Blog > Eintrag: "Dissidenten sind käuflich" - Juri Poljakows "Gipstrompeter"

"Dissidenten sind käuflich" - Juri Poljakows "Gipstrompeter"

Dienstag, 07. September 2010, 10:19:17 | Armin Knigge

Das Thema der sowjetischen Vergangenheit ist in diesem Blog mehrfach behandelt, als ein politisches Problem in dem Eintrag über den „Antisowjetschik“ Aleksandr Podrabinek, als literarisches Thema in den Besprechungen zu Romanen von Sergej Minaev und Roman Senchin (Links am Schluss des Eintrags). Neunzig Jahre nach dem Beginn, weniger als zwanzig nach dem Ende der Sowjetära ist das ein Thema für alle und für jeden einzelnen im heutigen Russland, aber in der Wahrnehmung und Bewertung dieser Periode ist die Gesellschaft tief gespalten. Die Einstellungen reichen von der kompromisslosen Ablehnung eines Terrorregimes bis zu nostalgischer Verklärung des sowjetischen „Imperiums“ und seiner Gesellschaftsordnung. Dazwischen liegt eine breite Zone der Gleichgültigkeit gegenüber diesem Thema und der Weigerung, an einer Debatte darüber teilzunehmen: Lasst die alten Geschichten ruhen!

Poljakow Roman „Der Gipstrompeter“, einer der Bestseller des Jahres 2008, bietet ein markantes Beispiel zu diesem Thema, zum einen deshalb, weil die sowjetische Vergangenheit, anders als in vielen Romanen der letzten Jahre, das durchgehende Hauptthema des Buches bildet, zum anderen deshalb, weil der Autor – wenn auch im Stil eines harmlos-humoristischen Zeitbildes - deutlich die Position der Sowjetnostalgiker vertritt. Juri Poljakow, 1954 geboren und noch in der Sowjetzeit zum erfolgreichen Schriftsteller geworden, ist – sagen wir es vorsichtig – ein russischer Patriot und ein Verteidiger der Sowjetunion gegen, nach seiner Ansicht, masslose Verdammungsurteile der „Liberalen“ über diese Periode der Geschichte. Er hat diese Position auch als Chefredakteur der „Literaturnaja gazeta“ (seit 2001) deutlich erkennbar vertreten.

Der Roman „Gipsovyj trubach (trubatsch)“ (Gipstrompeter oder auch Gipshornist), ist vom Autor selbst auf der Leipziger Buchmesse 2010 vorgestellt worden und wird wohl demnächst in deutscher Übersetzung erscheinen. Die Haupthandlung spielt in der Breschnew-Zeit an einem Ort, wie er nostalgischer nicht sein könnte: in einem Ferienlager der Pioniere, das für den Protagonisten der Ort seiner ersten Liebe und einer schmerzlichen Trennung ist. Der Gipstrompeter im Zentrum des Lagers ist gewissermaßen ein Zeuge der heimlichen Treffen des Liebespaars. Als erwachsener Mann kehrt der Held zufällig an diesen Ort zurück und erkennt die Reste des verlassenen und halb verfallenen Lagers, auch der Gipstrompeter ist noch an seinem Platz und wird zum Ausgangspunkt der Erinnerung an die Ereignisse von damals. Dieses Sujet präsentiert Poljakow in einer dreistufigen Struktur mit vielen Variationen: zuerst ist es das Erlebnis des Schriftstellers Kokotov in seiner Jugend, sodann die literarisierte Fassung dieser Erinnerungen in einer Erzählung Kokotovs und schließlich der Plot eines Films, den der Regisseur Zharynin produzieren will, nachdem er die Erzählung gelesen hat. Zharynin, ein großsprecherischer „Macher“ und unermüdlicher Anekdotenerzähler, überredet den eher schüchternen Schriftsteller, mit ihm ein Drehbuch zu erarbeiten. Die beiden fahren in ein Heim für prominente Veteranen der sowjetischen Kultur in der Nähe von Moskau, wo Zharynin bestens bekannt ist und auch als Helfer in der Not begrüßt wird. Die noble Einrichtung ist infolge ungeschickter Geschäfte des Direktors mit Spekulanten in ihrer Existenz bedroht. Die Entstehung des Drehbuchs und die Geschehnisse um das „Haus der Veteranen der Kultur“ bilden die Hauptstränge der Handlung, an die sich eine Vielzahl von Geschichten aus der sowjetischen und der postsowjetischen Periode anschließen. Dabei treten zwei Hauptlinien des Themas deutlich zutage, die zugleich die Antipathien und Sympathien des Autors zum Ausdruck bringen: die eine bezieht sich auf die „falschen Dissidenten“, denen der Erzähler mit beißendem Spott begegnet, die andere auf die Welt des „Gipstrompeters“, Synonym für Jugend und Liebe in den Zeiten der Sowjetmacht.
Auf beiden Feldern, dem der Satire und dem der Nostalgie, beweist Poljakow ein beachtliches Talent. Man kann sich gut vorstellen, dass viele Leser dieses Bestsellers im Einklang mit dem Autor Schadenfreude über die deftigen Witze auf kosten der „Liberalen“ empfinden, und ebenso Gefühle der Rührung über die entschwundenen Sowjetzeiten, die auch die Zeiten ihrer Jugend waren. Aber mit Sicherheit haben nicht alle so reagiert. Denn an vielen Stellen in diesem Buch sind nicht nur die Grenzen der political correctness, sondern auch die des guten Geschmacks überschritten.

Der „Dissident“ – ein Mensch mit käuflichem Gewissen

Unter den zahlreichen Anekdoten und komischen Geschichten, die den Hauptteil dieses Buches ausmachen, fällt besonders ein Erzählmuster auf, das der Autor geradezu mit Wollust wiederholt und variiert: es sind Geschichten von „Dissidenten“, Gegnern der Sowjetmacht, die allesamt entweder blindwütige Fanatiker oder gewissenlose Karrieristen und Heuchler sind, also das Gegenteil von dem, was sie vorgeben zu sein. Einer von ihnen wird beiläufig als Muster für schrullige Verhaltensweisen von Dichtern angeführt – und man muss hier den Wortlaut zitieren, um die Absicht zu erkennen: „Ein Lyriker, Opfer des Totalitarismus und im GULAG zum Dichter geworden, wohin er als fanatischer Trotzkist wegen der Gruppenvergewaltigung einer Komsomolzin geraten war, die die Stalinsche Plattform unterstützt hatte, baute sich, wieder in Freiheit, in seinem Arbeitszimmer echte Lagerpritschen auf und richtete eine „Parascha“ (einenToilettenkübel) ein. Nur so konnte er in sich das Beben der Inspiration für seine Versproduktion erzeugen“. Man sehe ihn übrigens heute öfter im Fernsehen, fügt der Erzähler hinzu, „als mahnende Erinnerung für unsere sorglose kapitalistische Jugend an die finsteren Zeiten der schrecklichen Sowjetdespotie“. Das ist nicht ohne Witz, aber mancher Leser wird darüber nicht lachen können.

Auch die beiden Hauptfiguren des Romans, der Filmregisseur Zharynin und der Schriftsteller Kokotov haben, wenn auch nicht so erfolgreich wie andere, als „Dissidenten“ Karriere gemacht. Zharynin hat nur einen einzigen nennenswerten Film gedreht, und den hat das Politbüro verboten. Eine Weile durfte er sich im Glanz des Dissidententums sonnen, aber dann übernahm er kleinere Aufgaben im Kulturbetrieb und blieb – zu seinem Bedauern – unbehelligt von der Staatssicherheit. Immerhin hat er es in Sowjetzeiten zu einer luxuriösen Wohnung und anderen Privilegien gebracht. Kokotov hat seine Karriere erst in der Zeit der Perestrojka begonnen, eine 1986 geschriebene Erzählung mit dem Titel „Boykott“, in der Schüler einem autoritären Lehrer Widerstand leisten, brachte ihm den problemlosen Eintritt in den Schriftstellerverband und die rasche Zuweisung einer Wohnung im Zentrum Moskaus. Als er wenig später erfuhr, dass der Verband wesentlich komfortablere Wohnungen an Mitglieder verteilte, die Kokotov für weniger bedürftig hielt, wurde er doch noch zum „Dissidenten“. Diese Ungerechtigkeit löste eine solche Empörung gegen die Sowjetmacht in ihm aus, dass er 1991 für die Regierung Jelzin und gegen die Putschisten demonstriert hat. – Später hat Kokotov aus Geldnot an einem Wettbewerb teilgenommen, den der Fonds Soros (im Text leicht verfremdet „Seros“), eine Organisation für die Entwicklung der Demokratie in Russland, ausgeschrieben hatte. Prämiert werden sollte eine Jugendbuch, das „in lebendiger und leicht zugänglicher Form das antihumane Wesen der sowjetischen Gesellschaftsordnung und den selbstlosen Kampf der demokratischen Kräfte gegen den GULAG“ thematisiert. Kokotov hatte Erfolg mit einer parodistischen Fortsetzung des erfolgreichen sowjetischen Kinderbuchs „Timur und sein Trupp“. Arkadij Gajdars vorbildlicher Pionier Timur verwandelte sich hier in das Haupt einer Untergrundorganisation mit dem Ziel, Stalin zu ermorden. Kokotov schämt sich ein wenig wegen dieser absurden Geschichte. Die Botschaft Poljakows ist klar: ausländische Geldgeber wollen uns Demokratie lehren und wühlen ohne jede Sachkompetenz in unserer Geschichte herum.

Auf die Spitze getrieben ist dieses Konzept der falschen Dissidenten und Opfer des Totalitarismus in der breit ausgeführten Geschichte des Filmschauspielers Grigorij Purgatsch, einer realen Person, der in Moskau ein Denkmal gewidmet ist. Berichtet wird sie im Roman von Zharynin, dem Kollegen aus der Filmbranche und Spezialisten für hämische Anekdoten über Zeitgenossen. Purgatsch, als Schauspieler talent- und erfolglos, startet seine Karriere mit seinem Hang zum Alkohol und dem seltenen Talent, prominente Vertreter der Moskauer Kulturszene zu seinen Freunden und Zechkumpanen zu machen. Diese revanchieren sich, als er gegen Ende der Sowjetperiode an Leberzirrhose stirbt, mit pathetischen Nachrufen, in denen Purgatsch zu einem Genie der Filmkunst erhoben wird. Als die Perestrojka beginnt, kommt dazu die Gloriole eines Opfers des Sowjetregimes, das ihm die volle Entfaltung seines Talents unmöglich gemacht hatte. Dann stellt sich überraschend heraus, dass er viele Jahre ein bezahlter Spitzel des KGB gewesen ist und seine Zechkumpane verraten hat. Aber auch dieser Skandal beendet seine posthume Karriere nicht. Jetzt wird er erst richtig populär – als tragisches Opfer des KGB! Seine Witwe veranlasst die Ausstrahlung eines Dokumentarfilms, in dem eindringlich über die Gewissensqualen des Spitzels berichtet wird. Sein Alkoholismus, so lautet das Fazit, war eine Art des Protests gegen den „erbarmungslosen Totalitarismus“.

Über die Tatsachen und ihre Deutungen in dieser Geschichte wird man sicherlich streiten können, Poljakow hat sich jedenfalls mit der Figur des klatschsüchtigen Zharynin gegen den Vorwurf der Verleumdung abgesichert. Wichtig ist ihm offensichtlich nur eins - wieder einen „Dissidenten“ zu entlarven und lächerlich zu machen.
Ein Dissident, so lautet einer der zahleichen Aphorismen des Buches, ist „ein Mensch mit einem käuflichen Gerechtigkeitsgefühl“. Kann man das eigentlich noch witzig finden? An solchen Stellen wird die Grenze überschritten, die launige Anekdoten von Hassparolen trennt. Ja, dieser Autor hasst diese Spezies aus tiefstem Herzen, und mit ihnen die neue, postsowjetische Welt. Sie ist voll von diesen scheinheiligen Anklägern des Sowjetregimes, will er uns sagen. Ehrliche und uneigennützige Gegner des Regimes hat es anscheinend nicht gegeben, ebensowenig wirkliche Opfer. Die kritische Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit erscheint als ein groß angelegter Betrug, eine antisowjetische und antirussische Verschwörung. Die reale historische Vergangenheit, das wirkliche Sowjetregime und der wirkliche Terror, lösen sich in dieser Scheinwelt boshafter antisowjetischer Schlagwörter gleichsam auf, sie stehen nicht mehr zur Debatte.

Die sowjetische Vergangenheit – Welt der Jugend und der Liebe

Was aber bleibt von der Sowjetzeit, wenn der „Totalitarismus“ ausgeblendet wird? Die Antwort ist verblüffend: was bleibt, ist die Welt des Gipstrompeters, eine Welt der Jugend und der Liebe. Man muss es dem Autor lassen: das verfallene Pionierlager als Ort der Erinnerung ist ein gelungener Einfall. Schon der Schriftsteller Kokotov hat es in seiner Erzählung verstanden, die eigenen Erinnerungen in jenen lyrischen, gefühlsbetonten Stil zu übertragen, der – neben der kämpferischen Variante – zu den verbreiteten Normen der sowjetischen Prosa gehörte. Im Roman liest er dem Kollegen aus seinem eigenen Text vor. L’vov, der Held, steht vor den Resten des einstigen Lagers und wird von seinen Erinnerungen überwältigt: „ ... und plötzlich vernahm L’vov die Melodie eines alten, vergessenen Lieds, das in jenem Sommer äußerst populär war und mehrmals am Tag vom Lagerfunk übertragen wurde. Er schaute sich sogar um und suchte die Lautsprecher aus Aluminium, die hier einst an Pfählen aufgehängt waren, aber es gab sie schon lange nicht mehr. Und L’vov begriff, dass die Melodie in ihm selbst erklang, und seine Lippen formten unwillkürlich die vergessenen Worte...“ Es folgt ein Zitat aus diesem Lied, das anscheinend im Lager selbst entstanden ist, denn es ist an den Gipstrompeter gerichtet, der die schmerzliche Trennung eines Liebespaars musikalisch untermalt. Zharynin ist begeistert von diesem Anfang und erklärt dem Kollegen, wie das im Film vor sich gehen wird: Leva, der Held, „wandert durch das vernichtete Pionierlager. Und in diese Trümmerwelt dringen plötzlich Kinderstimmen ein, Töne einer Trompete, dann werden Schatten sichtbar... Und allmählich erscheint, wiederhergestellt aus dem Chaos der Schatten und Laute, jene längst nicht mehr existierende Welt“.

Die Liebesgeschichte enthält alle in dieser Umgebung zu erwartenden Zutaten: eine schöne junge Frau namens Taja, die als Künstlerin Malkurse für die Pioniere abhält; romantische Abende am Lagerfeuer; Eifersucht und Schlägereien; erste sexuelle Erfahrungen des Helden. Aber ganz unpolitisch kann eine Erzählung aus dieser Zeit selbstverständlich nicht sein. Poljakow wählt zu diesem Thema sogar ein fast schon „antisowjetisches“ Motiv: im Lager kommt es zu einem politischen Skandal, der den KGB auf den Plan ruft. Bei Taja waren Freunde zu Besuch, die von einem Leben im Westen träumen, mit den amerikanischen Hippys sympathisieren und in jugendlichem Übermut sogar davon reden, wie es wäre, Breschnew zu ermorden. Taja selbst macht Leva den Vorschlag, auf dem anstehenden Karneval im Kostüm eines Hippys zu erscheinen und übernimmt die Einkleidung. Ein Foto von Leva als Hippy wird von einem eifersüchtigen Rivalen dem KGB zugestellt. Es folgen Verhöre am Ort des Geschehens und am Ende wird Taja in Handschellen abgeführt. Die Vertreter der Staatssicherheit haben ihr alle Schuld an den feindlichen Umtrieben in ihrem Umkreis zugeschoben, weil ihre Freunde meist Söhne von hochgestellten Funktionären und daher schwerer zu belangen sind. Trotz des dramatischen Schlusses bleibt das politische Thema im Bereich des Anekdotischen, es geht mehr um die Trennung der Liebenden als um die ungerechten Staatssicherheitsorgane.

Die Sowjetmacht als Förderer der Kultur

Einen zweiten Schauplatz für nostalgische Rückblenden auf die schönen Seiten der entschwundenen Sowjetgesellschaft bietet – wiederum geschickt gewählt – das „Haus der Veteranen der Kultur“. Die idyllische Lage dieses ehemaligen adeligen Gutshauses und die Kuriosität seiner Bewohner sind geeignet, beim Leser Sympathie für diese ehemaligen Günstlinge des Regimes und Mitleid mit ihrer Gebrechlichkeit zu wecken. In den greisenhaften Bewohnern des Hauses spiegelt sich, ebenso wie in dem verfallenen Pionierlager, die versunkene Welt der Sowjetkultur. Unter ihnen finden sich u.a. „der beste Othello des Sozrealismus, ein Liebling Stalins“, „die beste Melkerin im Film der vierziger Jahre“ und ein gewisser Ivan Bolt, legendärer Kolumnist der Stalinzeit, von dem es hieß, er könne mit einem Federstrich jeden beliebigen Minister aus seinem Amt werfen. Eine alte Dame, die einen weißen Turban auf ihrem stolz erhobenen Haupt trägt, erweist sich als „die schönste Frau des sowjetischen Kinos“. So zweifelhaft der einstige Ruhm der einzelnen Heimbewohner erscheinen mag, so unbestreitbar erscheint doch der Wert dieser Einrichtung als ein Zeugnis für die Sorge der Sowjetmacht um die Kultur und ihre Schöpfer. Die Fresken im Speisesaal sind Früchte der Politik des „Sozkultbyt“, die die Kunst zu den Massen bringen sollte. Nicht zufällig hängt im Badezimmer Kokotovs ein Duschvorhang, der mit einer Landkarte bedruckt ist: sie zeigt die untergegangene Sowjetunion in ihrer alten Pracht und Größe.

Die Heimbewohner sind nun schutzlos den Machenschaften eines Finanziers mit dem – nicht zufällig „östlichen“ - Namen Ibraimbykov ausgeliefert, der von dem Direktor Eigentumsrechte erworben hat. Wie es dazu kam, erklärt eine ausführliche Erzählung über die Verwaltung des Heims und den schwierigen Übergang von einer staatlichen Einrichtung zu einer Immobilie unter kapitalistischen Bedingungen. Darin gibt es reichlich Anlässe für Anekdoten aus dem Bereich der „Wohnungsfrage“ (kvartirnyj vopros), einem wichtigen Thema der sozialen Wirklichkeit der Sowjetperiode, das auch in der Literatur (z.B. in Jurij Trifonows Roman „Der Tausch“) seinen Niederschlag gefunden hat. Die verdienten Kulturschaffenden mussten, wenn sie einen der begehrten Plätze in diesem Heim erhalten wollten, ihre bisherige Wohnung an ihre Verbände zurückgeben, die sie dann an andere Bedürftige weitergaben. Die abgegebenen Wohnungen wurden aber mit der Zeit immer kleiner und unkomfortabler, weil die Besitzer ihre schönen großen Wohnungen erst einmal an Verwandte oder Freunde vergaben und dann die dafür eingetauschten weniger wertvollen Wohnungen ablieferten. Als der Kapitalismus anbrach und die abgegebenen Wohnungen einen Kapitalfonds für die Unterhaltung des Heims liefern sollten, führte diese Praxis zum finanziellen Ruin der Einrichtung. Der Direktor versuchte mit illegalen Anteilscheinen Kredite zu bekommen und geriet so in die Fänge eines Finanzhais.

Die Intrige um das Veteranenheim führt von dem nostalgischen Rückblick auf die sowjetische Vergangenheit zurück zu dem Gegenthema, der hässlichen Gegenwart der „falschen Dissidenten“ und ihrer Verbündeten, der Vertreter des neuen russischen Kapitalismus. Sie wohnen ganz in der Nähe des Veteranenheims, in einer streng bewachten Siedlung der Neureichen, unter ihnen ein Direktor der Gesellschaft „Transgaz“. Am Ende tragen sie den Sieg davon. Die von Zharynin gestartete Rettungsaktion, eine Fernsehdokumentaion über das Veteranenheim, endet mit einem Desaster. Der Sender hat die Aufzeichnung von Zharynins Auftritt durch gezielte Kürzungen in ihr Gegenteil verkehrt. Aus dem flammenden Appell zur Rettung des Hauses ist eine Unterstützung der Ansprüche des Finanziers Ibraimbykov geworden. Dieser traurige Schluss dient letztlich wieder dem nostalgischen Thema: So etwas, mag der Leser sich denken, hat es in Sowjetzeiten nicht gegeben!

Disziplin und Ordnung – die „vernünftige Sowjetmacht“

Romane wie dieser sind ein Zeichen für die neue Freiheit in der russischen Kultur. Auch die Sowjetnostalgie hat darin ihren Platz. Ob diese Tendenz allerdings die notwendige ernste Auseinandersetzung mit dem Thema der Vergangenheit fördert, darf man bezweifeln. Sie vertieft eher die Spaltung in der Gesellschaft, besonders dann, wenn sie eine an Hass grenzende Verachtung für Liberale und Demokraten aller Art verbreitet. Poljakow weitet dieses Feindbild auf die gesamte russische Intelligenzija und ihre Tradition aus. Dieser Gedanken wird in einem der schwungvollen Auftritte des Regisseurs Zharynin ausgesprochen, der eine eigenwillige Interpetation des sowjetischen Kinderfilms von Elem Klimow „Willkommen, oder Fremden ist der Zutritt verboten“ vorträgt. Schauplatz ist auch dort ein musterhaft funktionierendes Pionierlager. Alle Kinder gehen in Reih und Glied, baden auf Kommando, nehmen an Kunstkursen teil. Nur einer, der Pionier mit dem sprechenden Namen Kostja Inotschkin (Anders), marschiert nicht mit, badet, wann und wo es ihm gefällt und freundet sich mit den Jungen aus dem Nachbardorf an. Der Direktor des Lagers, Dynin, der den Ruf eines unangenehmen Menschen und Speichelleckers vor der Obrigkeit genießt, schickt den Jungen nach Hause. Daraufhin formiert sich unter den Pionieren eine Oppositionsbewegung gegen den Direktor, die dazu führt, dass Dynin von einem Vorgesetzen, der zu Besuch im Lager weilt, seines Postens enthoben wird. Der Film sei ein geniales Werk, erklärt Zharynin, er enthalte eine prophetische Vorausschau auf die Perestrojka, man müsse nur die Rollen der Beteiligten richtig verstehen. Dynin, das ist die Sowjetmacht, und alles, was sie von den Kindern fordert, nämlich Ordnung und Disziplin, ist „absolut vernünftig“. Inotschkin/Anders – das ist die undankbare sowjetische Intelligenzija, die schon immer die staatliche Ordnung gehasst hat, aber jeden Monat pünktlich ihr Gehalt anforderte... Inotschkin ist „ein kleiner, aber schon erbarmungsloser Zerstörer“. Und der Vorgesetzte, der Dynin hinauswirft – das ist der entstehende reformerische Flügel der Sowjetmacht, „Gorbatschew mit seiner Perestrojka“.

Natürlich ist das nicht die unmittelbare Stimme des Autors, aber vieles spricht dafür, dass der Schwadroneur Zharynin seinem Autor aus dem Herzen spricht. Hier geht es nicht mehr nur um die falschen Dissidenten, sondern um das prinzipielle Gegeneinander von Persönlichkeit und Staatsmacht, Freiheit und Ordnung, und die Entscheidung für den „vernünftigen Staat“ ist eindeutig. Poljakow hat diese Position auch in seiner Eigenschaft als Chefredakteur der „Literaturnaja gazeta“ verteidigt, z.B. in einem Interview mit der „Komsomol’skaja pravda“ (6.03.2009), wo er die Kaderpolitik der Sowjetmacht als vorbildlilch darstellte. Damals habe es in Staatsämtern nicht wie heute nur gewissenlose Karrieristen gegeben. Der Staat wählte seine künftigen Vertreter sorgsam aus und erzog sie in patriotischem Geist: „Die sowjetische Gesellschaft wurde viel strenger als die heutige kontrolliert, damals war es einfacher, sich um den einzelnen Menschen zu „kümmern““. Mit solchen Ansichten ist Poljakow kein Gesprächspartner für Verfechter der Demokratie in Russland, und auch kein Gesprächspartner für ein westliches Publikum. In einer Podiumsdiskussion auf der Leipziger Buchmesse kam es nach Presseberichten zu einem Eklat. Poljakow begann einen heftigen Streit mit dem teilnehmenden deutschen Slavistik-Professor Holt Meyer über die Frage, ob man den bekannten Vertreter des Konzeptualismus Lew Rubinstein als Dichter bezeichnen könne. Schließlich verließ Poljakow wütend das Podium und ließ das Publikum, das den Anlass des Streits nicht verstanden hatte, in Ratlosigkeit zurück. Mit seinem Roman „Der Gipstrompeter“ mag es vielen Lesern im Ausland ähnlich ergehen.

Einträge zum Thema in diesem Blog:
„Antisowjetschik“ – das klingt stolz!
Welt aus Plastik: Sergej Minaevs Roman „Die Kälber“
Ein Mönch der Literatur: „Vorwärts und aufwärts“ von Roman Senchin

Das zitierte Interview mit der „Komsomol’ska pravda“ finden Sie hier,
den Bericht über die Autoren aus Russland auf der Leipziger Buchmesse hier.

Kategorie: Neue russische Literatur

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Für Kommentare nutzen Sie bitte das KONTAKTFORMULAR.

Неизвестный ГорькийMaxim Gorki

netceleration!

Seitenanfang