Blog > Eintrag: Über die Jubiläumsmanie und das Leben ohne Genies: Vor hundert Jahren starb Lew Tolstoi

Über die Jubiläumsmanie und das Leben ohne Genies: Vor hundert Jahren starb Lew Tolstoi

Samstag, 20. November 2010, 18:02:44 | Armin Knigge

Über die Jubiläumsmanie und das Leben ohne Genies: Vor hundert Jahren starb Lew Tolstoi

Ilja Repin: Lew Tolstoi (1901)

In russischer Sprache hier.

Heute vor hundert Jahren, am 20. November 1910, starb auf der Bahnstation Astapovo der große russische Schriftsteller Lew Tolstoi, der Autor der Romane „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“ und einer Reihe weiterer in aller Welt bekannter Werke. Tolstoi gehört zweifellos zum „Weltkulturerbe“, wenn hier die Anwendung des Begriffs der Unesco erlaubt ist, und dieses Erbe leidet, im Unterschied zu manchem anderen Objekt dieser Kategorie, nicht an Altersschwäche. Davon zeugt in den letzten Jahren ein wahrer Boom von neuen Übersetzungen, Verfilmungen und dokumentarischen Produktionen zum Werk und der Persönlichkeit des Schriftstellers. Man sollte meinen, dass dieses lebhafte Interesse des ausländischen Publikums an der russischen Klassik Reaktionen wie Befriedigung und Stolz auslösen würde. Aber das ist keineswegs die Regel. Oft ist in den Reaktionen der russischen Presse auf ausländische Produktionen ein Ton des Missfallens und der Ablehnung herauszuhören. Die Bearbeitung des klassischen russischen Literaturerbes, die immer auch eine Adaption an die Bedingungen einer anderen , nichtrussischen Kultur mit sich bringt, wird oft als ein Anschlag auf nationales Eigentum aufgefasst. Negative Kritiken beziehen sich vordergründig natürlich nur auf die künstlerische Qualität der Produktionen, aber das ästhetische Urteil verbindet sich häufig mit national gefärbten Verallgemeinerungen: Die ausländischen Autoren können unseren Genius nicht verstehen! In solchen Äußerungen kommt nicht nur die seit Dostojewskis Zeiten bekannte Reizbarkeit und Gekränktheit gegenüber dem Westen zum Ausdruck, sondern auch ein Weiterwirken der sowjetischen Kultur, in der der Klassikerkult der Legitimation und der Festigung der Staatsmacht diente. Tolstoi war in diesem Zusammenhang vielleicht der wichtigste nationale Genius, sein Ruhm und die Deutungshoheit über sein Werk befanden sich fest in der Hand der Partei.

„Flucht auf englische Art“ – Kritik auf russische Art

Als Beispiele möchte ich zwei Rezensionen anführen, die sich auf den Film „The Last Station“ beziehen, eine englisch-deutsche Gemeinschaftsproduktion unter der Regie des Amerikaners Michael Hoffman. Russland war an der Produktion des Films nur mit einer russischsprachigen Synchronisation beteiligt (russischer Titel: „Der letzte Sonntag“).
Es geht um die Ereignisse des Sommers 1910 in Jasnaja Poljana. Tolstoi fühlt sich durch die fortwährenden Auseinandersetzungen mit seiner Frau Sofja Andrejewna, die das Erbe ihrer Kinder verteidigt, und die Ansprüche seines Mitarbeiters und Vertrauten Vladimir Tschertkow, der Tolstois religiöse Lehre in der Welt verbreiten will, so sehr in die Enge getrieben und sich selbst entfremdet, dass er eines Tages fluchtartig das Haus verlässt und sich auf eine Reise ins Unbekannte, letzlich in den Tod begibt. Das reale Leben in Gestalt der Erinnerungen der Beteiligten und ihnen nahestehender Zeitzeugen bildet einen eindrucksvollen Stoff, fast schon ein fertiges Drama, das in Russland als „die Flucht und der Tod Tolstoi“ von Anfang an ein viel diskutiertes Thema war.
Dem Film „The Last Station“ lag ein Roman gleichen Titels von Jay Parini zugrunde. Die schriftliche Form erlaubt naturgemäß eine größere Nähe zu den historischen Zeugnissen, bei der Verfilmung droht die Gefahr der Vereinfachung und Anpassung an den Geschmack des Massenpublikums. Hoffman hat dieser Gefahr nicht gänzlich entgehen können, die überwiegende Zahl der Kritiker im Westen war sich jedoch darin einig, dass der Film im ganzen nicht die Grenze überschritten hat, die Unterhaltsamkeit von Banalität und Kitsch trennt. Der Film bietet dem Zuschauer, nicht zuletzt wegen seiner hervorragenden Darsteller, Cristopher Plummer als Tolstoi und Helen Mirren als Sofja Andrejewna, ein überzeugendes Bild von dem Dreieck Tolstoi - Sofja Andrejewna –Tschertkow und den sich daraus ergebenden ehelichen und familiären Kollisionen.

Die Kritikerin der „Novaja gazeta“ (3.11.2010) Larisa Maljukova teilt diese Ansicht nicht, sie stürzt ich förmlich auf dieses „großformatige Hollywoodmelodram“, als sei hier ein unverzeihliches Verbrechen am Geist der russischen Klassik begangen worden. Der Regisseur „liefert für Unwissende ein leichtverdauliches Digest“ der verwickelten Beziehungen der Figuren, „das ist wie eine Bibel mit Bildchen für Kinder“. Der westliche Zuschauer, wohl ein Ignorant von Natur, wird mit pseudorussischen Dekorationen betrogen: Tolstoi und sein Sekretär Bulgakov gehen zwischen „auf deutsche Art akkurat gesetzten Birken“ spazieren, die Mäher mähen in „ziemlich neuen Leinenschuhen“. Über die Fehler und Ungenauigkeiten bezüglich der historischen Wahrheit „könnte sogar ein Schüler schreiben“. (Es wäre interessant, dies an einem echten russischen Schüler zu testen!)

Etwas wohlwollender, aber mit derselben nationalen Gereiztheit verfährt der Kritiker der „Rossijskaja gazeta“ (24. 8.2010) mit dem „Letzten Sommer“. Die Überschrift „Flucht auf englisch“ leitet die „Kritik auf russisch“ ein: die ausländischen Autoren und Schauspieler sind nicht in der Lage, die ganze Tiefe dieses russischen Dramas zu begreifen. Der Tolstoi des kanadischen Schauspielers Christopher Plummer ist eine „stattliche und imponierende Figur“, aber die „persönliche Tragödie“ ist nicht zu spüren, nur die Stimme des russische Schauspielers Aleksej Petrenko „gibt der russischen Version dieser Rolle ein gewisses Charisma“. Helen Mirren „leidet sehr überzeugend“, aber eigentllich doch nicht, denn „sie spielt allzu elegant, auf englische Art, in Halbtönen“. Indessen, so belehrt uns der Rezensent, hat sich die „reale Tragödie“ in Jasnaja Poljana „an der äußersten Grenze des Skandals und weiblicher Hysterie“ abgespielt. Eben diese „echt russische Überspanntheit“ vermisst der Kritiker der „Rossijskaja gazeta“, die Autoren haben sie, wie er meint, aus gutem Grund vermieden und „die Geschichte einer Familienkatastrophe in ein ziemlich süßliches Melodram mit einem fast glücklichen Ausgang verwandelt“. Lassen wir andere, zum Teil durchaus interessante, Beobachtungen und einzelne Divergenzen im Urteil der Rezensenten beiseite. In unserem Zusammenhang geht es nur um die Hauptrichtung der Kritik, und die stimmt überein. Ihren wesentlichen Inhalt hat ein gewisser neqoro 123 in der online-Version der „Novaja gazeta“ mit der im russischen Internet gewöhnlichen Grobheit formuliert: „Worüber wundern Sie sich? Hollywood hat einen Film über L. Tolstoi gedreht. So ist eben die Beziehung der Amerikaner zur Kultur und Geschichte anderer Völker. Geistige Barbaren“. Und wie steht es, möchte man fragen, mit der Beziehung der Bürger Russlands zur Kultur andere Völker? Die Autoren der besprochenen Rezensionen teilen natürlich nicht die Überzeugungen ihrer Landsleute vom Typ des neqoro 123, aber mit ihrer „patriotisch“ gefärbten Ästhetik bereiten sie den Boden für solche Auftritte.

„Man schämt sich für den Staat!“

Beide Kritiker äußern am Schluss ihre skeptische Einstellung zu dem bevorstehenden 100. Todestag Tolstois, und dieser Bezug erklärt auch den gereizten Ton der Kritik. Die russische Premiere des Films fand im August in Jasnaja Poljana statt – in englischer Sprache! Das Publikum bestand überwiegend aus 130 Nachkommen des großen Tolstoi, die sich zu einem ihrer regelmäßigen Familientreffen im Haus ihres Vorfahren versammelt hatten. Nicht alle von ihnen sprechen Russisch, in Jasnaja Poljana konnte man fast alle europäischen Sprachen vernehmen, - ein schönes Symbol für den internationalen Ruhm Tolstois. Dennoch sind die Kritiker weder mit dieser Präsentation noch mit der bevorstehenden Premiere der russisch-sprachigen Version zum eigentlichen Jubiläumstermin zufrieden. Denn auf diese Weise, klagt Pavel Basinskij, „werden wir zum 100. Gedenktag der Flucht und des Todes unseres nationalen Genies einen ausländischen Film sehen, wobei die russische Mitwirkung sich auf den Verleih in Russland und in der Union unabhängiger Staaten (SNG) beschränkt“. Wie ärgerlich, erklärt der Kritiker, dass Aleksej Petrenko nicht die Rolle Tolstois spielt, sondern nur einen ausländischen Schauspieler synchronisiert, dass „wir aus irgendeinem Grund nicht in der Lage waren, der Welt eine eigene Kinoversion dieses Ereignisses anzubieten“. „Wie Sie wollen, aber man schämt sich für den Staat“. In derselben Tonlage des Bedauerns und der Beschämung schließt auch Larisa Maljukova ihre Rezension: „Und was haben wir getan?“ Es soll ein Dokumentarfilm „Tolstoi – das lebendige Genie“ erscheinen, der aus unikalen Filmaufnahmen des Jahrhundertanfangs zusammengestellt ist. Ein anderer Dokumentarfilm, an dem die Autorin seit langer Zeit arbeitet, ist nicht fertig geworden, weil man ihr „das Geld dafür nicht gibt“: „So dass im ablaufenden Jahr nur die Liste der Kandidaten für den Oscar, auf der der Film von Michael Hoffman erscheint, die Welt an Tolstoi erinnern wird“.

Leben ohne Jubiläen – Leben ohne Genies?

Wo ist das Problem? – denkt sich der naive Beobachter aus dem Westen. Und wieso soll man sich „für den Staat schämen“? Die Beziehung Lew Tolstois zum russischen Staat und zum Staat überhaupt ist bekannt. Wie dächte er wohl über eine pompöse Feier im Kreml auf Kosten des russischen Staates unter Putin und Medvedev? Maljukova zweifelt selbst daran, dass „ein Staatsauftrag zum Jubiläum etwas leicht Verdauliches hervorgebracht hätte“, dennoch sieht sie wie Basinskij die Verantwortlichkeit für das Jubiläum bei denen, „die das Geld geben“, und das sind in Russland traditionell der Staat und seine Kulturfunktionäre. Dass diese Ansicht sich anscheinend von selbst versteht, ist ein Anzeichen für den weiterwirkende Einfluss der sowjetischen Kultur auf das Bewusstsein der Intellektuellen. Die Aufschrift „Wird vom Staat erhalten“ an denkmalgeschützten Gebäuden ist in den Köpfen der Kulturschaffenden in einem erweiterten Sinn immer noch gegenwärtig. Sie bezieht sich sogar auf so zutiefst persönliche Angelegenheiten wie die Liebe zu einem Schriftsteller oder Künstler. Aber hängt ein solches Gefühl wirklich davon ab, ob der Staat der betreffenden Persönlichkeit eine große Feier widmet? Die Mehrzahl solcher Feiern ist von den wesentlichen Fragen, die Leben und Werk des Geehrten betreffen, weit entfernt. Vom Staat veranstaltete Jubiläumsfeiern dienen in erster Linie diesem Staat zur Vermehrung seines Ansehens. Unter diesem Gesichtspunkt kann man den Rückzug des postsowjetischen Staates aus diesen traditionellen Aufgaben auch als positive Tendenz betrachten, die der Kultur mehr Unabhängigkeit von den Ansprüchen der Politik verschafft.
Andererseits ist es nicht schwer zu verstehen, dass die neue Situation bei den Kulturschaffenden ein Gefühl der Enttäuschung und der Unsicherheit hervorruft. Mit dem allmächtigen Staat scheint die Kultur selbst zu verschwinden. Die mangelnde öffentliche Aufmerksamkeit für Jubiläen der Klassiker kann solche Empfindungen verstärken. Vor zwei Jahren hat Pavel Basinskij in der „Rossijskaja gazeta“ (9.9.2008) aus Anlass des vorhergehenden Tolstoi-Jubiläums, des 180. Geburtstags, seine Enttäuschung darüber geäußert, dass dieser Gedenktag „in Russland praktisch nicht begangen wird“. Während in Amerika und Europa ein wahrer Boom neuer Übersetzungen zu verzeichnen sei, habe man in Russland nicht einmal eine wirklich vollständige Werkausgabe Tolstois. Aus dieser Situation zieht der Kritiker einen resignierenden Schluss: „Wir müssen lernen, ohne Genies zu leben, eingedenk der Tatsache, dass sie dennoch Genies bleiben. Und dass es unsere Genies sind, die uns auch dann bleiben werden, wenn Öl und Gas zuende gehen“. Schön gesagt, aber warum werden diese Überlegungen mit so viel Kulturpessimismus vorgetragen? Es vollzieht sich gleichsam der Abschied von einer besseren Vergangenheit, konkret heißt das: die sowjetische Kultur hat einer dem Typ nach „europäischen“ Platz gemacht, in der es keine Genies mehr gibt, zumindest keine lebenden wie Alexander Solschenizyn: „So traurig das auch klingt, das Leben ohne Genies ist ein normales Leben... So lebt schon seit langem Europa, und es lebt sogar besser als wir“. Die Zustimmung ist natürlich nicht ernst gemeint: für uns, die Russen, ist ein solches Leben „ohne das Genie, ohne den Propheten, ohne die Sonne“ eben nicht normal, es ist eigentlich unmöglich. In einem gewissen Widerspruch zu dieser Auffassung konstatiert der Verfasser aber gleichzeitig, dass „wir unsere toten Genies nicht zu würdigen verstehen. Als Beweis führt er die Resultate der noch laufenden Umfrage nach der bedeutendsten Persönlichkeit in der russischen Geschichte („Der Name Russlands“) an, wo Tolstoi etwa an Platz 35 erscheint (Stalin übrigens auf Platz drei). Die Russen seien „seltsam gleichgültig“ gegenüber dem Gedenken an ihre großen Landsleute, erklärt Basinskij. Alles hat sich, so scheint es, zum Schlechteren verändert. Aber ist das wirklich so?

Die sowjetische Vergangenheit und ihre Jubiläumsmanie

Der in Frankfurt a.M. lebende russische Schriftsteller Oleg Jurjew hat in der „Frankfurter Rundschau“ (21.10.2010) aus Anlass des Todestages Tolstois eine böse Satire auf die sowjetische Manie der Klassikerjubiläen und die besondere Rolle Tolstois veröffentlicht: „Barfuß nach Jasnaja Poljana“. Tolstoi war in Russland noch zu seinen Lebzeiten „beinahe einstimmig als der größte Dichter anerkannt“, was aber niemanden daran hinderte, auch Puschkin, Gogol und Dostojewski für den größten Dichter zu halten. Über die Klassiker wird in Russland nur im Superlativ gesprochen. Mit beißender Ironie beschreibt Jurjew die Bedeutung Tolstois nach der Revolution. Die Sowjetkultur übernahm den „Medienstar“ Tolstoi und etablierte ihn an oberster Stelle in ihrem Pantheon der Literaturgottheiten. Sein Werk wurde zum Maßstab der Literaturproduktion: Wer schreibt das sowjetische Äquivalent zu „Krieg und Frieden“? „Die ganze sowjetische Kulturideologie war mit Tolstoi vergiftet“, erklärt Jurjew, „er war ihr Alptraum – ein unerreichbares Ideal und die ewige Erinnerung an eigene kulturelle Unzulänglichkeit“.
Die gigantischen Jubiläen der Literaturklassiker sind für den Verfasser „eines der traumatischsten Kulturerlebnisse der Sowjetzeit“, beginnend mit dem 100. Todestag Puschkins im Jahre 1937. Der Pomp und die Aufdringlichkeit dieser Feier machten den Dichter zu einer mythischen Figur, die in Sprichwörter und Redewendungen der russischen Sprache einging. 70 Jahre später, im Vorfeld des Tolstoi-Jubiläums, beobachtet der Verfasser eine Rückwärtsbewegung zu dieser Art der Kulturpflege: Gebt uns unsere Jubiläen wieder! Die politische (und finanzielle) Verantwortung für die Kultur hat sich in den letzten Jahren vom Zentrum zu den regionalen und lokalen Instanzen verlagert. Die russische Intelligenzija, die im Geist des Etatismus erzogen ist, empfindet diese „Regionalisierung“ als einen Verlust an Prestige für die Kultur und für sich selbst, da sie sich immer noch für die führende Kraft der Gesellschaft hält. Daher drängen ihre Vertreter „den Kreml“ zur Veranlassung großer Jubiläen. Dadurch „wird die Zentralmacht dauernd eingeladen und aufgefordert, sich ins Kulturleben einzumischen und wieder eine richtende, führende Position einzunehmen“.

„Barfuß nach Jasnaja Poljana“

Am Schluss seines Beitrags erzählt Jurjew eine komische Geschichte, die sich im Rahmen der Vorbereitung des Tolstoi-Jubiläums wirklich zugetragen hat. 2009 forderte das Bildungsministerium die Hochschulen des Landes auf, über geplante Veranstaltungen aus diesem Anlass zu berichten. In einer Moskauer Hochschule erlaubte sich die Leitung einen Scherz und trug in die Liste neben anderen Veranstaltungen ein: „Barfußmarsch der Professoren und Studenten von Moskau nach Jasnaja Poljana“. Die Verfasser waren nicht wenig überrascht, als das Programm des Ministeriums erschien. Dort war ihr Scherz in solide gedruckter Form zu lesen. Jurjew informiert die Leser darüber, welche Torturen die Professoren und Studenten im Falle einer Realisierung des Projekts erwarten würden: 220 Kilometer! Im November, d.h. im Schnee! Barfuß!

„Flucht aus dem Paradies“ – die russische Version
Entgegen den Befürchtungen Pavel Basinskijs müssen die Bürger Russlands im Jubiläumsmonat November nicht „ohne Genies leben“. Einer drohenden Blamage für die russische Kultur hat Basinskij selbst entgegen gewirkt, indem er ein Buch veröffentlicht hat, das nicht zufällig mit dem Sujet des Films „The Last Station“ übereinstimmt: „Lew Tolstoi: Flucht aus dem Paradies“. Basinskij legte dem Publikum seine, die russische Version des Dramas in Jasnaja Poljana vor. Dabei richtete er die Aufmerksamkeit nicht auf Tolstois Lehre und die philosphischen Gründe seines Verhaltens, sondern, im Prinzip wie Michael Hoffman in seinem Film, auf das Beziehungsgeflecht zwischen den Hauptakteuren: „Ich habe die Lebenssituation, die konkreten Beziehungen konkreter Menschen untersucht“. In der „Rossijskaja gazeta“ (9.9.2010) ist der Inhalt so gekennzeichnet: „eine packende Geschichte für den verwöhnten zeitgenössischen Leser über die Seele, die Liebe und den Hass des 82-jährigen Tolstoi, der vor seiner hysterischen, streitsüchtigen Frau flieht, wohin ihn die Füße tragen“. Das Buch, vorgestellt am 9.9.2010, dem Tag des 182. Geburtstags des Schriftstellers, hatte eine positive Resonanz in der Presse und wurde in die Kandidatenliste für den Preis „Das große Buch“ aufgenommen. Die russische Seite hat damit doch noch ihren Beitrag zum Thema „Flucht und Tod Tolstois“ in den Wettbewerb um die besten Würdigungen des Jubilars eingebracht.

Wem gehört das Erbe Tolstois?

Von den übrigen vorgesehenen Veranstaltungen zum 100. Todestag seien hier noch einige genannt: Am 20. November wird der Memorialkomplex auf der Eisenbahnstation Astapovo, dem Sterbeort des Schriftstellers, nach langer Renovierungszeit wiedereröffnet. Eine historische Ausgabe der „Sewastopol“-Erzählungen Tolstoi wird in den Kosmos, auf die internationale Raumstation befördert. Die Universalbibliothek der Stadt Lipetsk bietet den Lesern die Möglichkeit an, viele Werke des Schriftstellers in historischen Ausgaben zu lesen. Alle Veranstaltungen folgen den allgemeinen Regeln der Jubiläumskultur: sie sollen den Ruhm des nationalen Genius vermehren und unangenehme Fragen im Zusammenhang mit der aktuellen Rezeption möglichst vermeiden. Wenn solche Fragen dennoch auftauchen, werden sie von offizieller Seite beantwortet. So beklagte sich der Direktor des Staatlichen Tolstoi-Museums Vitalij Remizov in einer Pressekonferenz über eine „unangenehme Flut“ von Beiträgen zu Tolstoi im Ausland. Als Beispiel nannte er das Vorwort der Nobelpreiträgerin Doris Lessing zu einer Ausgabe der Tagebücher Sofja Andrejewnas, wo Lessing Tolstoi einen „Frauenhasser mit Anzeichen für homosexuelle Neigungen“ genannt hatte. Diese Äußerungen waren in mehreren Zeitungen nachgedruckt worden. „Ich sah mich gezwungen, einige Artikel für mehrere europäische Zeitungen zu schreiben, um unsere Position darzustellen“, erklärte Remizov. Dieser Auftritt erinnnert an sowjetische Zeiten. Ein Sprecher der Kulturabteilung des ZK gibt der Welt zu wissen, wie „unsere Position“ in dieser Frage ist, was man über Tolstoi sagen darf und was nicht. Sollte man sich nicht vielmehr darüber freuen, dass es heute ohne solche Zensur erlaubt ist, seine Meinung über Tolstoi zu sagen, ihn sogar in gewissen Punkten abzulehnen?
Wem gehört das Erbe Tolstois und der ganzen russischen Klassik? Eine einfache und vernünftige Antwort auf diese Frage gab vor drei Jahren der Produzent und Filmregisseur Valerij Todorovskij im Rahmen der Diskussion um den Mehrteiler „Krieg und Frieden“ (Regie: Robert Dornhelm). Mit Bezug auf die Welle der Empörung, die dieser in Westeuropa produzierte Film in Russland ausgelöst hatte, erklärteTodorovskij: „Die russische Klassik, wie auch jede andere, ist für alle offen und zugänglich. Und solange es in der Welt eine Interesse an ihr gibt, solange man in verschiedenen Ländern unsere nationalen russischen Helden und unsere Sujets auf der Leinwand sehen will, wird man unsere russische Klassik verfilmen. Wobei niemand uns um unsere Meinung fragen muss“ („Rossijskaja gazeta“, 15.11.2007)

Tolstoi – wer war er wirklich?

Den interessantesten und inhaltsreichsten Beitrag zum Jubiläum hat m.E. der Literaturwissenschaftler Igor Volgin mit seinem Artikel „Von allen fortgehen: Lew Tolstoi als ein russischer Landstreicher“ in der Oktobernummer der Zeitschrift „Oktjabr‘“ geliefert. Volgin ist vor allem durch seine Arbeiten über Dostojewski bekannt geworden und die Beziehung zwischen diesen beiden großen Schriftstellern, die sich nie begegnet sind, aber einander stets aufmerksam beobachtet haben, spielen in dieser Darstellung eine wichtige Rolle. Aber das ist nur ein Aspekt in einem vielschichtigen Porträt des Schriftstellers Tolstoi in den letzten Jahren seines Lebens. Auf der Basis der Tagebücher und der Erinnerungen von Zeitgenossen (darunter auch Gorki) behandelt der Autor alle zentralen Fragen, die mit der Persönlichkeit Tolstois und ihrer unmittelbaren Wirkung in der Zeit zusammenhängen. Tolstoi war die wichtigste „Medien“-Persönlichkeit um die Jahrhundertwende, die Ikonographie seiner äußeren Erscheinung hat wesentlich an seinem Einfluss mitgewirkt. Die „Religion“, deren Schöpfer er war, stellte in ihrer Zeit, wie Volgin überzeugend darlegt, eine „unerhörte Kühnheit“ dar, denn sie negierte das Wesen Christi als Gottes Sohn und behandelte ihn als den Begründer einer Morallehre.
Viel erfährt der Leser über die Eindrücke der Zeitgenossen von den persönlichen Begegnungen mit Tolstoi. Übereinstimmend berichten sie über die gleichsam physiologisch spürbare „Größe“ dieses Menschen, die auf gewöhnliche Menschen einschüchternd wirken konnte. Er konnte seine Besucher durch sein liebenswürdiges Wesen bezaubern, sie aber auch durch „listige Fragen“ in Verlegenheit bringen. Manche Zeitgenossen haben etwas „Satanisches“ in ihm zu bemerken geglaubt. Die Bezeichnung „russischer Landstreicher“ (russkij skitalec) zielt auf eine schwer festlegbare Natur, einen Menschen, der „kein Obdach“
hat und ständig auf der Suche ist. Eine einfache Antwort auf die Frage, wer dieser Mensch wirklich war, darf man also auch in dieser materialreichen und klugen Darstellung nicht erwarten.

Tolstoi und Gorki

Auf einer Website, die dem „unbekannten Gorki“ gewidmet ist, kann die Frage nach den Beziehungen zwischen diesen beiden Schriftstellern nicht unbehandelt bleiben, zumal da sie sich am Anfang des Jahrhunderts, als sie eine Reihe persönlicher Begegnungen erlebten, zusammen mit Anton Tschechow nahezu auf der gleichen Stufe der weltweiten Bekanntheit befanden. Gorkis Erinnerungen an Tolstoi, 1919 erschienen, bildeten eine der wichtigsten Quellen der „Tolstologie“. In der Sowjetzeit besaß Gorki, zusammen mit Lenin, eine Art Deutungshoheit über das Werk und die Persönlichkeit Tolstois. Davon ist heute glücklicherweise keine Rede mehr. Gorkis Erinnerungen bieten weit mehr als die bekannten Formeln vom „Menschen der Menschheit“ Tolstoi. Für mich persönlich bot das bevorstehende Jubiläum einen willkommenen Anlass, Gorkis Briefe vom November 1910 aus Anlass des Todes Tolstois und seine späteren Erinnerungen von neuem zu lesen. Aus diesem Material entsteht nicht nur ein eindrucksvolles Porträt Tolstois, sondern auch ein interessantes Selbstporträt Gorkis. Diesem Thema ist ein eigener Eintrag in diesem Blog gewidmet.

Für Besucher, die Russisch lesen:Eine Nachbetrachtung zum 100. Todestag Tolstois von Lev Rubinstein in grani.ru finden Sie hier

Kategorie: Russland und die Russen

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Für Kommentare nutzen Sie bitte das KONTAKTFORMULAR.

Неизвестный ГорькийMaxim Gorki

netceleration!

Seitenanfang