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"Sie war sein einziger Freund" - Gorki über Sofja Tolstaja

Freitag, 04. Februar 2011, 00:53:19 | Armin Knigge

In russischer Sprache finden Sie diesen Eintrag hier.

Parallel zu dem Eintrag über Sofja Andrejewna als „Heldin des Tolstoj-Jahrs 2010“ (s. die Links am Schluss) finden Sie hier längere Auszüge aus dem Artikel „Sofja Andrejewna Tolstaja“ von Maksim Gorki. Das literarische Porträt der Frau Lew Tolstojs wurde im Januar 1924 (dem Monat des Todes Lenins) geschrieben und zuerst in Gorkis Zeitschrift „Beseda“ (1924, 4) gedruckt. Den Anstoß für die Entstehung des Werkes gab das Buch von Vladimir Tschertkow „Die Flucht Tolstojs“, das 1922 in Berlin erschienen war. Die offenkundig tendenziöse Darstellung der Beziehungen des Ehepaars Tolstoj empörte Gorki und veranlasste ihn zu dieser energischen Erwiderung. Der Gesinnungsgenosse und Führer der Tolstojaner hatte sich mit allen Kräften bemüht, Sofja Andrejewna von ihrem Platz an der Seite Tolstojs zu verdrängen und zeigte in der Wahl seiner Mittel keine Rücksicht. Igor Volgin führt in seinem Artikel „Von allen fortgehen“ (in der Zeitschift „Oktjabr‘“, 2010, 10) eine seiner Äußerungen an: „Ich kann eine Frau nicht verstehen, die sich ihr ganzes Leben mit der Ermordung ihres Mannes beschäftigt“. Gorki stellte solchen verleumderischen Charakteristiken seine Erinnerungen an eigene Begegnungen mit Sofja Tolstaja im Kreis ihrer Familie entgegen und entwarf das Bild einer energischen und talentierten Frau, der treuen Freundin und Helferin ihres Mannes, der Verteidigerin seiner Ruhe gegen die Ansprüche aller möglichen „Parasiten“ in seiner Umgebung. Gorki verschweigt auch nicht die unsympathischen Züge in ihrem Verhalten, die durch die extremen Umstände dieses Familiendramas bedingt und von daher verzeihlich waren. Sie dürfen das Bild dieser bedeutenden Persönlichkeit nicht verdunkeln, erklärt der Schriftsteller. Sofja Andrejewna verdient die Hochachtung und Sympathie der Nachwelt.

Der Text in der Übersetzung von Erich Boehme folgt der Ausgabe Maxim Gorki, Literarische Porträts, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1974, S. 262-280
Zur besseren Orientierung sind Abschnittstitel eingefügt.

Eine russische Frau

In der Literatur und im täglichen Leben prahlen wir laut: „Die russische Frau ist die beste Frau auf Erden.“
Dieses Geschrei erinnert mich an einen Straßenhändler, der Krebse anpreist: „Schöne Krrrebse! Lebende Krrrebse! Große Krrrebse!“
Die Krebse wirft man lebendig in siedendes Wasser, tut Salz, Pfeffer und Lorbeerblätter hinzu und kocht sie so lange, bis sie rot sind. Dieser Prozeß hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Art, wie wir die „beste“ Frau Europas behandeln.
Wir haben die russische Frau als die „beste“ gerühmt und hinterher anscheinend einen Schreck bekommen: Wenn sie nun wirklich besser ist als wir? Und bei jeder passenden Gelegenheit stecken wir unsere Frauen in die siedende Brühe fetter Gemeinheit, ohne übrigens dabei zu vergessen, diese Bouillon mit zwei, drei Lorbeerblättchen zu würzen. Je bedeutender eine Frau ist, desto unwiderstehlicher ist unser Drang, dafür zu sorgen, daß sie rot wird.

„Sie hat mir nicht gefallen“

Der Mensch wird zwar nach dem Tode nicht besser und nicht schlechter, aber er stört uns andere nicht mehr im Leben. Deshalb empfinden wir etwas wie Dankbarkeit gegen einen Toten und belohnen ihn dadurch, daß wir ihn so schnell wie möglich vergessen – was ihm zweifellos angenehm ist./.../
Aber auch die schöne Sitte, die Toten zu vergessen, wird oft durch unsere kleinliche Bosheit, durch unseren niedrigen Rachedurst und unsere heuchlerische Moral verletzt, wie das Benehmen der Menschen gegen die verstorbene Sofja Andrejewna beweist.
Ich glaube völlig unvoreingenommen über sie sprechen zu können; denn ich habe sie nie sehr gern gehabt, habe auch nie ihre Sympathie besessen, was sie, offen und ehrlich, wie sie war, keineswegs vor mir verhehlte. Ihr Verhalten gegen mich streifte häufig ans Beleidigende; doch es beleidigte mich nicht, weil ich wohl begriff, daß die meisten der ihren Mann, den großen Märtyrer, umgebenden Menschen für sie nur Fliegen und Mücken, will sagen, Parasiten waren./.../
Jede Fliege wollte eine Spur in Tolstois Leben und Gedächtnis zurücklassen, und viele waren derart zudringlich, daß selbst der liebereiche Franziskus von Assisi sie gehaßt hätte. Um so natürlicher war der Haß Sofja Andrejewnas, dieser leidenschaftlichen Frau! Lew Tolstoi selbst war, wie alle großen Künstler, sehr nachsichtig gegen die Menschen.

Eine schwere und verantwortungsvolle Rolle

Lew Tolstoi war unter allen großen Männern des 19. Jahrhunderts der komplizierteste. Die Rolle seiner einzigen intimen Freundin, seiner Gattin, seiner Hausfrau und der Mutter seiner zahlreichen Kinder, war unstreitig sehr schwer, sehr verantwortungsvoll. Wer könnte leugnen, daß Sofja Andrejewna besser und tiefer als andere gesehen und gefühlt hat, wie stickig und eng das Leben daheim für den genialen Mann war, mit seiner Atmosphäre von Alltäglichkeit, dem Verkehr mit unbedeutenden Menschen. Aber gleichzeitig sah und verstand sie, daß der große Künstler wahrhaft groß war, wenn er insgeheim und großartig das Werk seines Geistes schuf; daß er sich aber ärgern konnte wie ein ganz gewöhnlicher Sterblicher, wenn er beim Preferencespiel verlor, sich sogar manchmal grundlos ärgerte und seine eigenen Fehler anderen zuschob wie ganz gewöhnliche Menschen, wahrscheinlich auch sie selbst.
Nicht nur Sofja Tolstaja konnte nicht recht begreifen, weshalb der geniale Romancier durchaus den Acker pflügen, Öfen bauen, Stiefel machen mußte. Das begriffen viele, auch sehr bedeutenden Zeitgenossen Tolstois nicht./.../
Mit einem Dichter leben zu müssen, der die Korrekturbogen seines Werkes siebenmal liest und es fast jedesmal ganz neu schreibt, dabei sich selbst und andere qualvoll aufregt, mit einem Schaffenden, der eine gewaltige Welt aufbaut, die vor ihm nicht da war – können wir wohl alle Sorgen eines so außergewöhnlichen Lebens begreifen und richtig einschätzen?

Die Frau – „Harmonisator des Lebens“

Zebaoth hat die Welt so schlecht gemacht, weil er Junggeselle war. Das ist nicht nur der Witz eines Atheisten; diese Worte drücken den unerschütterlichen Glauben an die hohe Bedeutung der Frau aus, die alles Schaffen anregt und Harmonie ins Leben bringt. Die uralte Legende vom Sündenfall Adams wird niemals ihren tiefen Sinn verlieren: Unsere Welt verdankt alles Glück der rasenden Neugier der Frau. Ihr Unglück aber verdankt die Welt der kollektiven Dummheit aller Menschen, auch der Dummheit der Frau.

Einstweilen, bis den Bau der Welt
Philosophie zusammenhält,
Erhält sie das Getriebe
Durch Hunger und durch Liebe
[Schiller, „Die Weltweisen“]

- das ist das wahrste und passendste Motto für die endlose Leidensgeschichte der Menschheit. Aber wo Liebe herrscht, haben wir, die wir eben noch wilde Tiere waren, jetzt Kultur – Kultur und alles Große, dessen wir uns mit Recht rühmen. Da aber, wo der Hunger unser Handeln lenkt, erwächst Zivilisation mit allem dazugehörigen Bösen, mit allen Lastern und Beschränkungen – die übrigens notwendig sind für ehemalige Tiere.

„Sie war sein vertrauter, treuer und wohl einziger Freund“

Die Rolle der Schlange im Paradies spielte Eros, die unüberwindliche Kraft, der sich Lew Tolstoi gern unterwarf und der er eifrig diente. Ich habe nicht vergessen, wer die „Kreutzersonate“ geschrieben hat; trotzdem muß ich daran denken, wie der zweiundsiebzigjährige Kaufmann Bolschakow in Nishnij Nowgorod aus dem Fenster schaute und beim Anblick der vorbeigehenden Schulmädchen seufzte: „Ach, warum bin ich nur so früh alt geworden! Da laufen die Fräuleins, ich kann sie nicht brauchen – sie machen mich nur böse und neidisch!“
Ich bin überzeugt, daß ich das lichte Bild des großen Dichters nicht verdunkele, wenn ich sage: Auch in der „Kreutzersonate“ spürt man die ganz natürliche, durchaus berechtigte Erbitterung des alten Bolschakow. Lew Tolstoi hat selbst einmal die schamlose Ironie der Natur angeklagt, die unsere Kräfte sich erschöpfen läßt, die Begierde aber nicht nimmt.
Wenn man von Tolstois Frau spricht, darf man nicht vergessen, daß trotz der leidenschaftlichen Natur des Dichters fast ein Menschenalter hindurch Sofja Andrejewna die einzige Frau gewesen ist, die er besessen hat. Sie war sein vertrauter, treuer und wohl einziger Freund. Allerdings hat Lew Tolstoi in der Freigebigkeit seines reichen Herzens viele Menschen Freunde genannt – aber das waren nur Gesinnungsgenossen. Muß man nicht auch zugeben, daß kaum ein Mensch denkbar ist, der in Wahrheit würdig gewesen wäre, sein Freund zu sein?
Allein dies ununterbrochene Einssein mit Tolstoi gibt Sofja Andrejewna ein Recht auf die Achtung aller wahren und falschen Verehrer des Schaffens und Andenkens des geialen Mannes; schon aus diesem Grunde müßten die Herren Erforscher von Tolstois „Ehedrama“ ihre Lästerzungen im Zaume halten, ihre arg persönliche Übelnehmerei und Rachsucht, ihre „psychologischen Studien“, die ein wenig an die schmutzige Arbeit von Polizeispitzeln erinnern, ihr ungeniertes, geradezu zynisches Streben, wenigstens mit den Fingerspitzen das Leben des großen Dichters anzutasten.

Der eifersüchtige Wunsch, ihre Rolle zu unterstreichen

Gern habe ich sie nie gehabt. Ich bemerkte ihr eifersüchtiges, immer hitziges, vielleicht krankhaftes Begehren, ihre zweifellos große Rolle im Leben ihres Mannes noch zu unterstreichen. Sie erinnnerte mich ein wenig an einen Mann, der in einer Jahrmarktsbude einen alten Löwen zeigt, das Publikum erst mit der Kraft des Tieres ängstigt und dann demonstriert, daß ausgerechnet er, der Bändiger, der einzige Mensch auf Erden ist, dem der Löwe gehorcht und den er liebt. Nach meiner Ansicht hatte Sofja Tolstaja solche Demonstrationen nicht nötig; manchmal wirkten sie komisch und erniedrigten sie geradezu. Sie hätte ihre eigene Rolle schon deshalb nicht unterstreichen dürfen, weil damals kein Mensch um Tolstoi war, der sich mit seiner Frau an Geist und Energie messen konnte. Heute, da ich das Verhalten von Tschertkow und ähnlichen Leuten ihr gegenüber kenne, finde ich, daß auch all ihre Eifersucht gegen Fremde, ihr offenkundiges Streben, sich dauernd vor ihren Mann zu stellen, und andere unsympathische Züge an ihr – daß all das durch das Verhalten dieser Leute gegen Tolstois Frau während seines Lebens und nach seinem Tode hervorgerufen wurde und auch gerechtfertigt war.

Das Eigentum der Familie zu schützen – „eine schwere Sünde“?

Als besonders schwere Sünde wird Sofja Tolstaja ihr Verhalten während der Agrarrevolution der Jahre 1905 bis 1906 angerechnet. Es hat sich herausgestellt, daß sie damals ebenso handelte wie Hunderte anderer russischer Gutsbesitzerinnnen, die kriegerische Wilde engagierten zum „Schutz der russischen landwirtschaftlichen Kultur vor der Zerstörungswut anderer Wilder“. Ich glaube, Sofja Andrejewna engagierte irgendwelche Kaukasier zum Schutz von Jasnaja Poljana.
Man sagt nun, die Frau von Lew Tolstoi, der das Privateigentum nicht anerkannte, hätte die Bauern nicht an der Plünderung seines Landsitzes hindern dürfen. Aber es war doch ihre Pflicht, Lew Tolstois Leben und Ruhe zu beschützen; er wohnte damals in Jasnaja Poljana, das ihm die beste Gewähr für die gewohnte, für seine geistige Arbeit unumgängliche Ruhe bot. Diese Ruhe war um so nötiger für ihn, als er schon mit seinen letzten Kräften lebte, bereit, sich von der Welt zu lösen. /.../
Der hochehrliche Leopold Sulerzhizkij, der das Privateigentum organisch haßte, der von Natur aus Anarchist war, konnte Sofja Andrejewna Tolstaja nicht leiden. IhrVerhalten in den Jahren 1905 und 1906 beurteilte er dagegen so:
„Die Familie Tolstoi hat wahrscheinlich nicht sehr freudig zugeschaut, wie die Bauern allmählich alle bewegliche Habe aus Jasnaja Poljana wegschleppten und auch den von Tolstoi eigenhändig gepflanzten Birkenhain niederschlugen. Ich glaube, um den Hain war es ihm selbst leid! Die allseitige, vielleicht wortlose, stumme Betrübnis und Bedrücktheit im Hause zwang, provozierte Sofja zu der Tat, die ihr, wie sie wußte, Unannehmlichkeiten bereiten mußte. Es ist unmöglich, daß sie das nicht gewußt hat – dazu war sie viel zu klug! Aber alle waren so traurig – keiner wagte sich zu verteidigen. So riskierte sie es. Dafür achte ich sie. In den nächsten Tagen fahre ich nach Jasnaja Poljana und werde ihr sagen: Ich achte Sie!“

Eine „unnormale Frau“?

Es wird behauptet, Tolstoi sei von seiner psychisch nicht normalen Frau aus dem Hause getrieben, verdrängt worden. /.../
Alles in allem - was ist geschehen?
Weiter nichts, als daß die Frau, die fünfzig schwere Jahre hindurch mit einem großen Dichter gelebt hat, einem sehr eigenartigen und rebellischen Menschen, daß die Frau, die sein einziger wahrer Freund gewesen ist auf seinem langen Lebensweg und seine tätige Helferin bei seiner Arbeit, verständlicherweise schließlich furchtbar müde geworden ist.
Und gleichzeitig sah sie, als alte Frau, wie der gigantische Mensch, ihr Mann, sich von der Welt löste. Sie fühlte sich vereinsamt, niemand brauchte sie mehr – das empörte sie.
In der Empörung darüber, daß Fremde sie von der Stelle wegstießen, die sie ein halbes Jahrhundert innegehabt hatte, soll Sofja Tolstaja den Bretterzaun der Moral nicht genügend beachtet haben, der einem Menschen als Hemmnis auf seinem Weg errichtet wurde von Leuten, die sich dieses Recht nur angemaßt hatten.
Dann nahm ihre Empörung fast den Charakter des Wahnsinns an.
Und später ist sie einsam, von allen verlassen, gestorben. Und nach ihrem Tode gedachte man ihrer nur, um sie voller Hingebung zu verleumden.
Das ist alles.



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Kategorie: Russland und die Russen

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