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Zum Neuen Jahr: „Leben ist Freiheit“

Sonntag, 02. Januar 2011, 22:19:01 | Armin Knigge

Die russischsprachige Version des Eintrags hier.

“Möge dieses Jahr zu einem Jahr der Freiheit (Svoboda) im vollen Sinne werden. Für EUCH, für jeden einzelnen und für alle, alle, alle auf Erden. Und mögen die Menschen nicht nur in ihrer Seele frei sein, wie es bei uns schon immer war, sondern die Freiheit möge endlich für alle ihren wahren Sinn erhalten.“



Wer spricht heute in Russland in solchen Worten? Sie vermitteln den Eindruck einer altmodischen revolutionären Romantik, die eher zu der Befreiungsbewegung des 19. Jahrhunderts zu passen scheint als zu dem postsowjetischen, kapitalistischen, putinschen Russland. Wer in diesem Land „besingt die Freiheit“, wie Puschkin es getan hat? In den Ranglisten der höchsten Werte ist das Wort Freiheit nie auf den ersten Plätzen anzutreffen (dort finden wir eher die „Großmacht Russland“, die „russische Idee“ oder die Persönlichkeit Stalins), das Wort kann sogar gänzlich fehlen, und in bestimmten Kontexten (z.B. dem der Perestrojka in der 90-er Jahren) wird es eher als Schimpfwort gebraucht. Dennoch handelt es sich um einen Text unserer Tage, und in seiner Umgebung finden sich in der Tat viele Ankänge an Traditionen der russischen Freiheitsliebe, Traditionen, die heute in ungewöhnlichen Formen wiederbelebt werden.

„Neujahr hinter Gittern“

Gefunden habe ich den zitierten Text auf der Website „Grani.ru“, die Rubrik heißt „Neujahr hinter Gittern: schreib einen Glückwunsch für einen politischen Gefangenen“ (er wird hier als politzek bezeichnet, eine Reminiszenz an die Welt der sowjetischen Lager und Solschenizyns). In dem einführenden Eintrag lädt die „Vereinigung der Solidarität mit politischen Gefangenen“ die Besucher ein, in den Kommentaren eine Grußbotschaft an Menschen zu richten, die wegen ihrer Überzeugungen der Freiheit beraubt sind. Namentlich genannt wird eine Reihe von Häftlingen, allen voran Michail Chodorkowski und Platon Lebedev, danach weniger prominente Häftlinge, die Strafen für Protestaktionen, Publikationen über Tschetschenien oder „Spionagetätigkeit“ verbüßen. Aus den Kommentaren habe ich die „Glückwünsche für die politischen Gefangenen“ von Maksim Gromov ausgewählt, der mir sowohl hinsichtlich seiner Biographie als auch hinsichtlich seiner Redeweise ein typischer Vertreter dieser Gemeinschaft der Freiheitskämpfer zu sein scheint. Möglich, dass auch der Anklang seines Namens an den Maksim Gorkis diese Wahl beeinflusst hat. Gromov ist 1973 in Lipetsk geboren, er hat als Fräser in einer Fabrik gearbeitet und in der Armee gedient. Ende der 90er Jahre begann er an Aktionen der Partei der Nationalbolschewisten (NBP) des Schriftstellers Eduard Limonov mitzuwirken und trat dann der Partei bei. Gromov wurde 2004 bekannt durch seine Teilnahme an einer Protestaktion gegen das Gesetz der „Monetisierung“, das die Vergünstigungen für Rentner erheblich einschränkte. Mehrere der sogenannten „nacboly“ besetzten Büros im Gesundheitsministerium. Eine Fotografie von Gromov, die ihn beim Herunterwerfen eines Putin-Portäts zeigte, ging durch die Zeitungen in aller Welt. Dafür wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt, die er in der Strafkolonie von Ufa absaß; einen großen Teil davon unter den verschärften Bedingungen der sog. „Isolatoren“.

Maksim Gromovs „Glückwünsche für die politischen Gefangenen“ sind ein beeindruckendes Dokument für den Seelenzustand eines Menschen, der unerschütterlich an die Gerechtigkeit seiner Sache glaubt und sich mit allen Kräften bemüht, diesen Glauben auch bei seinen Brüdern und Schwestern in der Haft zu stärken. Unter den Bedingungen einer modernen Gesellschaft kann diese Einstellung den Eindruck einer fast kindlichen Naivität oder eines sektiererhaften Eifers hervorrufen. Andererseits kann gerade die „Unvernunft“ dieses Blicks auf die Welt auch eine starke Wirkung auf die Geister „normaler“ Zeitgenossen ausüben. Ins Auge fällt zuerst das Vorherrschen der Thematik der Moral und der Menschenwürde, nicht der praktischen Politik. Direkt an Chodorkowski gewendet, erklärt Gromov: „Ehre kostet in dieser Welt einen hohen Preis , besonders in unserem Land, wo man überall der Versuchung begegnet, zum Verräter zu werden oder seinen Charakter zu verbiegen. Vor meinen Augen sind viele sehr schnell zum Verräter geworden, unmerklich für sich selbst. Plötzlich fangen sie selbst an, ihre Mithäftlinge zu schlagen und in den Karzer zu setzen. Wenn ich euch anschaue, dann sehe ich, dass euch noch die Kraft fehlt, eurem Gewissen zu folgen. Verteidigen Sie das Gewissen, Michail Borisovitsch!“ Die Vergegenwärtigung der Bedingungen im Lager (auch mit Elementen der Lagersprache, die die Übersetzung nicht wiedergibt) zeigt den Menschen in einer verschärften Situation der Bewährung, unterstreicht die universalen Werte der Ehre und der Unbestechlichkeit im Umgang mit anderen Menschen. Als höchste Autorität in Sachen der Moral wird Gott selbst herbeigerufen: „Und wie mir ein alter Lagerwolf gesagt hat: Gott ist kein Blinder, er sieht alles, was hier ein jeder tut, und in jene Welt nimmt er als Mensch und als Gott nur diejenigen auf, die nicht zu Tieren geworden sind und ihr menschliches Gesicht nicht verloren haben“.

In dem gleichen hohen Stil wendet sich Gromov auch an die anderen politischen Häftlinge, an die, die „sich und ihre Seele bewahrt“ haben, die man „künftig den jungen Menschen in der Schule als Beispiel der Sittlichkeit“ präsentieren werde, oder an andere (wie die Mitglieder der Künstlervereinigung „Krieg“), die „auf Geld verzichtet“ haben, um unbelastet von materiellen Interessen ihre Kunst gegen die „gemeine und schmutzige politische Welt des Landes“ einzusetzen. – Am Schluss seiner Botschaft beruft sich Gromov auf den bekannten Dichter und Sänger Aleksandr Galich (Galitsch), der „schon vor vierzig Jahren über uns geschrieben hat“. Galichs Gedichts „Ich wähle die Freiheit“ wird in voller Länge angefügt, das Thema ist konzentriert in den Zeilen: "Ich wähle die Freiheit/ Nicht (die Freiheit) vom Kampf, sondern für den Kampf/ Ich wähle die Freiheit/ Einfach ich selbst zu sein“ „Einfach ich selbst zu sein“ ist ein universaler Wert, zu jeder Zeit gültig, auch wenn die „Freiheit von Noril’sk und Workuta“, die Galich in diesem Gedicht stolz verteidigt, glücklicherweise der Vergangenheit angehört.

Vasilij Grossman: „Alles fließt“

Die Glückwünsche Maksim Gromovs erinnerten mich an einen anderen Sänger der Freiheit, den sowjetischen (und doch so weit von „sowjetischen“ Positionen entfernten) Schriftsteller Vasilij Grossman (1905-1964). Seine Erzählung „Alles fließt“ (Vse techet) las ich nach ihrem ersten Erscheinen in Russland (1986) und war von ihr beeindruckt, mehr als von dem gleichfalls bedeutenden Roman „Leben und Schicksal“ (Zhizn‘ i sud’ba), der nach der Bedeutung dieser Begriffe bei Grossman auch „Freiheit und Sklaverei“ heißen könnte. Grossman wird in Westeuropa in letzter Zeit erfreulicherweise verstärkt wahrgenommen. Er ist ein unerbittlicher Chronist der Verbrechen gegen die Menschlichkeit im 20. Jahrhundert, der faschistischen ebenso wie der stalinistischen Verbrechen.

Die erschütterndsten Seiten in „Alles fließt“ sind der „Entkulakisierung“ in der Ukraine in den Jahren 1930-1932 gewidmet. Über diese Ereignisse berichtet die Freundin des Helden, Anna Sergejevna, die in jungen Jahren als Komsomolzin aktiv an administrativen Maßnahmen gegen die „Kulaken“ beteiligt war. Jetzt, zwanzig Jahre später, versteht sie nicht, was damals mit ihr geschehen ist. Erst viel später ist sie, wie sie sagt, „aus diesem bösen Zauber erwacht“ und hat „die Menschen gesehen“, mit denen sie es zu tun hatte. Damals waren sie so etwas wie lästiges Ungeziefer. „Warum war ich so ein eiskalter Mensch?“, fragt sie sich. Die Erzählung, eigentlich eine Beichte der Anna Sergeevna, endet mit Bildern von solcher Grausamkeit und menschlichem Elend, dass es schwer fällt, an ihre historische Realität zu glauben. Dem Hungertod nahe, geistig verwirrte Menschen machen sich aus den sterbenden Dörfern auf in die Stadt, „zum Brot“. Ein winziger Prozentsatz von ihnen schafft es bis nach Kiev, wo diese entmenschlichten Wesen auf allen Vieren über die Trottoire der Hauptstadt kriechen. Die Passanten bemühen sich, ihnen keine Aufmerksamkeit zu schenken.

Ivan Grigor’evich, ein älterer Mann, der viele Jahre in Gefängnissen und Lagern zugebracht hat, wendet sich dieser Frau mit Liebe und Zärtlichkeit zu und überzeugt sich, dass sie „ein guter Mensch“ ist. Güte, Barmherzigkeit und Zärtlichkeit eines einzelnen Menschen gegenüber einem anderen sind in Grossmans Welt die wichtigsten – und die einzigen! – Kräfte, die der Unmenschlichkeit widerstehen. Die Gesellschaft und der Staat sind unfähig oder unwillig, das ewige Böse zu überwinden. Das ist die Überzeugung eines Schriftstellers, der seine künstlerische Laufbahn als „orthodoxer Istmatschik“ (I. Vinogradov)(d.h. als Anhänger des Historischen Materialismus) begonnen hatte.

Der Komplex der wertvollsten, „menschlichsten“ Eigenschaften des Menschen ist bei Grossman mit dem Begriff der Freiheit verbunden. Die Freiheit ist in seinem Denken weder eine politische Losung noch ein philosphischer Begriff, sie erscheint als ein summum bonum, ein Idealzustand der menschlichen Seele, und als die einzige Kraft, die eine Verbesserung der sozialen Bedingungen des Lebens bewirken kann. In den Überlegungen Ivan Grigor’evichs nimmt das Wort Freiheit eine religiöse Färbung an. Auf der Basis seiner Erfahrungen mit dem 20. Jahrhundert kommt der Held zu dem Schluss: „Mit tragischer Offensichtlichkeit hat sich das heilige Gesetz des Lebens bestätigt: die Freiheit des Menschen ist höher als alles andere; es gibt kein Ziel, dem man die Freiheit des Menschen zum Opfer bringen darf“. Die Freiheit wird als das gesetzmäßige, unausweichliche Ziel der historischen Entwicklung bestimmt: „Die Geschichte des Menschen ist die Geschichte seiner Freiheit. Freiheit ist nicht Einsicht in die Notwendigkeit, wie Engels glaubte. Die Freiheit ist der Notwendigkeit direkt entgegengesetzt. Der Fortschritt ist seinem Wesen nach der Fortschritt der menschlichen Freiheit. Und das Leben selbst ist Freiheit, die Evolution des Lebens ist die Evolution der Freiheit“.

In diesem seltsamen, halbmystischen Optimismus ist Grossman dem Nationalbolschewisten Gromov und seinen Gesinnungsgenossen verwandt. Aber Grossman predigt nicht einfach die Dogmen seines Glaubens, er zeigt diesen Glauben vielmehr als das Resultat der Erfahrungen und der mühsamen Suche eines ehemaligen Kommunisten und Lagerhäftlings . Ivan Grigor’evich beginnt unter dem Eindruck der Erinnerungen Anna Sergeevnas über die Wege der nationalen Geschichte nachzudenken , er bemüht sich, „die Wahrheit des russischen Lebens, die Verbindung der vergangenen mit den jetzigen Zeiten zu verstehen“.Seine Gedanken, in den frühen sechziger Jahren niedergeschrieben, erweisen sich in unseren Tagen als überraschend frisch und überzeugend. Vieles davon hat erst viel später Eingang in das Bewusstsein der Bürger Russlands gefunden. Das betrifft zum Beispiel die Nähe der historischen Rollen Lenins und Stalins. Stalin ist wirklich als ein „neuer, in Russland nie zuvor gesehener Polizeimeister“ in die Geschichte eingetreten und hat den Staat nach dem Vorbild seines Charakters umgestaltet. Aber nicht er war der Schöpfer des „auf der Basis der Unfreiheit errichteten Staates“, sondern der „weiche“, „delikate“ Lenin, der im übrigen seinen politischen Feinden gegenüber auch Züge der Intoleranz und der Grausamkeit zum Vorschein brachte.

Die Grundidee der historischen Konzeption Ivan Grigor’evichs und seines Autors besteht darin, dass der Fortschritt in Russland, der ökonomische, technische und kulturelle Fortschritt, immer auf eine verhängisvolle Weise mit der Unfreiheit, der Leibeigenschaft der Bauern, verbunden war. Die Bauernbefreiung Aleksandr II. – als eine Ausnahme von dieser Regel - bewertet Grossman als ein Ereignis, das mehr revolutionäre Kraft besaß als die Oktoberrevolution. Aber das Gesetz der Koppelung von Fortschritt und Unfreiheit blieb bis in die sechziger Jahre, die Gegenwart der Erzählung, in Kraft. Und die reine „russische Seele“, der Dostojewski die Aufgabe einer Erneuerung des Christentums in Europa zugesprochen hatte, war in Wirklichkeit, wie Grossman gnadenlos konstatiert, nichts anderes als eine „tausendjährige Sklavin“, die sich für Lenin als ihren „Auserwählten“ entschieden hat. (Dieser Gedanke, den Grossman auch bei Gorki finden konnte, hat ihm von seiten der Patrioten das Brandmal der „Russophobie“ eingetragen, obwohl doch sein Menschenbild und seine Hierarchie der Werte nicht weit von Dostojewski entfernt sind).

Aber wie kann der Autor unter diesen Bedingungen der russischen Geschichte die optimistische Perspektive eines unausweichlichen Sieges der Freiheit glaubhaft machen? DieseThese ist leztlich keine logische Konstruktion, die man mit Argumenten verteidigen könnte. Sie gründet sich auf einen fast kindlichen Glauben, der keiner Beweise bedarf. Auf den letzten Seiten der Erzählung erinnert sich Ivan Grigor’evich an den schwersten Augenblick seines Lebens. Ein Zellengenosse im Gefängnis, den er als einen besonders klugen Menschen schätzte, versuchte beharrlich, ihm seinen Glauben an Freiheit und Fortschritt auszureden: Es gibt überhaupt keinen Fortschritt, der Mensch bleibt sich immer gleich, und unveränderlich regiert auch das Gesetz der Gewalt. Nur die Methoden ihrer Anwendung ändern sich. Ivan Grigor‘evich widersetzt sich dieser Einsicht mit allen Kräften seiner Seele: „Und da liege ich auf der Pritsche, und alles, was in mir, einem Halbtoten, noch lebendig ist, das ist mein Glaube: die Geschichte der Menschen ist die Geschichte der Freiheit, von weniger zu mehr Freiheit, die Geschichte des ganzen Lebens von der Amöbe bis zum Menschengeschlecht ist die Geschichte der Freiheit/.../ Und dieser Glaube gibt mir Kraft, und ich betaste mit der Hand den in den Gefängnislumpen verborgenen wunderbaren und lichten Gedanken: Alles Unmenschliche ist sinnlos und folgenlos“.

Die Freiheit hat sich, nach Überzeugung Grossmans, auch in den schwersten Zeiten auf eine geheimnisvolle, halbmystische Weise am Leben erhalten. Während der Staat den grausamen Weg der Vermehrung seiner eigenen Macht beschritt, verbarg sich, ohne dass er es wusste, in seinem eigenen Leib die Freiheit. Diese geheime Freiheit lebte sogar in denen, die Ivan Grigore’vich Böses taten, die sich von ihm lossagten, auf Versammlungen gemein über ihn redeten, ihn verrieten. Sie alle waren bei alledem doch Menschen und taten Böses nur deshalb, weil man anders nicht überleben konnte. „Und seltsam – ob sie es wollten oder nicht – , ließen sie die Freiheit nicht sterben, und sogar die schrecklichsten von ihnen bewahrten sie in ihren schrecklichen, verdorbenen und doch immer noch menschlichen Seelen“.

Es wäre sicher schwierig, diese These in einem philosophischen Disput zu verteidigen, dennoch muss ich gestehen, dass dieses – sehr russische! – Glaubensbekenntnis mich beeindruckt hat.

Ihnen ein gutes Neues Jahr 2011, liebe Besucher des Blogs der-unbekannte-gorki.de!

Siehe auch den Eintrag Ein Gorki-Zitat als „extremistisch“ begutachtet

Kategorie: Russland und die Russen

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