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Von Kindern der Sonne und Menschen in der Finsternis

Mittwoch, 19. Mai 2010, 12:09:11 | Armin Knigge

Der folgende Text ist im Programmheft (Nr. 23) zu Gorkis Drama "Kinder der Sonne" im Thalia Theater Hamburg erschienen. Premiere: 24. März 2010
Über die Aufführung und das Presseecho berichtet der Verfasser hier.

Man weiß nicht so recht, was der Chemiker Protassow in seinem Kolben zusammenkocht und was er letztlich finden will - einen Homunculus, die „Substanz des Lebens“? Jedenfalls schlägt den Besuchern des Hauses ein befremdlicher Geruch entgegen und die abergläubischen Dörfler halten Protassow für einen Hexenmeister. Es könnte sein, dass sich die Zuschauer in einem Theater des 21. Jahrhunderts in einer ähnlich ungewissen Lage befinden, wenn sie versuchen, Gorkis Stück „Kinder der Sonne“ einer ihnen mehr oder weniger vertrauten Gattung zuzuordnen. Was haben wir hier vor uns – ein Sozialdrama, einen philosophischen Diskurs, politisches Agitprop-Theater, ein Beziehungsdrama im Geist Tschechows, eine Komödie, eine Tragödie?

Gorki selbst hat sein Stück in einem Brief so beschrieben: „Es wird darin Menschen geben, die ein starkes Interesse an den Schicksalen des Weltalls, der Kunst und der Menschheit haben, und sie werden serviert mit einer Garnitur von Hausknechten, Hausbesitzern, Kinderfrauen, Stubenmädchen und betrunkenen Handwerkern. Es wird Cholera-Aufstände geben; in der Umgebung von Menschen, die von der Harmonie des Weltalls träumen, scheint mir die Unordnung einer Cholera-Epidemie sehr passend.“ Der ironische Ton lässt auf eine Komödie schließen, aber das Element des Düsteren, Abgründigen, das im Motiv der Cholera anklingt, kommt im Stück sehr viel ernster zum Vorschein. Ein Selbstmord, ein Pogrom und der Auftritt einer Wahnsinnigen beschließen das Drama. Diese Elemente des Tragischen reflektieren ein historisches Ereignis: die gescheiterte russische Revolution des Jahres 1905. Gorki schrieb das Stück in der Peter-Paul-Festung in Petersburg, wo er wegen seiner Teilnahme an Protestaktionen inhaftiert war. Das Ideal der Freiheit und des „stolzen Menschen“, das er ein Jahr zuvor in dem Poem „Der Mensch“ verkündet hatte, schien mit dem „Blutsonntag“ des 9. Januar, einer Militäraktion gegen friedliche Demonstranten, in unerreichbare Ferne gerückt. Eindrücke von Kleinmut und Verrat in den Reihen der Revolutionäre verstärkten das Gefühl der Niederlage. In „Kinder der Sonne“ wollte Gorki jedoch keineswegs die Trauer und Resignation der gescheiterten Revolutionäre zum Thema machen, „Kinder der Sonne“ war im Gegenteil die trotzige Behauptung des utopischen Ideals und damit auch eine Botschaft an seine zahlreichen Verehrer in aller Welt, die in Solidaritätsadressen seine Freilassung forderten: Wir dürfen nicht resignieren! Es geht um mehr als eine neue politische Ordnung, Ziel ist die Befreiung des Menschen von allen Unzulänglichkeiten seiner „Sklavennatur“, von Neid und Habgier, Gewalt und Lüge. Um diese universale Dimension deutlich zu machen (und auch aus Zensurgründen), verzichtete Gorki auf den direkten Bezug zur russischen Revolution; den historischen Hintergrund bilden Cholera-Unruhen in den 1890er Jahren. Schauplatz der Auseinandersetzungen um den „neuen“ und den „alten“ Menschen ist die von Tschechow bekannte Welt der Herrenhäuser in ländlicher Umgebung, die aber bei Gorki stärker durch sein eigenes Thema geprägt wird: die problematische Beziehung zwischen „Volk“ und „Intelligenz“.

Die Bewohner des Herrenhauses, der Chemiker Protassow, seine Familie und seine Freunde, verkörpern die Rolle der russischen „Intelligenzija“, jener zahlenmäßig kleinen Schicht der Gebildeten, die sich an einer europäisch geprägten Stadtkultur orientiert. Der Hausbesitzer, die Bediensteten des Hauses und die Dorfbewohner gehören dagegen zu den bildungsfernen Schichten des „Volkes“. Dort herrscht in Teilen noch die bäuerlich-patriarchale Kultur, die aber deutlich ins Wanken geraten ist durch das Bestreben vieler Landbewohner, aus der sozialen Tiefe in die etwas komfortableren Etagen der neuen Welt der Wirtschaft und des Geldes aufzusteigen. Protassow und seine Umgebung stehen – wie Gorki selbst – ganz in der Tradition jener linken Intelligenzija, die es als ihre heilige Pflicht ansah, das Volk aus den Fesseln von Armut und Unwissenheit zu befreien, ein – wie das Drama zeigt – nahezu aussichtsloses Unternehmen. In den Kollisionen der beiden eineinader fremden oder sogar feindlichen Kulturen entfalten sich sowohl die tragischen als auch die komischen Situationen der Handlung.

Über den nationalen Rahmen hinaus repräsentieren die Bewohner des Herrenhauses auch jene Kategorie besonderer Menschen, der die Bewunderung des überzeugten „Westlers“ Gorki galt. Der Titel „Kinder der Sonne“ war einem auch in Russland erschienenen Buch des deutschen Astronomen Hermann Klein („Astronomische Abende“) entnommen. Die Metapher steht dort für eine Elite aus Naturwissenschaftlern und Künstlern, die der Menschheit das Licht der Erkenntnis und der Schönheit vermitteln und sie so dem Ideal der Humanität näher bringen. Die handelnden Personen des Dramas sind „Menschen“, und die Differenzierung in „echte“ und „falsche“ Menschen, „Kinder der Sonne“ und
Bewohner der Finsternis, bezieht sich auf das universale Projekt der Aufklärung und Befreiung, auf die große Fahrt „zum vollkommenen Menschsein“. Symbolisch verdichtet ist diese Idee in dem Bild eines Schiffes mit dem Namen „Zur Sonne“, das Jelena, Protassowss Frau, im Traum gesehen und dem Maler Wagin gleichsam in Auftrag gegeben hat.

Das Motiv des Schiffes bietet ein Beispiel für die problematischen Seiten der Ästhetik Gorkis, es kennzeichnet das Pathos und die unverhüllte Didaktik, die auf den Zuschauer von heute befremdlich wirken kann, andererseits aber vermittelt dieses Bild in anschaulicher Weise die ganze Problematik der „Kinder der Sonne“. Am Bug und der Reling des von stürmischen Wellen umgebenen Schiffes stehen – in der Traumschilderung Jelenas – „starke und unerschütterliche Menschen“, sie „lächeln stolz und blicken gelassen in die Ferne, bereit, zugrunde zu gehen auf dem Weg zu ihrem Ziel“. Das Bild begeistert die Zuhörer, in den Gesprächen wird weiter an ihm gearbeitet. Vergleicht man aber dieses Idealbild mit den realen Menschen im Drama, die eigentlich für die Rolle der „starken, unerschütterlichen Menschen“ vorgesehen sind, so tun sich Abgründe auf.

Die Hauptfigur Protassow, gleichsam der Kapitän des Schiffes, ist ein herzensguter Mensch, aber ein völlig weltfremder Gelehrter, der nur in seiner Wissenschaft lebt und die Menschen seiner Umgebung, seine Ehefrau eingeschlossen, nicht wirklich wahrnimmt. Seine Schwester Lisa, von traumatischen Erlebnissen im Zusammenhang mit den Cholera-Unruhen verfolgt und zutiefst unglücklich, verliert am Ende den Verstand. Wagin, Protassows Freund, der dessen Ehefrau für sich gewinnen will, versteht sich als individualistischer Künstler und möchte sich am liebsten allein am Bug des Schiffes abgebildet sehen. Der Veterinär Tschepurnoj erscheint ebenfalls ungeeignet für die Fahrt „zur Sonne“, er neigt zu zynischen Scherzen über die Menschen und ihre „animalische“ Natur, außerdem ist er unglücklich verliebt in die gemütskranke Lisa und endet mit Selbstmord. Einzig Protassows Ehefrau Jelena scheint dem Ideal des starken, vernunftbegabten, uneigennützigen Menschen nahe zu kommen, aber sie teilt die Grundbefindlichkeit aller Personen, sie lebt in einer unglücklichen Beziehung zu ihrem Mann, von dem sie sich missachtet fühlt

Aussichtslos erscheint das große Projekt aber vor allem auf seiten der „kleinen“ Menschen, die der eigenen „Rettung“ durch die „Herrschaften“ mit Gleichgültigkeit oder mit aktivem Widerstand begegnen. Der einzige Fall einer gewünschten und sogar ersehnten Aufnahme in die Welt der „Kinder der Sonne“ ist die Beziehung der Kaufmannswitwe Melanija zu Protassow. Nach einem entwürdigenden Leben mit einem brutalen Mann möchte Melanija „ein Mensch werden“ und hat sich dafür Protassow ausgesucht, den sie wie einen Heiligen verehrt. Nach dem vergeblichen Versuch, ihn mit ihrem Vermögen zu bestechen, muss Melanija von ihrer törichten Liebe ablassen – eine bei aller Lächerlichkeit anrührende Geschichte. Die übrigen Vertreter des „Volkes“ sind an den Idealen der Gebildeten ohnehin nicht interessiert. Die Kinderfrau Antonowna ärgert sich beständig über die neuen Sitten der Herrschaft; das Stubenmädchen Fima hat seinen eigenen Begriff von Fortschritt: sie verkauft sich als Mätresse an den meistbietenden Freier. Auch der Hausbesitzer Nasar Awdejewitsch und sein Sohn Mischa sind in der neuen Zeit angekommen: sie planen eine Seifenfabrik auf Protassows Gelände, in der der Chemiker ihnen als Angestellter dienen soll.

Als finsterste Figur des Stücks agiert der Schlosser Jegor, in dem Gorki alle Eigenschaften versammelt hat, die er als das gefährliche Potential des russischen Volkscharakters betrachtete: Brutalität, Trunksucht und ein tiefer Hass auf die „Herren“, verbunden mit einer dreisten und verschlagenen Rhetorik. Jegor schlägt seine Frau (in Luk Percevals Bearbeitung durch die Figur der Julija aus „Sommergäste“ ersetzt), und besteht trotzig auf seinem Recht zu diesem Verhalten. Protassows Versuch, ihn deshalb zurechtzuweisen, zeigt die Ahnungslosigkeit einer moralischen Erziehung solcher Art: „Ja weißt du, eigentlich ist das nicht in Ordnung... Du bist doch ein Mensch, die strahlendste und wunderbarste Erscheinung auf der Welt“. Protassow kann es nicht fassen, dass dieser Mann, den er als geschickten Arbeiter schätzt, am Schluss als Anführer eines Pogroms in sein Haus einfällt.

Dass es hier ein ernstes Problem gibt, bleibt den Verehrern der „Kinder der Sonne“ nicht verborgen. „Und welchen Platz nehmen solche Menschen in deinem Bild (dem Bild des Schiffs) ein“, fragt Lisa, an Jelena gewandt. „Es wird sie nicht mehr geben“, antwortet Jelena, und Protassow fügt hinzu: „Wie Algen und Muscheln werden sie sich am Schiffskiel festsaugen... Diese Menschen sind die toten Zellen im Organismus“ - eine erstaunlich kaltschnäuzige Antwort, wenn man bedenkt, dass hier nicht nur die Jegors, sondern das Millionenheer der „normalen“ Menschen gemeint sind. Lisa verurteilt diese mitleidlose Qualifizierung von Menschen als „tote Zellen“, die als Abfall zu entsorgen sind: „Wie grausam ihr seid, blind und grausam.“

Dem Theaterbesucher von heute eröffnet das Thema Einblicke in die allmählich verblassende Welt des utopischen Denkens im 20. Jahrhundert, die Sehnsucht nach dem neuen Menschen. Gorki lässt dabei nicht nur den Enthusiasmus in diesen hochfliegenden Träumen zur Sprache kommen, sondern auch die Gegenstimmen der Zweifler und Verzweifelten. Die Geschichte Russlands in den folgenden Jahrzehnten hat ihnen in vielem Recht gegeben. Gorki selbst hat in seinem späteren Werk, besonders in seiner Prosa der 20er Jahre, das katastrophale Missverhältnis zwischen dem Ideal des stolzen Menschen und den Ergebnissen der Revolution zum Thema gemacht. Dennoch blieb er ein leidenschaftlicher Verfechter seines „Menschenkults“, der ihn am Ende in die fragwürdige Rolle eines Kulturfunktionärs an der Seite Stalins brachte. Vieles an dieser großen und widersprüchlichen Persönlichkeit ist noch unentdeckt.

Es wäre aber falsch, „Kinder der Sonne“ allein zum Gegenstand eines historisch-politischen Seminars zu machen. Auf der Bühne zählen nicht komplizierte Ideengebäude, sondern der unmittelbare Eindruck von Menschen und Situationen. Und in dieser Hinsicht hat Gorki immer noch einiges zu bieten. Im Jahre 2008 hat das Stück am Malyj teatr in Moskau eine überraschende Auferstehung erlebt. Es galt in der sowjetischen Zeit als Musterwerk des sozialistischen Realismus und war mit der Perestrojka von den Spielplänen verschwunden. Der renommierte Regisseur Adolf Schapiro inszenierte das Stück mit einer im Ton deutlich gedämpften „Botschaft“ und konzentrierte sich auf die intensive Ausarbeitung der einzelnen Rollen und das Ensemblespiel. Verehrer des „sowjetischen“ Gorki waren unzufrieden mit der Abschwächung des kämpferischen Pathos, die Mehrheit der Kritiker und Zuschauer zeigte sich dagegen beeindruckt von einer „stillen, zarten und lyrischen Aufführung“ (Jewgenija Schmelewa), andere auch von der Aktualität des Themas der Intelligenzija, die unter den Bedingungen des neuen russischen Kapitalismus wieder einmal dabei sei, ihre großen gesellschaftlichen Aufgaben zu verraten. Im ganzen ergab diese Theaterkritik ein vielstimmiges und ernsthaftes Gespräch über Gorki, das Theater und das heutige Russland.

Kategorie: Gorki in unseren Tagen

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