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Ein Mönch der Literatur: "Vorwärts und aufwärts" von Roman Senchin

Sonntag, 11. Juli 2010, 20:26:30 | Armin Knigge

Ein Mönch der Literatur:

Die russischsprachige Version dieses Eintrags finden Sie hier.

Senchin fürchtet die literarische Lüge wie eine ansteckende Krankheit, und schreiben kann er einzig über das, was er wirklich kennt. Und dieses Einzige ist die eigene Seele mit ihren äußeren Eindrücken und inneren Bewegungen.
Irina Rodnjanskaja

Ja, ich muss schreiben, und darf mich nicht verzetteln in allgemeinmenschlichen Vergnügungen. Schreiben und mich bewegen, schrittweise bewegen, vorwärts und aufwärts. In drei führenden Literaturzeitschriften wartet man auf meine neue Sachen, sogar meine Gegner geben zähneknirschend zu, dass ich das Flaggschiff der jungen Literatur bin. Sie wollen einen anderen in dieser Rolle? Nun, soll doch einer mit gleicher Kraft über etwas Hochgeistiges schreiben, einen moralischen Helden herausstellen. Aber einen lebendigen. Einen lebendigen! Wo seid ihr, ihr moralischen Helden, hallo?... Ja, ja, schreiben muss ich. Da liegt Moskau – es brodelt, windet sich, blinkt in bunten Farben, heult, und ich habe fast noch nichts über Moskau gesagt. Fortwährend beobachte ich, bereite mich vor und entschließe mich nicht. Sogar ich – ich! – fürchte die ganze Wahrheit. Aber ich werde es tun. Ja. Ich muss mich gut ausschlafen und anfangen. Das ist meine Arbeit. Mein Schicksal. Ich werde Mönch. Ein Mönch der Literatur.

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Wem gehört diese feierliche Rede? Sie wird gehalten von dem Helden des Romans „Vorwärts und aufwärts mit schwachen Batterien“ von Roman Senchin (Sentschin) (Moskau, Vagrius-Verlag, 2008), und dieser Held heißt – Roman Senchin. Nicht nur der Name und ein großer Teil seiner Lebensumstände, sondern auch die im Text erwähnten literarischen Werke gehören dem realen Senchin. Das heißt also, der Autor spricht höchstpersönlich? Wenn man eine solche Annahme akzeptiert, die in der künstlerischen Literatur immer wenig wahrscheinlich ist, dann muss man feststellen, dass sich der Autor in einem wenig vorteilhaften Licht präsentiert. Die Wiedergabe des inneren Monologs, in dem der Held weitreichende, schicksalhafte Entschlüsse fasst, ist durchtränkt von Ironie. Das bezieht sich zuerst auf die hochtrabende Devise „Vorwärts und aufwärts“. Bei dem Leser, der an dieser Stelle schon ca. hundert Seiten lang Gelegenheit hatte, die Erlebnisse und Gedanken des Helden zu verfolgen, muss diese Formel den Eindruck eines törichten Selbstbetrugs hervorrufen. Von welcher „Bewegung“ kann hier überhaupt die Rede sein? Ungeachtet seiner mäßigen Erfolge auf dem Pfad der Literatur befindet sich der fiktive Senchin, allem Anschein nach, auf dem gleichen Punkt seiner Entwicklung wie sechs Jahre zuvor, als Liza, seine künftige Frau, ihn aus dem Wohnheim des berühmten Moskauer Literaturinstituts, der Kaderschmiede der Schriftsteller, „herausgeschleppt“ hat: „zerlumpt, ewig betrunken oder verkatert, aber ganz erfüllt von der Hoffnung eines Studienanfängers, ein echter Schriftsteller zu werden“. Jetzt, nach der Periode eines glücklichen und unglücklichen Familienlebens wohnt er wieder in dem Heim des Litinstituts und führt dort, trotz seiner verbesserten materiellen Lage, in vielem das frühere Leben weiter, das er rückblickend so beschreibt: „Saufereien, Gespräche, Auseinandersetzungen bis zu Schlägereien, Katerstimmung, Trauer, Beschreibung dieser Trauer, dieser Saufereien, Auseinandersetzungen, Katerstimmungen...“ Im Prinzip funktioniert diese Wechselbeziehung zwischen einem nutzlosen Leben und einer ebenso nutzlosen Literaturproduktion auch jetzt weiter. Die Kommunikation zwischen den Heimbewohnern wird nach wie vor mit Strömen von Wodka in Gang gebracht. „Lass uns einen trinken“ (Davaj bukhat‘) dient als eine Art Grußformel im Hause. Andere Gewohnheiten von damals hält Senchin künstlich am Leben, um die Qualität eines Lebens in Armut zu erhalten. So sammelt er jeden Morgen leere Bierflaschen zum Verkauf. Anschließend geht er in Anzug und Krawatte zur Arbeit. Sein Arbeitsplatz, der gut bezahlte Posten eines Lektors in einem angesehenen Verlag, befindet sich in einem der noblen Geschäftshäuser am Neuen Arbat. Unter solchen Bedingungen kann die sakrale Tonalität der angeführten Bekenntnisse dieses „Mönchs der Literatur“ etwas unpassend wirken. Ist er nicht in Wahrheit ein Erfolgsmensch? Aber der angehende Schriftsteller empfindet das anders, er verhält sich zu seinen Erfolgen und zum Leben überhaupt mit tiefer Gleichgültigkeit und Trauer. Vorwärts und aufwärts bewegt er sich, wenn überhaupt, nur „mit schwachen Batterien“, es fehlt ihm an Energie, sein Leben einzurichten. „Du, Senchin, bist ein Verlierer“, sagt seine (auch schon wieder ehemalige) Freundin zu ihm. „Auf der Ebene des Lebens bist du zu nichts imstande“. Und auch über die künstlerische Produktion des Schriftstellers spricht sie ein wenig schmeichelhaftes Urteil. Sie sieht ihn als einen Schwarzmaler, dem nichts auf dieser Welt recht ist: „Mag sein, dass du Talent hast, aber bei dir ist alles immer gleich. Alles –Scheiße.“
Der Misserfolg auf der Ebene des Lebens ist jedoch nicht nur eine Folge der Charakterschwäche des Helden, sein trauriges Leben ist, im Gegenteil, gerade durch seine Entschiedenheit und Charakterstärke verursacht, dies aber nur auf der Ebene der Kunst. Dieser Mensch hat sein Leben ganz dem Schreiben gewidmet, diesem riskanten und mit endlosen Schwierigkeiten und Misserfolgen verbundene Gewerbe, das aber gerade in den Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs in Russland eine neue Anziehungskraft auf junge, talentierte Menschen auszuüben scheint. Mit der paradoxen Position zwischen einem Looser und einem echten Schriftsteller bietet Senchin ein treffendes Bild der Lage vieler Schriftsteller im heutigen Russland. Die „neue“ oder auch „junge Literatur“ in Gestalt einer Reihe von etwa Vierzigjährigen befindet sich in einer Situation der Ungewissheit, sie beobachtet das Leben, „bereitet sich vor“ und „kann sich nicht entschließen“, wie der fiktive Senchin im eingangs zitierten Monolog. Alles scheint offen, alle Fragen nach der Bedeutung von Literatur und nach dem Platz des Schriftstellers in der neuen Gesellschaft müssen auf den Prüfstand.

Falsches Autoporträt eines „nichtigen Helden“?

Der Kritiker Lev Danilkin („Nummerierung von hinten“, 2009) glaubt nicht an das so demonstrativ herausgestellte Autobiographische in Senchins Roman: „Dieser kleinformatige, gewöhnliche, widerliche, unbedeutende „Roman Senchin“...hätte diesen Roman niemals geschrieben“. Der Autor hat, nach Danilkins Meinung, einen Doppelgänger, einen „Roboter-Androiden“ konstruiert, um sich die Aufmerksamkeit des Lesers zu sichern, in Wirklichkeit unterstreiche diese „Autokarikatur“ nur die prinzipielle Verschiedenheit zwischen Autor und Held. Nach Ansicht Danilkins gehört dieser Held in die von Senchin bevorzugte Kategorie des Massen- und Durchschnittsmenschen, der ein falsches, nicht authentisches Leben führt, jenes Leben, das zu Zeiten Tschechows mit dem Begriff „poshlost‘“ (Banalität, Gemeinheit, Abgeschmacktheit) bezeichnet wurde.

Diese Konzeption ist in Teilen überzeugend, aber sie stellt die Verhältnisse bei Senchin zu einfach dar. Der Typ des Massenmenschen, des Vertreters der „Gemeinheit des Lebens“ begegnet in dem Buch „Vorwärts und aufwärts“ (das Buch enthält außer dem Roman zwei weitere Kurzromane (povesti) und zwei Erzählungen) vor allem in Gestalt zweitrangiger Helden, z.B. der Nachbarn im Wohnheim des Litinstituts. Manchmal erscheinen diese Vertreter einer neuen „poshlost‘“ auch in Hauptrollen, etwa in der Gestalt der Leiterin der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit in dem Unternehmen „Obgas“ Valentina Petrovna, die dem Direktor mit Hingabe und höchster Verehrung dient, weil er „ein richtiger Vorgesetzter“ ist („Region der Taten“). Aber Senchins Lieblingshelden, die mehr oder minder erfolglosen Schriftsteller mit ihren missratenen Lebensläufen gehören nicht zu dieser Kategorie, sie sind dem Herzen des Autors wesentlich näher. Der fiktive Roman Senchin in „Vorwärts und aufwärts“ erscheint bei näherer Betrachtung keineswegs so gemein und widerlich, wie ihn Danilkin darstellt. Das wird deutlich, wenn man ihn mit der Hauptfigur in Sergej Minaevs Roman „Die Kälber“ vergleicht (siehe die Rezension in diesem Blog), die dieser Charakteristik voll entspricht: Mirkin ist ein dreister Lügner, Betrüger und gewissenloser Karrierist. Im Vergleich mit ihm erscheint der fiktive Senchin als Muster eines anständigen Menschen. Er liebt (immer noch) seine Frau und seine kleine Tochter, er ist nicht gierig, fähig zu selbstkritischer Analyse, und er träumt von einem anderen Leben. Zum Vorwurf machen kann man ihm allenfalls die „schwachen Batterien“, den Mangel an Energie für die Gestaltung seines Lebens.

Ein ironisches Selbstporträt: Was ist heute ein „echter Schriftsteller“?

Im Gegensatz zu Danilkins Deutung glaube ich nicht, dass man zwischen dem Autor und seinem gleichnamigen Helden in „Vorwärts und aufwärts“ einen so kategorischen Trennungsstrich ziehen muss. Senchin hat wirklich einen Doppelgänger konstruiert, aber der ist weniger eine abstoßende Karikatur als ein freundschaftliches Selbstporträt mit ironischem Augenzwinkern. Senchin betrachtet sich gleichsam vor dem Spiegel und erblickt einen erfolgreichen Schriftsteller, der trotzdem ewig unzufrieden mit sich und der ganzen Welt bleibt. Diese Situation bietet Möglichkeiten für komische Effekte und erhöht den Unterhaltungseffekt des Romans. Wichtiger ist aber etwas anderes: der leichte, ironische Ton erlaubt dem Autor, über Probleme zu sprechen, die für ihn selbst von existentieller Wichtigkeit sind, während sie den Leser von heute möglicherweise wenig interessieren oder ihm als seltsame Anachronismen erscheinen: Was ist ein „echter Schriftsteller“? Wie verhalten sich die Sphären des privaten Lebens und des künstlerischen Schaffens zueinander? Welche Gefahren drohen dem Schriftsteller in der Konsumgesellschaft? Welchen Platz findet er in einem Staat, der nach den Gesetzen eines Großunternehmens der Energiewirtschaft organisiert ist? In Senchins Buch finden sich interessante und manchmal überraschende Antworten auf diese Fragen und diese Schicht seines Werkes rechtfertigt die Überzeugung einer Reihe von Kritikern und Kollegen, er sei „einer der auffallendsten, klügsten und wichtigsten Menschen in der gegenwärtigen Literatur“ (Zakhar Prilepin, „Namenstage des Herzens“, 2009). Im weiteren Teil des Eintrags werden einige Proben aus dem Buch „Vorwärts und aufwärts“ gegeben, ergänzt durch Äußerungen des Autors in einem Interview mit Z. Pripelin (im angegebenen Buch).

„Eine wirklich radikale Veränderung“

„Mir scheint, in unserer Literatur hat sich eine wirklich radikale Veränderung vollzogen“, erklärt Senchin im Gespräch mit Z. Prilepin. Erst in der Mitte des laufenden Jahrzehnts ist nach seiner Ansicht die Periode der Sowjetliteratur an ihr Ende gekommen, ebenso der Postmodernismus, ihre „antisowjetische“ Variante. Sogar die zwanziger Jahre des vorigen Jahrunderts haben nicht so tiefgreifende Veränderungen gebracht, meint Senchin, und hat dabei vor allem die Sprache im Sinn. An der Oberfläche ist das erkennbar an dem englisch-russischen Sprachgemisch, dass den jüngeren Geschäftsleuten zur Verständigung dient. Aber es geht um grundlegende Veränderungen der Sozialstruktur, die für die Literatur entscheidend sind. Das Ende der Literatur als staatliche Einrichtung fordert neue Antworten auf die Fragen nach dem Platz des Schriftstellers in der Gesellschaft, nach seinem Selbstverständnis und nach vielen Problemen des Schreibens. Die jungen Autoren im heutigen Russland müssen alle diese Fragen in eigener Verantwortung und auf eigenes Risiko beantworten. Die Helfer und Aufseher, die ihnen früher die Einordnung in das staatlich organisierte literarische Leben erleichterten, haben ihre Tätigkeit zusammen mit den entsprechenden Einrichtungen eingestellt. Senchin beschreibt in „Aufwärts und vorwärts“, welche katastrophalen Auswirkungen die neuen Verhältnisse in den 90er Jahren bei den Studenten des Litinstituts auslösten. Die Alkohol- und Gewaltexzesse im Wohnheim des Instituts ließen einen Zustand der Angst und Orientierungslosigkeit in diesem Kreis der künftigen geistigen Elite des Landes sichtbar werden. Um nicht im Meer der neuen Freiheit zu ertrinken, kann und muss der Schriftsteller allein seinem Gewissen vertrauen. Im Interview kennzeichnet Senchin die Situation mit den Worten: „Der einzige Ausweg – möglichst ehrlich, aufrichtig schreiben, in der Sprache, in der die Menschen heute sprechen“. Wer wird einer solchen Deklaration widersprechen? Senchins Grundsatzerklärungen klingen oft ein wenig nach Gemeinplätzen, aber das hat seinen Grund nicht in einem oberflächlichen Verständnis dieser Fragen , sondern, im Gegenteil, in dem Streben nach einer radikalen Lösung.

„Orientieren kann man sich an niemandem“

Am Anfang befindet sich der künftige Schriftsteller in einer Art Niemandsland. „Orientieren kann man sich heute an niemandem, es gibt keine „Säulen“ mehr...“, erklärt Senchin im Interview. Die klassische russische Literatur – genannt werden die Realisten Gontscharow, Tolstoj und Turgenev – „war einmal“, heute „klassisch“ schreiben zu wollen, wäre ein Irrweg; darin sieht der Autor auch die Hauptsünde der Sowjetliteratur. In seinem Zimmer im Heim des Litinstituts hat der Held ein buntes Gemisch von Büchern auf dem Regal, die kaum etwas gemeinsam zu haben scheinen, außer vielleicht einer Neigung zum Rebellentum: Leonid Andreev, Henry Miller, Valentin Rasputin, die „Erinnerungen eines Terroristen“ von Boris Savinkov, die Autobiographie des Altgläubigen Avvakum u.a.m.
Es fehlen neben den Klassikern auch die Autoritäten des dissidentischen Lagers in der Sowjetliteratur wie Solschenizyn, Sinjawskij u.a. Mit ihnen beschäftigt sich der fiktive Senchin professionell im Rahmen seiner Lektorentätigkeit, und er hat eine zwiespältige Einstellung zu ihnen. Als er fünfzehn war, waren Aksjonow, Vladimov, Gladilin für ihn Helden und Märtyrer, dann fing er an, sie zu hassen, weil sie ins Ausland, in den Kapitalismus geflohen waren und sich dort recht komfortabel eingerichtet hatten. Gegenwärtig ärgert ihn der Kult des Dissidententums, den er in den Gesprächen der älteren Kollegen im Verlag beobachtet. Sie reden in einem Jargon, in dem ständig Wörter wie „gebukha“ (Stasi), GULAG und die Namen der verfolgten Literaten begegnen. Aber bei der Arbeit an einem Text von Sinjawski hat er doch etwas gefunden, das ihn fasziniert: „Jeder auch nur halbwegs bedeutende, sich selbst achtende Schriftsteller ist ein Diversant, und wenn er sich umschaut und darüber nachdenkt, worüber man einmal schreiben könnte, wird er meistens ein verbotenes Thema wählen, sei es das Lager, das Gefängnis, die Juden, der KGB oder (was könnte es da noch Verbotenes geben?) – Sex“. Im weiteren erfährt diese Aussage eine unerwartete, fast skandalöse Erweiterung: „Deshalb behaupte ich, dass die Freiheit des Wortes den Schriftstellern nicht zum Segen gereicht, dass der Schriftsteller von der Freiheit unter Umständen in Siechtum verfällt und dahinwelkt, wie eine Blume im allzu grellen Sonnenlicht [....] Angenehmer sind für ihn – Finsternis, Lagerhaft, die Knute, Fesseln und Verbote“.
Senchins Held stimmt dieser Aussage zu, er beneidet die Dissidenten um ihre heroischen Lebensläufe. Aber es geht hier im wesentlichen nicht um Politik. Der junge Schriftsteller neuen Typs ähnelt nicht dem Selbstbild Solschenizyns, dem Kalb, das mit einer Eiche kämpft, er ist überhaupt keine Kämpfernatur. Das Gefühl des Neids bezieht sich nicht auf die Situation des öffentlichen Kampfes einer Einzelperson gegen einen übermächtigen Staat, sondern gewissermaßen nur auf das Adrenalin, auf den mobilisierenden Effekt, den diese Situation auf die Schaffenskraft des Künstlers ausübt. Kampf, Knute, Unfreiheit erscheinen beneidenswert als Stimulantien der Kunst. Die neue Freiheit hat den Schriftsteller dieses Motors seiner Entwicklung beraubt. Das Schaffen arbeitet «mit schwachen Batterien».

„Eine öffentliche Person zu sein - für den Schriftsteller ein Grund zur Scham“

Die Rolle des Schriftstellers als Prophet und „Beherrscher der Gedanken“ ist Senchin überhaupt zuwider. Im Kontext der russischen Tradition klingt seine Erklärung dazu im Interview mit Prilepin wie eine Herausforderung: „Eine öffentliche Person zu sein ist für den Schriftsteller, meiner Ansicht nach, ein Anlass, sich zu schämen...“ Seit Puschkins Zeiten war es für den russischen Schriftsteller nicht nur keine Schande, sondern seine „heilige Pflicht“, eine öffentliche Person, ein „Staatsbürger“ zu sein. Der Schriftsteller des Typs Senchin sagt sich kompromisslos von dieser Verpflichtung los. Die neue Freiheit hat ihm eine Bedingung seiner Tätigkeit gebracht, die er in der Hierarchie der Werte über alle anderen stellt – die Unabhängigkeit des Künstlers.
Gefahren drohen dieser Unabhängigkeit jedoch auch unter den neuen Bedingungen. Sie gehen nicht nur von den weiter bestehenden, gemässigten Formen staatlicher Kontrolle aus, sondern auch von zweifelhaften Einladungen aus Staat und Wirtschaft an die Adresse der Schriftsteller. Russland hat sich im laufenden Jahrzehnt, nach Meinung Senchins, „in eine Öl- und Gaskorporation verwandelt“ und betreibt eine Informationspolitik nach „korporativen Gesetzen“. Wie diese Politik funktioniert, zeigt Senchin in seiner Erzählung „Region der Taten“. Die Gesellschaft „Ob’gas“ in der nordrussischen Stadt Pionersk veranstaltet im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit „Master-Klassen“ für angehende Schriftsteller. Vor den Teilnehmern tritt, neben anderen Dozenten, ein Professor des bekannten Moskauer Instituts für Weltliteratur (IMLI) auf, ein Spezialist für Majakowski und die ihm nahestehenden Revolutionsdichter. Die Rede des Professors ist eine glänzende Satire auf das Weiterleben der Rhetorik der Sowjetzeit in den ultramodernen Formen des PR-Stils (russ. piar). „Schafft das Positive, Freunde! Kritik hatten wir schon im Überfluss...“, ruft er die angehenden Schriftsteller auf. Die Massen, so erklärt er ihnen, wissen zu wenig von den Heldentaten der Gasproduktion, man muss ihnen zeigen, dass unsere „gazoviki“ keine Räuber sind, sondern Bewahrer der Naturschätze. Die Autoren der ihnen gewidmeten Werke sollen „entflammen“ im Bewusstsein der „gewaltigen Verantwortung des Schriftstellers“. Was wahrer Enthusiusmus ist, können sie von jenen Meistern der Revolutionsdichtung lernen, denen man ungerechterweise das Etikett von Opportunisten angeheftet hat, die nur im „sozialen Auftrag“ schreiben. Die Zuhörer belohnen den Professor mit „stürmischem Beifall“.
Möglich, dass solche Aufrufe bei einigen unter den heutigen jungen Schriftstellern wirklich Zustimmung finden, Schriftsteller der Art Senchins sind jedenfalls gegen solche Verlockungen resistent. Sogar die Zusammenarbeit mit der Staatsmacht in der Rolle des Ratgebers wird kategorisch ausgeschlossen: „Ein Dialog zwischen Politiker und Schriftsteller ist eine Absurdität. Das sind völlig verschiedene Welten“. Nichtsdestoweniger drohen auch dem konsequent apolitischen Schriftsteller Gefahren hinsichtlich seiner Unabhängigkeit. In die Rolle der Verführer sind an der Stelle der staatlichen Einrichtungen private, kommerzielle und andere „freie“ Organisationen und Veranstaltungen geschlüpft: Verlage, Zeitungen, Literaturpreise, Festivals, Lesereisen usw. Der fiktive Roman Senchin in „Vorwärts und aufwärts“ hat sich ziemlich erfolgreich in diese Welt eingelebt. Zu Beginn der Handlung nimmt er an dem „Forum der jungen Schriftsteller“ teil, das den Teilnehmern regelmäßig nicht nur Gelegenheit zum Austausch ihrer künstlerischen Erfahrungen bietet, sodern auch als nützliche Nachrichtenbörse für die eigene Karriere dient: Wer wird in der Kritik verrissen? Wer wird gedruckt, wer nicht? Gibt es neue Talente, d.h. Konkurrenten? Am Schluss des Romans macht sich der Held auf nach Berlin, eingeladen von einem Verlag. Man will über die Publikation eines älteren Buchs des Autors verhandeln. Die Erzählung „Das Projekt“ ist gänzlich dem Thema „wie erarbeitet man das Image eines Schriftstellers“ gewidmet. Die professionellen Helfer des jungen Schriftstellers haben sich am Schluss in solchem Maße seiner Persönlichkeit und seines Schicksals bemächtigt, dass der Kandidat dem Selbstmord nahe ist. Die Beschreibung solcher großen und kleinen Gelegenheiten zum Selbstverrat des Künstlers ist eine besondere Stärke der Prosa Senchins.

„Ich werde ein Mönch der Literatur“

„Ja, ich werde schreiben, und mich nicht in allgemeinmenschlichen Vergnügungen verzetteln.“ Aber was heißt das konkret? Die eigene Unabhängigkeit verteidigen , das bezieht sich nur auf die Bedingungen des Schreibens, ein Programm ohne Inhalt. Dabei kann man nicht sagen, dass Senchin und seine fiktiven Brüder kein „Ideal“ hätten. Sie sprechen – fast im Gorki-Stil – von „neuen“, „starken“, „moralischen“, „lichten“, „glücklichen“ Menschen, sie erwarten ihr Erscheinen, wollen selbst etwas tun, „handeln“ (und haben deshalb wenig Sympathie für Tschechow). Aber in der Gegenwart können sie diese Menschen nicht erkennen, das „gesellschaftliche Klima“ gibt sie nicht her. Und sie „aus dem Kopf heraus erfinden“ ist nicht ihre Sache. So bleibt nur eins: „aufrichtig und ehrlich“ über das schreiben, was man sieht, ohne Anspruch auf eine allgemeine Wahrheit einfach von sich aus und über sich erzählen. Weltanschauliche Grundlage dieses Schaffens ist die Devise der Schriftsteller aller Länder und Zeiten, die Senchin als sein ganz persönliches Bekenntnis formuliert: “Immer gefällt mir das nicht, was gerade ist“.
Das bedeutet, der Schriftsteller ist ein einsamer, unbehauster Mensch, ein „Fremder“ in seiner Welt. So wie der Held der gleichnamigen Erzählung, mit der das Buch „Vorwärts und aufwärts“ abschließt. Ein beginnnender Schriftsteller, wieder einmal mit dem Namen Roman Senchin, besucht ab und zu seine Eltern in einer kleinen Provinzstadt, um „von Moskau auszuruhen“. Die Eltern leben, wie die meisten Kleinstädter, nach einer gemeinsamen Ordnung, die von den gleichen alltäglichen Sorgen bestimmt ist. Ihm selbst hat dieses Leben schon in der Jugend nicht besonders gefallen. Die Klassenlehrerin hat zu ihm gesagt: „Du bist so einer ... wie nicht von dieser Welt“. Der Erfolg auf dem Weg des Schriftstellers hat ihn noch weiter von diesen Menschen entfernt. Treffen mit Freunden und Klassenkameraden gestalten sich zunehmend unangenehm. Einige stellen ihm listige Fragen, hauptsächlich nach seinem Einkommen, in denen Neid und Missgunst zum Ausdruck kommen. Er betrachtet ihr zum Teil verlottertes Leben mitleidig, aber auch ein wenig von oben herab. Mehr noch bemitleidet er die Ehefrauen, die sich aus einst frischen, schlanken Mädchen in „fleischige, dickbeinige Matronen“ verwandelt haben. Einige der Freunde und ihrer Frauen sind schon in sein künstlerisches Werk eingegangen, er hat sie ziemlich unverhüllt beschrieben – „dafür könnten sie mir eins in die Fresse geben“.

Warum, so fragt man sich, besucht er diese Menschen regelmäßig? Die Antwort führt in das Zentrum seiner Existenz als Mensch und als Künstler. Jeden Abend sitzt Senchin vor dem Haus der Eltern auf einer kleinen Bank, die er selbst zurechtgezimmert hat, und beobachtet das Leben auf der Straße. „Es gefiel mir, so zu sitzen, mir gefiel – als einem Gast – der Rhythmus des Städtchens. Ruhig, gemessen, schläfrig“. Was auf der Ebene des Lebens ärgerlich und abstoßend wirkt, verwandelt sich auf eine seltsame Art in etwas Schönes, Bedeutsames – in Literatur.Und unter der Wirkung dieses, wenn auch illusorischen, Eindrucks verwandelt sich auch die Beziehung des Helden zu diesem ungeliebten Ort. Er fängt an, über seine Zukunft nachzudenken, träumt von einem glücklichen Familienleben und kann sich einen Augenblick lang sogar vorstellen, dass er eine dieser von ihm so geschmähten unansehnlichen, aber kräftigen Frauen heiraten und hierher ziehen könnte; dann aber hofft er, dass „irgendeine Moskauerin auf mich abfährt, mich liebt und die treue Freundin eines Schriftstellers wird“. Mit ihr wird er – in Aussicht auf die künftigen Kinder – eine Zweizimmerwohnung kaufen und das Leben einer „normalen Familie“ führen.
Der Schriftsteller auf der Bank vor dem Haus, der distanzierte Beobachter des Lebens, „jemand nicht ganz von dieser Welt“, ein „Mönch der Literatur“ und zugleich ein normaler, unbedeutender Mensch – das ist, wie mir scheint, ein treffendes Symbol für diesen Schriftsteller und viele seiner Altersgenossen. Senchin, der so wenig vom „Klassischen“ hält, kehrt mit dieser Figur zurück zu den klassischen, universalen Fragen nach der Bedeutung von Leben und Werk eines Schriftstellers. Möglicherweise ist es Absicht des Autors, wenn in dem Traum des Helden vom Familienglück die Worte eines berühmten „unbedeutenden Helden“ aus Puschkins Poem „Der Eherne Reiter“ anklingen. Der kleine Beamte Evgenij „gerät ins Träumen – wie ein Dichter“: „Heiraten? Ich? Warum denn nicht?“ Und nach einer Reihe von Einzelheiten, die mit Senchins Gedanken zusammenfallen, endet Evgenijs Monolog mit den Worten: „So geh’n wir weiter bis ans Ende/ Und halten fest uns an den Händen,/ Die Enkel legen uns ins Grab.“


Zur Kategorie „Neue russische Literatur“ vgl. auch die Einträge
Zum Neuen Jahr: Russische Literatur der „nuller“ Jahre
Welt aus Plastik - Sergej Minaevs Roman "Die Kälber" (TheТёлки)

Kategorie: Neue russische Literatur

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