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Orlando Figes: "Die Flüsterer - Leben in Stalins Russland"

Donnerstag, 01. April 2010, 00:29:30 | Armin Knigge

In russischer Sprache finden Sie diesen Eintrag hier

Aber Ihr Vater hat doch nicht zur Klasse der Dorfarmut gehört?
Nein, nein, nein. Wir haben gut gelebt... Hatten einen guten Hof, eine starke Wirtschaft... Alle haben doch gearbeitet... Die Familie meines Großvaters zählte vierzehn Personen, alle haben gearbeitet...


Das sind Worte aus einem Interview mit Dmitrij Nikolaevich Streleckij (Strelezki), das im Jahr 2004 mit dem damals 86jährigen aufgenommen wurde. Das «gute Leben» und die «starke Wirtschaft» der Familie waren im Leben dieses Menschen ein Brandmal und ein Verbrechen, diese Vergangenheit zwang ihn, sich zeitlebens als «Mensch zweiter Klasse» zu fühlen: «Ich dachte immer, dass mir jemand folgt, jemand mich beaufsichtigt, dass ich äußerst vorsichtig sein müsste, äußerst wachsam». Nachdem die Familie im Jahr 1933 aus einem Dorf im Bezirk Kurgan (Südural) in eine «Sondersiedlung» im Bezirk Perm deportiert worden war, blieb der 16jährige Strelezki für den Rest seines Lebens der «Sohn eines Kulaken». Dabei musste die Deportation dieser Familie sogar nach den Maßstäben der Zeit äußerst willkürlich erscheinen. Dmitrijs Vater hatte im Bürgerkrieg auf seiten der «Roten» gegen Koltschak gekämpft, zwei Jahre zuvor, 1931, war er in den Kolchos des Dorfes eingetreten. Er liebte die Sowjetmacht nicht, aber er hatte sie ohne Widerstand akzeptiert. Der Vorsitzende des Dorfsowjets, der für die Aussiedlung verantwortlich war, hat dem Sohn viele Jahre später erzählt, wie die Entscheidung zustande kam: «Ich bekam eine Direktive, sagte er mir, sollte 17 Kulakenfamilien auswählen... Wir versammelten das Komitee der Dorfarmut, wen nehmen wir?» Sie nahmen, natürlich, zuerst die Einzelbauern (edinolichniki), aber von denen gab es nicht mehr genug, also füllten sie den Rest mit Kolchosbauern, darunter die Strelezkis.

In vollem Umfang und in russischer Sprache kann man dieses Interview auf der Website des britischen Historikers Orlando Figes lesen. Es gehört zu den mehr als 450 Befragungen von Zeitzeugen, die Figes und seine Helfer in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts in Russland aufgenommen haben. Das Buch «The Whisperers: Private Life in Stalin's Russia» erschien 2007 in London, die deutsche Übersetzung «Die Flüsterer: Leben in Stalins Russland» kam 2008 im Berlin Verlag heraus. Nach zwei vielbeachteten und preisgekrönten Arbeiten zur russischen Geschichte – A People's Tragedy: the Russian Revolution, 1996, und Natasha's Dance: a cultural history of Russia, 2002 – ist „Die Flüsterer“ die erste große Untersuchung der Alltagsgeschichte der Stalinzeit. Ins Russische ist das Buch, trotz einer größeren Zahl lobender Rezensionen in den russischen Medien, bisher nicht übersetzt. Man lässt sich in Russland nicht gern von Ausländern die eigene Geschichte erklären. Zudem wird die Stalinzeit gegenwärtig aus eher nostalgischen Motiven wiederentdeckt. Trotzdem darf man die Vorhersage wagen, dass dieses Buch eines Tages Millionen Leser in Russland finden wird, einfach deshalb, weil hier in erster Linie nicht ein politisches System analysiert, sondern „privates Leben“, vor allem Familiengeschichte erzählt wird, und zwar in großen Teilen von den Betroffenen selbst. Die heute lebenden ehemaligen Sowjetbürger und ihre Nachkommen werden besonders in den Erzählungen über die Kindheit und Jugend der nach der Revolution Geborenen viel über sich und ihre Familien erfahren können. Von Randgruppen und Minderheiten kann dabei nicht die Rede sein. Figes rechnet vor, dass nach glaubwürdigen Schätzungen zwischen 1928 und 1953 (dem Todesjahr Stalins) ca. 25 Millionen Sowjetbürger von Repressalien betroffen waren, etwa ein Achtel der Bevölkerung. Bedenkt man das von den Staatsorganen praktizierte Prinzip der Sippenhaft und der Ahndung jeglicher Kontakte mit „Volksfeinden“, so bleibt kaum eine größere Zahl von Sowjetbürgern übrig, die von alldem nichts erlebt oder nichts gewusst haben. Zwar sind in der Gruppe der Befragten die Opfer in der Mehrzahl, aber auch Nutznießer und verantwortliche Funktionäre des Regimes sind vertreten. Eines der interessanten Ergebnisse der Untersuchung besteht zudem darin, dass eine klare Aufteilung der Sowjetbürger in Täter und Opfer nicht möglich ist. Die Stalinzeit war nicht nur eine Zeit des Terrors und der Unsicherheit, sondern auch, wie Figes zeigt, „eine Zeit enormer Chancen und sozialer Mobilität“. Die Kollektivierung und Urbanisierung der Bauernschaft, die noch im Jahr 1926 82% der Sowjetbevölkerung ausmachte, schuf eine völlig neue Gesellschaft, wenn auch kaum den „neuen Menschen“. Es gibt also gute Gründe für die Bürger Russlands, sich mit Figes‘ Buch, vor allem aber mit den darin verarbeiteten Erinnerungen zu beschäftigen.

Manche Fragen, auf die es längst fertige Antworten zu geben schien, stellen sich im Licht der persönlichen Erinnerungen neu. Wer war der „Sowjetmensch“ und wer gehörte aus heutiger Sicht zu dieser Kategorie? Kehren wir zu dem angeführten Zeitzeugen D.N. Strelezki zurück. Betrachtet man seine Biographie nach der Deportation im Jahr 1933, so kann es kaum einen Zweifel daran geben, dass dieser „Sohn eines Kulaken“ ein Mensch der neuen Zeit, ein Sowjetmensch war. Schon in der „Schule der Kolchosjugend“ am Verbannungsort zeichnete er sich durch gute Leistungen aus. Der Vater hatte seine Kinder ermahnt: „Ihr sollt lernen! Das einzig Gute an der Sowjetmacht ist, dass sie euch eine Ausbildung bietet. Also lernt!“ Dmitri wurde Komsomolze und strebte mit aller Kraft nach höherer Bildung. Die Hindernisse, die sich aus seiner Vergangenheit ergaben, überwand er mit großer Energie und schaffte es, an der Universität zu studieren. Er erfuhr auf diesem Wege nicht nur Diskriminierung, sondern auch Mitgefühl und Unterstützung, besonders von seinen Lehrern. Zweimal stellte er einen Antrag auf Aufnahme in die Partei, beim ersten Mal „störte“ wieder die Vergangenheit, aber nachdem er Vorsitzender des Gewerkschaftskomitees in seinem Betrieb geworden war, wurde er sogar aufgefordert, den Antrag zu stellen. Die Aufnahme in die Partei machte ihn stolz.

Wie die Mehrheit seiner Leidensgenossen wollte er vor allem ein „normales“ und „nützliches“ Mitglied der Gesellschaft werden. Zum echten Sowjetmenschen machte ihn sein ehrlicher und unerschütterlicher Glaube an die Sowjetmacht. Er las Zeitungen, um sich über die politischen Ereignisse auf dem laufenden zu halten, besonders aufmerksam verfolgte er die Prozesse gegen „Feinde“. Auf die Frage, wie er und seine Umgebung sich zu diesen Prozessen eingestellt haben, antwortet er mit großem Nachdruck und einer fast flehentlichen Intonation: „Wir glaubten, wir glaubten! Ich glaubte, glaubte alles.“ Nie kamen ihm Zweifel. In der Familie war man sogar der Meinung, dass es eben diese „Feinde“ waren, die auch die Strelezkis verfolgt hatten, und dass sie dafür von Stalin bestraft würden. Stalin war in aller Munde, wie konnte man ihm nicht vertrauen? Den Tod des Diktators erlebte Strelezki zusammen mit der Mehrhheit der Bevölkerung in einem Zustand der Trauer und Ungewissheit. Im Interview versucht er mit großer Vorsicht, für diese bedingungslose Loyalität gegenüber dem Regime eine Erklärung zu geben, die ihm erst in postsowjetischer Zeit in den Sinn kam:

„Vielleicht hat sich dieser Glaube – wenigstens denke ich jetzt, also heute darüber so – irgendwie auf unsere Psychologie ausgewirkt, also die Psychologie der Menschen, die in der sowjetischen Zeit bestraft worden sind. Vielleicht ist das Selbstbetrug. Aber wir ertrugen diese Bestrafungen, die uns vom Schicksal auferlegt wurden, leichter, wenn wir an die Gerechtigkeit Stalins glaubten, und die Angst wurde kleiner.“ Ein in seinem Fatalismus erschütterndes Bekenntnis: die Lüge wird damit gerechtfertigt, dass sie die Angst erträglicher macht. Gorki hat die „tröstliche Lüge“ stets verurteilt, er sah in ihr eine Erniedrigung des „stolzen Menschen“. In der Tat, stolze Menschen waren Strelezki und mit ihm Millionen Sowjetbürger nicht. Und sie waren auch nicht die „freien Schöpfer ihres Schicksals“, die Gorki in den 30er Jahren in seinen Zeitungsartikeln beschrieb. Aber es wäre zynisch, ihnen daraus heute einen Vorwurf zu machen. In Figes‘ Buch „Die Flüsterer“ begegnen dem Leser nicht Helden und Widerstandskämpfern, sondern gewöhnliche Menschen, die Mitgefühl mit ihrem schweren Schicksal verdienen. Unter ihnen ist eine erstaunlich große Zahl von Menschen, die auch unter den grausamen Bedingungen der Zeit ihre Würde bewahrt hatten. „Die Welt ist nicht ohne gute Menschen“, tröstet einer seiner Lehrer den jungen Mann.

Zum Thema der sowjetischen Vergangenheit in diesem Blog auch der Eintrag
“Antisowjetschik“ – das klingt stolz!

Kategorie: Russland und die Russen

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