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Über „Seltsamkeiten“ und den „echten Künstler“ – Pavel Basinskij über Maksim Gorki

Freitag, 17. Juni 2011, 23:57:38 | Armin Knigge

Über „Seltsamkeiten“ und den „echten Künstler“ – Pavel Basinskij über Maksim Gorki

In russischer Sprache finden Sie den Eintrag hier

Pavel Basinskij: Strasti po Maksimu. Gor’kij: devjat‘ dnej posle smerti.- Moskva: Astrel‘, 2011 (Leidenschaften um Maksim. – Gorki: neun Tage nach dem Tod)

Der Titel der neuen Gorki-Biographie von Pavel Basinskij (genauer der überarbeiteten Redaktion seines 2005 in der Serie „Zhizn‘ zamechatel’nykh ljudej“ (Das Leben berühmter Menschen) erschienenen Buchs) bezieht sich auf die Umstände des Todes des Schriftstellers. Vor 75 Jahren, im Juni 1936, tobten um den Sterbenden in seinem Sommerhaus bei Moskau „dunkle Leidenschaften“, berichtet der Autor. „Keiner der großen russischen Schriftsteller starb in einer so konspirativen Atmosphäre, die aber zugleich offen war für die Einmischung außenstehender Menschen“. Es geht um die in den russischen Medien schon oft behandelten Besuche Stalins am Krankenlager, bekannte und verschwiegene Besuche; um die ständige Anwesenheit des Chefs des Sicherheitsdienstes NKVD Jagoda; um die Angst und die rivalisierenden Beziehungen der Ärzte, von denen zwei später als „Mörder“ erschossen, andere aus undurchsichtigen Gründen in Ruhe gelassen wurden. Auch die Gorki nahe stehenden Menschen mischten sich jeder auf seine Art in den Ablauf dieses Sterbens ein: der unglückliche Sekretär Krjuchkov (Krjutschkov), der Gorki liebte und gezwungen war, die Rolle seines Bewachers und die des Informanten bei Stalin zu spielen; die Krankenschwester Olimpiada Tschertkova (Lipa) und zwei Frauen, die Gorki nicht mit den anderen „teilen“ wollten, die erste Ehefrau Jekaterina Peschkova und die Lebensgefährtin des Schriftstellers Maria Budberg. Jeder von ihnen brachte seine Interessen in dieses Geschehen ein, „Leidenschaften“, die mehr oder minder weit von dem entfernt waren, was der Sterbende selbst erlebte.

Basinskij sieht in dieser Verwandlung des Schriftstellers in ein hilfloses Objekt fremden Willens ein symbolisches Resultat seines Lebens, das nicht ohne sein Zutun eingetreten war: „Gorki hat sich selbst in diesen Intrigen verstrickt, indem er fremden, seiner schriftstellerischen, artistischen Natur feindlichen Kräften erlaubte, sich nicht nur in sein Leben, sondern auch in seinen Tod einzumischen. Am Ende hat er das selbst verstanden und starb in furchtloser Erwartung des Todes und sogar mit einer gewissen schriftstellerischen Ironie auf all das blickend, was um ihn herum vor sich ging“. Ich kann nicht beurteilen, wie weit diese Beschreibung mit den Zeugnissen über das Verhalten des Sterbenden übereinstimmt, mir hat einfach die Idee gefallen, dass am Ende die „artistische Natur“ Gorkis über alle zweitrangigen und ihm letztlich gleichgültigen Interessen und „Überzeugungen“ triumphiert habe. Natürlich war die kompromisslose Priorität der Kunst unter den Bedingungen des 20. Jahrhunderts nicht die Devise seines Lebens und konnte es nicht sein. Aber in den entscheidenden Momenten seines Lebens und in den bedeutendsten seiner Werke funktionierte in seinem Bewusstsein ein zuverlässiges Kontrollinstrument, der Kompass eines echten Künstlers, der über Wahrhaftigkeit und Lüge entschied. Ich denke, dass die berüchtigten „Widersprüche“ bei Gorki sich zum größten Teil nicht durch ungewöhnliche, seltsame Charaktereigenschaften erklären, sondern eben durch seine Künstlernatur. Die neue Redaktion der Biographie Basinskijs scheint diesen Eindruck zu bestätigen. Im Vergleich mit den früheren Publikationen des Autors über Gorki hat sich die Zahl der Äußerungen über das Seltsame, Unverständliche, Widersprüchliche im Leben des Schriftstellers merklich verringert. Auf der anderen Seite tritt die respektvolle Beziehung des Autors zu dem Künstler Gorki deutlicher hervor. Deshalb scheint mir das Urteil über Gorkis „unglaublich verworrenes Leben“ am Ende des Buches nicht ganz gerechtfertigt. Wenn man dieses Leben vom Standpunkt der Kunst und der schöpferischen Freiheit betrachtet, ergibt sich durchaus eine innere Logik.

„Gorki ist unzerstörbar, hier gibt es irgendein Geheimnis“

Ich habe die Publikationen Basinskijs (früher bei der „Literaturnaja gazeta“ tätig, heute Redakteur im Kulturteil der „Rossijskaja gazeta“) seit langem verfolgt und kann sagen, dass sein Umgang mit Gorki nie durch Begeisterung oder reine Apologetik gekennzeichnet war. Zu den Grundzügen der Weltanschauung des Schriftstellers (dem Kult des Menschen, dem militanten Atheismus, der Rechtfertigung der Gewalt u.a.) verhält er sich kritisch. Trotzdem ist Basinskij in den stürmischen Jahren der Perestrojka und der „Entlarvung“ Gorkis, des „Komplizen“ Stalins, als entschiedener Verteidiger des Schriftstellers aufgetreten. Mein besonderes Interesse weckte damals ein Artikel in der „Literaturnaja gazeta“ (19.08.1992), der den überwiegend kritischen Publikationen über Gorki gewidmet war, die zu der Zeit wie Pilze aus dem Boden schossen. In diesem Zusammenhang machte Basinskij auf das überraschende Phänomen der „Rückkehr“ Gorkis aufmerksam. Diesen stalinschen Götzen von seinem Sockel zu stoßen, erwies sich als weit schwerer als gedacht, die Attacke endete mit einer Niederlage: „Der Götze steht, wie er zuvor gestanden hat, und wirft einen Schatten, der das ganze 20. Jahrhundert bedeckt“, erklärte der Kritiker. Und weiter: „Ein finsteres, unverständliches Denkmal... Gorki ist unzerstörbar, hier gibt es irgendein Geheimnis“. Vor allem anderen stellte Basinskij klar, „wie man nicht über Gorki schreiben sollte“. Die Mahnung richtete sich an den damals sehr populären Schriftsteller V. Pjecukh und seinen Essay mit dem Wortspiel „Gor’kij Gor‘kij“ (der bittere G.) im Titel und an andere Autoren, die die fällige „Entlarvung“ des Staatsschriftstellers mit den Mitteln einer mehr oder weniger banalen Satire versuchten. In diesem Zusammenhang äußerte Basinskij eine Ansicht, die als Devise für den ernsthaften Umgang mit diesem Thema dienen kann: „Es zeigt sich, dass Kultur nötig ist, um über Gorki zu urteilen“. In dem Artikel werden Publikationen besprochen oder erwähnt, die auch heute noch als gewichtige Urteile über die Persönlichkeit Gorkis und sein Werk gelten können. Dazu gehören die Artikel des bis zu seinem Tod in Israel lebenden M. Agurskij und die des Kritikers B. Paramonov über Gorki als religiösen Denker und über die religiösen Wurzeln des Bolschewismus. Daneben zitiert der Verfasser den Gorki gewidmeten Nekrolog des führenden Kritikers der Emigration, G. Adamovich (1936). Dort findet sich die gegenüber dem politischen Gegner ehrenhafte Anerkennung der moralischen Autorität des Schriftstellers und die Feststellung, Gorki sei „bis an die Grenze der geistigen Größe“ aufgestiegen.

Über die „Größe“ Gorkis sprach man auch in den 90er Jahren nur mit Einschränkungen. Basinskij charakterisiert ihn am angegebenen Ort als einen „von seiner Anlage her fast genialen Menschen“. In der späteren Biographie schreckt der Autor nicht vor dem Attribut „groß“ zurück, wenn es um die allgemeine Bedeutung des Schriftstellers und einige seiner schöpferischen Ideen geht. Man könnte sagen, dass in dieser Vertiefung der persönlichen Ansichten des Kritikers über Gorki eine allgemeine Tendenz des letzten Jahrzehnts zum Ausdruck kommt.

Der neue Blick auf Gorki

In Basinskijs Artikel aus dem Jahr 1992 zeichneten sich die Grundzüge eines neuen Blicks auf Gorki ab, die scharfe Wendung von dem „proletarischen“ Gor’kij, dem „Kampfgefährten Lenins und Stalins“ und Begründer des Sozialistischen Realismus zurück zu dem Menschen, der Gorki vor seiner Rückkehr nach Sowjetrussland war – ein großer Künstler, der sein Ideal des „stolzen Menschen“ beharrlich verteidigte, aber von tiefen Zweifeln an der möglichen Realisierung dieses Ideals heimgesucht wurde. In seinen Äußerungen aus den zwanziger Jahren erscheinen immer wieder Gedanken über die Einsamkeit des Menschen im Weltall. Im Vergleich mit dem sowjetischen Gorki-Bild eines „lebensbejahenden“, „optimistischen“ Revolutionärs musste dieser Gorki in der Tat als ein finsteres, unverständliches Denkmal erscheinen. In seinen zahlreichen Publiktionen der folgenden Jahre hat Basinskij immer wieder diesen Zug des „Seltsamen“, Unverständlichen und Widersprüchlichen hervorgehoben. In seiner Biographie 2005 erscheint dieser „vielgesichtige“ (mnogolikij) Gorki erstmals in Buchform. In Gorkis Charakter, erklärt der Biograph, spiegele sich der Charakter der Epoche. Es war „eine Epoche der endlosen Spaltungen und eines unheimlichen, rätselhaften Willens zur Selbstvernichtung“. Und so sei auch die Natur dieses Schriftstellers: „Alles in ihm vereinigte sich zu einem explosiven Gemisch: die Liebe zum großen Menschen und der Hass auf die kleinen, die Gottsuche und das Antichristentum, der Wille zum Leben und der Wille zur Selbstvernichtung, die Liebe zu Russland und die Beschreibung seiner ‚bleiernen Scheußlichkeiten‘, Barmherzigkeit und Grausamkeit, Gesundheit und ‚Dekadenz‘ “. Gorki wird als ein extrem heterogener, variativer, „bunter“ Charakter mit einer Neigung zur Verstellung, zum Rollenspiel beschrieben. Am Ende des Buches enthüllt der Autor – in einer Mischung aus Spaß und Ernst – das Geheimnis hinter dieser Person. Gorki entstamme einer Zivilisation von einem fernen Planeten, „abkommandiert“ und in einen Menschen verwandelt zu dem Zweck, die Natur des Menschen von innen zu erforschen. Eine originelle Anekdote. Aber es gibt auch eine andere Erklärung für diesen Charakter. Alles, was auf den ersten Blick nichts anderes als einen Sonderling, einen extravaganten Charakter zu kennzeichnen scheint, fällt nicht zufällig zusammen mit der künstlerischen Tätigkeit des Schriftstellers, die der Biograph so beschreibt: „Als Künstler war Gorki psychologisch vielschichtig, philosophisch kompliziert und ambivalent“. Und Basinskijs Stärke als Biograph zeigt sich gerade darin, dass er die Vielschichtigkeit und Ambivalenz in Gorkis Leben und Werk nicht als Mängel (im Sinne von Unklarheit, Widersprüchlichkeit, Zwiespältigkeit u.ä.), sondern als Tugenden beschreibt.

„Nachtasyl“ – Wahrheit oder Mitgefühl?

Zu den besten Teilen des Buchs gehört die glänzende Analyse des Dramas „Na dne“, mit dem 1902, nach Ansicht des Autors, der „echte Ruhm“ Gorkis begann, der ganz seinem enormen Talent und nicht modischen Strömungen zu verdanken war. In der sowjetischen Periode wurde der Inhalt des Dramas auf die alternative Frage „Wahrheit oder Mitgefühl“ reduziert. Die Schüler lernten den Monolog Satins auswendig („Mensch – das klingt stolz!) und bemerkten dabei gar nicht, dass diese Worte von einem Falschspieler gesprochen wurden, noch dazu in stark alkoholisiertem Zustand und „an der Grenze zur Hysterie“. Die Schüler sollten auch nicht bemerken, dass die tröstenden Lügen des Pilgers Luka, die eines freien Menschen „unwürdig“ sind, dennoch Ausdruck der Menschlichkeit sein können, wenn sie an so unglückliche Wesen wie die sterbende Anna und die Prostituierte Nastja gerichtet werden. Und gleichzeitig errrichtete Gorki für die möglichen Anhänger Lukas und der christlichen Barmherzigkeit eine unüberwindlkiche Barriere, indem er Luka von der Szene verschwinden und den Schauspieler, der seinen Lügen geglaubt hatte, Selbstmord begehen ließ. Eine weitere Variante des Verständnisses: nicht Luka ist schuld am Tod des Schauspielers, sondern Satin, der mit seiner Verkündung einer „neuen Moral“ faktisch ein Todesurteil spricht über all die kleinen, leidenden Menschen, die zur Schaffung der neuen Welt nicht in der Lage sind.

Luka und Satin verkörpern in Basinskijs Sicht zwei gleichberechtigte „Philosophen“, ihr Zusammenstoß soll den Zuschauer „hinausschleudern“ aus dem Orbit der gewohnten Wahrheiten und Werte, ihn in das Chaos der Fragen stürzen, die den Autor selbst quälten. Damit markiere „Nachtasyl“ den Beginn des modernen Theaters, wie es von Leonid Andreev und anderen weitergeführt worden ist. Zugleich sieht der Biograph in diesem Stück eine Vorwegnahme der Erkenntnisse des westeuropäischen Existenzialismus. In diesem Zusammenhang zitiert er die Worte des Dichter Innokentij Annenskij: „Ach, Gorki-Satin! Wirst du nicht unendlich einsam sein auf dieser Erde?“

„Kindheit“ – „Weiß der Teufel, was das für ein Junge ist“

Zu den Seltsamkeiten Gorkis zählt der Verfasser auch die Beziehung zu der eigenen Person und dem eigenen Leben. Im Umgang des Autors mit seinem Helden in der autobiographischen Trilogie bemerkt er eine eigentümliche Distanz, fast Fremdheit. Gorki selbst schaute auf die Person des Aleksej Peschkov mit einem gewissen „respektvollen Misstrauen“ und identifizierte sich keineswegs immer mit ihr, meint der Biograph. Gorki war gewissermaßen erstaunt über die Persönlichkeit, die sich da vor ihm entwickelte: „Weiß der Teufel, was das für ein Junge ist“. Gleichzeitig reduziert sich die Darstellung nicht auf die Wiedergabe von Erinnerungen an reale Ereignisse. Basinskij verhält sich zum Wahrheitsgehalt der Autobiographie, wie viele vor ihm, mit einer gewissen Skepsis. Wer war, zum Beispiel, die Großmutter Akulina im wirklichen Leben? Diese berühmte Frau, Inbegriff der russischen christlichen Barmherzigkeit, erscheint in einem anderen Licht, wenn man andere Quellen heranzieht, besonders die zu Lebzeiten des Autors unveröffentlichte Skizze „Babuschka Akulina“. Dort wird von einer alten Frau erzählt, die vom Alkoholismus gezeichnet ist und in einem feuchten Keller den „Abschaum der Stadt“ um sich versammelt. Basinskij setzt die von D. Mereschkowski begonnene Tradition der Gegenüberstellung zweier „Götter“ in der Seele des jungen Gorki fort, die von den entgegengesetzten Charakteren der Großeltern geprägt sind. Basinskij meint, der innere Kampf zwischen diesen beiden mächtigen Einflüssen sei letztlich zugunsten des ungeliebten, strengen und grausamen Großvaters entschieden worden, der in diesem Modell den aktiven, willensstarken, westlichen Menschentyp vekörperte. Nur um den Preis der „Ermordung“ des „gutherzigen und sehr russischen Gottes“ der Großmutter habe Aljoscha Peschkov zu Maksim Gorki werden können.

Die Autobiographie bietet sich dem Leser dar als ein „dichter Wald von Zeichen, Symbolen, Andeutungen“, denen der Biograph oft eine leicht mystische Färbung verleiht. Der bekannte Schiffskoch Smuryj, der „Zauberer“ mit seiner Kiste voller rätselhafter Bücher, den es möglicherweise im realen Leben nie gegeben hat, gehört zur Kategorie der „Versucher“ des jugendlichen Helden. Sie locken ihn nach dem Vorbild des biblischen Teufels in der Wüste auf den Weg zu Macht und Ruhm. Nicht nur bei der Babuschka, sondern auch bei Gorki selbst konstatiert Basinskij „besondere, sehr intime Beziehungen“ mit dem Teufel. Gorki habe auffallend oft die in Russland gebräuchlichen Flüche mit Bezug auf den Geist des Bösen benutzt. Ob das ein überzeugendes Argument ist, sei dahingestellt. Aber die Bezüge auf die Teufelstradition in der russischen Klassik erhöhen zweifellos den Unterhaltungswert des Buches. Der Autor versichert uns jedenfalls überzeugend, dass Gorki, entgegen der These des Emigranten I. Surguchev, nicht der „Antichrist“ war.

„Die Mutter“ – Das Evangelium des Maksim

Der Roman „Die Mutter“ ist nach Meinung des Biographen „in Hinsicht auf die künstlerische Qualität eins der schwächsten Werke Gorkis, aber zugleich eines des rätselhaftesten“. Mit Recht wird dieses Buch sehr ausführlich besprochen, weil die Idee des Werkes, die Art ihrer Durchführung und der letztliche Misserfolg viel über den Denker, den Politiker und den Künstler Gorkis aussagen. Geschrieben unter dem Eindruck der gescheiterten ersten russischen Revolution und faktisch im Auftrag der Partei, stellt es zugleich ein originelles künstlerisches Experiment dar. Es war der Versuch, über die Revolution im Geist und in der Sprache einer biblischen Legende zu schreiben, ein „Evangelium des Sozialismus“ zu erschaffen. Das Werk war bestimmt für die einfachen Arbeiter, die im christlich-orthodoxen Glauben erzogen waren. Eine Kuriosität in der Wirkungsgeschichte des Werks besteht darin, dass die Schüler in sowjetischen Schulen, erzogen im Geist des Atheismus, nicht über die nötigen Kenntnisse verfügten, um den Roman zu verstehen. Basinskij bietet auch heutigen Lesern, die möglicherweise in der Aneignung dieses Stoffs noch nicht weit gekommen sind, einen ausführlichen Kommentar zu den Beziehungen zwischen der Geschichte der proletarischen Revolutionäre und den Motiven der biblischen Legenden. Erklärt wird unter anderen das Motiv „Christus geht nach Emmaus“ und die Verwandlung des Apostels Paulus, dessen Name dem Haupthelden Pavel Vlasov verliehen wird. Die Verknüpfung der beiden Ebenen ist in der „Mutter“ sehr geschickt durchgeführt, auch in der westlichen Slavistik hat dieses Thema Aufmerksamkeit gefunden. Nichtsdestoweniger hat Gorki selbst erkannt, dass das Werk ein Misserfolg war. Basinskij gibt dazu ein strenges Urteil ab. Indem er im Auftrag der Partei die „künftigen Zerstörer Russlands“ zu „Heiligen“ erklärte, habe er gegen sein künstlerisches Gewissen gehandelt und eine geistige Niederlage erlitten. Dagegen ist einzuwenden, dass sich die „Kanonisierung“ ja nicht auf die Bolschewiki der Oktoberrevolution, sondern auf die geschlagenen Führer und die Opfer der Revolution von 1905 bezog. Auch hatte der Parteiauftrag zu jener Zeit eine ganz andere Bedeutung als die „Aufträge“, die die spätere Sowjetmacht ihren Schriftstellern erteilte. Zutreffend ist allerdings der Verstoß gegen das künstlerische Gewissen. Das Werk, das Millionen erschütterte und mobilierte, ist heute kaum lesbar wegen seines tränenreichen Pathos und der letztlich unglaubwürdigen „biblischen“ Konzeption. Es gereicht dem Schriftsteller zur Ehre, dass er die Versuche einer Fortsetzung („Der Sohn“) abgebrochen hat. Bemerkenswert ist die neue Qualität der für die Fortsetzung gedachten Erzählungen „Der Romantiker“ und „Die Mordwinin“. Sie zeigen eine „Vermenschlichung“ des abstrakt-legendenhaften Stils, der Akzent ist auf die Geschichte einer unglücklichen Liebe verlagert. Das ist einer der genialen Einfälle Gorkis, die Darstellung des missglückten Bündnisses von Volk und Intelligenz als Sujet der unglücklichen Liebe eines Mannes „aus dem Volk“ zu einer Revolutionärin aus der Intelligenzija (dazu gehören auch der Roman „Das Leben des Kozhemjakin“ und die Erzählung „Ein leichter Mensch“).

Spannende Beziehungsgeschichten – Gorki und die Zeitgenossen

Mit Recht räumt der Verfasser den Beziehungen Gorkis zu namhaften Zeitgenossen breiten Raum ein. Lenin und Stalin bilden naturgemäß Schwerpunkte, der Biograph macht sich z.B. Gedanken über Lenin als „Sektierer“ und Gorki als „Häretiker“, aber im ganzen bieten diese Abschnitte das in den letzten Jahren bekannt gewordene Material. Manches Neue ist dagegen über die Beziehungen zu den Schriftstellerkollegen zu erfahren. Aus den Tagebüchern Tolstojs geht hervor, dass der Klassiker von der Begegnung mit Gorki stärker beeindruckt war, als er in den vielen abfälligen Äußerungen über den jüngeren Kollegen zugeben mochte.
Er war verärgert über den kometenhaften Aufstieg Gorkis. Eifersucht war auch der Grund für die maßlosen Angriffe des einstigen Freundes Ivan Bunin auf Gorki, möglicherweise hat er durch seine Auftritte sogar das Nobelpreiskomitee beeinflusst, das auch Gorki als Kandidaten für den Preis im Blick hatte. 1933 erhielt ihn Bunin. Von Gorki selbst sind solche Reaktionen nicht bekannt. Wenn er Eifersucht verspürt hat, so wurde sie wohl von einer anderen Leidenschaft überwogen: seiner Bewunderung für jedes große Talent. Das galt auch für Menschen, die ihm weltanschaulich fern waren wie der Dichter Blok, dem er eines seiner literarischen Porträts gewidmet hat, oder der Philosoph und Publizist Vasilij Rozanov, mit dem er einen lebhaften Briefwechsel führte. Auch hier zeigte sich nicht nur sein für Widersprüche offener, „bunter“ Charakter, sondern auch seine Künstlernatur.

Zu den interessantesten Teilen des Buches gehört das Kapitel „Freundschaft und Feindschaft“ (Druzhba-vrazhda), in dem Basinskij von den Wechselbeziehungen zwischen Gorki und dem Schriftsteller Leonid Andreev berichtet. Den Briefwechsel zwischen den beiden Schriftstellern nennt der Verfasser einen „spannenden und unterhaltsamen Roman“, und dasselbe kann man auch von der einfühlsamen Darstellung in seinem Buch sagen. Das ist zugleich die Geschichte einer einzigartigen Freundschaft, einer unglücklichen Liebe (mit durchaus erotisch anmutenden Aspekten) und eine Auseinandersetzung zwischen zwei fundamental entgegengesetzten Weltanschauungen. Andreev war besessen von einem einzigen Thema, dem Gedanken an den Tod, für Gorki schien der Tod nicht zu existieren, er hielt ihn für einen „Fehler“ der Natur, der dringend der Korrektur bedarf. Beide Schriftsteller waren jeder auf seine Art „Gläubige“, Andreev als ein christlicher Fatalist, Gorki als ein „Gläubiger ohne Gott“, in den Grenzen der Vernunft. Beide brauchten einander. Andreev suchte die väterliche Autorität des Älteren, für Gorki war Andreev etwas wie ein Stellvertreter. Als Beobachter der psychischen Dramen des Freundes erlebte er gleichsam die dunklen Seiten seiner eigenen Natur. Den Bruch mit Andreev, der im Weltkrieg immer mehr zu einem Nationalisten wurde, konnte Gorki nur schwer verwinden.

„Wie man es auch wendet, man muss sich verkaufen“

Ausführlich und gewissenhaft erörtert Basinskij die Gründe für die Rückkehr des Schriftstellers nach Sowjetrussland. Auf der einen Waagschale – für die Rückkehr – fanden sich nicht nur Finanzprobleme, die wachsende Isolierung in Italien, die Sehnsucht nach Russland, sondern auch eine positive Einstellung gegenüber der neuen Kultur unter der nach wie vor ungeliebten Sowjetmacht. Vor allem die stürmische Entwicklung der Literaturszene beeindruckte Gorki. Dort warteten junge Autoren auf seine Hilfe im Kampf gegen die Bürokratie. Auf der anderen Waagschale – gegen die Rückkehr – lag das schwere Gewicht der Erkenntnis: „Wie man es auch wendet, man muss sich verkaufen“. Gorki kannte das Regime zu gut, um nicht zu wissen, dass die Rückkehr mit dem Verzicht auf jegliche „Häresie“, letztlich mit dem Verzicht auf Freiheit bezahlt werden musste. Basinskij sagt nicht, wie Khodasevich in seinen Erinnerungen, Gorki habe sich um materieller Vorteile willen „verkauft“, aber er gibt dem Leser zu verstehen, dass sich der Schriftsteller auf ein riskantes Spiel eingelassen – und verloren hat. Stalin hat ihn betrogen, indem er ihm eine echte Teilhabe an der Macht in Aussicht stellte, ihn zum Objekt aller möglichen Manipulationen machte, mit dem Resultat, dass sich der Schriftsteller am Ende in seinen luxuriösen Behausungen praktisch unter Hausarrest befand.

Leider beschränkt sich der Biograph auf diese allgemeine Kennzeichnung der Situation und vermeidet schwierige und umstrittene Fragen: In welchem Maße hat Gorki dem Terror im Land entgegen gewirkt? Für wen ist er eingetreten, für wen nicht? War er an einer gegen Stalin gerichteten Opposition beteiligt? Die Zurückhaltung auf diesem Gebiet mag durch die Tatsache gerechtfertigt erscheinen, dass in den letzten Jahren viel über diese Fragen spekuliert, aber wenig Konkretes ans Licht gebracht worden ist. Dennoch hätte man von einem einfühlsamen Beobachter und Erzähler eine ausführlichere Beschreibnung der inneren Situation des Schriftstellers erwarten können. Es fehlt auch eine Behandlung des großen Abschiedswerks „Das Leben des Klim Samgin“, das für Gorki in den letzten Jahren die Hauptsache seines Lebens war. Wie soll man die wirklich seltsame Aufspaltung des Schriftstellers in zwei Persönlichkeiten verstehen, von denen die eine einen intellektuellen Roman auf höchstem Niveau schreibt, während die andere sich in „Pravda“ und „Izvestija“ lauthals von einer Kultur lossagt, die solche Romane erst möglich macht?

In einem Punkt lässt der Verfasser allerdings keine Zweifel bestehen. Gorki hat es vermocht, der gefährlichsten Attacke Stalins auf seine Unabhängigkeit als Künstler zu widerstehen, indem er den deutlichen Aufforderungen, eine Biographie des Diktators zu schreiben, nicht folgte. Dem wäre hinzuzufügen, dass Gorki es unter den gegebenen Bedingungen auch sonst in erstaunlicher Weise geschafft hat, seine Würde zu bewahren. Er war in der Umgebung Stalins der einzige, der keine Angst vor ihm hatte, der es sogar wagte, die Anordnungen des Führers oder seiner Beamten in scharfer Form zu kritisieren. Das entlastet ihn natürlich nicht von der schweren Schuld, die er mit der aktiven Beteiligung an Stalins Politik und damit auch am Terror im Land auf sich geladen hat. Bei der Anwendung der Begriffe „Opfer“ und „Tragik“ ist daher Vorsicht geboten, und der Verfasser der Biographie vermeidet sie mit Recht. „Tragisch“ war nicht die zeitweilige Unterwerfung Gorkis unter den Willen Stalins, wohl aber der Selbstverrat, den er mit seinen Verdammungsurteilen gegen den Individualismus beging.

„Der goldene Traum“ – ein verhängnisvoller Irrtum?

In Verbindung mit dem „Gotterbauertum“ (bogostroitel’stvo) zitiert der Verfasser den Aphorismus von P. Beaumarchais, der in „Nachtasyl“ von der Figur des Schauspielers vorgetragen wird und der zu den Kernsätzen der Weltanschauung Gorkis gehört: „... Ehre dem Wahnsinnigen, der die Menschheit in einen goldenen Traum versenkt“. Gorki glaubte im Grunde seines Herzens nicht daran, dass man „Gott erbauen“ kann, meint Basinskij. Und deshalb verfiel er auf den „Trick mit der Illusion“. Bezogen auf das Thema der „Mutter“ bedeutete das: Natürlich sind die Revolutionäre keine Heiligen, aber, wer weiß, vielleicht kommt es dazu, dass die Arbeiter, wenn sie das „Evangelium des Maksim“ gelesen haben, in der Tat zu neuen Heiligen werden? Man sagt doch, dass der Glaube Berge versetzt.
„Das war ein verhängnisvoller Fehler auf seinem geistigen Weg“, erklärt der Verfasser. Aber hat er damit Recht? Die Neigung zur Illusion, zur „tröstenden Lüge“, war wirklich eine Schwäche Gorkis, über die er oft mit Selbstironie gesprochen hat. Aber diese, nach Meinung des Biographen „selbstmörderische Religion“ war auch seine größte Stärke und der Grund für seinen Ruhm. Basinskij sieht in Gorki in erster Linie den Skeptiker, den einsamen Künstler, den „Existenzialisten“, und all das war Gorki in der Tat, jedenfalls in einem wesentlichen Teil seiner Existenz. Und dieser ewige Häretiker und Grübler passt zweifellos besser in unsere Zeit als der Revolutionär Gorki. Der „Wahnsinn der Tapferen“ (aus dem „Lied vom Sturmvogel“) erscheint heute der Mehrheit der vernünftig Denkenden als eine törichte, hoffnungslos diskreditierte und gefährliche Weltanschauung. Aber diese Einstellung ist kein Naturgesetz. Es gibt heute viele Anzeichen für eine neue Kultur des Protests und der Suche nach alternativen Gesellschaftsmodellen, z.B. in der Antiatombewegung in Deutschland, die in vielem dem Geist Gorkis nahe steht. Etwas Ähnliches, nur in wesentlich kleinerem Maßstab, kann man in Russland beobachten. An die Aktualität Gorkis in diesem Kontext hat der Schriftsteller Dmitrij Bykov in seiner Gorki-Biographie (2008) erinnert, die auch in diesem Blog besprochen ist. Gerade in der Atmosphäre der „einschläfernden Stabilität“ sei es sinnvoll und wichtig, sich wieder den sozialen Utopien und Antiutopien zuzuwenden, erklärt der Autor: „Gorki bringt weiter die Gemüter in Wallung“. Die Freunde Gorkis können mit Genugtuung feststellen, dass zwei bekannte Vertreter der heutigen Kultur Russlands auf verschiedenen, in vielem entgegengesetzen Wegen versuchen, dem Lesepublikum diesen großen und schwierigen Schriftsteller zurückzugeben.

Gorkis Leben, dass in dieser bemerkenswerten Biographie Pavel Basinskijs erzählt wird, erscheint im ganzen doch nicht so „unglaublich verworren“, wie der Autor es charakterisiert. Viele der in seinem Buch beschriebenen „Seltsamkeiten“ finden ihre Erklärung in der Künstlernatur des Schriftstellers, die der Verfasser in der „vielgesichtigen“ Persönlichkeit Gorkis mit Recht hervorhebt. Die Anekdote vom „außerirdischen“ Gorki kommt in der neuen Redaktion nicht mehr vor, damit fehlt leider auch das Schlusswort der früheren Fassung, in dem von der „unermesslichen Weite“ dieser Persönlichkeit die Rede ist.

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Kategorie: Streit um Gorki

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