Asiens, Menschen der schönen Worte und der unvernünftigen Taten; wir reden unendlich viel, aber handeln wenig und schlecht, - über uns sagt man mit Recht, dass «die Russen eine Vielzahl von Aberglauben, aber keine Ideen haben»; im Westen schaffen die Menschen die Geschichte, wir dagegen verfassen immer noch garstige Anekdoten [12].
Wir, die Russen, haben zwei Seelen: die eine stammt von dem nomadisierenden Mongolen, dem Träumer, Mystiker und Faulpelz, der überzeugt ist, dass «das Schicksal der Richter aller Dinge ist» - «Du auf der Erde, und das Schicksal auf dir» - «Gegen das Schicksal kommst du nicht an»; und neben dieser kraftlosen Seele lebt die Seele des Slaven; sie kann schön und hell entflammen, aber sie brennt nicht lange, verlöscht schnell und ist wenig fähig zur Selbstverteidigung gegen die Gifte, die ihr eingeimpft sind und ihre Kräfte zerstören.
Diese Schwäche, diese Eigenschaft, schnell enttäuscht zu sein, rasch zu ermüden, erklärt sich wahrscheinlich durch unsere nahe Nachbarschaft mit Asien, durch das Tatarenjoch und die Organisation des Moskauer Staates nach dem Vorbild asiatischer Despotien und durch eine Reihe ähnlicher Einflüsse, die uns unausweichlich die Grundprinzipien der östlichen Psyche einflößen mussten. Die rein östliche Verachtung gegenüber der Kraft der Vernunft, der Forschung, der Wissenschaft ist uns nicht nur auf natürliche Weise, durch unabweisbare Einflüsse eingeimpft worden, sondern auch absichtlich, künstlich, durch hausgemachte Mittel. Wir sind zu lange, fast bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, auf der Basis von Dogmen, nicht von Fakten erzogen worden, auf der Basis der Suggestion, nicht der freien Erforschung der Erscheinungen des Daseins.
Schon vom 13. Jahrhundert an begann Westeuropa entschlossen und hartnäckig mit der Suche nach neuen Formen des Denkens, mit dem Studium und der Kritik des östlichen Dogmatismus, bei uns dagegen wurde noch im 17. Jahrhundert gefordert, dass «niemand von den ungelehrten Menschen bei sich im Hause polnische, lateinische und deutsche sowie lutherische oder calvinische oder sonstige häretische Bücher besitze oder lese. – Und solche Bücher sind zu verbrennen. Wenn aber jemand dagegen verstößt und die verbotenen Bücher bei sich auf irgendeine Weise jemand zeigt, oder andere damit belehrt, so soll ein solcher Mensch ohne jedes Mitleid verbrannt werden».
Am Ende des 15. Jahrhunderts war ganz Europa von Druckereien bedeckt, überall wurden Bücher gedruckt. Moskau begann diese große Sache im Jahre 1563, aber nachdem zwei Bücher gedruckt waren, «Apostol» und «Chasoslov» [13], wurde das Haus, in dem sich die Druckerei befand, nachts angesteckt, die Druckerpresse und die Lettern verbrannten, und die Drucker flohen aus Angst nach Litauen. Es ist klar, dass das russische Volk unter solchen Bedingungen gegenüber Europa in seinem geistigen Wachstum zurückbleiben musste, und es ist natürlich, dass sich in ihm die Kräfte des Ostens verstärken mussten, die die Seele ihrer Individualität berauben. Diese Prinzipien förderten die Entwicklung der Grausamkeit, des Fanatismus, der mystisch-anarchischen Sekten der Skopzen, Geißler, Läufer und Pilger, und überhaupt das Streben nach dem «Fortgehen aus dem Leben», und sie förderten auch die Trunksucht bis zu monströsen Ausmaßen.
Bei der Bourgeoisie zeigte sich der Einfluss der asiatischen Prinzipien – und zeigt sich weiter – in ihrer misstrauischen, aber einer vernünftigen Kritik entbehrenden Beziehung zu der Erfahrung Westeuropas, in der Aneignung der östlichen Stagnation, die dem Wachsen von Initiativen in Handel und Industrie hinderlich sind und ebenso dem Wachsen eines politischen Bewusstseins für die Rolle der Bourgeoisie im Staat.
Kürzlich hat einer der ausgeprägt russischen Denker, V.V. Rozanov, ein schlechtes Buch über Turgenev gelobt und dazu erklärt:
«Aus dem Osten kommen die besten Traditionen des Adels, mit ihren Lebensformen, ihren sympathischen «Krähwinkeln», ihrer «Stille» und den «überflüssigen Menschen» der kulturfernen Provinz.» Ja, was Rozanov die «besten Traditionen des Adels» nennt, kommt wirklich aus dem Osten. Aber die liberalen Ideen des Adels, seine Kultur, seine Liebe zu den Künsten, seine Sorge um die Aufklärung des Volkes – das kommt aus dem Westen, von Voltaire, aus dem 18. Jahrhundert.
Die Grausamkeit gegenüber den Sklaven und die Liebedienerei vor den Mächtigen, die so charakteristisch für unseren Adel sind, - das kommt aus dem Osten, mitsamt der «Oblomowerei», die typisch ist für alle Klassen unseres Volkes. Richtig ist auch, dass die ungezählte Masse der «überflüssigen Menschen», aller möglichen Pilger, Vagabunden, Onegins in Fräcken, Onegins in Bastschuhen und Bauernkitteln, die von «Unruhe» beherrscht sind, einer «Lust am Wechsel des Orts», - dass diese höchst charakteristische Erscheinung des russischen Lebens ebenfalls aus dem Osten stammt und nichts anderes ist als die Flucht vor dem Leben, vor der Arbeit und den Menschen.
Es gibt noch viele Besonderheiten in unserem Leben, in der Beschaffenheit unserer Seelen, und es gibt nicht wenige russische Menschen, die meinen, dass dieses Besondere, Eigenständige eine große Bedeutung hat und uns alle möglichen Freuden in der Zukunft verspricht.
Wir meinen, dass eine Zeit gekommen ist, in der die Geschichte von den ehrlichen und vernünftigen russischen Menschen gebieterisch fordert, dass sie dieses Eigenständige einer allseitigen Untersuchung und einer furchtlosen Kritik unterziehen. Wir müssen den Kampf gegen die asiatischen Ablagerungen in unserer Psyche aufnehmen, wir müssen uns heilen vom Pessimismus - er ist beschämend für eine junge Nation, seine Grundlage besteht darin, dass passive, kontemplative Naturen geneigt sind, im Leben vorzugsweise seine schlechten, bösen, den Menschen erniedrigenden Erscheinungen hervorzuheben. Sie heben diese Erscheinungen nicht nur aus einer krankhaften Neigung zu ihnen hervor, sondern auch deshalb, weil sich hinter ihnen die eigene Willensschwäche bequem verbergen lässt, mit ihrer Vielzahl kann man die eigene Untätigkeit rechtfertigen. Tatkräftige, aktive Naturen richten ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die positiven Erscheinungen, auf die Keime des Guten, die, weiter entwickelt mit Hilfe unseres Willens, unser mühsames, kränkendes Leben zum Besseren ändern müssen.
Das russische «Gottsuchertum» geht aus dem Mangel an Überzeugtheit von der Kraft der Vernunft hervor, aus dem Bedürfnis des schwachen Menschen, einen führenden Willen außerhalb seiner selbst zu finden, aus dem Wunsch, einen Herrn zu haben, dem man die Verantwortung für das sinnlose und unansehnliche Leben auferlegen kann.
Die Flucht vor der Welt, die Lossagung von der Wirklichkeit wird gewöhnlich mit dem Wunsch nach «persönlicher Vervollkommnung» bemäntelt; aber alles auf Erden vervollkommnet sich durch Arbeit, durch die Berührung mit dieser oder jener Kraft. Im Grunde zeigt die «persönliche Vervollkommnung» die Abgetrenntheit von der Welt an, sie wird in der Persönlichkeit hervorgerufen durch die Empfindung ihrer sozialen Kraftlosigkeit, die sich besonders scharf in den Jahren der Reaktion einstellt. So war bei uns in Russland die Epidemie der «Vervollkommnung» in den finsteren 1880er Jahren sehr stark und lebte nach 1905 wieder auf.
Das bürgerliche Denken der Gegenwart, verbraucht, degeniert und talentlos, wendet sich, da es große Ereignisse kommen sieht, mit denen zu kämpfen es nicht die Kraft hat, nach Osten, versucht die sterbenden Ideen und Lehren über den illusorischen Charakter der Welt, über die Sinnlosigkeit des Lebens, über den anarchischen Eigenwillen der Persönlichkeit, der ihre Phantasien und Launen, ihre Grausamkeit und ihren Despotismus rechtfertigt, wieder zu beleben. Aber der Osten entfernt sich geistig in Richtung auf Europa, und die unentschlossene Bewegung des bürgerlichen Denkens nach Osten ist genauso unsinnig, wie es für einen Menschen, der es eilig hat, unsinnig wäre, von Petrograd nach Frankreich und England über Asien und den Stillen Ozean zu fahren.
Die Hinwendung zu Mystik und romantischen Phantasien – das ist die Hinwendung zur Stagnation, und sie richtet sich letzten Endes gegen die junge Demokratiebewegung, die man vergiften und ihrer Kraft berauben will, indem man ihr die Ideen der passiven Beziehung zur Wirklichkeit, des Zweifels an der Kraft der Vernunft, der Forschung und der Wissenschaft einimpft; und man will in dieser Bewegung das Wachsen einer neuen kollektivistischen Psyche aufhalten, die einzig fähig ist, eine schöne und starke Persönlichkeit zu erziehen. Die Demokratiebewegung muss lernen, sich in diesen Absichten auszukennen; sie muss auch lernen zu verstehen, was ihr aus Asien in Fleisch und Blut übergegangen ist, dem Asien mit seinem schwachen Willen, seinem passiven Anarchismus, seinem Pessimismus, seiner Neigung sich zu berauschen, zu träumen - und was von Europa in ihr steckt, dem durch und durch aktiven, in der Arbeit unermüdlichen, nur an die Kraft der Vernunft, der Forschung und der Wissenschaft glaubenden Europa.

Anmerkungen
(Die Anmerkungen sind der Ausgabe Maksim Gor'kij: pro et contra, S.-Peterburg 1997, S. 863-864 entnommen, leicht verändert und ergänzt durch einige Erläuterungen für den deutschen Leser)
[1] Der Erste Weltkrieg.
[2] Schicksal (türk.).
[3] Frederick Soddy (1877-1956), englischer Chemiker, Schöpfer der Theorie des radioaktiven Zerfalls.
[4] Auch Laozi, Laosi, 6.-5.Jh. v. Chr., Gründer des Taoismus.
[5] Ägyptischer Schriftsteller (1865-1908); sein Buch «Die neue Frau» erschien 1912 in russischer Übersetzung.
[6] Muallim-Nadzhi (1850-1893) (latein. Schreibung nicht ermittelt).
[7] Angela de Gubernatis (1840-1913), italienischer Gelehrter, Herausgeber, Politiker.
[8] Anhänger einer von Mirza Ali Muhammad um 1840 im Iran gegründeten Glaubensgemeinschaft; der Gründer nannte sich Bab, „die Brücke“. (Lateinische Schreibung des Buchtitels nicht ermittelt)
[9] Mirza Husain Ali Nuri, ein Nachfolger des Bab, nannte sich Bahaullah („Herrlichkeit Gottes).
[10] Zit. nach der Ausgabe: Fjodor Dostojewskij: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, Übers. von Swetlana Geier, Reclam Universalbibliothek Nr. 8021 (2), Stuttgart 1984, SS. 28, 38, 135.
[11] Gemeint ist eine Gruppe von Intellektuellen (M.O. Gershenzon, P.B. Struve, S.N. Bulgakov u.a.), die 1909 in dem Sammelband „Vekhi“ (Wegmarken) eine Abkehr vom Ideal der Revolution zugunsten philosophisch-religiöser Grundwerte gefordert hatte.
[12] Anspielung auf Dostojewskis Erzählung „Eine garstige Anekdote“, in der der heuchlerische Umgang von Bürokraten mit den neuen liberalen Ideen der 1860er Jahre aufs Korn genommen wird.
[13] Die Apostelgeschichte und das Kirchengebetbuch.

Kategorie: Russland und die Russen

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