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"Ich liebte ihn im Zorn" - Gorki über Lenin

Donnerstag, 20. Januar 2011, 16:02:21 | Armin Knigge

Lenin und Gorki, Petrograd 1920

In russischer Sprache finden Sie den Eintrag hier

Die abgebildete Fotografie, weltweit bekannt, zeigte in ihrer ursprünglichen Ansicht Lenin und Gorki in einer größeren Gruppe von Delegierten des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale in Petrograd 1920. Die anderen Personen wurden wohl deshalb entfernt, um die großen Persönlichkeiten ohne „störendes“ Beiwerk zu präsentieren. Übrig geblieben sind zwei Personen, die anscheinend keinen Kontakt zueinander haben. Das mag für den heutigen Betrachter ein leicht ironischer Hinweis auf die komplizierten Beziehungen zwischen den beiden bedeutenden Zeitgenossen sein. (Das Original ist abgedruckt in dem Buch: M. Gor’kij, Kniga o russkikh ljudjakh, M. 2000)


Das Gedenken an Gorki ist von Politik vergiftet – das ist in diesem Blog schon oft besprochen worden. Aber das Gedenken an Lenin, den Führer der Oktoberrevolution und den Gründer Sowjetrusslands, ist um ein Vielfaches mehr von Politik vergiftet. Sein Leben und das öffentliche Bild seiner Persönlichkeit bestehen zum größten Teil aus mythischen Konstruktionen, glaubwürdigen und gänzlich unglaubwürdigen, und die „Wahrheit über Lenin“ wird wohl immer ein ungelöstes Rätsel bleiben. Gorkis Erinnerungen an den Revolutionsführer („Wladimir Iljitsch Lenin“) bilden in dieser Hinsicht keine Ausnahme. In beiden Redaktionen (1924 und 1931 erschienen) liegt auf diesem Werk der Abdruck ihrer Entstehungszeit mit allen Einschränkungen, die mit der mythischen Größe der Figur und mit Gorkis komplizierter Situation verbunden waren. Gorki konnte nicht frei über Lenin sprechen, weder über seine Liebe zu ihm (die er zweifellos fühlte), noch über seine „normale“ Zusammenarbeit mit ihm, und am wenigsten über seine ernsten Differenzen mit ihm , die sich – nach seinen Worten – zeitweilig bis zu „gegenseitigem Hass“ steigerten. Alle diese Komponenten seiner Erinnerung an Lenin unterlagen einer strengen Kontrolle, - zuerst durch den Autor selbst, sodann durch seine Umgebung und schließlich durch die Organe des Staates. Die Situation komplizierte sich weiter dadurch, dass der Schriftsteller mit seinen widersprüchlichen Gedanken und Emotionen in Bezug auf Lenin oft selbst nicht zurecht kam. Beim Vergleich der offiziellen Erinnerungen mit anderen Äußerungen Gorkis über Lenin, die zu einem wesentlichen Teil lange geheim gehalten und erst nach dem Ende der Sowjetunion bekannt wurden, ergeben sich tiefe, zum Teil unvereinbare Gegensätze in der Beschreibung und Bewertung des Politikers und Menschen Lenin. Sie spiegeln nicht nur die Schwankungen in den Einstellungen Gorkis, sondern oft auch taktische Zugeständnisse an jene „Politik“, für die er nach eigenem Bekunden sein ganzes Leben einen tiefen Widerwillen empfand. Bei denjenigen Lesern, die Gorki als einen genialen Künstler und einen großherzigen Menschen lieben, muss dieses Material einen zwiespältigen Eindruck hervorrufen. Es gibt dort zu viele Anzeichen für Unaufrichtigkeit und taktisches Verhalten, zu viele unglaubwürdige Loyalitätsbekundungen, sentimentale Lyrismen und – nennen wir es beim Namen – zu viel sozrealistischen Kitsch. Nichtsdestoweniger ist die Untersuchung dieser Erinnerungen nützlich und manchmal sogar spannend, sie stellen eine einflussreiche historische Quelle der Geschichte des 20. Jahrhunderts dar und vermitteln uns viel über die komplizierten Charaktere zweier bedeutender Persönlichkeiten dieser Epoche.

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Als Einführung in die Thematik soll hier ein Abschnitt aus dem literarischen Porträt „W.I. Lenin“ mit anschließendem Kommentar dienen. Der Text ist in beiden Redaktionen fast vollständig identisch, nur am Schluss hat Gorki in der Redaktion von 1931 eine – sehr bezeichnende – Änderung vorgenommen.

Oft ergab es sich, daß ich mit Lenin über die Grausamkeit der revolutionären Taktik und des revolutionären Alltags sprach.
„Was wollen Sie denn“ fragte er erstaunt und zornig. „Ist etwa Menschlichkeit möglich in solch einer Schlägerei von nie dagewesener Grausamkeit? Wo ist hier Platz für Weichherzigkeit und Großmut? Uns blockiert Europa, uns fehlt die erwartete Hilfe des europäischen Proletariats, von allen Seiten kommt die Konterrevolution bärengleich auf uns zu, und wir – was tun wir? Wir sollen nicht kämpfen, Widerstand leisten, haben nicht das Recht dazu? Entschuldigen Sie, aber wir sind keine Dummköpfe. Wir wissen: Das, was wir wollen, kann niemand vollbringen außer uns. Glauben Sie wirklich, daß ich, wenn ich vom Gegenteil überzeugt wäre, hier säße?“
„Mit welchem Maß messen Sie die Menge der notwendigen und der überflüssigen Hiebe bei einer Schlägerei?“ fragte er mich einmal nach einem erregten Gespräch. Auf diese einfache Frage konnte ich nur ausweichend antworten. Ich glaube, eine andere Antwort gibt es nicht.
Ich fiel ihm sehr oft mit Bitten verschiedener Art zur Last und fühlte manchmal, daß meine Fürsprache für andere Menschen bei Lenin Mitleid mit mir hervorrief. Er fragte: „Meinen Sie nicht, daß Sie sich mit Unsinn, mit Kleinigkeitenh abgeben?“
Doch ich tat, was ich für notwendig hielt, und die schrägen, ärgerlichen Blicke des Mannes, der die Zahl der Feinde des Proletariats kannte, hielten mich nicht davon ab. Er wiegte betrübt den Kopf und sagte: „Sie kompromittieren sich in den Augen der Genossen, der Arbeiter.“
Aber ich wies darauf hin, daß sich die Genossen, die Arbeiter „in einem Zustand der Erregung und Gereiztheit“ befänden und sich nicht selten zur Freiheit und zum Leben wertvoller Menschen allzu leichtfertig und „einfach“ verhielten und daß dies nach meiner Ansicht nicht nur die ehrliche, schwere Sache der Revolution durch überflüssige, manchmal auch sinnlose Grausamkeit kompromittiere, sondern objektiv der Sache schade, da dadurch nicht wenige bedeutende Kräfte von einer Mitarbeit abgestoßen würden
„Hm, hm“, brummte Lenin skeptisch und wies mich auf die zahllosen Fälle von Verrat hin, den die Intelligenz an der Sache der Arbeiter begangen hatte.
„Unter uns gesagt“, meinte er, „viele lassen uns doch nicht nur aus Feigheit im Stich und verraten uns, sondern auch aus Eigenliebe, aus Angst, in Verwirrung zu geraten, aus Furcht, die geliebte Theorie könnte bei einem Zusammenstoß mit der Praxis leiden. Wir haben davor keine Angst. Die Theorie, die Hypothese ist für uns nichts ‚Heiliges‘, für uns ist das ein Werkzeug.“
Und trotzdem erinnere ich mich nicht, daß mir Iljitsch jemals eine Bitte abgeschlagen hätte. Wenn es gechah, daß sie nicht erfüllt wurde, so war das nicht seine Schuld, sondern wahrscheinlich eine Folge jener „Mängel des Mechanismus“, die die schwerfällige Maschine des russischen Staatswesens immer in reichem Maße auszeichneten. Anzunehmen ist auch, daß jemand aus Bosheit das Schicksal wertvoller Menschen nicht erleichtern, ihnen nicht das Leben retten wollte. [Möglich ist auch hier die „Schädlingstätigkeit“, der Feind ist ebenso zynisch wie schlau.] Rache und Wut sind oft gewohnheitsmäßig die treibenden Kräfte. Und natürlich gibt es unbedeutende, psychisch nicht gesunde Menschen mit einer krankhaften Sucht, sich an den Leiden des Nächsten zu ergötzen.

[] Einfügung in der Redaktion 1931

Text nach der Ausgabe: Maxim Gorki: Literarische Porträts, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1974, S. 40-42.



Ein fürsorglicher Lehrer und ein gehorsamer Schüler

Als ein literarischer und zugleich als ein politischer, für Schulungszwecke geeigneter Text, hat dieser Abschnitt ohne Zweifel seine Vorzüge. Klar angegeben ist das Thema der Unterhaltung: die „Grausamkeit der Revolution“ – ist sie gerechtfertigt? Musterhaft ist auch die Durchführung des Themas, ein Streit mit Argumenten und Gegenargumenten, der zu einem eindeutigen Ergebnis führt. Ja, die Grausamkeit ist voll gerechtfertigt. In Zeiten des großen Umbruchs, der Revolution, ist sie eine normale und gesetzmäßige Erscheinung. Von den Revolutionären zu verlangen, sie sollten auf ihr „Recht“ verzichten zu kämpfen und sich zu verteigen , ist absurd. Die Menge der notwendigen und der überflüssigen Hiebe in dieser großen „Schlägerei“ bestimmen zu wollen, ist ebenso absurd.
Wenn es einzelne Fälle einer „übermäßigen“ Anwendung von Gewalt gegenüber einzelnen Menschen gegeben haben sollte, so muss auch das in die richtigen Kategorien eingeordnet werden. Es gibt keine gänzlich unschuldigen Opfer, in Sonderheit die Intelligenzija als Klasse neigt gleichsam ihrer Natur nach zum „Verrat“ an der Sache der Arbeiter., gleichgültig, ob sie diesen Verrat aus Feigheit, aus Eigenliebe oder aus starrsinnniger Treue zu irgendwelchen „Theorien“ verübt. Und wenn schließlich doch ein winziger Prozentsatz von Fällen wirklich ungerechtfertigter Gewalt übrig bleiben sollte, so gehen sie auf das Konto des weiterwirkenden alten Regimes und seiner Bürokratie oder die Verursacher sind einfach Psychopathen, Sadisten, die es immer und überall gibt.
Das alles ist sehr „einfach“ – ein Lieblingsbegriff in Gorkis Charakteristik Lenins. Die gleiche Einfachheit zeichnet auch die Verteilung der Rollen in diesem Gespräch aus. Die Beziehung Lenins zu Gorki war, wie an anderer Stelle der Erinnerungen gesagt, „die Beziehung eines strengen Lehrers und eines gutherzigen, fürsorglichen Freunds“. Gorki spielt dementsprechend die Rolle eines aufmerksamen und gehorsamen Schülers. Er ist zwar ein wenig angesteckt von den „schädlichen“ Theorien der Intelligenzija, aber ein starker Opponent ist er nicht. Der Leser hat Mühe nachzuvollziehn, dass es hier „erregte Gespräche“ gegeben hat. Gorki kann auf die Argumente Lenins nur „ausweichend“ (eigentlich heißt es im Text „nur lyrisch“) antworten. Und Lenin „zerschmettert“ ihn nicht, wie er es gewöhnlich mit seinen Opponenten tat, sondern „bedauert“ ihn.

Es bleibt nur ein einziger – sehr vorsichtiger – Hinweis auf Gorki in der Rolle eines ernstzunehmenden Gegners, der seinem Gesprächspartner etwas zu sagen hat. Das ist die Bemerkung über die Genossen, die „im Zustand der Erregung und Gereiztheit“ allzu „einfach“ mit der Freiheit und dem Leben einzelner Menschen verfahren. Dies ist, wenn ich mich nicht irre, die einzige Stelle in den Erinnerungen (beider Redaktionen), wo die Begriffe Freiheit und Leben als elementare Rechte des Menschen erscheinen. Bezeichnend aber, dass hier nur von „wertvollen“ Menschen die Rede ist. Gorki übernimmt damit die utilitaristische Moral Lenins: das Leben von Menschen zu schonen, scheint nur dann geboten, wenn von ihnen noch ein Nutzen für die revolutionäre Sache zu erwarten ist. Trotzdem ist dieses Gegenargument seines Zuhörers Lenin unangenehm, er antwortet mit seinem in solchen Situationen üblichen Gebrumm. Und er antwortet, wie der aufmerksame Leser bemerkt, nicht direkt zur Sache, er spricht nicht von den Verursachern solcher Fälle übermäßiger Gewalt, sondern geht sogleich zu den „Fakten“ des Verrats von seiten der Intelligenzija über.

Überraschend erscheint die Mitteilung des Memoiristen, dass Lenin ihm nie eine Bitte abgeschlagen habe. Wie ist das möglich? Hat er sogar Vertreter der „verräterischen“ Intelligenzija begnadigt oder hat er doch den Gedanken zugelassen, dass auch gänzlich schuldlose Menschen verfolgt wurden? Lenins Argumentation in diesem Abschnitt (und in den Erinnerungen im ganzen) würde durchaus die generelle Ablehnung jeglicher Begnadigungen rechtfertigen. Es gab auch Fälle, in denen seiner Bitte nicht entsprochen wurde, berichtet Gorki, aber dafür verantwortlich war nicht Lenin, sondern Beamte aus dem Apparat oder psychisch gestörte Menschen. Alle diese Argumente bilden zusammen eine gewundene, ausweichende Antwort auf die Frage nach der Grausamkeit der Revolution. Dabei zeigen manche beiläufig erwähnte Episoden, wie grausam diese Revolution wirklich war, wie wenig die Freiheit und das Lebens eines einzelnen Menschen zählten. Lenin berichtet Gorki „lächelnd“ von der erneuten Verhaftung seines Freundes Ivan Vol’nov, eines Schriftstellers aus dem bäuerlichen Milieu mit bolschewistischen Überzeugungen. Ihm drohte der Tod von seinen Dorfgenossen. In einem anderen Fall hatte Lenin auf Gorkis Bitte die Freilassung von vier Beschuldigten angeordnet, aber es gelang nicht, sie zu retten, „man hatte sich zu sehr beeilt, sie umzubringen“. (Diese Episode ist in der zweiten Redaktion ausgelassen.) Bezeichnend ist die eingefügte Bemerkung über die „Schädlingstätigkeit“ als mögliche Erklärung ungerechtfertiogter Gewalt. Mit dem Begriff des vreditel’stvo, der erst um 1930 in die Sprache der Politik eingeführt wurde, zeigte Gorki seine Bereitschaft, sich an die neuen Verhältnisse in Stalins Russland anzupassen.

Lenin – ein „russischer Gutsherr“

Gorki geht aus der dargestellten Auseinandersetzung letztlich als ein schwacher, wegen seiner Unvernunft zu Recht besiegter Opponent hervor und, zum Bedauern eines – im Sinne Lenins - ebenfalls unvernünftigen Lesers unserer Tage, nimmt er seine Niederlage ohne echten Widerstand hin, entgegen den Möglichkeiten, die ihm seine historische Erfahrung und seine fundamentalen Überzeugungen boten. Auf die Frage nach der Menge der unvermeidlichen und der überflüssigen Hiebe in der Revolution hätte er sehr wohl nicht mit lyrischen Abschweifungen, sondern ernsthaft zur Sache antworten können. Warum gibt es überhaupt „unvermeidliche“ Hiebe, ist nicht die ganze „Schlägerei“ ein fragwürdiges und verantwortungsloses Unternehmen? Wie steht es, wenn sich dieses Projekt des großen Umbruchs, das auf die „Befreiung des arbeitenden Volkes“ ausgerichtet ist, als das Abenteuer einer Handvoll fanatischer Revolutionäre herausstellt, die ihre utopische Idee mit allen Mitteln der Gewalt und der Demagogie durchsetzen wollen, ohne Rücksicht auf die Lebensinteressen der betroffenen Menschen? Eine solche Position wurde in Russland keineswegs nur von den Kräften der Konterrevolution vertreten. Gorki selbst, der Verbündete der Bolschewiki, hatte diese Konzeption in seiner Artikelserie „Unzeitgemäße Gedanken über Revolution und Kultur“ nach dem Oktoberumsturz mit allem Nachdruck vertreten. In dem Artikel „Den Arbeitern zur Beachtung“ in der Zeitung „Novaja zhizn‘“ vom 10. November (dem 23. nach dem ab 1918 gültigen Kalender) hatte Gorki, auf Dostojewkis Roman „Die Dämonen“ und den dort porträtierten Terroristen Netschjew Bezug nehmend, erklärt: „Wladimir Lenin führt in Russland die sozialistische Ordnung nach der Methode Netschajews ein – „mit Volldampf durch den Sumpf““. Lenin, Trotzki und ihre Genossen sind sich nach Gorkis Ansicht mit Netschajew darin einig, dass man „den russischen Menschen am leichtesten durch das Recht auf Ehrlosigkeit mobilisieren kann“, und so entehren sie kaltblütig die Revolution, entehren die Arbeiterklasse, indem sie sie antreiben, blutige Gemetzel und Pogrome zu veranstalten und vollkommen schuldlose Menschen ins Gefängnis zu werfen...“ Im weiteren zeichnet Gorki ein Porträt der Persönlichkeit Lenins, dass sich radikal von dem der späteren Erinnerungen unterscheidet.

Lenin selbst ist natürlich ein Mensch von außerordentlicher Kraft; fünfundzwanzig Jahre stand er in den ersten Reihen der Kämpfer für den Sieg des Sozialismus; und er ist eine der bedeutendsten und markantesten Figuren der internationalen Sozialdemokratie; er ist ein sehr begabter Mensch mit großem Talent und besitzt alle notwendigen Eigenschaften eines „Führers“. Außerdem zeichnen ihn auch das für diese Rolle notwendige Fehlen jeglicher Moral und ein ausgesprochen herrisches, mitleidloses Verhältnis zum Leben der Volksmassen aus.
Lenin ist „Führer“ und russischer Adliger [Gutsherr, barin, A.K.], und gewisse seelische Eigenschaften dieses ins Nichts verschwundenen Standes sind ihm nicht fremd; deshalb hält er sich für berechtigt, mit dem russischen Volk ein grausames Experiment zu machen, das schon im voraus zum Scheitern verurteilt ist.
Das durch den Krieg gequälte und ins Elend gestürzte Volk hat dieses Experiment schon mit Tausenden von Menschenleben bezahlt und wird es noch mit Abertausenden bezahlen müssen – und das wird es für lange Zeit führungslos machen.
Diese unausweichliche Tragödie berührt weder Lenin, den Sklaven des Dogmas, noch seine ihm sklavisch ergebenen Helfer. Die Vielfalt des Lebens ist Lenin unbekannt, er kennt die Volksmassen nicht, er hat nie mit ihnen zusammen gelebt; aber er weiß aus Büchern, wie man diese Menschen zur Raserei bringen und ihre Instinkte am leichtesten aufpeitschen kann. Für die Lenins ist die Arbeiterklasse dasselbe, was für den Metallurgen das Erz ist. Ist es denn möglich, aus diesem Erz – unter allen gegebenen Bedingungen – den sozialistischen Staat zu gießen? Offensichtlich ist es unmöglich – aber warum sollte man es nicht einmal versuchen? Was riskiert Lenin, wenn das Experiment mißlingt?

Text nach der Ausgabe: Maksim Gorkij: Unzeitgemäße Gedanken über Kultur und Revolution, hrsg. von Bernd Scholz, suhrkamp taschenbuch 210, Frankfurt a.M. 1974, S. 97-98.



Es ist nicht schwer zu verstehen, dass diese Charakteristik Lenins (zusammen mit anderen „unzeitgemäßen Gedanken“ Gorkis) in der Sowjetunion nie nachgedruckt wurde und für die Bürger praktisch ein unbekannter Text blieb. (Die russischsprachige Neuausgabe von 1990 ist in der russischsprachigen Version dieses Eintrags zitiert). Der „Inspirator und Führer des internationalen Proletariats“ erscheint in dieser Perspektive als ein Fanatiker und Einzelkämpfer ohne wesentliche Verbindung zu den Volksmassen, in deren Namen er handelt. Der „Mensch mit großem Anfangsbuchstaben“ in Gorkis Erinnerungen erweist sich als russischer Gutsherr, der sich durch eine erbarmunsglose Beziehung zu seinen Leibeigenen auszeichnet. Die Massen und ebenso die Arbeiterklasse interessieren ihn nur als Material für ein abstraktes Experiment, das Dogma der Errichtung einer sozialistischen Ordnung. Zu der Realisierung dieses Ziels sind alle Mittel gerechtfertigt, Gut und Böse bestimmen sich ausschließlich nach Maßgabe der politischen Brauchbarkeit einer Person oder einer Sache.

Ein „gutsherrliches“, diktatorisches Verhalten Lenins im Umgang mit der Partei und den Genossen hatte Gorki schon früher beobachtet, besonders im Jahr 1909, im Zusammenhang mit der von Gorki gegründeten Parteischule auf Capri und mit den innerparteilichen Diskussionen über die philosophische Grundbestimmung des Materialismus. Mit Empörung reagierte Gorki auf die grobe Polemik Lenins gegen die philosophischen Konzeptionen E. Machs und seiner russischen Anhänger A. Bogdanov und V. Bazarov in dem Buch „Materialismus und Empiriokritizismus“. In einem Brief an die Frau Bogdanovs N. Malinovskaja (Mai 1909) beschreibt Gorki den Eindruck, den der „rowdyhafte Ton“ dieses Buchs bei ihm hinterlassen hat: „So also, mit einer solchen Stimme spricht man mit dem Proletariat, so erzieht man Menschen „neuen Typs“, „Schöpfer einer neuen Kultur“. Wenn die Erklärung „Ich bin Marxist!“ sich anhört wie „Ich bin eine Rurikide“ [das Geschlecht der von dem Staatsgründer Rurik abstammenden Fürsten und Zaren], dann glaube ich nicht an den Sozialismus des Marxisten! /.../ Der Mensch ist ein Lump, wenn in ihm nicht das lebendige Bewusstsein seiner Verbindung mit den Menschen pulsiert, wenn er bereit ist, das Gefühl der Solidarität seiner Eigenliebe zum Opfer zu bringen./ Lenin ist in diesem Buch ein solcher Mensch.“ Im selben Jahr (November 1909) schrieb Gorki an Lenin selbst, freundlicher im Ton, aber nicht weniger scharf in der Sache: „Wladimir Iljitsch, mein Lieber, ich habe große Hochachtung vor Ihnen, mehr als das – Sie sind ein mir organisch sympathischer Mensch, aber wissen Sie, Sie sind eine äußerst naive Persönlichkeit in Ihren Beziehungen zu Menschen und in den Urteilen über sie, nehmen Sie mir’s nicht übel. Es wäre ja noch in Ordnung, wenn Sie nur naiv wären, aber zuweilen scheint es mir, dass jeder Mensch für Sie nicht mehr ist als eine Flöte, auf der Sie die eine oder andere Ihrer Lieblingsideen spielen...“

„Ein mir organisch sympathischer Mensch“

Wie war es möglich, dass dieser Despot für Gorki dennoch immer ein naher, verehrter und geliebter Mensch geblieben ist? Die Lösung dieses Rätsels liegt vielleicht in der Formel „ein mir organisch sympathischer Mensch“. Der norwegische Slavist Geir Kjetsaa hat in seiner Gorki-Biographie (deutsch 1996) festgestellt, dass Lenin – neben Tolstoj – zu den Zeitgenossen gehörte, die sich der Schriftsteller (unabhängig von ihrem Alter)auf dem Platz des früh verstorbenen Vaters wünschte. Die Suche nach väterlicher Anerkennung und die Neigung, sich starken Autoritäten zu unterwerfen, gehörten zu den Eigenschaften seiner widersprüchlichen Natur. Diese Neigung zu „starken Menschen“ und zum Prinzip des Autoritären ist auch dem Kulturbegriff Gorkis eigen, der eng verbunden ist mit der Vorstellung von einer „Sozialpädagogik“, die auch vor drakonischen Mitteln nicht zurückschreckt. Die Revolution als ein Kulturprojekt, durchgeführt von starken und unerschrockenen Lehrern, solchen wie Tolstoj, Lenin oder Gorki selbst – das war nach Gorkis Geschmack. Aber das Ziel dieser Revolution war nicht identisch mit den politischen Zielen Lenins und der Bolschewiki, sie sollte den freien, „stolzen“ Menschen hervorbringen, nicht den gehorsamen Bürger eines allmächtigen Staates. Dieser Zwiespalt in Gorkis Einstellung zum Problem der Autorität spiegelt sich in seiner zwiespältigen Beziehung zu Lenin. Der amoralische Tyrann der „Unzeitgemäßen Gedanken“ einerseits und der strenge, „fürsorgliche“ Lehrer in „W.I. Lenin“ andererseits bilden die extremen Varianten im Leninbild des Schriftstellers. Die Konzeption der Erinnerungen zielt darauf ab, den „grausamen“ Lenin aus dem Gedächtnis zu tilgen und ihn durch einen „humanen“, seiner Natur nach „weichen“ Menschen zu ersetzen, der jedoch mit Selbstüberwindung seine schwere historische Mission erfüllt. Diese Transformation erklärt sich nicht nur durch den Tod des Revolutionsführers, der dem Memoiristen keine andere als eine achtungsvolle, apologetische Einstellung erlaubte. Wichtiger war die veränderte Beziehung Gorkis zur Sowjetmacht, die man als die einer distanzierten, kritischen Loyalität bezeichnen kann. Als Lenin starb, waren die Beziehungen Gorkis zu den Einrichtungen des sowjetischen Staates zwar äußerst angespannt (darüber weiter unten), aber die Zeit der vollständigen Ablehnung und Verurteilung des bolschewistischen Umsturzes war für Gorki seit 1918 vorbei. Das Projekt der großen Kulturrrevolution erschien dem Schriftsteller grundsätzlich realisierbar, und die Entwicklung des kulturellen Lebens in Sowjetrussland schien diesen Eindruck zu bestätigen. Das Bild Lenins in den Erinnerungen war der Ausdruck dieser Hoffnung auf die Verwirklichung einer neuen Kultur und eines neuen Menschen.


Sein größter Fehler – „das Leben vereinfachen“

Gorki war sich durchaus darüber im klaren, dass das Bild Lenins in den Erinnerungen eine literarische Konstruktion war, die mit der realen Persönlichkeit des Führers nur bedingt zu tun hatte. Das ergibt sich klar bei einer Gegenüberstelllung dieses Bildes mit Äußerungen über Lenin in den Briefen des Jahres 1924, von denen ein erheblicher Teil erst in postsowjetischer Zeit publiziert worden ist. Eine wertvolle Quelle bilden die Briefe an Romain Rolland, wo Gorki ausführlich und, wie es scheint, ohne besondere Vorsicht über seine Beziehung zu Lenin und zu Sowjetrussland sprechen konnte. Am 15. Januar 1924, wenige Tage vor dem Tod Lenins, schreibt Gorki an Rolland: „Anfang 1918 hatte ich verstanden, dass es keine andere Macht in Russland geben konnte und dass Lenin der einzige Mensch war, der die Entwicklung zu einer wilden Anarchie in den Massen der Bauern und Soldaten aufhalten konnte. Aber das heißt nicht, dass ich mich vollständig mit Lenin solidarisiert hätte; vier Jahre lang stritt ich mit ihm und hielt ihm vor, dass sein Kampf gegen den russischen Anarchismus den Charakter eines Kampfes gegen die Kultur anzunehmen begann und schon angenommen hatte. /.../ Und ungeachtet dessen, dass ich diesen Menschen liebe, und er mich, wie es scheint, ebenfalls liebte, weckten unsere Zusammenstöße manchmal gegenseitigen Hass“.

Es folgt eine Charakteristik Lenins, die sich nicht wesentlich von dem scharfen Urteil der „Unzeitgemäßen Gedanken“ unterscheidet: „Der grundlegende Fehler Lenins ist sein russischer, dem muzhik eigener Glaube an die Notwendigkeit, das Leben zu „vereinfachen““. Der Begriff der Vereinfachung bezeichnet in Gorkis künstlerischem Werk und in anderen Äußerungen der 1920er Jahre regelmäßig die der russischen Kultur drohende einseitige Politisierung und Dogmatisierung ‚von oben‘ und den Hass der Bauernmassen auf die Gebildeten und ihre Stadtkultur ‚von unten‘. Vereinfachung ist die Absage an die Vielfalt und Kompliziertheit des Lebens und bedeutet Stillstand der Kultur. Lenin wird hier, entgegen den deutlichen westlichen Einflüssen auf sein Denken, als ein Fortsetzer eben dieser „ländlichen“ Tradition gekennzeichnet. Von neuem erscheinen die Züge des Despotismus und der Unduldsamkeit Lenins im Urteil Gorkis: Lenin ist ein „gosudarstvennik“, d.h. ein Verfechter der Idee des starken Staates, und Gorki rechnet mit dem Einverständnis Rollands, des Autors des Romans „Clérambault“ , wenn er den gosudarstvennik als „zwanzigfachen Großinquisitor“ bezeichnet. Lenin gehöre zu denjenigen Politikern, die blind ihren Dogmen folgen, und „der Kraft der Kritik, die neue soziale Hypothesen schafft“ keinen Raum lassen.

„Tragische Banalitäten in Russland“

Der Anfang des Briefs an Rolland ist der extrem pessimistischen Stimmung Gorkis hinsichtlich der Entwicklung in Russland gewidmet: „Nein, nach Russland fahre ich nicht, und ich fühle mich immer mehr als ein Mensch ohne Heimat, ohne Vaterland. Ich bin sogar geneigt zu denken, dass ich in Russland gezwungen wäre, eine äußerst seltsame Rolle zu spielen - die Rolle eines Feindes gegenüber allen und allem....“ Den Anlass für diese düstere Stimmung bildete, nach Gorkis Worten, eine der „tragischen Banalitäten, die sich in Russland ereignen“. Nadezhda Krupskaja, Lenins Frau und eine führende Parteigenossin im Bereich der politischen Bildung, hatte einen Index konterrevolutionärer Bücher zusammengestellt und die Entfernung dieser Titel aus den Bibliotheken angeordnet. Die Liste umfasste neben den Philosophen Platon, Descartes, Kant, Schopenhauer und Nietzsche auch die Bibel, den Koran und den Talmud. „Für mich persönlich“, erklärt Gorki, „einen Menschen, der das Beste in seinem Leben Büchern verdankt und der sie fast mehr liebt als die Menschen, ist das das Schlimmste, was ich je erlebt habe und schändlicher als alles, was Russland je erlebt hat“. Krupskaja ist, nach Gorkis Urteil „ein von Natur aus beschränkter Mensch“. Dennoch misst der Schriftsteller diesem Ereignis mehr als eine nur anekdotische Bedeutung zu. Er sei zeitweise geneigt gewesen denen zu glauben, die behaupten, „dass wir dabei sind, in die finstersten Jahre des Mittelalters zurückzukehren“. Für den heutigen Leser wirft diese Episode ein bezeichnendes Licht auf die Kultur der zwanziger Jahre in Russland, die oft als relativ frei und offen beschrieben wird. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Maßnahme auch die Zustimmung Lenins gefunden hätte, wenn er noch zu solchen Entscheidungen in der Lage gewesen wäre.

„Ich liebte ihn ... Liebte ihn im Zorn“

Der Tod Lenins (21. Januar 1924) brachte für Gorki eine grundsätzliche Veränderung seines Verhältnisses zu dem Revolutionsführer mit sich. „Wladimir Iljitschs Tod, obwohl lange vorhergesagt, hat mich doch sehr getroffen“ schrieb er an P.P. Krjutschkow (26. Januar), und in einem Brief an seine zweite Frau M.F. Andrejewa (4. Februar) bekannte er:“So heftig habe ich nicht einmal um Tolstoj getrauert /.../ Der Tod Iljitschs ist das größte Unglück Russlands in den letzten hundert Jahren“. Das Gefühl der Trauer wechselte in Gorkis Gemütszustand mit dem Gefühl einer grenzenlosen Empörung, hervorgerufen durch die Reaktionen auf den Tod Lenins in der Öffentlichkeit, besonders in der Presse der russischen Emigranten: „. Alles, was hier [in Westeuropa] über Lenin und über Russland geschrieben worden ist und geschrieben wird – ist ganz und gar unerträglich“, schrieb er an den Orientalisten S.F. Oldenburg (12. Februar). Unter den neuen Bedingungen ändert sich Gorkis Bild von Lenin. In einem Brief an Rolland (3. März), dem ersten nach Lenins Tod, ist von dem „Vereinfacher“ Lenin, dem potentiellen Feind der Kultur nicht mehr die Rede: „Er war ein Asket, ein keuscher Mensch, er verschwendete seinen Verstand für den Hass auf das Unglück des Lebens, für ein heimliches, tief in seiner Seele verborgenes Gefühl des Mitleids mit den Menschen. Ich weiß, dass er die Menschen liebte, nicht die Ideen, und Sie wissen, wie er Ideen brechen und zurechtbiegen konnte, wenn die Interessen des Volkes das erforderten... „ Nach dieser etwas riskanten These über die Fähigkeiten des Führers auf dem Gebiet der politischen Taktik formuliert der Schriftsteller etwas wie eine Liebeserklärung an den gestorbenen Genossen: „Ich liebte ihn – und liebe ihn noch. Ich liebte ihn mit Zorn. Ich sprach mit ihm in aller Schärfe, ohne ihn zu schonen. Mit ihm, wie mit niemandem sonst, konnte man so sprechen; er verstand das, was hinter den Worten liegt, wie auch immer sie lauten./.../Tolstoj und er – das sind zwei große Menschen von monströsem Ausmaß, und ich bin stolz, dass ich sie gesehen habe. Russland wird noch einige Menschen von solcher Art hervorbringen, wenn nicht irgendwelche geheimen Kräfte des Schicksals Russland zum Untergang verurteilt haben“.

In diesem Brief an Rolland sind die Grundlinien des literarischen Porträts „W.I. Lenin“ vorgezeichnet. Negative Züge des Führers haben in dieser Konzeption keinen Platz. Mit Bezug auf die Presse der Emigranten berichtet Gorki P.P. Krjutschkow: „Ich habe angefangen, über ihn zu schreiben, aber aus Kummer habe ich [die Zeitungen] „Den‘“ und „Rul‘“ beschimpft und alle diese Kerenskis und Tschernows. Den Namen dieses großen Menschen durch die Nachbarschaft mit diesem Gesindel beschmutzen – das kommt nicht in Frage; ich werde von neuem anfangen“. Jener Lenin, den Gorki „mit Zorn“ liebte und zeitweilig sogar hasste, verschwindet in den Tiefen seines Gedächtnisses. Auch anderen erlaubt Gorki nicht, ihn zum Leben zu erwecken. Davon zeugt der Briefwechsel mit El Madani, einem Übersetzer aus dem Russischen ins Spanische. Madani, seinen Überzeugungen nach Anarchist, der sich kritisch zu der Staatsideologie Lenins verhielt, schrieb an Gorki offen über das, was ihm an Lenin nicht gefiel. Und er konnte sich dabei auf Gorkis eigene Äußerungen stützen: „Sie sprechen von seiner Geradlinigkeit. Vollkomen richtig! Es gibt nichts Dümmeres als die gerade Linie, und sie bedeutet Einseitigkeit, d.h. geistige Beschränktheit“. Im selben Brief erinnerte Madani Gorki daran, „wie heimtückisch und verräterisch er [Lenin] die „machovshchina“ [d.h. die Empiriokritizisten] vernichtet hat“ . Gorki reagierte auf diese Äußerungen, die im Grunde nur seine eigenen früheren Ansichten aufnahmen, mit äußerster Gereiztheit. „Sie ernähren sich allem Anschein nach von Emigrantenliteratur, und Sie wissen nicht, dass die „Bande von Politikastern“ Lenins zu 90 % aus Arbeitern besteht./.../ Und Sie verstehen offenbar nicht, dass Russland jetzt das Land ist, das für die ganze Welt an der Neuorganisation der Menschheit arbeitet“. Der Streit mit Madani führte zum Abbruch des Kontakts.

„So dachte ich vor 13 Jahren und – habe mich geirrt“

Gorki distanzierte sich in den Erinnerungen an Lenin in aller Form von der Rolle des Kontrahenten Lenins und der Bolschewiki, die er in den Jahren der Revolution gespielt hatte: „In den Jahren 1917-1918 waren meine Beziehungen zu Lenin bei weitem nicht so, wie ich sie gern sehen würde, aber sie konnten nicht anders sein“. Als Grund für die prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten mit Lenin nennt der Schriftsteller seine damalige Befürchtung, dass die Politik der Bolschewiki „die zahlenmäßig winzige, aber qualitativ heroische Streitmacht der politisch erzogenen Arbeiter und die ganze, aufrichtig der Revolution ergebene Intelligenzija dem russischen Bauerntum zum Opfer bringen werde“. Ein weiteres Mal bekräftigt Gorki hier seine scharf ablehnende Haltung gegenüber dem „analphabetischen Dorf“ und seinem „zoologischen Individualismus“. Außerdem divergierte Gorkis Ansicht über die Intelligenz mit der Lenins. Er teilte nicht das prinzipielle Misstrauen des Führers gegen die Vertreter von Wissenschaft und Kunst und ihre angebliche Neigung zum Verrat. Die Intelligenzija war für Gorki in den Revolutionsjahren wie früher „das einzige Lastpferd, das vor den Wagen der Geschichte Russlands gespannt war“. An dieser Stelle sind in den Text der Redaktion von 1931 einige Zeilen eingefügt, in denen der Schriftsteller seine Reue über die damalige Position zum Ausdruck bringt: „So dachte ich vor 13 Jahren und – so habe ich mich geirrt. Diese Seite meiner Erinnerungen sollte man ausstreichen“. Nach einer „Reihe von Fakten der niederträchtigsten Schädlingstätigkeit“ von sogenannten specy (Spezialisten, Techniker usw. in der Wirtschaft) fühlte sich der Schriftsteller verpflichtet, seine Beziehung zu den Vertretern von Wissenschaft und Technik zu überdenken. Viele Leser der Erinnerungen, die sich an die früheren Bemühungen Gorkis um die Rettung der von Hunger und Terror bedrohten Vertreter der Intelligenzija erinnerten, werden wohl auf diese Erklärungen mit Unverständnis und Bedauern reagiert haben. Gorkis sagte sich hier nicht nur von seiner humanitären Tätigkeit los, sondern letztlich von seiner eigenen, durch die Welt der Intelligenzija geprägten Natur. Es war im Prinzip die gleiche Haltung der Selbstverurteilung, die er in seinem Abschiedsroman „Das Leben des Klim Samgin“ einnahm. Zugleich annulierte er die Charakteristik Lenins in den „Unzeitgemäßen Gedanken“. Der grausame, amoralische, intolerante Lenin wird zusammen mit der heroischen Intelligenzija in den Abstellraum der Irrtümer und falschen Gedanken befördert. Gorki liebt den Revolutionsführer nicht mehr „mit Zorn“, sondern mit Bewunderung und Dankbarkeit.

Der grausame Lenin – Erfindung seiner Feinde

Man kann nicht sagen , dass das Bild des grausamen, despotischen Lenin in den Erinnerungen gänzlich verschwunden sei, das Thema der persönlichen Grausamkeit des Führers und der Grausamkeit des revolutionären Alltags wird ausdrücklich erörtert, es ist eines der Hauptthemen des literarischen Porträts. Aber die Durchführung dieses Themas ist ausschließlich darauf gerichtet, den Leser davon zu überzeugen, dass die Ansicht von der Grausamkeit Lenins und seiner Politik entweder eine böswillige Erfindung seiner Feinde darstellt oder die „falsche“ Auffassung von politisch unreifen Verbündeten und Wegbegleitern (poputschiki), solchen wie Gorki selbst. Zum Zweck der systematischen Widerlegung der These von der Grausamkeit Lenins kommen verschiedene Mittel zur Anwendung. Eines davon ist die Umbenennung dieser negativen Züge in eine positive, bewunderungswürdige Eigenschaft Lenins. Das, was als Ausdruck seiner Grausamkeit erscheinen könnte, ist in Wahrheit „Hass, Abscheu und Verachtung gegenüber dem Unglück, dem Kummer und den Leiden der Menschen“, es entspringt seinem Kampfgeist, dem „hazard“ seiner Natur oder dem „militanten Optimismus des Materialisten“. Die Geringschätzung derLebensinteressen der Menschen wird ausdrücklich gerechtfertigt. Die Mehrheit lebt nach dem Prinzip „Stört uns nicht zu leben, wie wir es gewöhnt sind“, Lenin aber „war ein Mensch, der die Menschen in einem Maße störte, ihr gewohntes Leben zu leben, wie das vor ihm niemand getan hatte“. Es ist interessant zu beobachten, wie solche, unter den damaligen Bedingungen gänzlich „normale“ Aussagen in heutiger Sicht ihren zynischen Unterton offenbaren.

Der „menschliche“ Lenin – Nahrung für Gläubige

Ein anderes Mittel, das Gorki durchgehend anwendet, ist die Schaffung eines „menschlichen“ Lenin, der seiner Natur nach unfähig zur Grausamkeit ist, und nur unter dem Druck der Notwendigkeit seine historische Mission erfüllt. Lenin, der „wunderbare Genosse“, der „fröhliche Mensch“, zeichnet sich durch seine „erstaunlich weiche Beziehung zu den Menschen“ und weckt damit besonders bei einfachen Menschen Anerkennung und Sympathie. Mit Bewunderung beschreibt Gorki das „Asketentum“ des Führers, die „Einfachheit“ und das völlige Fehlen von Hochmut in seinem Betragen. Dazu vermittelt er plastische Eindrücke von Lenins physiologischen Besonderheiten („verschränkt die Arme unter die Achseln“, wendet dem Gesprächspartner seine „allessehenden kleinen Augen“ zu, „bricht in ein ungewöhnliches Lachen aus“ u.a.m.) Die Hervorhebung solcher Details gehört im allgemeinen zu den Stärken der Prosa Gorkis. Besonders erfolgreich angewendet ist diese Technik in dem literarischen Porträt „Lew Tolstoj“ (1919). Hier dagegen hat sie viel von ihrer Überzeugungskraft verloren. Allzu durchsichtig ist das Bestreben des Autors, beim Leser Sympathie, Rührung, Begeisterung hervorzurufen. Besonders anschaulich tritt diese Absicht in der Beschreibung Lenins zutage, die ihn beim Anhören der Beethoven-Sonate „Apassionata“ zeigt. Lenins Wort über die „gefährliche“ Wirkung solcher Kunsterlebnisse auf die Nerven des Revolutionärs, weil die Musik in ihm den Wunsch wecke, „nette Dummheiten zu sagen“ und den Menschen „über den Kopf zu streichen“, sind um die ganze Welt gegangen und haben nicht wenig zur Verbreitung eines tragisch-heroischen Leninbilds beigetragen. Das ist Nahrung für Gläubige, und von ihnen gibt es heute zum Glück sehr viel weniger als damals. Dafür ist die Zahl derer gewachsen, die in solchen Motiven die Mythenproduktion erkennen, die im Dienst verschiedenfarbiger Diktatoren des 20. Jahrhunderts angewendet worden ist, auch im Dienst des Nachfolgers und Erben Lenins Josef Stalin. Zu der Technik der mythischen „Vermenschlichung“ des Diktators gehören in den Lenin-Erinnerungen auch solche Lyrismen wie „die Seele an den Flügeln festhalten“, die zusammen einen Komplex von sozrealistischem Kitsch bilden.
Widerspruch wecken aber nicht nur solche Fragen der künstlerischen Qualität. An einigen Stellen kann und muss man von einer Manipulation des historischen Materials sprechen. In der ersten Redaktion zeigt sich der Revolutionsführer stolz auf das Organisationstalent seines Genossen Trotzki, der hier die einzigartigen Talente der russischen Nation repräsentiert. In der zweiten Redaktion korrigiert Lenin auf Nachfrage Gorkis seine Ansicht von Trotzki: „Und doch ist er keiner von uns“. Zweifel weckt heute auch die Geschichte der Ausreise Gorkis, die mit einem langen Auszug aus einem Brief Lenins an Gorki belegt wird. Die Sorge um die Gesundheit des Schriftstellers erscheint hier als einziges Motiv für den Rat Lenins, sich einen Wohnort außerhalb Russlands zu suchen und bietet damit zumindest ein unvollständiges Bild der Ereignisse von 1921.

Worin besteht der „Irrtum“ Gorkis?

Was sind die wesentlichen Thesen des literarischen Porträts „W.I. Lenin“ und wie sind sie heute zu bewerten? Vieles von dem, was Gorki diesem „Menschen mit großem Anfangsbuchstaben“ zugeschrieben hat (der ursprünligche Titel lautete „Ein Mensch“ (Chelovek)), erscheint im Vergleich mit dem historischen Wissen unserer Zeit einfach unannehmbar. Der Lenin, der „selbstlos die Menschen liebte“, der die Musik Beethovens hörte und „Krieg und Frieden“ las – ist ein Mythos, ein Komplex von Eigenschaften, die sich nur auf den „privaten“ Lenin beziehen lassen, der in einer seltsamen Abgeschiedenheit von dem Revolutionär Lenin zu existieren scheint. Überzeugender ist das Bild eines Menschen mit einem enorm starken Willen, einem großen politischen Talent und dem Wagemut eines Spielers und Liebhabers von „Schlägereien“ großen Stils. Der gänzlich amoralische Despot und Experimentator der „Unzeitgemäßen Gedanken“ stellt eine eindrucksvolle historische Momentaufnahme dar, ist aber wohl kaum das letzte Wort über Lenin. Noch weniger überzeugend erscheint das entgegengesetzte Bild des Befreiers und Aufklärers, das in den Erinnerungen zumindest indirekt gegenwärtig ist. In einem Brief an El Madasni (12. April 1924) hat Gorki seiner Gewissheit Ausdruck gegeben, dass Madani, der hartnäckige Kritiker Lenins, seine Meinung ändern werde, wenn er sich überzeugt habe, „wie weit er [Lenin] die Menschen auf dem Weg zur Schaffung einer „inneren“ [hervorgehoben] Freiheit und zur Zerstörung der Fetische vorangebracht habe“. Das kann man wohl kaum als Definition der Politik Lenins akzeptieren, es handelt sich eher um einen „gorkifizierten“ Lenin, dem der Schriftsteller seine eigenen Bestrebungen zuzuschreiben versucht. In den Erinnerungen an Lenin ist Gorki selbst auf diesem Weg zur inneren Freiheit nicht weit vorangekommen.

Lenin war der Gründer eines Staates, der auf Unfreiheit gegründet war. Gorki war seiner Natur nach ein Verkünder der Freiheit. Er kannte, anders als Lenin, „das Leben in all seiner Kompliziertheit“. Wenn er sich in Bezug auf Lenin wirklich geirrt hat, so bestand der Irrtum in seiner Zuversicht, man könne das leninsche Projekt auf den Weg der Freiheit führen. Im Namen dieses Ziels ließ sich Gorki auf ein riskantes Spiel mit der Macht ein, das ihn an die Grenze der Selbstverleugnung und des Selbstverrats führte. In diesem Sinne bietet Gorkis Verhalten ein lehrreiches Beispiel für ein trauriges Phänomen, das unter den Linksintellektuellen im Europa des 20. Jahrhunderts weit verbreitet war.



Die Zitate aus den Briefen (1909, 1924) sind Übersetzungen aus den Bänden 7 (2001) und 14 (2009) der auf 24 Bände angelegten vollständigen Ausgabe der Briefe Gorkis, betreut vom Gorki-Archiv in Moskau.
Zitate aus der ersten Redaktion des literarischen Porträts „W.I. Lenin“ (1924) übersetzt nach der Ausgabe: M. Gor’kij, Kniga o russkikh ljudjakh, Moskva 2000, S. 412-432.

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Kategorie: Streit um Gorki

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