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"Kinder der Sonne" im Hamburger Thalia Theater

Mittwoch, 19. Mai 2010, 12:31:40 | Armin Knigge

Als ich vor einem Jahr die Moskauer Aufführung von Gorkis Drama «Kinder der Sonne» und ihr Echo in der russischen Presse besprach (den Eintrag finden Sie hier), wusste ich nicht, dass um diese Zeit im nahen Hamburg Vorbereitungen für eine Inszenierung dieses selten gespielten Stücks liefen, und ich hätte das auch für ziemlich unwahrscheinlich gehalten. «Kinder der Sonne» in Hamburg? Von einem bekannten Vertreter des «Regietheaters» inszeniert? Das schien noch weniger in die Zeit zu passen als das Moskauer Projekt, das von der russischen Kritik zunächst mit einem gewissen Befremden aufgenommen worden war. Um so mehr freue ich mich über die Gelegenheit, die Produktion des bekannten Regisseurs Luk Perceval vorzustellen, die am 24. März Premiere hatte. Erst vor ein paar Tagen, am 14. Mai, hatte ich Gelegenheit, mir die Aufführung anzusehen – und sie hat mich beeindruckt: ein ungewöhnlicher, lebendiger und unterhaltsamer Theaterabend mit einem hervorrragenden Ensemble. Mit der Moskauer Produktion (die ich leider nur aus Besprechungen kenne) hat Percevals Inszenierung sicher wenig Ähnlichkeit, aber in einem wesentlichen Punkt sind diese Theaterereignisse vergleichbar. Die Hamburger Aufführung hat wie die Moskauer eine interessante Diskussion ausgelöst, in der es nicht nur um unterschiedliche Bewertungen der ästhetischen Qualität, sondern um Grundfragen der gesellschaftlichen Situation ging, insbesondere um die Frage: Kann man nach dem vielfach verkündeten Ende der großen Zukunftsentwürfe und der in ihrem Namen geführten Kriege noch Utopien vertreten? Und wenn ja, welche könnten das sein und wie könnte man sie auf eine heutige Bühne bringen? In Russland ging es dabei um die moralischen Pflichten der alten Intelligenzija gegenüber dem Land und dem «Volk» (heute sollte man eher «Bevölkerung» sagen). In Deutschland ging es darum, ob Perceval in seiner sehr freien Bearbeitung eine vielschichtige Gesellschaftsanalyse auf eine «Beziehungsfarce» reduziert, oder ob das Bühnengeschehen darüber hinaus etwas wie einen philosophischen Diskurs über die «die Menschen» und «die Zukunft» vermittelt. Perceval selbst hat sich zu dieser Frage, ungewöhnlich genug, selbst mit einer «Gegenkritik» zu Wort gemeldet, die in der Mai-Nummer der Zeitschrift Theater heute erschienen ist. Mehr Klarheit in der Sache hat diese Erklärung nicht gebracht. Aber sie hat die Probleme benannt, die heute mit diesem Thema verbunden sind und die wesentlich auch die «Spielbarkeit» von Gorkis Dramatik in unserer Zeit betreffen.
Um es vorweg zu sagen: Gorkis Stücke sind, insofern sie utopische Ideen transportieren, nur auf den ersten Blick unzeitgemäß. Sie passen in heutige Verhältnisse, und zwar nicht nur im Sinne von verfehlten Lebensentwürfen und missratenen Beziehungen, sondern durchaus auch im Sinne eines wachsenden Bedürfnisses, dem individuellen und gesellschaftlichen Dasein wieder mit universellen Sinngebungen zu begegnen. Das Programmheft der Hamburger Aufführung gibt dafür vielleicht mehr Anregungen als das Bühnengeschehen selbst. Mehr darüber am Ende dieses Eintrags, zuvor seien die Kritiken zu «Kinder der Sonne» in einigen Mustern verschiedener Richtung vorgestellt.

«Plapperversion» und «Mätzchentheater»?

Beginnen wir mit der Kategorie «Verrisse», von denen mir zwei bekannt sind (es mag aber noch mehr geben). Es handelt es sich um Verteidigungen der Originalfassung des Dramas, also um Verteidigungen Gorkis, für die man auf den Seiten dieses Blogs Zustimmung erwarten darf. Ich sehe aber keinen Anlass zum Kopfnicken, weil die Beiträge mir nicht stichhaltig erscheinen und im Ton gehässig sind. Wer heute wie selbstverständlich das Theater als eine Einrichtung im Dienst der Literatur und der Werktreue betrachtet, ist nicht ernstzunehmen. Ulrich Fischer bemängelt im Portal regietheater.suite101.de, Perceval habe «Kinder der Sonne» «ohne Sinn für die geschichtliche Bedingtheit des Stücks aktualisiert», Gorkis «optimistische Geschichtsphilosophie» sei ersetzt durch einen «modischen Pessimismus», Gorkis «plastisches Meisterwerk» werde zum «Comic Strip». Es geht hier, dem Programm der Website folgend, gegen die «Regietheaterkönige», Perceval werde «überschätzt». Der konkrete Inhalt der Bühnenfassung kommt im Grunde nicht zur Sprache. Auch Ulrich Weinzierl in der «Welt» ergeht sich hauptsächlich in persönlichen Angriffen gegen Perceval («Unter Luk Percevals Hut steckt kein Kopf»). Seine Bearbeitung zeige, dass er die erwiesene «Qualität und Dauerhaftigkeit des oft missachteten Dramas» nicht anerkenne: «Dreist und ahnungslos missbraucht Luk Perceval die Vorlage für Mätzchentheater». Dass die weitgehende Eliminierung des nationalen und historischen Kontexts, insbeondere die Nivellierung der Standesunterschiede zwischen den Personen («Volk» und «Intelligenz») in Percevals Fassung Probleme mit sich bringt, ist nicht zu bestreiten, aber leichtfertig und sinnlos ist dieses Verfahren keineswegs, es dient vielmehr der Generalisierung des Themas im Sinne des «Menschen» jenseits des nationalhistorischen Kontexts, und das ist kein Widerspruch zu Gorkis Intentionen. Und die Qualifizierungen der Bühnenfassung als «Plapperversion» und «Mätzchentheater» sind indiskutabel. Armgard Seegers (Hamburger Abendblatt) vertrat wohl die Meinung der Mehrheit, wenn sie feststellte: «Wie oft haben wir uns schon über «Stückzertrümmerer» oder Regiewillkür gewundert. Diesmal verschafft der Regisseur Gorkis Drama über Mitglieder einer dekadenten Bürgerepoche neue Energien». Aktualisierungen sind immer strittig, sie müssen sich durch Überzeugungskraft bewähren, und die hat Percevals Produktion nach überwiegender Ansicht bewiesen. «Frisch» wirke das Werk, meint der Kritiker des NDR, «kein bisschen verstaubt».

Eine «Beziehungsfarce» – und nicht mehr?

Seine Frische und Verständlichkeit für den Zuschauer von heute verdankt Percevals Produktion ihrer Ausformung als «Beziehungsfarce». «Was könnte auch gegenwärtiger sein als diese sorgfältig zum Gesellschaftsspiegel zusammengewürfelte Gruppe angeödeter Menschen, die allesamt irgendwie die Frage bewegt: Wie soll man leben?», stellt Ruth Bender in den Kieler Nachrichten fest. «Das ist zum Mitleiden finster und zum Heulen komisch, wie die Liebe in allen möglichen Katastrophen gegen die Wand fährt». Um den kollektiven Charakter des Phänomens hervorzuheben – alle leiden an Liebesentzug, aber jeder auf seine Weise – hat Perceval die konventionelle dramatische Komposition aus Szenen, Auftritt und Abtritt radikal abgeschafft: er präsentiert die dreizehn Darsteller als Teilnehmer einer Gruppensitzung mit psychotherapeutischen Übungen wie «kreatives Schweigen», wütendes Gebrüll und – endloses Gerede über Gott und die Welt. In der Regel sind alle auf der Bühne (Katrin Brack) präsent , meist sitzen sie nebeneinander auf einem langen Tisch, eine Art Malerpodest, während hinter ihnen die Kinderfrau Antonowna eine Bilderbuchrealität (die Sonne, Häuser, Gegenstände, Wörter) auf eine endlose Papierbahn malt, die sich zwischen zwei mächtigen Rollen langsam weiterdreht. «Percevals Selbsthilfegruppe für Sinnsucher» ist die Rezension des Hamburger Abendblatts überschrieben, und die Kritikerin von Theater heute fühlt sich an einen «Ayurveda-Kurs aus Berlin-Prenzlauer Berg» erinnert. Das klingt sehr nach modischen Effekten, und Auftritte wie den grotesken Striptease des Arztes Kirill (Tilo Werner) mag man überflüssig finden, aber das sind Einzelheiten. Die Hauptfiguren sind nuancenreich ausgearbeitete Charakterstudien: Der «Gruppenleiter» Protassow (Jens Harzer) ist ganz eingesponnen in seine Träume von den Menschen der Zukunft und verwirrt durch die fortwährenden «Störungen», die von den gegenwärtigen Exemplaren der Gattung ausgehen. Oda Thormeyer als seine Frau Jelena präsentiert die einzige «vernünftige» Person der Gesellschaft im Wechsel von spöttischer Beobachtung, echter Teilnahme und leiser Verzweiflung; Patrycia Ziolkowska spielt die Lisa eindrucksvoll als eine düstere Kassandra ohne jede komische Note; ihr unglücklicher Partner Tschepurnoj (André Szymanski) murmelt seine zynischen Weisheiten vor sich hin, wohl wissend, dass sie ohnehin niemanden interessieren. Keine dieser Figuren wird der Lächerlichkeit preisgegeben. Selbst die Kaufmannswitwe Melanija (Marina Galic), die Protassow anhimmelt und seine Liebe buchstäblich zu kaufen versucht, weckt Mitgefühl und sogar Respekt vor ihrer Entschlossenheit, «ein Mensch zu werden». Hier fehlt allerdings der soziale Hintergrund, man darf sich ihren Ehemann als einen perversen alten Kerl vorstellen, der sie wie ein Tier behandelt hat. Für diese ungebildete Frau aus dem «Volk» erscheint die Welt der Intelligenzija, ganz im Sinne Gorkis, als das Reich der Menschlichkeit.
Was ist das Fazit dieses Spiels? Alle sind einsam und unglücklich – und reden darüber. Das ist das immer wieder funktionierende Muster von Tschechow bis Woody Allen. Die meisten Kritiker sind zufrieden mit diesem Ergebnis – «ein gelungener Abend». Aber es gibt einzelne Stimmen, die Fragezeichen setzen. Eine gute Weile lang sei das Jammern und Blubbern «ziemlich unterhaltsam», meint die Kritikerin der Kieler Nachrichten, – «Und am Ende ist es doch zu wenig. Weil es nach der Beziehungsfarce keine Fragen und nichts mehr zu erzählen gibt.» Der Eindruck mag richtig sein, es gibt aber Anzeichen dafür, dass Perceval aus Gorkis Stück mehr machen wollte als eine unterhaltsame Beziehungsfarce. Dies betrifft vor allem die zahlreichen Motive des Utopischen und den gesamten Diskurs über «die» und «den» Menschen.

«Abgesang- und Klagetheater»?

«Kinder der Sonne» war als ein «Durchhaltedrama» (Dirk Pilz in der Frankfurter Rundschau) konzipiert, die geschlagenen Revolutionäre (1905) sollten ihren Glauben an den endlichen Sieg des vernunftbegabten Menschen über all die Gewalt und den Schmutz der Gegenwart nicht verlieren. Jetzt richtete sich die Hoffnung vor allem auf Kunst und Wissenschaft. Das Thema bildet einen durchgehenden Diskurs, der auf mehr hindeutet als auf törichte Illusionen in den Köpfen der Personen. Es findet seinen Ausdruck in Protassows Bewunderung für die Menschen, diese «komplexen» und «unglaublichen» Wesen, zu allem fähig im Guten wie im Bösen; in Jelenas Traum von dem Schiff, das die neuen, «starken und unabhängigen» Menschen durch eine rauhe See steuern, und in Jelenas Appellen an ihren Verehrer, den Maler Wagin, seine Kunst im Dienst am Menschen und seiner «Veredelung» einzusetzen. Selbst die unglückliche Lisa und der Zyniker Tschepurnoj sind zeitweise fasziniert von dem Traum, «Kinder der Sonne» zu werden. Bei manchen dieser Bilder und Sentenzen droht die Gefahr der Banalität, sie aber samt und sonders als ironische Vorführung von altmodischen Moralaposteln oder verstiegenen Naturforschern zu verstehen, geht nicht nur an Gorkis, sondern vermutlich auch an Percevals Intentionen vorbei. Letzterer hätte die Möglichkeit gehabt, diese Motive in seiner stark gekürzten Fassung wegzulassen oder sie zu diskreditieren, aber es war ihm vermutlich bewusst, dass solche Eingriffe an die Substanz des Stücks rühren würden. Und offensichtlich scheint ihm Gorkis Pathos nicht so peinlich und schwer erträglich wie den Kritikern, die das Thema des Utopischen entweder gar nicht behandeln oder ironisch apostrophieren. Von banaler Bedeutsamkeit wie in «Heftchenromanen» ist da die Rede oder von Protassows «menschheitsoptimierungsversessener Chemiekeule». Der Stil suggeriert: utopisches Denken ist hoffnungslos veraltet und lächerlich. Dirk Pilz (Frankfurter Rundschau) hat dieses Thema – das Ende des utopischen Denkens – als eine ernste, tragische Grundstimmung in Percevals Inszenierung beschrieben: «Ein Abgesang – und Klagetheater, ein Schimpf- und Trauergebet». Jens Harzer in der Rolle des Protassow begegnet der von ihm beschworenen «helleren Menschheitszukunft» «mit Schnuten und Grimassen»: «Er weiß schon, dass es mit dieser Zukunft womöglich nichts werden wird, aber der Glaube daran ist so schön». Der Schluss mit Tschepurnojs Selbstmord und Lisas Wahnsinn zerstört alle Zuversicht: «Alles kippt hier ins Vergebliche, Schwermütige, Trauerumflorte. Jeder Traum, jeder Seelen- und Hoffnungsstrahl ist von Einsamkeitsangst verschattet.» Hat Perceval diese Wirkung gewollt? Die Schlussszene ist in der Tat düster gefärbt und das abrupte Ende irritiert ein wenig. Aber der Gesamteindruck einer Tragödie bleibt von diesem Theaterabend, wie mir scheint, nicht zurück, und die Kritik hat die Aufführung im ganzen eher als heiter und unterhaltsam beschrieben. Manches deutet darauf hin, dass Perceval sein Projekt selbst nicht ganz zuende gebracht, jedenfalls nicht mit einer Botschaft versehen hat. Wie sich das Thema mit dem Zeitgeist verbinden ließe, hat der Regisseur in seinen Kommentaren mehr angedeutet als ausgeführt.

Sinnangebote abseits der Bühne

Im Programmheft lassen Perceval und seine Dramaturgin Beate Heine Autoren zu Wort kommen, deren Gedanken geeignet sein könnten, der «Beziehungsfarce» einen tieferen Sinn zu verleihen, sie aus dem Zustand der ewigen Wiederholung und des «Nichts-geht-Mehr» herauszulösen und ihr eine Zukunftsperspektive zu eröffnen. Da ist zunächst der Beitrag des Psychoanalytikers Alain Ehrenberg «Das erschöpfte Selbst» (2004), in dem der Verfasser eine Erklärung für die seltsame Krankheit der Depression anbietet, die den modernen Menschen befallen hat. Es ist die «Krankheit der Verantwortlichkeit», die sich aus dem Abbau von sozialen und weltanschaulichen Bindungen in der Moderne ergibt und den einzelnen vor die Aufgabe stellt, ein souveränes Individuum zu werden. Diese Anforderung wird zuerst als Verlust wahrgenommen, als Verlust an Orientierung, an Beziehungsfähigkeit und Selbstwertgefühl. «Doch haben wir mit dieser neuen Freiheit nicht auch etwas gewonnen?», fragt der Verfasser und verweist auf die neuen Möglichkeiten, die sich dem einzelnen wie der Gesellschaft in dieser Lage eröffnen: die neue Verhaltensnorm gründet sich nicht mehr auf Schuld und Disziplin, sondern auf Verantwortung und Initiative. Die Depression kann insofern ein Laboratorium sein, in dem der Massenmensch sich selbst findet und erfindet.
Unter den Rezensionen zu «Kinder der Sonne» ist mir eine aufgefallen, die diesen Gedanken aufzunehmen scheint. Susanne Oehmsen (Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag) stellt fest, dass Perceval «den Fokus auf das Unfertige, das diese Menschen ausmacht», gelegt habe. «Alles nur ein Provisorium. Irgendwann einmal wird es fertig sein, genau so schön, wie man es sich immer vorgestellt hat.» In diesem Kontext findet auch die naive Bilderwelt auf der langsam dahinrollenden Papierbahn ihren Sinn. Sie signalisiert, dass «hier etwas im Werden ist». Ob die Zuschauer solche Assoziationen selbst entwickeln oder nachempfinden können, bleibt allerdings zweifelhaft.
Recht abstrakt, aber bedenkenswert ist auch das Sinnangebot, das sich aus einer im Programmheft abgedruckten Diskussion zum Thema «Mythos Nation. Ein Gespräch über das Metaphysische in uns» ergibt. Dort debattierten (1996) Frank M. Raddatz, Heiner Müller, Boris Groys und Rüdiger Safranski über den «Utopieverlust» nach 1989 und waren sich einig, dass die «Metaphysik» im Sinne von quasireligiösen absoluten Welterklärungen mit dem Ende der totalitären Systeme keineswegs obsolet geworden ist. Die «metaphysischen Grundbedürfnisse» des Menschen äußern sich nicht nur in der Renaissance des Begriffs der Nation, sondern auch in einer allgemeinen «transzendierenden Sehnsucht», die nicht von vornherein verurteilt werden dürfe, weil sie mit der «Grundkondition des Menschen» zusammenhängt. «Der Mensch ist das Wesen zwischen Baum und Borke», erklärt Jürgen Safranski. «Er hat etwas Göttliches... Deswegen macht er die verrücktesten Sachen und lebt einen großen Teil seines Lebens im Imaginären, ob er nun Künstler ist oder nicht.» Das Metaphysische im Menschen ist eine produktive Energie, man muss es nur mit einer aus der Erfahrung gewachsenen Skepsis unter Kontrolle halten, lautet das Fazit. Solche Sätze entsprechen ganz den Intentionen des Schriftstellers Gorki, in Percevals Produktion ist diese Dimension – mit der angeführten Ausnahme – von der Kritik nicht wahrgenommen worden. In seiner «Gegenkritik» hat der Regisseur auf den Vorwurf geantwortet, in seinen «Kindern der Sonne» gebe es keine Zukunft: «Zukunft liegt für Gorki in der Kunst und der Wissenschaft. Die Kinder der Sonne sind Künstler... Gorki lässt sie ihr Leben und die Welt permanent neu entwerfen. Im Reden wie im Träumen.» Indem die Zuschauer diese «narzistische Welt» betrachten, finden sie, so hofft Perceval, vielleicht eine Möglichkeit heraus, sich dem Leben neu zu stellen «und dann vielleicht sogar eine Utopie neu zu formulieren».

Die oben angeführte Karikatur von einem Perceval, der unter seinem Hut keinen Kopf aufzuweisen hat, erweist sich als abwegig – im Gegenteil, die im Programmheft und in der nachgeschobenen «Gegenkritik» angebotenen Interpretationen wirken eher zu intellektuell und kopflastig für ein so lebendiges Theaterereignis. Sie erscheinen mir dennoch interessant und produktiv, auch wenn sie mehr in der öffentlichen Diskussion als im Theater selbst zur Wirkung kommen. Vor zwei Jahren hat Gorkis Drama in Moskau zweifellos eine breitere und vielfältigere Diskussion ausgelöst als die Hamburger Inszenierung bei uns. Gorki, in Russland noch immer mit einer beschädigten Reputation behaftet, bereitete dem Publikum dort in der Atmosphäre der kulturellen «Stagnation» eine freudige Überrschung. Shapiros «Kinder der Sonne» wurden als eines der wenigen Theaterereignisse gefeiert, über die es sich lohne ernsthaft nachzudenken und zu sprechen. In Deutschland hat das Theater solche Probleme gegenwärtig nicht. Percevals Produktion musste sich in einer lebendigen und vielfältigen Theaterszene behaupten. Um so erfreulicher, dass ihr dies allem Anschein nach gelungen ist. Die Aufführung wird auch in Russland zu sehen sein. Die Truppe ist zum Baltic House Festival nach St. Petersburg eingeladen und wird dort am 10. Oktober auftreten.

Den Beitrag des Verfassers "Von Kindern der Sonne und Menschen in der Finsternis" im Programmheft zu der Aufführung des Thalia Theaters finden Sie als Eintrag in diesem Blog.

Kategorie: Gorki in unseren Tagen

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