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„Dieser Mensch ist gottähnlich!“ - Gorki über Tolstoi

Sonntag, 21. November 2010, 18:36:45 | Armin Knigge

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Aus Anlass des 100. Todestages von Lew Tolstoi werden in diesem Eintrag die ersten Reaktionen Gorkis auf die Nachricht von Tolstois Tod im November 1910 und das literarische Porträt „Lew Tolstoi“ (1919) behandelt. In der sowjetischen Zeit wurden die Erinnerungen an Tolstoi, wie der ganze Gorki, einer ideologischen „Begradigung“ unterzogen. Wenn man sie heute unbeeinflusst von solchen Beschränkungen liest, kann man dort manches Neue und Überraschende entdecken. Die gottgleiche Natur, die Gorki dem großen Zeitgenossen zuschrieb, war nur eines der vielen Gesichter Tolstois in diesen Erinnerungen, in denen das Bild Tolstois eigentümlichen Beziehungen mit dem Selbstbild des Memoiristen Gorki eingeht.

„Ich weine und wehklage...“

Die Nachricht vom Tod Tolstois erreichte Gorki in Italien, während seiner Emigration im Zusammenhang mit der Teilnahme an der russischen Revolution 1905. Am 21. November, dem Tag nach dem Tod Tolstois, schrieb Gorki an den Schriftsteller und Freund A.V. Amfiteatrov (beginnend mit einem Zitat aus dem orthodoxen Beerdigungsritual „Chin pogrebenija mirjanam“): „Ich weine und wehklage, wenn ich des Todes gedenke“ – die Schönheit dieser Worte habe ich immer gefühlt, aber sie haben mich nie zu Tränen und lautem Weinen gebracht, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass dieser Tod, der so natürlich war und sich mehr als einmal angekündigt hatte, mir, als er dann eintrat, mit solcher Wucht ins Herz treffen würde. Es ist, als ob man mir ein großes Stück aus der Seele gerissen hätte, ein Gefühl der Trauer und Verlassenheit eines Waisenkindes hat mich überwältigt, und es scheint, dass sich auch im Herzen Russlands ein schwarzes Loch geöffnet hat, in dem alle möglichen Würmer herumwimmeln. Wann wird es sich wieder schließen? Fortgegangen ins Reich des Vergangenen ist eine große Seele, eine Seele, die ganz Russland umfasst hat, alles Russische, - von wem, außer von Lew Tolstoi, kann man das sagen?“

Ein weinender Gorki aus Anlass des Todes Tolstois, das kann dem heutigen Leser überraschend erscheinen, und ebenso, mit Erstaunen, betrachtete Gorki selbst dieses Erlebnis. Fünf Jahre zuvor, in der Kampfstimmung der russischen Revolution von 1905, hatte Gorki in den „Bemerkungen über das Kleinbürgertum“ über Dostojewski und Tolstoi geschrieben: „Ich kenne keine schlimmeren Feinde des Lebens als sie. Sie wollen den Peiniger mit dem Gepeinigten versöhnen und sie wollen sich rechtfertigen für ihre Nähe zu den Peinigern, für ihre Gleichgültigkeit gegenüber den Leiden der Welt“. Das ist der bekannte Gorki, in der sowjetischen Zeit gehörten solche Äußerungen zu den kanonischen Urteilen der russischen Literaturgeschichte. Dabei wurde verschwiegen, dass Gorki sich zu solchen Akten eines revolutionären Rowdytums, auch zu seinen eigenen dieser Art, äußerst kritisch verhielt. In den unmittelbaren Reaktionen auf den Tod Tolstois erleben wir einen anderen Gorki: „Ich versuche mich zur Vernunft zu bringen: du hast ihn doch kaum geliebt?... Aber was heißt das schon? Die Argumente der Vernunft wirken nicht, die Seele schmerzt noch qualvoller...“. Unter dem Eindruck dieses Todes gibt es nur noch Emotionen, und sie sprechen nicht von Meinungsverschiedenheiten, sondern nur von Nähe und Vertrautheit in der Beziehung zu Tolstoi. Vom Zustand eines „Waisenkinds“ spricht Gorki auch in anderen Briefen aus diesen Tagen. Tolstoi gehörte offenbar zu den Menschen, die Gorki sich – bewusst oder unbewusst – auf dem Platz des früh verlorenen Vaters wünschte. Das Gefühl der Nähe bezog sich jedenfalls auf die „private“ Persönlichkeit, den lebendigen Menschen Tolstoi, nicht auf den Literaturklassiker und Prediger des Christentums. Dem weißrussischen Dichter Michail Kocjubinskij schrieb Gorki um dieselbe Zeit: „In dieser Seele gab es so viel Fremdes und sogar mir Feindliches, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich den Menschen [hervorgehoben] Tolstoi so tief und begierig liebe!“
Im Vergleich mit den Erinnerungen an Tolstoi (1919) wird klar, in welchem Sinne hier der Begriff des Menschen zu verstehen ist. Tolstoi ist nicht nur ein herausragendes Exemplar in Gorkis Galerie „russischer Menschen“, er ist ein Wesen einer anderen Kategorie, ein „gottähnliches“ Wesen. Wie niemand sonst verkörpert Tolstoi in Gorkis Vorstellung sein Ideal des stolzen, unabhängigen, und zugleich einsamen und unglücklichen Menschen. Deshalb bedeutet der Tod dieses Menschen mehr als den Verlust eines großen Zeitgenossen und politischen Opponenten, er symbolisiert so etwas wie die symbolische Zerstörung des Traums von der möglichen Realisierung dieses Ideals. Der gottähnliche Mensch Tolstoi hat sich als sterblich erwiesen, und dieses einfache Faktum löst in Gorki einen Sturm von Emotionen aus. In dem angeführten Brief an Amfiteatrov beschreibt er seinen Zustand als einen Wutausbruch gegen den Tod selbst, der (im Russischen weiblich) die Züge einer widerwärtigen Hexe annimmt: „...ich rase vor Wut auf jemanden, auf alle und auf den Tod selbst – eine vulgäre und dumme Sache ist der Tod, der uns die Tolstois fortnimmt. Eine alte Jungfer, unfruchtbar, neidisch und rachsüchtig vor Neid, und mir scheint, ich sehe ihre platte Fratze vor mir und darauf den abstoßenden, höhnischen Triumph“. Der mythisch-religiöse Charakter der Gedankenwelt Gorkis wird hier besonders deutlich. Sein Menschenideal ist untrennbar mit der Idee der Unsterblichkeit verbunden, der Tod symbolisiert die Natur, die diesen Traum zerstört.

„Alle schlechten Eigenschaften der Nation“

Gleichzeitig mit der schmerzlichen Erfahrung des Verlusts setzt Gorki aber auch die Polemik gegen Tolstois Lehre fort. Der Gedanke an einen Tolstoi in der Rolle eines christlichen Heiligen ist ihm unerträglich. Auf die Nachricht von der „Flucht“ Tolstois reagiert er mit Verärgerung. An seine Frau E.P. Peschkowa schreibt er am 18. November: „Lew Nikolajewitschs „Flucht“ aus dem Haus, vor der Familie, hat bei mir einen Ausbruch von Ablehnung, fast von Wut gegen ihn ausgelöst, weil ich sein schon lange währendes Bestreben kannte, „zu leiden“ einzig zu dem Zweck, das Gewicht seiner religiösen Ideen zu erhöhen. Und ich fühlte in dieser „Flucht“ etwas Berechnetes, Vorbereitetes“. In einem Brief an Iwan Bunin (23. November) spricht Gorki voller Zorn von dem „despotischen“ Wunsch Tolstois zu leiden, um „aus dem Leben des Grafen Tolstoi die „Heiligenvita unseres seligen Vaters Lew“ zu machen“. Tolstoi wird beschuldigt, dass er, in Verkennung seiner wahren göttlichen Natur, nach einer falschen Heiligkeit strebe. Dieser Tolstoi ist Gorki verhasst, denn er verneint, wie die Natur und der Tod, das utopische Ideal des gottgleichen Übermenschen.

Das Bild des „falschen“ Tolstoi verbindet Gorki mit dem des „nationalen Genies“. In dieser Eigenschaft wurzelt die künstlerische Kraft des Schriftstellers, aber zugleich verkörpert er, wie Gorki im Brief an seine Frau erklärt, „alle schlechten Eigenschaften der Nation, alle Missbildungen, die ihr von der Geschichte zugefügt worden sind“. Zu diesem Komplex gehören nach Ansicht Gorkis die Predigt des „Passivität“ (d.h. die Lehre vom Nichtwiderstand gegen das Böse mit Gewalt) und der moralischen Selbstvervollkommnung des Individuums (anstelle einer Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse).
Im Kontext der Konzeption Gorkis von den beiden großen Weltkulturen – Osten und Westen – die er später (1914) in dem Artikel „Zwei Seelen“ ausgearbeitet hat, verkörpert der „falsche“ Tolstoi den passiven und fatalistischen „östlichen“ Menschen, seine Predigt ist „ihrer Chemie nach feindlich gegen den Westen eingestellt“, gegen das Ideal des aktiven, willensstarken und stolzen Menschen.
Auch auf dem Gebiet seiner politischen Tätigkeit war Gorki um diese Zeit ein überzeugter „Westler“. In einem Brief an Vladimir Korolenko (4. November) spricht er von dem Ziel, „eine breite demokratische Plattform zu errichten“. „Die Revolution ist gescheitert wegen des Mangels an kultureller Energie im Land“, erklärt Gorki, es sei notwendig, „Russland auf westlich-kleinbürgerliche Art umzugestalten“, „und die Zeit arbeitet erfolgreich daran“. Das heißt, auch auf diesem Felde stand der erklärte Gegner der westlichen Zivilisation Tolstoi Gorkis Träumen vom neuen Menschen oder auch nur von der Errichtung einer demokratischen Ordnung als unvollkommene Vorstufe feindlich gegenüber.

Mit großen Befürchtungen sah Gorki der Behandlung des Themas „Flucht und Tod Tolstois“ in der zeitgenössischen Presse entgegen: „Und man kann sich das tierische Gebrüll und Gegrunze vorstellen, das sich an seinem Grab erheben wird, und die heuchlerischen Tränen derjenigen, die sich als die Erben seiner Seele betrachten – seiner unermesslichen Seele! Wir müssen gegen die religöse Legende kämpfen“, schreibt er an Amfiteatrov. „Bei mir sind schon Korrespondenten erschienen, Interviewer, ständig kommen Telegramme“, teilt er im selben Brief mit. „Ich werde nichts über ihn schreiben, nicht hier und nicht in Russland“. Gorki hat dieses Versprechen gehalten, er schrieb öffentlich nicht über Tolstoi, bis zur Veröffentlichung der Erinnerungen (1919). Angesichts der Tatsache, dass Gorki um diese Zeit selbst zur Kategorie der weltweit bekanntesten Persönlichkeiten gehörte, musste dieses Verhalten merkwürdig und unverständlich erscheinen. Man kann dieses Schweigen aber auch als einen ehrenhaften Akt der Verneigung vor dem Toten bewerten. In der damaligen gesellschaftlichen Situation hätte eine öffentliche Erklärung der Position Gorkis mit ihren schreienden Widersprüchen kaum auf Verständnis stoßen können, sie hätte auf der einen Seite laute Proteste und auf der anderen ebenso laute Zustimmung ausgelöst.

„Lew Tolstoi“ (1919)

Die Veröffentlichung des literarischen Porträts „Lew Tolstoi“ im Jahre 1919, im bolschewistischen Russland, war ein ebenso „unzeitgemäßer“ Akt wie die zuvor erschienene Artikelserie „Unzeitgemäße Gedanken über Revolution und Kultur“ (1917/18). Um seine Meinung über die Resultate der Oktoberrevololution auszudrücken, hätte Gorki die Worte aus dem Brief an Korolenko im November 1910 wiederholen können: „Die Revolution ist gescheitert wegen des Mangels an kultureller Energie im Land“. Die herbeigesehnte Revolution hatte sich – einem Wort Puschkins gemäß - als „russischer Aufstand“ erwiesen, „sinnlos und erbarmungslos“. Die Persönlichkeit Tolstois war vom realen Leben in einem zerstörten Land ebenso weit entfernt wie Gorkis damalige Arbeit an der Schaffung einer „Bibliothek der Weltliteratur“. Die Erinnerungen an Tolstoi waren ein Aufruf zur Verteidigung der Kultur, sie ließen in lebendigen Bildern und Gedanken ein schon in die museale Klassik übergegangenes Bild des großen Künstlers und Menschen Tolstoi wiedererstehen.
Die Gegenwart der Entstehung und Veröffentlichung, also das nachrevolutionäre Russland, ist in diesem ca. 50 Seiten umfassenden Text mit keinem Wort erwähnt. Er besteht aus einzelnen (im ersten Teil nummerierten) Bemerkungen, die Gorki im Winter 1901/02 notiert hatte. In dieser Zeit hatte er Tolstoi – meist zusammen mit Tschechow – häufig getroffen. Orte dieser Begegnungen waren die Wohnungen der drei Schriftsteller auf der Krim. Diese Erinnerungsfragmente werden ergänzt durch einen Brief an Korolenko aus dem Jahre 1910 und abschließende, 1919 entstandene Bemerkungen des Autors. In meisterhaft geschriebenen kleinen Skizzen vermittelt Gorki dem Leser Eindrücke von der äußeren Erscheinung des Menschen Tolstoi, zeigt ihn in ständiger - physischer und geistiger- Bewegung. Beschrieben werden seine ungewöhnlichen Hände, grob und verarbeitet, aber voller schöpferischer Energie; sein seltsamer Gang, rasch und leicht, mit „scharrenden Sohlen“; das in seinem Bart versteckt „betörende Lächeln“; seine „scharfen Augen“, die alles durchschauen.

Der „starke“ und der „schwache“ Tolstoi

Bei aller physiologischen und psychologischen Neugier, die Gorki eigen ist, begnügt er sich doch nicht mit der Rolle des Zeitzeugen und des bescheidenen Eckermanns. In den Erinnerungen an Tolstoi kommt – wie in den Briefen aus Anlass seines Todes – die leidenschaftliche, kämpferische Beziehung des Autors zu dem großen Zeitgenossen zum Ausdruck. Die Erinnerungen sind ein Kampf um das Gedächtnis des großen Toten, für den „starken“ und gegen den „schwachen“ Tolstoi, wie Gorki diese Doppelgänger versteht. Der starke, von Gorki geliebte Tolstoi – das ist der geistig schöne, energische, stolze, gottähnliche Mensch, der schwache, ihm verhasste, ist der Prediger der Passivität und aller schlechten Eigenschaften des russischen Nationalcharakters.

Nicht zufällig ist die erste Bemerkung dem „starken“ Tolstoi und seiner Beziehung zu Gott gewidmet: „Der Gedanke, der offensichtlich am häufigsten sein Herz quält, ist der Gedanke an Gott. Manchmal scheint es, dass das eigentlich kein Gedanke, sondern der konzentrierte Widerstand gegen etwas ist, das er über sich fühlt“. Er spricht darüber weniger, als er es wollte, bemerkt der Memoirist, aber das ist kein Anzeichen des Alters oder des Vorgefühls des Todes, - „das kommt von seinem schönen menschlichen Stolz. Und ein wenig von dem Gefühl der Kränkung, weil es beleidigend ist, Tolstoi zu sein und sich zugleich dem Willen irgendeines Streptokokkus unterwerfen zu müssen“. Hier sind alle Züge versammelt, die zusammen das Bild des „starken“ Tolstoi ausmachen: der „stolze Mensch“, der, wenn auch insgeheim und schweigend, Gott zum Zweikampf herausfordert, und der doch gezwungen ist, sich mit seiner Sterblichkeit abzufinden. Er ist „gekränkt“ von dieser Entscheidung des Schicksals. Der Streptokokkus erinnert an das abstoßende Bild der Hexe in dem Brief an Amfiteatrov: der Tod, das ist „eine vulgäre und dumme Sache“.
Der hauptsächliche Sinn des Porträts „Lew Tolstoi“ besteht nicht in der Ehrung des genialen Zeitgenossen, sondern eher in einer eigentümlichen Propaganda für die Idee, die sich in diesem bezaubernden, „in allem schönen“ Menschen verkörpert. „In ihm ist etwas, dass in mir ständig den Wunsch erweckt, allen und jedem zuzurufen: schaut her, was da für ein erstaunlicher Mensch auf der Erde lebt!“. Dieser Mensch ist ein universaler Typus, der aber auch nationale Merkmale besitzt: „Er ist einem Gott ähnlich, aber nicht Zebaoth oder dem Olympier, sondern einem russischen Gott, „sitzend auf einem Ahornthron unter einer goldenen Linde“, und obwohl er nicht besonders majestätisch erscheint, so ist er doch schlauer als alle anderen Götter“.
Die Schlauheit gehört zu den Eigenschaften des listenreichen „ozorník“ – ein Narr, der in Gorkis Werk als Raufbold, Tunichtgut, Frechdachs oder Störenfried eine wichtige Rolle spielt. In den Erinnerungen bringt der „ozornik“ Tolstoi seine Besucher durch „hinterhältige Fragen“ in Verlegenheit: „Was denken Sie über sich?“, „Mögen Sie Sofja Andrejewna?“ „Das ist die Narrheit (ozorstvó) eines Recken“, erläutert der Memoirist, und bezieht sich dabei auf den Helden der Bylinen (Volkslegenden) über den Novgoroder Vas’ka Buslaev, der solche Spiele liebt und dabei auch das Schicksal herausfordert, mit seinem Leben spielt. Der ozornik Buslaev ist eine der Verkörperungen des „stolzen Menschen“ in Gorkis Werk.

Der „schwache“ Tolstoi, das ist der Prediger, der in der Tiefe seiner Seele weder an seinen Gott noch an die eigene Lehre glaubt. In einem der Tagebuchhefte, die Tolstoi ihm zum Lesen gegeben hatte, fand Gorki den Eintrag: „Gott ist mein Wunsch“. Beharrlich „entlarvt“ der Memoirist Gorki den christlichen Denker und den Buddhisten Tolstoi: „Über den Buddhismus und Christus spricht er immer sentimental; über Christus besonders schlecht – kein Enthusiasmus, kein Pathos...“ Er befürchtet wohl, bemerkt der Autor ironisch, dass, wenn Christus in einem Dorf erschiene, „die Mädchen ihn auslachen würden“. Seine Predigt des „Passivismus“ und des „Nichtwiderstands gegen das Böse“- „alles das ist das ungesunde Brodeln des alten russischen Bluts, vergiftet von dem mongolischen Fanatismus. Diese Predigt ist „der Chemie nach dem Westen und seiner unermüdlichen schöpferischen Arbeit feindlich eingestellt“.
Nicht ohne Gehässigkeit zitiert Gorki die Äußerungen Tolstois über die Kultur der Aufklärung, in denen die Mentalität des russischen Bauern zum Vorschein kommt: „Wissenschaft – das ist ein Goldklumpen, hergestellt von einem Scharlatan und Alchimisten“; die Ärzte sind Verbrecher, die „tausende und hunderttausende von Menschen umgebracht haben und weiter umbringen“ und ähnliche mehr. Der Feminist Gorki bestätigt die verbreitete Meinung über den Frauenfeind Tolstoi: „Zu der Frau verhält er sich mit unversöhnlicher Feindschaft, er liebt es, sie zu bestrafen, - wenn sie nicht ist wie Kitty oder Natascha Rostowa, also ein nicht ausreichend beschränktes Wesen“. Mit diesen Einstellungen ist der nationale Genius ein Hindernis für die Entwicklung Russlands, er hat, bewusst oder unbewusst, den Wunsch, „sich als hoher Berg auf den Weg der Nation nach Europa, zu einem aktiven Leben zu legen“.

„Tiefster und grimmigster Nihilismus“

Im letzten Teil der Erinnerungen nimmt das Bild Tolstois zunehmend düstere Farben an, seine gottähnliche Natur erhält die Züge eines Dämons. In den Tagebuchheften findet Gorki Äußerungen des „tiefsten und grimmigsten Nihilismus“, der „auf dem Boden einer unendlichen, durch nichts zu beseitigenden Verzweiflung und Einsamkeit gewachsen ist“. Tolstoi, erklärt Gorki, erstrebt die eigene „Heiligkeit“ auf dem Wege einer „Versklavung des Willens zum Leben“. „Die Menschen wollen leben, und er predigt ihnen: es ist nichtig, euer ganzes Leben!“ Der Prediger der christlichen Nächstenliebe scheint im Grunde seiner Seele „gleichgültig zu den Menschen“. Er ist in solchem Maße größer als sie, dass sie ihm alle wie Mücken erscheinen. Die „Hauptsache“, mit der er in den letzten Jahren seines Lebens beschäftigt ist, ist der Gedanke an den Tod, den er zeitlebens gefürchtet und gehasst hat. Auf der Höhe seines Weltruhms, so vermutet Gorki, hoffte er – entgegen seiner Klugheit und Rationalität – heimlich auf ein Wunder: „Warum sollte die Natur nicht eine Ausnahme von ihrer Regel zulassen und einem der Menschen die physische Unsterblichkeit geben, - warum nicht?“
In einem Gespräch über Arbeiten des Philosophen Lew Schestow über Nietzsche und Tolstoi zeigt der letztere ein lebhaftes Interesse an den Ideen dieses „ehrlichen Zynikers“: „Die Wahrheit braucht man nicht“ – das sei richtig, sagt Tolstoi, „wozu braucht er die Wahrheit, wenn er sowieso sterben wird“. Und gleich darauf äußert Tolstoi seine Ermpörung über diesen „Modefriseur“, der die Frechheit besitzt, ihm, Tolstoi, Unaufrichtigkeit zu bescheinigen: „Er schreibt doch geradeheraus, dass ich mich selbst, und das heißt, auch die anderen betrogen habe. Das geht doch klar daraus hervor...“

Dieser ganze Komplex der dunklen Seiten Tolstois erinnert in vielem an den Seelenzustand, in dem sich der Memoirist Gorki selbst befand, als er 1919 diese letzten Seiten schrieb. Man darf annehmen, dass Gorki dem Bild Tolstois viele seiner eigenen quälenden Erfahrungen der Revolutionszeit hinzugefügt hat. Und gleichzeitig war er sich wohl auch darüber im klaren, dass Tolstois zornige Reaktion auf den „Modefriseur“ Schestow auch auf ihn, Gorki, anwendbar war, der gleichfalls die Kühnheit besaß, das widersprüchliche Innenleben des großen Tolstoi zu analysieren.

„Sein Interesse an mir ist ein ethnographisches“

Die wechselseitigen Beziehungen Tolstois und Gorkis stellen eine wichtige thematische Linie in den Erinnerungen dar. Der 40 Jahre jüngere Kollege , der um 1901, der Zeit der Begegnungen auf der Krim, gleichfalls schon Weltruhm genoss, begnügt sich in den Erinnerungen nicht mit der Rolle des bescheidenen Zuhörers, er ist ein selbstbewusster Gesprächspartner des großen Zeitgenossen. Tolstoi ist offensichtlich interessiert an diesem Autodidakten „aus dem Volk“, aber nicht so, wie dieser es sich wünschen würde: „Sein Interesse an mir ist ein ethnographisches. Ich bin in seinen Augen ein Exemplar eines Stammes, den er wenig kennt, und sonst nichts“. Das heißt, dass es in dieser Beziehung keine Liebe gibt, und Gorki empfindet diesen Mangel schmerzlich. Mit merklichem Neid erzählt er von der Liebe Tolstois zu zwei anderen Menschen seiner Umgebung, zu Tschechow und Sulerzhickij. In einer seiner Aufzeichnungen über das Leben Tolstois in dessen Haus notiert Gorki lakonisch: „Zu Tschechow, am Telefon: - Heute habe ich einen so guten Tag, mir ist so froh ums Herz, dass ich möchte, dass auch Ihnen diese Freude zuteil würde. Besonders Ihnen! Sie sind ein sehr guter Mensch, ein sehr guter!“
Solche Worte hat Gorki von Tolstoi nie zu hören bekommen. Es scheint, als spreche hier überhaupt ein anderer Tolstoi, weit entfernt von seiner gottähnlichen Natur, ein einfacher Mensch in einem herzlichen Gespräch. Ähnliches beobachtet Gorki im Umgang des Schriftstellers mit Sulerzhickij, den er gleichsam „mit der Zärtlichkeit einer Frau“ liebt. Sulerzhickij, den alle liebevoll Suler nannten, war ein treuer „Tolstojaner“ und gehörte quasi zur Familie. Grund zur Eifersucht hatte Gorki hier auch deshalb, weil Suler ebenfalls ein Autodidakt aus der Unterschicht war – mit Gorkis Worten „ein entzückender freier Vogel aus einem fremden, unbekannten Land“.

In den Gesprächen mit Gorki, der ebenfalls aus einem fremden, unbekannten Land gekommen war, herrscht von seiten Tolstois ein anderer Ton, der oft streng und „prüfend“ klingt. Der Prediger der christlichen Nächstenliebe spürt in seinem jungen Kollgen den Aufrührer und revolutionären Ideologen: „Überall ist bei Ihnen dieser Hahnensprung auf alles zu bemerken“. Zugleich legt der erfahrene Meister der Prosa schonungslos die Schwächen in Gorkis frühen Werken bloß, die auch Tschechow und andere Zeitgenossen bemängelten: Gorkis Sprache sei „sehr gewandt, mit Kunststückchen versehen“. „Das taugt nichts, man muss einfacher schreiben, das Volks spricht einfach“. Der Realist Tolstoi verurteilt erwartungsgemäß auch die romantische Färbung der Welt Gorkis, er nennt ihn einen „sochinitel‘“, einen Schreiberling, der sich alles Mögliche ausdenkt: „Alle dies Kuvaldas sind ausgedacht... Nein, sie sind ein Romantiker, ein Schreiberling“. Und doch weckt dieser junge Mensch bei Tolstoi auch ein ernsthafteres Interesse: „Sie sind ein komischer Mensch... Sehr seltsam, dass sie doch ein guter Mensch sind, obwohl sie das Recht hätten, böse zu sein“. Tolstoi entdeckt in seinem Gesprächspartner auch jene Disharmonie zwischen Vernunft und Instinkt, die künftig ein Leitmotiv in den Konzeptionen der Kritik über den „zwiespältigen Gorki“ darstellen wird. „Ihren Verstand verstehe ich nicht – ein sehr verworrener Verstand, aber Ihr Herz ist klug“.

„Gewalt ist das Hauptübel“

In dem philosophisch-politischen Streit, der in den Gesprächen der beiden Schriftstller ausgetragen wird, sind zwei Themen als die wichtigsten Meinungsverschiedenheiten gekennzeichnet. Das erste von ihnen ist das Thema der Gewalt. Gorki erklärt, dass er „aktive Menschen“ liebt, solche, „die sich dem Bösen des Lebens mit allen Mitteln widersetzen wollen, sogar mit Gewalt“. Tolstoi reagiert mit Entsetzen: „Aber Gewalt ist das Hauptübel! ... Wie kommen Sie aus diesem Widerspruch heraus, Schreiberling?“
Auf den ersten Blick ist das die aus Sowjetzeiten bekannte Gegenüberstellung der Positionen des Revolutionärs und des Pazifisten, und Recht hat, natürlich, der Revolutionär. Aber für Gorki, der von diesem Gespräch im Jahr 1919 erzählt, bezeichnet die Formel „Der Zweck heiligt die Mittel“ schon lange nicht mehr die hohe Moral der Revolutionäre, die für die gerechte Sache kämpfen, sie ist zu einer verlogenen Rechtfertigung des in der Partei herrschenden „Jesuitismus“ geworden. Insofern hat in diesem Streit eher der Pazifist Tolstoi Recht, der auf das ungelöste Problem eines jeden revolutionären Projekts verweist.

„Sie sind von Natur ein gläubiger Mensch“

Eine ähnlich überraschende Nähe der Opponenten ist auch in dem Gespräch über Gott und den Glauben zu beobachten, das am Schluss der Erinnerungen steht. Wieder tritt Tolstoi in der Rolle des autoritativen Lehrers auf, der sein Gegenüber besser kennt, als dieser sich selbst: „Sie sind von Natur ein gläubiger Mensch, und ohne Gott zu leben ist ihnen unmöglich. Das werden sie bald merken.... Für den Glauben – wie für die Liebe – braucht man Mut, Kühnheit“. Wenn man davon ausgeht, dass Tolstoi hier seinen Opponenten zum Glauben an seinen, den christlichen, Gott bekehren wollte, so hätte dieser Versuch wenig Aussicht auf Erfolg und würde dem jungen Gorki nur eine Gelegenheit bieten, seinen stolzen Atheismus zu verteidigen. Aber so ist es nicht. Tolstoi spricht nicht von Christus und vom Evangelium, sondern von der Kraft des Glaubens im weitesten Sinn. Der nachdrückliche Ton in dieser ungewöhnlich langen Rede und die Wortwahl erinnern eher an Gorkis eigene Sprache als an die Tolstois. Es geht nicht um diesen oder jenen Gott, sondern um den Glauben selbst. Der Glaube – das ist „verstärkte Liebe“, und das Ziel dieser Liebe ist die Schönheit, „das Höchste und Vollkommenste“. Es fehlt nur noch ein Schritt zu gemeinsamen Plattform des Glaubens: die Schönheit ist nichts anderes als Gott.
Die unwiderlegliche Wahrheit dieser Predigt wird durch das Verhalten des Zuhörers unterstrichen. Gorki ist tief beeindruckt von diesem Auftritt und nicht in der Lage zu antworten. „Ich schwieg“, berichtet der Memoirist, und Tolstoi lächelt „siegesgewiss“ und droht dem Gesprächspartner mit dem Finger: „Um diese Sache kommen sie durch Schweigen nicht herum, nein!“ Danach folgt die gewichtige Formel, die die Erinnerungen abschließt: „Dieser Mensch – ist gottähnlich!“ – Alle Vorwürfe und Beschuldigungen an die Adresse Tolstois sind vergessen, er verkörpert nicht nur den Menschengott, sondern auch die Kraft des Glaubens an eben diesen Menschen.

An die Schönheit glauben heißt an Gott glauben, heißt ein gläubiger Mensch zu sein. In dieser Breite und Unbestimmtheit umfasst der Begriff des Glaubens alle möglichen Formen und Ziele des Glaubens: Christus und das Evangelium, Tolstois „vernünftiges“ Christentum, Gorkis „Gotterbauertum“ und auch seinen Glauben an das nietzscheanisch-sozialistische Ideal des Menschen. Tolstoi hat Recht: Gorki war wirklich „von Natur aus ein gläubiger Mensch“, wenn auch mit variierenden Zielen des Glaubens. In der Literatur über Gorki finden sich interessante Untersuchungen über den religösen Charakter seines Bewusstseins. In einem weiteren Sinne betrifft dieses Thema auch die heute geführten Diskussionen über den religiösen Charakter des Kommunismus.

Das Genre des literarischen Porträts – eine Schöpfung Gorkis

Schwer zu glauben, dass das am Schluss der Erinnerungen beschriebene Gespräch wirklich so stattgefunden hat. Allzu offensichtlich ist der „literarische“ Charakter des Textes. Man kann dem Autoir daher mit einem gewissen Recht einen sehr freien Gebrauch des Andenkens an den großen Zeitgenossen zum Vorwurf machen, sogar von unzulässigen Manipulationen an dem Erinnerungsstoff sprechen. Aber die Aufrichtigkeit Gorkis steht, wie ich meine, außer Zweifel. „Lew Tolstoi“ – das ist ein äußerst subjektives Porträt des großen Schriftstellers, in vielem ein Selbstporträt des Memoiristen. In der Methode der Präsentation des Materials wechseln Publizistik und künstlerische Bilder, Apologie und Polemik, Ironie und Pathos. Tolstoi ist in diesem Text eine historische Persönlichkeit und ein fiktiver Held, in seiner Beziehung zu dem Berichtenden tritt der Held bald als gottgleicher Gigant, bald als einfacher Mensch auf, dazu als verhasster Opponent, als Repräsentant des negativen Nationalcharakters, als väterlicher Freund und Ratgeber, schließlich sogar als offener oder heimlicher Bundesgenosse des Autors, seine innere Stimme. Diese dynamische Struktur des Textes ist in allen literarischen Porträts Gorkis zu beobachten. Seine Erinnerungen an Tschechow, Leonid Andrejew, Alexander Blok und, natürlich, an Lenin, stellen gleichfalls Gespräche, meist Streitgespräche, über wesentliche philosophische, historische und politische Probleme dar. Den wichtigsten Platz nehmen darin immer „Gedanken“ ein, „Ideen“, die aber nicht rational, sondern stets mit emotionaler Angespanntheit, mit Leidenschaft behandelt werden. In dieser Hinsicht setzt Gorki die Traditionen Dostojewskis und Tolstois fort. Zusammen stellen die literarischen Porträts ein neues Genre dar, das die künstlerische Kraft und das große Format dieser Persönlichkeit bezeugt.

Die Erinnerungen an Tolstoi haben, besonders im Westen, sehr positive, zum Teil begeisterte Reaktionen ausgelöst. Romain Rolland, Stefan Zweig, Thomas Mann u.a., zählten das Werk zu den besten des Autors oder bezeichneten es sogar als „sein bestes Buch“ (Th. Mann). Gorki hat mit diesen Erinnerungen eine einflussreiche Spur in der Rezeptionsgeschichte des Künstlers, des Denkers und des Menschen Tolstoi hinterlassen. Darüber hinaus ist das Werk ein Jahrhundert nach seiner Veröffentlichung ein eindrucksvolles Dokument der russischen Kulturgeschichte geblieben.


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Kategorie: Russland und die Russen

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