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"Wahrheit und Lüge des Kommunismus" - Unzeitgemäße Gedanken von Nikolai Berdjajew

Sonntag, 17. April 2011, 12:43:16 | Armin Knigge

Sonderausgabe des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen, 1953

In russischer Sprache finden Sie diesen Eintrag hier.

„Der Kommunismus ist eine komplizierte Erscheinung, die man nicht einfach bejahen oder verneinen kann. Wahrheit und Lüge sind in ihm in einer unheimlichen Weise vermengt“. Wer würde sich heute ein derart zögerliches Herangehen an eine Sache erlauben, in der anscheinend alles klar ist: Kommunismus ist gleichbedeutend mit Terror, und er ist zum Glück verschwunden. Die zitierte Äußerung und das Buch, dem sie entstammt, sollen hier an eine Zeit erinnern, in der man vorsichtiger und nachdenklicher mit diesem Thema umging. Der russische Philosoph Nikolai Berdjajew, Vertreter eines christlich fundierten Existenzialismus,
hat sein Buch 1934 zuerst in deutscher Sprache veröffentlicht. Er verstand es vor allem als einen Appell an die Christen, die sich der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft angepasst und es versäumt hätten, eine echte „communio“ im Geist des Christentums zu schaffen. Sie müssten sich nun ansehen, wie eine atheistische und unmenschliche Ideologie ein Projekt realisiert habe, das – in einem anderen Geist – eigentlich ihr Projekt hätte sein müssen: die Überwindung der bürgerlich-kapitalistischen Welt mit ihren Privatinteressen zugunsten einer Welt, in der eine „ganzheitliche Weltanschauung“ den Gemeinsinn der Menschen wiederbelebt und die geeignet ist, in der Jugend Begeisterung und Opferbereitschaft zu wecken. All dies biete den Menschen ein System der Unfreiheit – der russische Kommunismus.
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„In unserer Zeit wird die Stellung zum Kommunismus mehr durch emotionelle als intellektuelle Gründe bestimmt. Die psychologische Atmosphäre ist für das Verstehen seiner Ideenwelt äußerst ungünstig“. Diese Einschätzung, die auch die gegenwärtige Situation genau zu treffen scheint, stammt von dem russischen Philosophen Nikolai Berdjajew (Berdjaev) (1874-1848), den man heute vielleicht als einen christlichen Fundamentalisten bezeichnen könnte. Sie entstammt dem Buch „Ursprung und Sinn des russischen Kommunismus“ (Istoki i smysl russkogo kommunizma), das zuerst in den dreißiger Jahren in deutscher Sprache mit dem Titel „Wahrheit und Lüge des russischen Kommunismus“ erschienen ist (Luzern1934, 1937; russisch Paris 1955). Die Zitate im Eintrag folgen einer Ausgabe, die in der Übersetzung von J. Schor 1953 im Holle-Verlag Darmstadt erschienen und als „Sonderausgabe des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen“ gekennzeichnet war. Über diesen eigentümlichen politischen Kontext wird später zu sprechen sein. Zunächst geht es um die Intentionen des Autors Berdjajew und die Hauptlinien seiner Darstellung.

Auf dem Höhepunkt der Machtentfaltung des Bolschewismus in seiner stalinistischen Variante versuchte Berdjajew einem westlichen Publikum klar zu machen, dass man dieses Phänomen nicht angemessen verstehen könne, wenn man ihm nur mit einer von Hass und Schmerz erfüllten Ablehnung begegne, wie dies bei seinen Gefährten, den russischen Emigranten, verständlicherweise der Fall war; und dass auf der anderen Seite die „oberflächliche snobistische Sowjetfreundlichkeit der Intellektuellen“ noch untauglicher für den Versuch sei, die Ursprünge und den Sinn dieser Bewegung zu verstehen. Berdjajew argumentiert von der Position einer kompromisslosen Ablehnung des sowjetischen Kommunismus. Die „Lüge“ dieser Ideologie, die sich als eine Ersatzreligion zu etablieren versucht, bestehe in der Zerstörung des Fundaments der menschlichen Existenz, des „Gottmenschentums“, das den Menschen als ein freies Wesen in die göttliche Weltordnung integriert. Aus der Negation dieser Beziehung ergeben sich nach Ansicht des Philosphen alle sichtbaren Übel des Kommunismus: der primitive Materialismus, der Kult der Allmacht des Menschen, die Unterdrückung der Freiheit und der Persönlichkeit, in summa die Unmenschlichkeit und der blutige Terror des Regimes.

Der Kommunismus – Mahnung an die Christen

Was bleibt unter diesen Umständen als „Wahrheit“ des Kommunismus übrig? Es kann sich angesichts der prinzipiellen Fehlausrichtung des Projekts nicht um einzelne „richtige“ Ideen in diesem falschen Gebäude handeln. Die Wahrheit des Kommunismus besteht darin, dass seine Grundanlage an ein anderes Projekt erinnert, das an seiner Stelle hätte Wirklichkeit werden können und müssen: die Schaffung einer Gemeinschaft im Geist des Christentums. „Für die Christen hat der Kommunismus einen besonderen Sinn“, erklärt Berdjajew, „er bedeutet die Entlarvung der christlichen Sünden und die Mahnung an die unerfüllte christliche Aufgabe und Pflicht". Der Kommunismus sei nicht nur eine soziale, sondern vom Anspruch her eine geistige und religiöse Erscheinung, er bringe den Menschen eine „ganzheitliche Weltauffassung“, die alle Grundfragen des Lebens zu lösen vorgibt, er „bemächtigt sich der ganzen Seele des Menschen und löst in ihr den Enthusiasmus und den Willen zum Selbstopfer aus“. „Der Dienst an der gottlosen und antichristlichen Idee des Kommunismus wird von den religiösen seelischen Energien getragen“, lautet die gewagte These des Philosophen. Und er konkretisiert diese These mit einer Behauptung, die nach Erscheinen des Buchs in den dreißiger jahren gewiss auf heftigen Widerspruch gestoßen ist und auch heute Streit auslösen kann: „Die aufrichtige und selbstvergessene Hingabe der Sowjet-Jugend an den Kommunismus ist eine unbestreitbare Tatsache, die man mit keinen Mitteln verbergen kann. Sie wird in der Energie sichtbar, mit der die russische Jugend an der Verwirklichung des Fünfjahresplanes gearbeitet hat“. Eben diese Haltung vermisst Berdjajew bei denen, die berufen gewesen wären, anstelle der „mechanischen Zwangsorganisation“ des Kommunismus eine wirkliche „communio“ der Menschen im Geist des Christentums zu schaffen: „Mit tiefem Bedauern müssen wir anerkennen, dass die Christen der bürgerlichen Ära in ihrer Energie und Opferbereitschaft weit hinter den Kommunisten zurückgeblieben sind“.(26)

Kritik der „bürgerlich-kapitalistischen Zivilisation“

Aus heutiger Sicht mögen diese Erklärungen den Eindruck einer rührend altmodischen und ein wenig naiven Bußpredigt hervorrufen. Aber Berdjajew war keineswegs ein weltfremder Theologe. Er zielte konkret auf die bürgerliche Gesellschaft der modernen Industriestaaten, und seine Kritik am Christentum der Zeit ist wesentlich eine Kritik am Kapitalismus. In diesem Punkt macht sich der Einfluss des Marxismus bemerkbar, dem Berdjajew, wie viele seiner Zeitgenossen, in der frühen Periode seiner Entwicklung nahe stand. Er schreibt dem Kommunismus zuerst eine „negative Wahrheit“ zu, sie bestehe in der „Kritik aller Lügen, aller Widersprüche und Krankheiten der bürgerlich-kapitalistischen Zivilisation und in der Entlarvung eines entarteten, falschen Verfallschristentums, das sich den Interessen der bürgerlichen Gesellschaftsordnung angepasst hat“. Mit Recht habe Marx behauptet, dass „die kapitalistische Welt eine Ausgeburt der Anarchie ist“: „Das Leben des Ganzen wird in ihr durch das Spiel der wirtschaftlichen Privatinteressen bestimmt und keinem höheren Ziel unterworfen. Nichts widerspricht dem Geist des Christentums mehr als der Geist der kapitalistischen Gesellschaft.“

„Ein universeller Plan zur Umgestaltung des Lebens“

Die radikale Ablehnung der „bürgerlich-kapitalistischen Zivilisation“, die anscheinend eine ebenso radikale Umgestaltung des Lebens unausweichlich macht, führt den Philosophen ungewollt in eine gefährliche Nähe zum Grundanliegen des Kommunismus und der bolschewistischen Revolution. „Die Welt ist in unserer Zeit von der Sehnsucht nach einem neuen, besseren Leben erfüllt, die in der dechristianisierten bürgerlich-liberalen Epoche restlos verschwunden ist“, erklärt Berdjajew. Er teilt damit eine grundlegende Prämisse des Kommunismus, die von den Gegnern dieser Ideologie, insbesondere von den christlich orientierten, immer heftig bekämpft worden ist, nämlich die Auffassung, dass „der Mensch“ und „das Leben“ gewissermaßen ein formbares Material darstellen, das dem Willen und der Vernunft der Revolutionäre zur freien „Umgestaltung“ zur Verfügung stehe. Heute, nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Welt, besteht Konsens darüber, dass diese Annahme ein törichter Irrglaube mit fatalen Folgen war. Berdjajews Beschreibung dieser Weltsicht mag diesen Eindruck bestärken, sie verrät in ihrer pathetischen Tonlage aber auch deutlich die heute schwer nachvollziehbare Anziehungskraft, die damals von den Verhältnissen in Russland ausging, den real vorhandenen ebenso wie den propagandistisch behaupteten. „Der Mensch kann sich im Kommunismus als ein Erbauer der neuen Welt fühlen. Mag es die Aufrichtung des Turms von Babel sein – das Leben jedes Menschen, so klein auch seine Rolle in der kommunistischen Gesellschaft ist, wird durch das berauschende überpersönliche Werk erfüllt und in Atem gehalten." Selbst die ungeheuerliche Anmaßung eines Staates, der den Menschen „zwangsweise vom Privatleben befreit“, erhält so eine höhere Rechtfertigung.
Berdjajew beschreibt hier, gemessen an den Zeugnissen der sowjetischen Kultur in ihrer Gesamtheit, zweifellos eine in der sowjetischen Jugend massenhaft vorhandene Bewusstseinslage: „Im Kommunismus ist die Welt auf einmal plastisch geworden, nach Belieben kann man sie kneten und formen. Diese Möglichkeit übt einen unwiderstehlichen Zauber aus auf die Jugend... Die Last der Vergangenheit, Geschichte, Tradition, alles, was im Abenland eine starke, bindende Gewalt ausübt, wird vom Kommunismus umgeworfen: gleichsam von neuem beginnt mit seinem Siege die Schöpfung der Welt“.(7)


Der Kommunismus und die „russische Idee“

„Im russischen Kommunismus hat sich eine ungeheure vitale Kraft offenbart“, erklärt Berdjajew, macht dazu aber eine überraschende Einschränkung, die seine ganze Konzeption in einem anderen Licht erscheinen lässt: „Ihre Quelle ist aber nicht der Kommunismus, der als Doktrin und Weltanschauung eine konventionelle Symbolik, eine ‚Ideologie‘ bedeutet; sie ist vielmehr aus den Tiefen des russischen Volkes emporgestiegen als eine ihm von jeher innnewohnende und durch den Zusammenbruch des russischen Imperiums entfesselte Urkraft“. In der russischen Revolution hat sich nach Auffassung des Philosophen „die Begegnung und die Vereinigung von zwei messianischen Strömungen“ vollzogen. Eine von ihnen ist der Messianismus des Proletariats, der schon bei Marx angelegt sei und sich aus der messianischen Hoffnung des Judentums speise, die andere kommt aus der Tradition der messianischen Idee in Russland, beginnend im 15. Jahrhundert mit der Idee des „dritten Rom“ und vollendet in der Idee des russischen Volkes als „Gottträger“, die der Schriftsteller Dostojewski formuliert hat. „In seiner letzten, nicht nur säkularisierten, sondern auch entgotteten Gestalt erscheint der russische Messianismus nun schließlich im Bolschewismus“. Der russische Kommunismus glaube an die Formel „ex oriente lux“, und er sei ebenso wie bei Dostojewski von dem Wunsch getragen, die Finsternis des Abendlandes mit dem Licht des nationalen Geistes zu erleuchten. Denn auch der Atheismus des russischen Kommunismus ist, wie Berdjajew ausführlich darlegt, nationalen Ursprungs. Im 19. Jahrhundert, vor allem in dem Nihilismus der 1860er Jahre, habe sich die Übertragung der religösen Motive des russischen Denkens in die areligiöse und antireligiöse Sphäre vollzogen. Im russischen Nihilismus mit seinem naiven Materialismus, seinen asketischen und moralistischen Zügen, seien alle Grundmotive der bolschewistischen Ideologie vorgeprägt.



Wahrheit und Lüge - "in einer unheimlichen Weise vermengt"

Berdjajews Buch „Wahrheit und Lüge des russischen Kommunismus“ kann gewiss nicht als eine stringente philosophische Konzeption gelten. Zu offensichtlich ist sie von widerstreitenden Überzeugungen und Emotionen des Verfassers und von den ebenso widersprüchlichen Einflüssen des Zeitgeistes geprägt. Und es scheint so, als sei dem Autor gerade an diesem offenen, zum Streit provozierenden Charakter der Darstellung gelegen: „Der Kommunismus ist eine komplizierte Erscheinung, die man nicht einfach bejahen oder verneinen kann. Wahrheit und Lüge sind in ihm in einer unheimlichen Weise vermengt.“
Als die Wahrheit des Kommunismus präsentiert Berdjajew zuallererst seinen Appellcharakter an die Adresse seiner Gegner und Rivalen im Kampf um die Seelen der Menschen: „Das Christentum hat seine Wahrheit in der Fülle des Lebens nicht zu verwirklichen vermocht... Darum ist der Kommunismus erschienen, diese entstellte Verwirklichung der christlichen sozialen Wahrheit, als Strafe, Mahnung und Gericht“(12). Die Wahrheit des „gottlosen Kommunismus“ besteht „in der Auflehnung gegen die Lüge der entarteten christlichen Welt“, die in Berdjajews Darstellung eine Welt des Kapitalismus ist. In ihr triumphieren die Privatinterssen über den Gemeinsinn, der allein Begeisterung und Opferbereitschaft hervorzubringen vermag.
Einen Abglanz der Wahrheit enthält der russische Kommunismus durch seine – wenn auch verdeckte und entstellte – Verwandtschaft mit der messianischen „russischen Idee“, sogar in seiner atheistischen Erscheinungsform des Bolschewismus sind „religiöse Energien“ erkennbar, die die Rückkehr zu Werten wie Gemeinsinn, Dienst an einer großen Sache, Begeisterung und Opferbereitschaft zum Ziel haben. Obwohl auf diese Weise der Eindruck entstehen kann, dass in der Einstellung des Autors zu seinem Gegenstand die Anziehungskraft stärker ist als die erklärte Ablehnung, bleibt Berdjajew im Grundsatz konsequent. Der russische Kommunismus „enthält viele Wahrheiten und eine einzige Lüge, diese Lüge wiegt aber schwerer als alle Teilwahrheiten, die sie entstellt und verzerrt“.
Der Atheismus ist für Berdjajew nicht eine einzelne Komponente in einer komplexen Ideologie, sondern ein unheilbarer Mangel des ganzen Systems: „Gottlosigkeit“ und „Unmenmschlichkeit“ des Kommunismus sind Synonyme, sie sind „die Quelle aller seiner Unwahrheiten: des blutigen Zwanges, durch den er die soziale Gerechtigkeit zu realisieren wähnt; Quelle der Tyrannei, die gegen die menschliche Würde verstößt; Quelle der Rechtfertigung aller Wege zur Verwirklichung seines Ziels“. Nirgendwo gibt es eine Rechtfertigung oder Relativierung der Menschenfeindlichkeit des sowjetischen Systems, nirgendwo auch nur die Andeutung einer Reformierbarkeit dieses Regimes. Auch der Gedanke, dass die Werte der idealen christlichen Gemeinschaft auch in einer säkularisierten bürgerlichen Gesellschaft realisierbar wären, wird von Berdjajew nicht zugelassen. Insofern ist er ein Fundamentalist wie Dostoevskij: ohne Religion gibt es keine Humanität. Am Schluss des Buches formuliert der Philosph seine politische Botschaft: Der Suche der Leninisten nach einer ganzheitlichen Weltanschauung „wohnt eine tiefe Wahrheit inne“. „Auch wir müssen nach dieser Einheit trachten, aber im Zeichen eines anderen Glaubens“.

Der Kommunismus wird nicht mehr bekämpft, er wird entsorgt

Aus heutiger Sicht scheint mir vor allem die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Darstellung Berdjajews in einer bemerkenswerten Weise unzeitgemäß und eben darum interessant. Niemand kann heute so über den Kommunismus sprechen, ohne seinen sofortigen Aussschluss aus der Gemeinschaft der vernünftig Denkenden zu gewärtigen. Dabei enthält das Buch nicht mehr und nicht weniger als eine Auflistung der Argumente für und gegen den Kommunismus. Sie sind seither hundertfach erörtert worden: auf der einen Seite die radikale Kapitalismus-Kritik, die „Große Utopie“, das „Experiment der Moderne“, die Faszination der „einen und einzigen Wahrheit“ und die aus diesem Glauben folgende Begeisterung und Opferbereitschaft; auf der anderen ein primitiver Materialismus, die Unfreiheit, die Unterdrückung der Persönlichkeit, der blutige Terror. Von der Formel „Terror und Traum“, mit der Karl Schlögel das Doppelgesicht des Kommunismus in seiner stalinistischen Variante beschrieben hat, ist heute allein der Terror geblieben. Der Traum figuriert allenfalls noch als Illustration für die Infantiliserung der Menschen durch die Parteipropaganda. In seiner Eigenschaft als ein mächtiges Faszinosum für ganze Generationen von Intellektuellen, das er faktisch darstellte, wird dieser Traum eher als eine Peinlichkeit empfunden, die man besser nicht erörtert.

Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers erleben wir eine neue Form des Antikommunismus, die sich radikaler und zugleich ärmer an gedanklichem Gehalt darstellt als der Antikommunismus des kalten Krieges. Der einst mächtige Gegner wird nicht mehr mit einer Mischung aus Respekt und Furcht, sondern mit Verachtung behandelt, er wird nicht mehr bekämpft, sondern als ein Relikt der Geschichte entsorgt. Nach Kriegsende wurde der Kommunismus zur Leitideologie eines mächtigen sozialistischen Lagers. In dieser Eigenschaft war er ein ernstzunehmender Feind, der in Gestalt der Friedensbewegung und der westlichen kommunistischen Parteien eine Bedrohung für die bürgerlich-kapitalistische Welt darstellte. Auch jene Haltung der Intellektuellen, die Berdjajew als „snobistische Sowjetfreundlichkeit“ charakterisiert hat, machte den Inititatoren antikommunistischer Kampagnen zu schaffen und nötigte sie, auf die potentiell „ansteckenden“ Eigenschaften der kommunistischen Ideologie einzugehen: ihre radikale Kapitalismus-Kritik, das Angebot einer „ganzheitlichen Weltanschauung“, die utopischen Hoffnungen auf eine neue Welt.

Das Ministerium für gesamtdeutsche Fragen publiziert Berdjajew

Ein anschauliches Beispiel dafür bietet die Ausgabe der hier behandelten Schrift Berdjajews „Wahrheit und Lüge des Kommunismus“ im Jahre 1953, der die Zitate in diesem Eintrag entnommen sind. Es handelt sich um eine „Sonderausgabe für das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen“, das für die Auseinandersetzung mit der Propaganda der DDR zuständig war. Das schmale Bändchen hat sogar in zwei Exemplaren Eingang in meine Bibliothek gefunden und war anscheinend weit verbreitet. Was mag die Herausgeber, die sich leider jeden Kommentars enthalten, zu dieser Publikation veranlasst haben? Gewiss war es die antikommunistische Grundeinstellung des russischen Philosophen und ihre christliche Fundierung. Damit hatte sich der Verfasser einem Staat empfohlen, der von einer christlich orientierten Partei regiert wurde und wenige Jahre später ein KPD-Verbot durchsetzte. Das Buch schien geeignet, den Kommunismus in seinem Kern als eine „gottlose“ und „unmenschliche“ Ideologie zu entlarven. Aber um welchen Preis? Um die „Lüge des Kommunismus“ nachzuweisen, mussten Sätze wie der folgende publiziert werden: „Nichts widerspricht dem Geist des Christentums mehr als der Geist der kapitalistischen Gesellschaft“. Unaussprechlich mussten eigentlich auch Berdjajews Äußerungen über die „ungeheure vitale Kraft“ in der bolschewistischen Revolution und die „aufrichtige und selbstvergessene Hingabe der Sowjet-Jugend“ an den Kommunismus erscheinen. Aber solche der Feindideologie gefährlich nahen Thesen wurden damals offenbar in Kauf genommen, vielleicht sogar als gewünschte Zugabe betrachtet, mit der junge Leser angesprochen werden konnten. Man sieht, wie stark sich die Beziehung zum Kommunimsus heute verändert hat. Keine der „Volksparteien“ würde heute ernstlich die „Wahrheit des Kommunismus“ – und seien es auch nur „Teilwahrheiten“ - in solcher Weise herausstellen. Der Kommunismus ist tot, und damit hat sich eigentlich auch der Antikommunismus erledigt. Oder ist die Sache doch nicht so einfach?

„Alle Zeichen wieder auf die Anfänge zurück“?

In seinem Essay „Was war der Kommunismus?“ (2010) kommt der renommierte Historiker Gerd Koenen zu dem Schluss, dass der „entfesselte Kapitalismus“ in den postkommunistischen Ländern „alle Zeichen wieder auf die Anfänge zurück“ stelle, von denen alle demokratischen und sozialistischen Bewegungen vor mehr als 150 Jahren ihren Ausgang genommen haben. Alle alten Fragen, die sich „an die antagonistischen Formen einer gesellschaftlichen Reichtumsproduktion knüpfen“, stehen nach seiner Auffassung in neuem, globalem Maßstab wieder zur Debatte. Die dieser Einschätzung vorangehende Darstellung der Geschichte des Kommunismus scheint mir allerdings weit weniger interessant. Der Leser bekommt eigentlich keine einleuchtende Erklärung dafür, warum die kommunistische Weltbewegung, die so sang- und klanglos verschwunden ist, die - nach Einschätzung des Autors - „mit Abstand größte, tiefgreifendste und erfolgreichste Massenbewegung des 20. Jahrhunderts“ war. Die Geschichte des Kommunismus erscheint in Koenens Darstellung eher als ein Konglomerat von selbstgeschaffenen Mythen, die die tatsächlichen Misserfolge und Gewalttaten des sowjetrussischen Projekts beschönigen sollten. Die bolschewistischen Führer waren ein bunter Haufen von halbkriminellen Berufsrevolutionären, die Wirtschaftspolitik ineffektiv, die Kultur armselig. Das einzig Funktionierende in diesem System war der Terror. Das ist natürlich eine sehr vereinfachte Wiedergabe des Inhalts dieser brilliant geschriebenen Darstellung, aber für mich hat sich dieser Eindruck ergeben, gerade im Vergleich mit der Schrift von Berdjajew. Das Faszinosum der „Großen Utopie“, dem Koenen selbst einst erlegen war, hat offenbar nicht nur seine Anziehungskraft verloren, es erscheint einfach uninteressant. Und das wäre eine bedenkliche Entwicklung, weil sie die großen Antriebskräfte des Geschichte des vergangenen Jahrhunderts und die Schicksale der Millionen davon Betroffenen, darunter der geistigen Eliten, aus dem Blick verliert. Dies betrifft in besonderem Maße auch Gorki, der in dieser Darstellung geringschätzig als „aristokratisch lebender Großdichter“ vorgeführt wird.
Ähnlich einseitig erscheint mir auch die Arbeit von Jörg Baberowski „Der rote Terror“ (2003). Die Antwort auf die Frage „Was war der Stalinismus?“, die der Osteuropahistoriker seinem Buch voranstellt, lautet klar und unmissverständlich: Er war eine einzige Orgie der Gewalt. Es ist klar, dass das Material, zumal das massenhaft neu erschlossene, dieses Urteil nahelegt. Aber Baberowskis These „Stalinismus und Terror sind Synonyme“ und ihre unausgesetzte Wiederholung in immer neuen Variationen, die Stalins „kriminelle Energie“, das „Modell der Mafia“ in seinem Herrschaftssystem oder den „bolschewistischen Tötungskult“ betreffen, verlieren auf die Dauer ihren Schrecken und wirken einfach ermüdend. Ohne eine ernsthafte Beschäftigung mit den von Berdjajew beschriebenen religiösen oder pseudoreligiösen „Energien“ ist auch dem Phänomen des Terrors nicht beizukommen. Auf eine Kette von Gewalttaten reduziert, nimmt die Darstellung die Formen eines Schauerromans an.
In einem seltsamen Widerspruch zu der geringschätzigen Beurteilung des historischen Kommunismus steht die zitierte These Gerd Koenens über die von neuem offenen Fragen des Kommunismus. Sie wird jedoch durch eine Reihe politischer Stimmungen und Ereignisse der letzten Zeit bestätigt, am deutlichsten in der Debatte um den programmatischen Beitrag von Gesine Lötzsch, Vorsitzende der Partei „Die Linke“, in der „Jungen Welt“(3.01.2011). Der Titel „Wege zum Kommunismus“ erwies sich als immer noch oder von neuem wirksame Provokation. Das Unwort Kommunismus, am Schluss des Beitrags durch den Begriff des demokratischen Sozialismus ersetzt, löste heftige Reaktionen und Rufe nach dem Verfassungsschutz aus. Dabei ging es um konkrete Fragen einer „radikal-demokratischen“ Politik, insbesondere um Reformen im Bereich des öffentlichen Eigentums und des Bankensystems, die offenbar als umstürzlerisch empfunden wurden. Zumindest Berührungspunkte mit dem Kommunismus als einer Protestbewegung zeigen die Bürgerproteste im Zusammenhang mit dem Bahnprojekt Stuttgart21 und der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke. In diese Reihe passt auch der überraschende Erfolg des ehemaligen Mitglieds der Résistance und Buchenwald-Häftlings Stéphane Hessel mit seinem Büchlein „Empört euch!“ (Indignez-vous!) (2010, deutsch 2011). Auf diesen Wegen einer aktiven Suche nach neuen Lösungen der sozialen und ökologischen Probleme ist zwar nicht ein neuer Kommunismus, aber doch ein wieder ernsthafteres Interesse an der Geschichte dieser Bewegung zu erwarten.

Berdjajews Buch in Russland: „Russophobie“ und „Kommunismophilie“

In Russland besteht, wie auf den Seiten dieses Blogs schon mehrfach festgestellt, nur ein geringes Interesse an einer breiten öffentlichen Debatte über die kommunistische Vergangenheit. Laute Forderungen nach einer Aufarbeitung der Verbrechen der Stalinzeit können, wie im Falle des Publizisten Aleksandr Rabinek, aggressive Reaktionen hervorrufen. Die dunklen Seiten der sowjetischen Vergangenheit werden im öffentlichen Bewusstsein von dem großen Sieg über Hitler-Deutschland überstrahlt. Außerdem verhindert der Schmerz über den Verlust des Imperiums eine ernsthafte Beschäftigung mit dieser Thematik. An die Stelle des Kommunismus als Staatsideologie ist eine gemäßigte Variante der messianischen „russischen Idee“ getreten, die den Kommunismus als eine dem russischen Wesen fremde Idee verurteilt. In diesem Zusammenhang ist auch der Philosoph Nikolai Berdjajew zu neuen Ehren gekommen. Das gilt aber nicht für seine Schrift „Wahrheit und Lüge des russischen Kommunismus“ (in Russland nur bekannt unter dem Titel „Ursprung und Sinn des russischen Kommunismus“). Auf der Internetseite der regierungsnahen „Agentur politischer Informationen“ (www.apn.ru) werden dem Philosophen im Stil der sowjetischen Publizistik „ernste Irrtümer“ zum Vorwurf gemacht, deren Ursprung in seiner früheren Nähe zum Marxismus zu suchen sei. In seinen Reaktionen auf die russische Revolution habe Berdjajew nach ersten glänzenden Analysen dieser nationalen Katastrophe allmählich „das Gefühl für das Infernalische des Bolschewismus verloren“. Besonders auf Berdjajews Äußerungen über die „ungeheure vitale Kraft“ des sowjetischen Kommunismus und ihre Herkunft aus der nationalen Tradition des Christentums reagiert der Verfasser mit heftigem Widerspruch. Die weite Verbreitung des Buches im Westen sieht er als einen Beweis für seine Rolle im Dienst der Verbreitung von „Russophobie“ und „Kommunismophilie“. Die Sonderausgabe des Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen war dem Verfasser offenbar unbekannt. Auf einer anderen Internetseite, die Studenten „Referate zur Philosphie“ anbietet, ist eine Inhaltsangabe des Buchs von Berdjajew zu lesen, dem die Verfasserin, eine Studentin, ihre aus dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnisse anfügt. Sie habe aus Berdjajews Darstellung gelernt, dass die russische Revolution gänzlich „irrational“, aber gleichwohl „unausweichlich“ gewesen sei. Es sei die schicksalhafte Bestimmung des russischen Volkes gewesen, der Welt die Sowjetmacht als warnendes Beispiel vorzuführen. „Und jetzt sind wir gezwungen, die westlichen Länder in Riesenschritten einzuholen, und auch darin ist nichts Gutes“, schließt sie ihre Ausführungen. Wie man sieht, gehört der Kommunismus auch in Russland zu den unzeitgemäßen Gedanken.

Zitierte Literatur:
Nikolai Berdiajew [sic], Wahrheit und Lüge des Kommunismus. Aus dem Russischen übersetzt von J. Schor, Holle Verlag, Darmstadt und Genf 1953. Sonderausgabe für das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen
Gerd Koenen, Was war der Kommunismus?, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010 (FRIAS Rote Reihe, 2)
Jörg Baberowski, Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, DVA München 2003, Fischer Tb 2007
Stéphane Hessel, Empört euch! Aus dem Französischen von Michael Kogon, Ullstein Berlin 2011

Viktor Aksjuchic Berdjaev o „russkom kommunizme“
Referat des Buches „Istoki i smysl russkogo kommunizma“

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Kategorie: Russland und die Russen

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