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Das Geld - gelber Teufel oder Vertrauen zum Leben?

Montag, 07. Juni 2010, 15:56:46 | Aleksandr Arkhangel'skij

Aleksandr Arkhangel’skij, Cena otsechenija (Höchstgebot). Roman, Moskau AST, 2008, S. 181-183
(In russischer Sprache finden Sie diesen Eintrag hier.)

Zwei Männer streiten um die Bedeutung des Geldes. Der Geschäftsmann und Bankier Oleg Olegovich Arsak’ev preist die „Mystik des Geldes“ und macht sich lustig über die Vertreter der alten Intelligenzija, die wie selbstverständlich darauf bestehen, dass die ganze Welt für ihren Unterhalt zu sorgen habe, während sie sich gleichzeitig erlauben, die Geschäftsleute, ihre Wohltäter, zu verachten. Sein Opponent, Konstantin Mikhalych Nedovrazhin, hält ihm entgegen, er habe keine Ahnung von der sozialen Wirklichkeit. Er erzählt von seinem kürzlichen Besuch bei einem alten Freund, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Museums in einer Provinzstadt an der Armutsgrenze lebt. Er hat seinen Gast mit „grau verfärbten Würstchen“ bewirtet, und er, Nedovrazhin, sei vor Scham vergangen, weil er das Gefühl hatte, den hungrigen Kindern etwas wegzunehmen.

„Eine rührende Geschichte. Sie verstehen es, auf die Tränendrüsen zu drücken, Konstantin Mikhalych. Haben Sie Ihre Fähigkeiten schon mal in der Politik versucht? Aber wie steht es mit Wettbewerben? Die gibt es doch für Ihre Leute, für Museumsfachleute, massenhaft! Warum hat ihr Freund nichts eingereicht? Grants, hat er grants?“
Bei der Erwähnung der grants zuckte Nedovrazhin zusammen, aber er schwieg.
„Oder er reicht etwas ein, aber kann nicht gewinnen? Dann ist vielleicht alles nicht so schlimm, eine Ausnahme? Die Kinder tun einem natürlich leid, aber die werden groß und verdienen selbst etwas, und wenn er nicht an sie denkt und in den Wolken schwebt, wer ist dann schuld?“
„Eine schöne Philosopie, das muss man schon sagen. Ganz im Geist unserer verdorbenen Zeit.“
„Und die vorige Zeit, war die nicht verdorben?“
„Das sage ich doch! Ob gelber oder roter Teufel – uns ist das alles egal.“
Nedovrazhin hörte auf, mit einzelnen Thesen zu widersprechen, auf jedes Argument führte er ein Beispiel aus seinem Leben an. Wie schon gesagt, Nedovrazhin verbringt drei Tage in der Woche in Moskau, sättigt sich mit Ideen, stellt sozusagen die Uhr, und dann fährt er in sein Dorf zurück. So ist das. Von seiner Schwiegermutter hat er eine kleine Wohnung geerbt, schäbig, muffig und laut, die Fenster gehen auf die Volokolamsker Chaussee; dafür gehört sie ihm und liegt relativ nahe am Zentrum. Fünfundzwanzig Minuten mit der Metro, und du bist in der Leninbibliothek, vierzig – in der Akademie der Wissenschaften, dreißig – im Puschkinmuseum. Aber darum geht es nicht. Auf der anderen Seite des Prospekts, direkt dem Balkon gegenüber, steht eine Reihe von Hochhäusern. In der Zeit der Sowjetmacht hängte man dort Transparente mit Losungen auf, an den großen Feiertagen wurden die Fenster in einer bestimmten Ordnung erleuchtet, so dass sich eine Losung ergab. Jetzt haben sie auf dem Dach riesige Buchstaben aufgestellt. Früher leuchtete dort: „Die Partei – unser Steuermann.“ Jetzt steht da: „Nimm dir alles vom Leben!“ Wir sind nicht im Gelobten Land angekommen, haben halt gemacht am Fuße des Sinai, haben die Zelte aufgeschlagen und tanzen um das goldene Kalb. Wir waren Sklaven, und Sklaven sind wir geblieben. Wir haben nur den Herrn gewechselt, das ist alles.
Arsak’ev widersprach ihm mit Nachdruck: es gibt keinen Teufel; keinen roten, keinen gelben und auch keinen graubraunhimbeerfarbenen, da bin ich mir sicher. Und was gibt es? Es gibt die Arbeit und das Vertrauen zum Leben. Sie reden von ihrem verarmten Museumsmann – ich werde über einen Oberst sprechen, den ich kenne. Während der Perestrojka hat man ihn aus der Armee gefeuert. Seine Kameraden zogen mit Plakaten des Bundes der Offiziere los, wir verurteilen, fordern usw., er aber dachte eine Weile nach und ging in die andere Richtung. Er sammelte Offiziere aus seiner Bekanntschaft, setzte ihre umfänglichen Ehefrauen hinter Nähmaschinen, kaufte für wenig Geld beste Fallschirmseide, die sowieso für Putzlappen hingegangen wäre – und fing an, seidene Unterröcke zu nähen, sogenannte kombinashki; ausgezeichnete übrigens, sehr sexy, wie man so sagt. Nach westlichen Schnittmustern. Die jungen Frauen kauften die kombinashki 1990/91 in ganzen Partien auf; sie waren es leid, abgetragene Baumwollhemden und Hosen zu tragen. Der Oberst hat sie sozusagen glücklich gemacht. Und sie haben ihn, sagen wir mal, auch nicht hängen lassen. Der Oberst strahlte wie ein kupferner Samowar. Und es hätte doch leicht passieren können, dass er selbst bis zu den grau verfärbten Würstchen abgestiegen wäre. Sehr leicht sogar.

Kategorie: Weisheiten und Albernheiten

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