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Eine schwere Schuld – Gorki und Stalin

Sonntag, 18. Juni 2006, 12:51:19 | Armin Knigge

Eine schwere Schuld – Gorki und Stalin

Stalin und Gorki, 1931 (Quelle: Wikimedia Commons)

Der Streit um Gorki hat viele Anlässe, aber der schwerwiegendste unter ihnen ist sein Wirken in den letzten Lebensjahren. Beginnend mit seinem – nach der Ausreise 1921 - ersten Besuch in Sowjetrussland im Jahr 1928 hat Gorki seine relative Unabhängigkeit in Italien aufgegeben und die Autorität seines Namens rückhaltlos in den Dienst des sowjetischen Staates gestellt. Er hat diesem Staat nicht nur als Aushängeschild gedient, um die sowjetische Kultur als eine kontinuierliche Forsetzung der vorrevolutionären russischen Kultur zu beglaubigen, er hat sich vielmehr mit großer Energie und in direktem Zusammenwirken mit Stalin dem Aufbau dieses Staates gewidmet und die Politik des Diktators nach innen und nach außen lautstark propagiert. Er war nicht nur Berater, sondern faktisch ein Mitglied der Führung. Umstritten ist nicht dieser Tatbestand, wohl aber die Motive Gorkis und die Bewertung seines Verhaltens. Ist er aus Eitelkeit den Schmeicheleien und Verführungskünsten Stalins erlegen, wie die Emigranten meinten? Hat er sich Illusionen über die Ziele der Stalinschen Politik gemacht und die sowjetische Gesellschaft – wie viele Intellektuelle in Europa – als die einzige rettende Alternative zu den bürgerlichen und faschistischen Herrschaftsformen der Zeit betrachtet? Hat er sich auf die aktive Politik eingelassen, weil er Stalins Grausamkeit kannte und einen mäßigenden Einfluss auf ihn ausüben wollte? War er vielleicht sogar das Zentrum eines geheimen Widerstands? Oder war er im Gegenteil, infolge fortschreitender Vergreisung, nicht mehr Herr seiner selbst, eine Art „Zombi“ (V. Schentalinskij), ein willenloses Werkzeug in den Händen der Machthaber? Hat er letztlich – wie manche Verteidiger heute argumentieren – mehr unser Mitgefühl als harte Verurteilungen verdient, weil er, ein „Opfer der Zeit“, dem Zwang der Umstände nicht widerstehen konnte?

Alle diese Fragen (mit Ausnahme der „Zombi“-Theorie) verdienen eine ernsthafe Erörterung und können eine Reihe ‚mildernder Umstände‘ zutage fördern. Solche Resultate ändern aber nichts an der Tatsache, dass Gorki für die gesamte Politik Stalins und damit auch für ihre katastrophalen Auswirkungen mitverantwortlich ist. So paradox dies angesichts seines gesamten vorhergehenden Wirkens in der russischen Kultur erscheinen muss: er war – manchmal offen bekennend, meist aber schweigend - ein verantwortlich Mitwirkender an der Politik des Terrors, die sich zur Zeit seiner Rückkehr schon deutlich abzeichnete. Für eine ‚Bewältigung‘ des Problems ist es heute unumgänglich, diese Mitverantwortung auch als eine Mitschuld zu bewerten. Nur ausgehend von der Erkenntnis, dass Gorki in der letzten Periode seines Wirkens schwere Schuld auf sich geladen hat, kann man sich mit Aussicht auf Erfolg daran machen, das Phänomen Gorki in seiner ganzen Komplexität zu erforschen und dabei auch den Respekt vor einem bedeutenden Menschen und Künstler wiederzugewinnen. Erst von hier aus werden die kaum fassbaren, schreienden Widersprüche sichtbar, die den Lebensweg Gorkis bestimmt haben. Das sollten auch diejenigen einsehen, die den Schriftsteller bis heute gegen solche Vorwürfe verteidigen, ihn – trotz der offensichtlichen aktiven Mitwirkung an der Politik Stalins – doch eher in der Rolle des Opfers als in der des Täters sehen wollen und dabei einen zweifelhaften Gebrauch von dem Begriff des Tragischen machen. Wenn man von einer „Tragödie Gorkis“ sprechen kann, so jedenfalls nicht in dem Sinne, dass er von Stalin hintergangen und unwissentlich in eine Politik verstrickt worden sei, die seinen Grundüberzeugungen diametral zuwider lief; auch nicht in dem Sinne, dass er in heimlicher Opposition zu Stalin gestanden und auf den öffentlichen Protest nur deshalb verzichtet habe, weil er den Feinden der Sowjetunion keine Vorwände für einen Krieg liefern wollte. Über diese und ähnliche mildernde Umstände zugunsten Gorkis ist in letzter Zeit im Umkreis der ‚alten‘ Gorki-Forschung viel geschrieben, aber kaum etwas überzeugend nachgewiesen worden. Auch die in zahlreichen Variationen kursierenden Versionen über die Umstände seines Todes im Juni 1936 haben bis heute keinen Beweis für eine Mitwirkung Stalins an diesem Ende ergeben. Die Mehrheit der Spezialisten neigt der Auffassung zu, dass Gorkis Gesundheitszustand (auf Grund der Autopsie) eine ausreichende Begründung für einen natürlichen Tod bietet. Ein starkes Argument für den Mordverdacht bleibt allerdings der Zeitpunkt des Todes wenige Wochen vor Beginn der Terrorprozesse gegen die sogenannte Opposition. Aber musste Stalin wirklich fürchten, dass sich der Schriftsteller diesem Terror öffentlich widersetzen würde? Einige der Angeklagten, darunter Bucharin, Rykov und Kamenev, standen ihm persönlich nahe, ihr Schicksal hätte ihn zweifellos erschüttert, aber es ist eher unwahrscheinlich, dass er öffentlich Einspruch erhoben hätte. Jedenfalls zeigten seine publizistischen Auftritte in „Pravda“ und „Izvestija“ gegen die inneren „Feinde“ der Sowjetunion und ihre ausländischen Verteidiger, die heuchlerischen und tränenseligen „Humanisten“, dass er sich die Sprache des Stalinismus voll zu eigen gemacht hatte, mehr noch, er hatte sie wesentlich mitgestaltet, besonders mit dem schon 1930 erschienenen Artikel „Wenn der Feind sich nicht ergibt, wird er vernichtet“ (eine Variante lautet „ausgerottet“).

Eine offene Frage waren bis vor wenigen Jahren die persönlichen Beziehungen zwischen Gorki und Stalin. Der seit 1929 zwischen ihnen geführte Briefwechsel lag unveröffentlicht im ehemaligen persönlichen Archiv Stalins und im Gorki-Archiv des Moskauer Instituts für Weltliteratur. Hatte Gor’kij in seinen Briefen einen mäßigenden Einfluss auf die Politik des Diktators, hat er den zunehmenden Terror gegen die alte Garde der Bolschewiki, gegen bürgerliche Spezialisten und gegen Künstler aufzuhalten versucht? Inzwischen sind wesentliche Teile des Briefwechsels der russischen Öffentlichkeit bekannt geworden, veröffentlicht und kommentiert in den Literaturzeitschriften Novyj mir (1997, Nr.9) und Novoe literaturnoe obozrenie (1999, Nr. 40) (deutsche Übersetzungen gibt es, soweit mir bekannt, noch nicht). Leser, die sich von diesen Briefen eine Entlastung Gorkis versprochen hatten, können von ihrem Inhalt eigentlich nur enttäuscht sein. Die wenigen Briefe, in denen Gorki eindeutig Widerspruch gegen die Politik Stalins und seiner Administration erhebt, beschränken sich auf das Gebiet der Kulturpolitik und waren meist schon früher bekannt, z.B. die Verteidigung des Komponisten Schostakowitsch gegen die Angriffe auf seinen angeblichen „Formalismus“ (1936). Der Brief war schon 1993 in der Literaturnaja gazeta abgedruckt. Solche Beispiele sind natürlich nicht bedeutungslos, sie zeigen ein Maß an Unabhängigkeit und Mut im Umgang mit dem Diktator, das keinem Menschen in der damaligen Sowjetunion ohne lebensbedrohliche Folgen erlaubt war. Stalin brauchte Gorki für den Aufbau einer sowjetischen Kultur, die in seiner Person die Fassade eines großen Kontinuums mit der vorrevolutionären russischen Kultur erhalten sollte. Um so trauriger ist es festzustellen, wie wenig Gebrauch Gorki von den Möglichkeiten zum Widerspruch machte, die ihm diese privilegierte Stellung bot. Im Gegenteil: der Briefwechsel vermittelt in Inhalt und Ton den Eindruck einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen dem Führer und dem Schriftsteller, getragen von der gemeinsamen Überzeugung, ein gewaltiges, nie dagewesenes Projekt auf den Weg zu bringen, den sowjetischen Sozialismus als Prototyp einer neuen Weltordnung. Gorki ist dabei für die Kultur zuständig, d.h. vor allem für die Erziehung und Bewußtseinsbildung der Jugend. Ihr soll der stolze Geist des neuen Menschen eingepflanzt werden, der sich im Kampf mit den Elementen eine „zweite Natur“ schafft. Dass dieses Projekt für Stalin nichts anderes als die Schaffung eines mächtigen Staates zum Inhalt hatte, störte die Gemeinsamkeit nicht. Stalin konnte sich der Zustimmung Gorkis gewiss sein, wenn er an ihn schrieb: „Der Sozialismus ist unbesiegbar. Das ‚armselige‘ Russland wird es nicht mehr geben. Damit ist Schluss. Geben wird es ein mächtiges und reiches fortschrittliches Russland (peredovaja Rossija).“ Gorki lieferte die geistigen Waffen für die Schaffung dieses Staates, insbesondere die Gründungsmythen in Gestalt der „Geschichte des Bürgerkriegs“ und anderer historischer Serien sowie in der preisenden Darstellung der „Errungenschaften“ des jungen Staates (in der gleichnamigen Zeitschrift), besonders gegenüber dem Ausland. Und er lieferte diesem Staat die moralische Rechtfertigung zum Terror gegen die „Feinde“. Wie bedenkenlos Gorki bereit war, die Terrormaßnahmen gegen angebliche Saboteure und „Schädlinge“ zu rechtfertigen, zeigt seine Reaktion auf den 1930 veranstalteten Prozess gegen die „Industriepartei“, eine Gruppe von Technik- und Wirtschaftsspezialisten, die Stalins ökonomische Politik kritisiert hatten und dafür zu einer konterrevolutionären Organisation erklärt wurden. Es war einer der ersten in der Serie der Schauprozesse mit unglaublichen Verbrechen und ebenso unglaublichen Geständnissen der Angeklagten. Gorki schrieb dazu an Stalin: „Bemerkenswert, fast genial, ist der Prozess gegen die Schädlinge angelegt. Ich bin, natürlich, für die ‚Höchststrafe‘, aber vielleicht ist es politisch und taktisch besser, diese Lumpen in strenger Isolierung auf der Erde zu lassen.“ Dass Gorki den Prozess nur aus der Ferne in Sorrent verfolgte und von Stalin mit manipuliertem Material beliefert wurde, rettet seine Ehre nicht und ändert nichts an der kalten Grausamkeit solcher Äußerungen. Derselbe – man möchte sagen: ein anderer – Gorki war in den Jahren nach der Oktoberrevolution bekannt als ein Helfer der von Hunger und Verfolgung bedrohten Künstler und Intellektuellen, oft die letzte, lebensrettende Instanz. Seine regelmäßigen Fahrten aus Petersburg nach Moskau, um sich bei Lenin im Kreml über Repressionsmaßnahmen der Regierung zu beschweren, wurden der Führung zunehmend lästig und führten 1921 zu seiner Ausreise, die eine verschleierte Ausweisung war. Von dieser Linie seines Wirkens ist im Briefwechsel mit Stalin wenig geblieben, aber ganz verschwunden ist sie nicht. So bemühte er sich um die Rückkehr der in Ungnade gefallenen Genossen der Opposition (Bucharin, Tomski, Rykov u.a.) ins Parteileben und zeigte sich über den Erfolg (der ihnen allerdings nur einen Aufschub verschaffte) gegenüber Stalin „hoch erfreut“. Er bemühte sich, Stalin das Misstrauen gegenüber Rückkehrern aus der Emigration zu nehmen, ihn z.B. von den ehrlichen Absichten des Literaturkritikers Dmitrij Mirskij und des Publizisten Petr Suvchinskij zu überzeugen, die der politischen Richtung der „Eurasier“ angehörten. Zu einem wirklichen Retter wurde Gorki für den Schriftsteller Michail Bulgakov, der unter dem Verdacht antisowjetischer Tendenzen aus dem literarischen Leben ausgeschlossen war. Gorki berichtete Stalin von einem Artikel in der Pariser Emigrantenpresse, in dem Bulgakovs Drama „Die weiße Garde“ wegen seiner angeblich prosowjetischen Tendenz kritisiert wurde, und bat darum, dem Schriftsteller wenigstens eine Arbeit für seinen Lebensunterhalt zu gewähren. Die Formulierung dieses Gesuchs ist allerdings wieder ernüchternd für die Verteidiger Gorkis: „Den Feind muss man entweder vernichten oder umerziehen. Im gegebenen Fall bin ich dafür, ihn umzuerziehen.“ ‚Im gegebenen Fall‘ ist von Gorki unterstrichen. Stalin entsprach der Bitte des Schriftstellers, Bulgakov erhielt eine Anstellung am Moskauer Künstlertheater. Auch auf andere Bitten und Änderungswünsche ging der Diktator widerspruchslos ein. Er war mit Gorkis Wirken zufrieden: „Nach Ihren Artikeln zu urteilen, ist Ihre Stimmung kämpferisch, angriffslustig. Sehr gut!“

Gorki seinerseits war in den Jahren um 1930 von der Person Stalins beeindruckt, fast könnte man sagen, bezaubert. Er wolle ihm seine Sympathie und Achtung ausdrücken, schrieb er an Stalin. „Das sind keine Komplimente, sondern das natürliche Bedürfnis, einem Genossen zu sagen: ich achte dich aufrichtig, du bist ein guter Mensch, ein standfester Bolschewik.“ Heuchelei war nicht Gorkis Sache, er bewahrte sich auch in dieser Periode sein unabhängiges Urteil. Im selben Brief erklärte er Stalin unumwunden, er halte es für „unmöglich“, dass der Generalsekretär oder einer der Volkskommissare in den Bänden der „Geschichte des Bürgerkriegs“ als Herausgeber in Erscheinung träten. „Sie riskieren unausweichlich, sich zu kompromittieren“, gab er dem Diktator zu verstehen und hat damit sicher Stalins Zorn erregt.

Mit der Zeit kühlten die Beziehungen zwischen Stalin und Gorki deutlich ab. Vor allem die Einsprüche Gorkis gegen das Wirken der Literaturfunktionäre in dem von ihm selbst und Stalin gemeinsam geschaffenen Schriftstellerverband erregten offenbar das Missfallen des Führers. Gorki kritisierte scharf die dort herrschende Verbindung von Karrierismus und Talentlosigkeit, also die grundlegenden Eigenschaften der neuen Klasse der Parteifunktionäre. Begabung war für Gorki, den Verehrer des „Menschen“, der Kultur und der Kunst, so etwas wie ein Heiligtum, der Mangel daran eine unverzeihliche Sünde. Hier ließ er auch politische Kompromisse nicht zu. Stalin reagierte auf seine Weise. Er widersprach Gorki nicht persönlich, gab aber einem der von ihm angegriffenen Schriftsteller (F. Panferov) Gelegenheit , in der „Pravda“ zum Gegenangriff vorzugehen und Gorki in rüder Manier zu kritisieren. Das bedeutete für jedermann sichtbar: der Führer hatte dem bis dahin unangreifbaren Gorki seine schützende Hand entzogen. Zu diesem Zeitpunkt (Januar 1935) hatte Gorki alles gegeben, was Stalin von ihm brauchte, zuletzt mit dem Schriftstellerkongress (1934) die Gleichschaltung der sowjetischen Literatur, nach außen hin ein beeindruckender und von echtem Enthusiasmus der Beteiligten getragener Aufbruch in die Zukunft. Nur mit der von Stalin erhofften Biographie über seine Person war nicht mehr zu rechnen, diesem Ansinnen hat sich Gorki verweigert.

Die letzten Lebensjahre brachten für Gorki ohne Zweifel eine Leidenszeit, von der wir allerdings nur aus Berichten anderer wissen. 1934 starb überraschend sein Sohn Maksim, der zugleich sein Sekretär und Vertrauter war. Im sog. dritten Schauprozess 1938 gegen Bucharin u.a. wurde gegen den ehemaligen NKWD-Chef G. Jagoda der Vorwurf erhoben, er habe mit von ihm erpressten Ärzten „medizinische Morde“ organisiert, darunter an Maxim Peschkow und später auch an Gorki. Der Wahrheitsgehalt dieser Anschuldigung ist ungeklärt (s. dazu in „Lebensdaten“) Ob Gorki einen solchen Verdacht hegte, ist nicht bekannt. Sein Leben in der luxuriösen Villa in Moskau und seinen Sommerhäusern bei Moskau und auf der Krim wurde immer mehr von Aufpassern und Bewachern bestimmt, ‚normale‘ russische Bürger hatten keinen Zugang zu dem berühmten Schriftsteller. Romain Rolland, der ihn 1935 in Moskau besuchte, berichtet von einem traurig und niedergeschlagen wirkenden Gorki. Auf diese Umstände verweisen die Verteidiger Gorkis, um zu belegen, dass er ein Opfer der Verhältnisse war. In dem Beitrag „Die Tragödie Gorkis in der Interpretation zeitgenössischer Kritiker“ zu einer Gorki-Konferenz am Institut für Weltliteratur in Moskau (1993) ist zu lesen:„Gorki gehörte ganz seiner Zeit, und in ihr muss man die Gründe suchen, um die Stärke und die Schwäche, seine Errungenschaften und Irrtümer zu verstehen.“ Die „Bewegung der Massen“, die ein neues Leben erbauten, habe Gorki „durch ihre sichtbare Realität bezaubert“, und es sei „sein Unglück, nicht seine Schuld“, dass seine Artikel zur Rechtfertigung der massenhaften Repressionen „benutzt“ worden seien.

Ganz anders urteilt die Herausgeberin des Stalin-Gorki-Briefwechsels, T. Dubinskaja-Dzhalilova, in dem Artikel „Der große Humanist“ (Novoe literaturnoe obozrenie 1999). Mit dem sarkastisch gefärbten Titel bezieht sich die Verfasserin auf Gorkis Umdeutung des Begriffs Humanismus, eine Umdeutung, die einem Verrat an den eigenen Grundüberzeugungen gleichkam. Nicht die Verteidigung des einzelnen Menschen, seiner Freiheit und Unversehrtheit gegen staatliche Repression, sondern ein neuer „proletarischer Humanismus“ als Waffe im Klassenkampf sollte der Jugend als Richtschnur dienen. In Wahrheit sei dies ein „stalinscher“ Humanismus gewesen, stellt die Verfasserin fest.. “Gorki, und niemand anderer, formierte gemeinsam mit Stalin das System der sowjetischen Kultur, gab die Richtung ihrer Entwicklung vor.“ Im Prozess dieser politischen Tätigkeit habe sich Gorki „von einem bedeutenden Schriftsteller in einen typischen sowjetischen Literaturfunktionär“ verwandelt.

Mir scheint unbestreitbar, dass von den beiden zitierten Ansichten des Problems die letztere der Wahrheit näher kommt. Der polemische Ton der Verfasserin, der bei manchen Gorki-Verehrern Entrüstung hervorruft, ist zumindest verständlich, gerade wenn man mitfühlende Beschreibungen und Entschuldigungen von der Art der oben zitierten dagegen stellt. Die „Zeit“ setzt gewisse Bedingungen für das Denken und Handeln von Menschen, aber sie entscheidet nichts. Entscheidungen treffen die Menschen selbst - und tragen selbst die Verantwortung dafür. Auch Gorki hätte sich anders entscheiden können, vor allem in dem für ihn schicksalhaften Moment, als es um die Rückkehr nach Russland ging. Gorki selbst hat das Prinzip der Selbstverantwortung des Menschen immer wieder gegen die verbreiteten „Milieutheorien“ verteidigt. Konovalov, ein typischer Gorki-Held des Frühwerks, der nach Perioden gewissenhafter und talentierter Arbeit immer wieder dem Trunk verfällt, weist die Entschuldigungen seines jungen Freundes (Du bist nicht schuld, du bist nur ein Opfer der ungerechten Zustände usw.) entschieden zurück: „In mir selbst stimmt irgendwas nicht“. Auch in der Persönlichkeit des Schriftstellers Gorki ‚stimmte‘ etwas nicht, verlangt etwas nach ernsthafter Erklärung, nicht nach einer Generalamnestie im Namen der „Zeit“.

Die Schuld oder Mitverantwortung Gorkis an den Verbrechen des Stalin-Regimes kann – mit oder ohne ‚Erklärungen‘ - nicht aus der Welt geschafft werden. Eine andere Frage ist, in welchem Maße diese Schuld das Gesamtbild des Schriftstellers betrifft und welche Konsequenzen sie haben soll. Muss Gorki nach diesem tiefen Fall gewissermaßen aus dem Gedächtnis der Leser und der Literaturgeschichte getilgt werden? Der Schriftsteller Ivan Bunin und andere Vertreter der russischen Emigration haben solche Forderungen mehr als einmal erhoben und hatten dafür nachvollziehbare Gründe. Für sie war er ein Verräter der Traditionen der russischen Literatur, dazu einfach ein schlechter und völlig überschätzter Schriftsteller. Es gab allerdings auch nachdenklichere Urteile aus diesem Kreis, etwa in dem Nachruf von Georgij Adamovich (1936), der Gorki eine „offene Wunde“ in der russischen Kultur nannte.

Die Debatte um Gorkis Schuld hat widersprüchliche Meinungen und manche neuen Erkenntnisse über Leben und Werk des Schriftstellers hervorgebracht. Was sie jedenfalls nicht dokumentiert, ist das „Ende Gorkis“. Für die heutigen Leser in Russland besteht offenbar kein zwingender Anlass, sich mit radikalen Urteilen, Beschuldigungen, Bestrafungen usw. zu befassen. Es geht für sie zuerst darum, ob die Werke dieses Schriftstellers und seine Lebensgeschichte noch geeignet sind, ihr Interesse zu wecken, und das ist – wenn man z.B. von den Daten des Buchhandels ausgeht – offensichtlich der Fall. Entgegen manchen Prophezeiungen hat Gorki das Fegefeuer, in das er mit dem Ende des Kommunismus geworfen war, überlebt. „Gorki ist unzerstörbar“, stellt der Kritiker Pavel Basinskij fest, „in dieser Tatsache ist irgendein Geheimnis verborgen.“ Basinskij gehört zu dem kleinen Kreis von Literaturspezialisten, die selbst ein neues Interesse an Gorki entwickelt haben und bei den Lesern um Aufmerksamkeit für diesen Autor werben. Auch er spricht von der „Tragödie Gorkis“, aber er sieht ihren Grund nicht in dem Druck der Verhältnisse, dem der Schriftsteller erlegen sei, sondern in dem großen kulturhistorischen Prozess des modernen areligiösen Humanismus, der sich seit der Renaissance in Europa ausbreitete. In Gorkis Denken und Wirken, die letzte Periode eingeschlossen, kommt nach Basinskij „die Logik des radikalsten und konsequentesten Humanismus“ zum Vorschein, die sich anfangs in seinem von Nietzsche geprägten Menschenkult und am Schluss in der verhängnisvollen Verbindung von Kultur und Gewalt manifestierte. Eine solche Position konnte nicht ohne permanente Konflikte und innere Widersprüche durchgehalten werden. Der französische Slavist Michel Niqueux spricht im gleichen Zusammenhang von der „Tragödie einer ganzen prometheischen Philosophie, eines antichristlichen Humanismus“ und eines „Relativismus, demzufolge der Zweck die Mittel heiligt“. Wie Basinskij sieht Niqueux das Scheitern dieser Weltsicht in der Person Gorkis musterhaft verkörpert, er sei „die Inkarnation aller Illusionen und Widersprüche seiner Zeit“, das „Emblem einer ganzen Epoche“. Solche weitgefassten und sehr allgemeinen Interpretationen werfen natürlich neue Fragen auf, aber für die Erschließung des Themas Gorki sind sie zweifellos produktiv, weil sie das Bild des Schriftsteller von dem rein politischen Kontext der Geschichte der Sowjetunion, des sozialistischen Realismus und anderer Streitfragen befreien und Anregungen zu einer Neuentdeckung des Menschen und des Künstlers Gorki bieten. Gorki – das ist nicht nur die „Mutter“, der „stolze Mensch“ und der „Feind, der vernichtet werden muss“. „Gorki ist wie ein Wald“, hat der Schriftsteller Juri Trifonov in einer Befragung anlässlich des 100. Geburtstags (1968) festgestellt, „dort gibt es Tiere, Vögel, Menschen und Pilze. Wir aber holen aus diesem Wald immer nur die Pilze.“ Was es außer den (essbaren oder giftigen) Pilzen in diesem Wald zu entdecken gibt, vor allem Gorkis Menschendarstellung, soll in der Abteilung „Stichwörter“ auf dieser Website vorgestellt werden.

Kategorie: Streit um Gorki

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