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Jonathan Franzens Roman "Freiheit" - bald auch in Russland

Freitag, 29. Oktober 2010, 19:05:52 | Armin Knigge

Jonathan Franzens Roman

Die russischsprachige Version des Eintrags finden Sie hier.

Der neue Roman des amerikanischen Autors Jonathan Franzen „Freiheit“ (Freedom), ein literarisches Großereignis im August dieses Jahres in den USA und gleichzeitig in Deutschland, wird demnächst auch Russland erreichen. Der Verlag CORPUS hat die Rechte gekauft und im August mitgeteilt, dass der Text „mit Hochdruck“ ins Russische übersetzt wird. Franzen hat schon mit „Korrekturen“ (The Corrections, Übersetzung 2005) eine begeisterte Lesergemeinde in Russland gefunden, die sich nun sicher noch vergrößern wird. Denn „Freiheit“ ist wirklich ein großartiger Roman, einer, den man mehr als einmal lesen kann. Die „Familiensaga“, genauer: die Geschichte einer dreißigjährigen Ehe, könnte als Anzeichen für eine Wiederbelebung des Genres der „Beziehungsromane“ in der Tradition des psychologischen Realismus verstanden werden. Auch in Russland gibt es – wenn auch nur vereinzelt – Beispiele dafür.

„Auf dem Niveau Tolstojs“

Über die Qualität der schriftstellerischen Arbeit Jonathan Franzens hat der einflussreiche russische Autor und Kritiker Zakhar Prilepin (in diesem Blog schon mehrfach erwähnt) einige bemerkenswerte Sätze gesagt, denen ich mich anschließen möchte. Auf seiner offiziellen Seite hat Prilepin dem vorhergegangenen Bestseller „Korrekturen“ (russ. Popravki), seinen persönlichen Preis verliehen: „Das beste ausländische Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe, eins der besten, die ich überhaupt gelesen habe“. Prilepin wagte den Vergleich mit „Anna Karenina“, wohl wissend, dass das „schockierend“ auf russische Leser wirken könne: „Tolstoi ist zweifellos ein Genie, und alles, was neumodische Psychologen im letzten halben Jahrhundert über die Familie, über Liebe, über Kinder geschrieben haben – hat er schon im voraus gewusst, und er hat es mit vollendeter Genauigkeit beschrieben. Franzen schreibt auf dem gleichen, fast unerreichbaren Niveau wie Tolstoi. Mit feiner Zeichnung der verschiedenartigsten Helden schafft er eine Enzyklopädie des Alltagslebens, der Gefühle, der pathologischen Befunde“. Es sind vor allem zwei Eigenschaften, die Prilepin hervorhebt und die auch auf das neue Buch zutreffen. Zum einen ist das die Unauffälligkeit der komplizierten Struktur des Textes, die sich hinter einem unprätenziösen, unterhaltsamen Ton der Erzählerstimme verbirgt („liest sich wunderbar“), zum anderen der universale, nicht nur nationaltypische Charakter der dargestellten Konflikte. Die Kritik hat dagegen meist die nationalen und politischen Aspekte des Themas hervorgehoben. Auf dem Umschlag der russischen Ausgabe von „Korrekturen“ war als Inhaltsangabe zu lesen: „Eine Chronik der Skandale, die eine typische amerikanische Familie zerstören“. „Das ist keineswegs eine Skandalchronik“, stellt Prilepin fest, „und der typische Charakter einer amerikanischen Familie ist ebenfalls nicht von solcher Wichtigkeit, denn es zeigt sich, dass die Menschen an den verschiedensten Ufern der Ozeane sich vollkommen gleichen. Alle ihre Leiden sind uralt, und vielleicht auch unvermeidlich“.

„Freiheit“ - ein „verkrüppelter Begriff“

Auch in den Besprechungen der großen Tageszeitungen in Deutschland richtete sich die Aufmerksamkeit vor allem auf die politische Dimension des Romans. Im Mittelpunkt der „Familiensaga“ sahen die Kritiker ein satirisches Porträt Amerikas der Ära George W. Bush: die „Agonie des Liberalismus“, die Korruption der politischen Klasse, den Zerfall der Familie, die zweifelhaften Aspekte des Naturschutzes u.a.m. In dieser Sicht erhält der Anteil des Politischen am Gesamtthema ein übertrieben großes Gewicht, aber „Freiheit“ ist zweifellos auch ein politisches Buch. Franzen gilt zurecht als einer der schärfsten Beobachter und Kritiker der Tendenzen in der amerikanischen Gesellschaft. In einem Spiegel-Gespräch (25.01.2010) zusammen mit dem Autor Adam Haslett) bezeichnet Franzen das Wort „Freiheit“ als den am häufigsten missbrauchten Begriff der Bush-Periode. Das Wort sei „vergiftet“, zu einem „Krüppel“ geworden, der Romantitel sei in dieser Hinsicht nur ironisch zu verstehen. Auf der anderen Seite ist Freiheit in Franzens Vorstellung ein Hochwertbegriff, der weit über den politischen Bereich hinausreicht. Freiheit, so erklärte er im Spiegel-Gespräch, bezeichne für ihn den Zustand der Unabhängigkeit von jeglichen Ideologien und von der Konsumgesellschaft. Intensiv erlebt habe er diesen Zustand in den 13 Monaten, in denen er den Roman geschrieben hat: „An einen Roman angekettet zu sein, das ist meine Idee von Freiheit“. Auch auf der Ebene der Personen und ihrer Konflikte erweist sich der Freiheitsbegriff als Kern des Themas: die Protagonisten, das Ehepaar Patty und Walter, befreien sich in einem quälenden Prozess bis an die Grenze einer völligen Zerstörung ihrer Beziehung von gesellschaftlich bedingten - und damit unfreien -„falschen“ Gefühlen und „fehlerhaften“ Entscheidungen und entdecken einander von neuem – als liebende menschliche Wesen. Die Liebe ist in diesem Sinne ein Synonym für Freiheit.

Ein Liebesroman der Sonderklasse

„Freiheit“ gehört wie „Anna Karenina“ oder „Madame Bovary“ zu Gattung der Beziehungs- oder Liebesromane, man könnte auch von einem Eheroman sprechen, wenn diese Bezeichnung in Gebrauch wäre. Franzen selbst bestimmt das Sujet des Romans als „die Geschichte einer dreißigjährigen Ehe“. In der Kritik ist der Roman wie der Vorgänger „Korrekturen“ als Familienroman behandelt worden. Mir scheint allerdings, dass das Familienthema ebenso wie das der Politik nur eine Komponente der alles beherrschenden Liebesgeschichte ist, alle anderen Teile wirken nur mit an der Darstellung und Erklärung der auf zwei Menschen beschränkten Hauptlinie des Sujets. Familienbeziehungen spielen, wenn auch nicht als Hauptthema, dennoch eine wichtige Rolle. Der Charakter der Protagonisten ist wesentlich durch ihre Herkunft geprägt. Walter hat unter dem Einfluss seiner am Rande des Asozialen lebenden Familie schon früh das Gefühl sozialer und politischer Verantwortung entwickelt, Patty dagegen verachtet die Politik, weil sie in ihren Vertretern Abbilder der eigenen Mutter sieht, einer „Berufsdemokratin“, die ihre Kinder vernachlässigt. Die Eheleute unterscheiden sich auch durch die Beziehung zu den Kindern, eine enge, vertrauensvolle Beziehung entwickelt jeder nur zu einem von ihnen: Walter zu der „vernünftigen“ Jessica, Patty zu dem „chaotischen“ Joey. Es geht jedoch nicht um eine quasi soziologische Analyse der sozialen Institution Familie. Schon in den „Korrekturen“ hatte die Kritik eine angeblich scharf ablehnende Einstellung des Autors zum Typ der amerikanischen Mittelstandfamilie ausgemacht, ihr Zerfall sei als ein Symptom für den Zerfalls der Gesellschaft vorgeführt. Im Spiegel-Gespräch hat Franzen dieser Ansicht deutlich widersprochen. Es stimme nicht, dass er die Familie ausschließlich als eine „erstickende Angelegenheit“ und als ein „Schlachtfeld“ beschrieben habe. Er selbst sei in einer sehr liebevollen und umsorgenden Familie aufgewachsen, auch die Auseinandersetzungen mit den Geschwistern habe er nicht negativ empfunden, sondern als eine gern genutzte Gelegenheit für den Jüngsten, seine Kräfte mit den Älteren zu messen. Das sei eine gute Lebensschule und auch eine Vorbereitung auf den Konkurrenzkampf in der amerikanischen Gesellschaft. Konkurrenz habe auch etwas mit Freiheit zu tun. Im übrigen glaube er nicht, dass die Familie in Amerika immer mehr zu einer „dysfunktionalen“ Einrichtung geworden sei, viele junge Leute in seinem Bekanntenkreis hätten ein besseres Verhältnis zu ihren Eltern, als die meisten seiner eigenen Generation.
Mag sein, dass Franzen mit diesen betont konservativen Ansichten auch ein wenig provozieren wollte, aber der neue Roman bestätigt im wesentlichen diese Auffassungen. Die dargestellten Familien sind zwar alle – wie bei Tolstoj – „jede auf ihre Art unglücklich“, aber ihre Wirkungen sind keineswegs nur zerstörerisch. Die Familie, auch die von Patty und Walter, ist Schauplatz für menschliche Komödien und Tragödien, sie kann der Ort lebenslang wirkender traumatischer Erfahrungen sein, aber auch ein Ort der Erfahrungen der Liebe und sogar des Glücks. Franzen widersetzt sich als Künstler jeder einseitigen Bewertung einer Sache. Auch das Thema der Konkurrenz hat im Roman eine ambivalente Bedeutung, sie sorgt für Dynamik in den Beziehungen zwischen den Protagonisten und auch im Verhältnis der gegensätzlichen Freunde Walter und Richard, Konkurrenz wird aber zugleich als zerstörerisches Prinzip gezeigt, wenn sie, wie bei Patty, zum Lebensmotto wird. Der scharfe Blick des Schriftstellers enthüllt in allen Sphären des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens eine eigentümliche Dialektik der Dinge. Und der Leser folgt ihm gern auf den verschlungenen Wegen dieser Beobachtungstour.

Die Menschen fühlen das eine – und sagen etwas anderes

Ich werde hier nicht den Gang der Handlung wiedergeben, die Nacherzählung der Sujets von Familienromanen – und noch mehr von Liebesromanen – vermittelt oft den Eindruck des Trivialen: Sie finden sich, leben glücklich miteinader und trennen sich, - da gibt es wenig Raum für Überraschungen. Auch Franzen hat in dieser Hinsicht kein Neuland entdeckt. Aber er erzält diese Liebesgeschichte so meisterhaft, dass selbst die Standardsituationen den Leser durch ihre Neuartigkeit und Besonderheit überraschen. Der Autor lässt keinen Zweifel daran, dass Patty und Walter nach dem Willen irgendeiner höheren Macht „füreinander bestimmt“ sind. Aber bevor sie selbst zu dieser Erkenntnis kommen, vollzieht sich über 500 Seiten ein qualvoller Prozess falscher oder halbherziger Entscheidungen, falscher Gedanken und Gefühle: „Er und seine Frau liebten einander und bereiteten einander täglich Leid“. Den Höhepunkt der Handlung bildet die Trennung, die für immer zu gelten scheint, dann aber auf „sechs Jahre Schweigen“ begrenz wird. Im weiteren führe ich einige Episoden an, die Franzens Schreibweise charakterisieren.

Walter erlebt das, was man eine Liebe auf den ersten Blick nennt, Patty ist dagegen wenig an ihm interessiert. Ihr erotisches Interesse bezieht sich auf Walters Freund Richard, einen Pop-Musiker und Frauenhelden. Walter spielt nur die Rolle eines Helfers bei der Anbahnung der Beziehung. Einer Freundin gegenüber beschreibt Patty ihr Verhältnis zu Walter mit den Worten: „ Es ist, als wäre mir ein sehr lieber, guterzogener Hund zugelaufen, der mir auf Schritt und Tritt folgt“. Auch Pattys Entscheidung Walter zu heiraten entspringt nicht so sehr ihrer Liebe zu ihm als vielmehr ihrem Wunsch, „den nettesten Mann von Minnesota“ zu heiraten, in einem schönen Haus zu wohnen und ihrer Mutter zu beweisen, dass sie eine bessere Mutter ist. Solche Situationen, zu denen auch die ersten erfolglosen Versuche gehören, das Verhältnis mit Richard in Gang zu bringen, sind die Quelle von vielen komischen Effekten und werden vom Autor (in Teilen auch von der „Autobiographin“ Patty) mit deutlicher Ironie erzählt. Aber Franzen beweist seine Stärke auch in der Tonlage der Tragödie. Nachdem Walter Pattys Manuskript gelesen hat, das nicht für ihn bestimmt war, kommt es zu einer dramatischen Auseinandersetzung zwischen den Eheleuten, die den Vergleich mit klassischen Beispielen solcher Kampfbeziehungen (etwa in Dostojewskis Erzählung „Die Sanfte“) aushält. Patty verlässt das Haus, wie es scheint, für immer. Anschließend trifft Walter in der Küche Jessica, und anstatt der geliebten Tochter die Tragödie zu offenbaren, bemerkt er nur wie nebenbei: „Mom und ich haben uns ein wenig gestritten“.

Solche Situationen der Nichtentsprechung zwischen dem, was in Wahrheit vor sich geht, und den Reaktionen der Personen sind ein charakteristisches Merkmal der Erzählmethode Franzens. Die Menschen fühlen das eine – und sagen etwas anderes: „Ach, Walter, du fehlst mir so“, ruft Patty, als er (am Anfang ihrer Beziehung) nach längerer Pause anruft, und sie erkennt im selben Augenblick, dass das ein „Fehler“ war, denn sie hat sich gerade entschlossen, die Beziehung zu beenden, um Walter nicht zu kränken. Solche „Irrtümer“ charakterisieren auch die Beziehung Walters zu seiner Assistentin Lalitha (sic, nicht Lolita!), einer jungen und schönen Frau, die ihren Chef vergöttert. Walter fühlt sich zu ihr hingezogen, verbietet sich aber als „anständiger Mensch“ die Einsicht, dass seine Beziehung zu Lalitha vorrangig durch sexuelles Begehren bestimmt ist. Richard, wesentlich erfahrener auf diesem Gebiet, amüsiert sich über die ungewohnte Rolle seines Freundes „im Hengstmodus“.
Der gemeinsame Sinn in der Vielzahl solcher Fälle des Selbstbetrugs ist nicht schwer zu erraten: der Mensch ist nicht Herr über sein Leben, er kommt nicht zurecht mit seinen Beziehungen zu anderen Menschen, nicht einmal mit seinen eigenen Gefühlen. In seltenen Moment bekennen sich die Protagonisten zu ihrer Hilflosigkeit. Nach einem missglückten Gespräch mit seiner Tochter bricht Walter in Tränen aus. Sein Zustand wird mit den – sehr „russischen“ – Worten beschrieben: „Er wusste nicht, was er tun, wusste nicht, wie er leben sollte“. Das Leben stößt ihn bald in die eine, bald in die entgegengesetzte Richtung, es gibt kein „Drehbuch“, in dem alles geregelt wäre. Das kennzeichnet auch seine Versuche zur „Rettung der Welt“: sein ökologisches Projekt hilft letzten Endes nicht dem vom Aussterben bedrohten Pappelwaldsänger, sondern gewissenlosen Geschäftemachern, die den Naturschutz als lukratives Geschäft für den Kohlebergbau entdeckt haben. Dass das Wort „Mensch“ heute nicht mehr stolz klingt, bedarf auf einer Gorki gewidmeten Seite keiner näheren Erklärung. Franzen ist dennoch kein Pessimist und kein Zyniker. Ursula März hat den Roman in der ZEIT als „beinahe kitschverdächtiges Genesungsprojekt“ für die amerikanische Gesellschaft bezeichnet. Der Schluss des Romans könnte für solche Urteile als Begründung herhalten, ich persönlich halte dieses Happy end für eine konsequente Lösung, obwohl sie alles andere als „gesetzmäßig“ ist.

Rückkehr des Famlienromans?

In der russischen Literatur der „nuller“ Jahre begegnen Themen aus dem Bereich der Familien- und Liebesbeziehungen relativ selten, und fast immer als zweitrangige Motive im Kontext einer „überpersönlichen“ historischen, mythologischen oder politischen Konstruktion, nicht aber als Ausdruck des Willens des Autors, in die Geheimnisse der menschlichen Natur einzudringen. Es handelt sich möglicherweise um eine aus sowjetischen Zeiten weiterwirkende negative Grundeinstellung gegenüber der Sphäre des Privaten: „das Kreisen um sich selbst“ (vozit’sja s samim soboj) ist eines stolzen Sowjetmenschen unwürdig! Einer der strengsten Apologeten dieser Ansicht war bekanntlich Maxim Gorki, genauer: der Parteiideologe Gorki. Als Künstler hat Gorki ständig gegen dieses Gebot verstoßen, besonders in seinem letzten Roman „Das Leben des Klim Samgin“, wo sich viele Verfahren des psychologischen Realismus erstmals in der russischen Literatur finden lassen, zum Beispiel die von Vorurteilen und Fehleinschätzungen bestimmte Selbstbeobachtung des Helden.

Neben dem Mainstream der überpersönlichen Themen gibt es jedoch auch einzelne Versuche einer Wiederentdeckung der Beziehungsprobleme. Ein interesaantes Beispiel dafür bietet der 2008 erschienene Roman „Höchstgebot“ (Cena otsechenija) des bekannten Telemoderators und Publizisten Aleksandr Arkhangel’skij. Der Roman ist zwar, wie alle Bücher der letzten Jahre, angefüllt mit den „großen“ Themen des politischen, historischen und ökonomischen Lebens im gegenwärtigen Russland, aber den Kern des Sujets bildet ein „privates“ Ereignis, das der Kritiker Lev Danilkin mit den Worten beschreibt: „Eine reiche, kluge Dame, die ihren Mann liebt, verlässt ihn plötzlich wegen eines provinziellen Schauspielers“. Der Mann und die Frau selbst verstehen nicht, wie das passieren konnte, und quälen sich in vergeblichen Versuchen, mit ihren Gefühlen zurechtzukommen. Außer dieser Generallinie gibt es in „Höchstgebot“ eine Reihe von Situationen, die Parallelen in Franzens „Freiheit“ haben.
Danilkin sieht in dem Roman Archangel’skijs ein Anzeichen für ein neues Interesse der Autoren und der Leser am psychologischen Realismus, an einer „unterhaltsamen Menschenkunde“. Weniger überzeugend erscheint allerdings die soziologische Begründung, die der Kritiker für dieses Phänomen anbietet. In einer Periode der „Stabilität“, in der die vertikalen Bewegungen der Macht weitgehend zum Stillstand gekommen sind, wachse die Bedeutung der Ereignisse auf der „horizontalen“ Ebene, insbesondere die der Familienbeziehungen wie Untreue und Versöhnung: „Ergo – der Familienroman kehrt zurück“. Eine interessante These, die sich jedoch nicht ohne weiteres mit der gleichzeitigen Rückkehr zur klassischen Literatur des psychologischen Realismus vereinbaren lässt. Haben Puschkin und Tolstoi etwa unter den Bedingungen der „Stabilität“ geschrieben? Und auch Franzens neuer Roman ist nicht gerade einer besonders stabilen Lage in den USA zu verdanken. Einleuchtender scheint mir die Erklärung, dass in verschiedenen Ländern und Kulturen ein Prozess des „Erwachsenwerdens“ in der Literatur zu beobachten ist, d.h. ein sinkendes Interesse sowohl an ideologisch bestimmten Schreibweisen als auch an formalen Experimenten, während sich gleichzeitig eine neue Aufmerksamkeit für die Traditionen des psychologischen Realismus – die „unterhaltsame Menschenkunde“ - bemerkbar macht.

Kategorie: Neue russische Literatur

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