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Ein Roman für Literaturexperten: Michail Schischkins „Venushaar“

Donnerstag, 01. September 2011, 14:15:55 | Armin Knigge

Ein Roman für Literaturexperten: Michail Schischkins „Venushaar“

In russischer Sprache finden Sie diesen Eintraghier

Der Roman des russischen Autors Michail Schischkin „Venushaar“ (Deutsche Verlags-Anstalt) hat den Internationalen Literaturpreis 2011 des Hauses der Kulturen in Berlin erhalten. Die Jury würdigte das Werk als einen „Roman von stupender Komplexität und betörender Vielfalt“ und zeichnete zugleich die „meisterliche Übersetzung eines Meisterwerks“ durch Andreas Tretner aus. Die deutschsprachige Kritik schloss sich diesem enthusiastischen Urteil mit wenigen Ausnahmen an. Komplex, faszinierend, kunstvoll komponiert, stilistisch virtuos – so lauten die wiederkehrenden Urteile in den Rezensionen. Nur am Rande weisen die Verfasser darauf hin, dass dieses Buch den Lesern viel zumutet, ja sogar abschreckend wirken kann. Gänzlich unerwähnt bleibt die Tatsache, dass Schischkin in seiner Heimat nicht nur ein Laureat der höchsten Literaturpreise, sondern auch ein durchaus umstrittener Autor ist. Die Einwände gegen seine experimentelle Montagetechnik, die disparate „Stimmen“ und Erzählstränge hart gegeneinander setzt, reichen bis zu Plagiatsvorwürfen. Die folgenden Bemerkungen sollen den Erfolg dieses interessanten Buchs nicht in Frage stellen, wohl aber die begeisterte Aufnahme des Schriftstellers ein wenig dämpfen. Dazu gehören insbesondere Informationen über das Selbstverständis des Autors und über seine Aufnahme in Russland.
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Gerade haben wir von Olga Martynova in der Neuen Züricher Zeitung (31.05.2011) gelernt, dass sich die russische Literatur in einem „Formtief“ befinde, dass man verzweifelt nach einem „Tolstojewski“ suche und dass Russland damit nicht ganz unverdient in den westlichen Medien „am Rande des Aufmerksamkeitsfokus“ liege. Aber einige Wochen zuvor hatten wir in derselben NZZ (12.03.2011) von dem Auftritt eines russischen Autors erfahren, der diese These mit einem glänzenden Auftritt zu widerlegen scheint. Ulrich M. Schmid versichert uns dort, dass Michail Schischkin mit dem Roman „Venushaar“ einen „meisterhaften Text“ vorgelegt habe, der „das Romangenre neu definiert“, eine „raffinierte Konstruktion, bei der auch ein Vladimir Nabokov vor Neid erblassen könnte“. Das von der Kritik einhellig bestätigte große Talent des Schriftstellers ist nur einer von mehreren Faktoren, die einen Erfolg geradezu unausweichlich erscheinen lassen. Schischkin hat enge Beziehungen zum Westen und besonders zum deutschsprachigen Raum. Der Autor hat viele Jahre in der Schweiz gelebt, ein russischer Emigrant aus privaten Gründen, mit einer Slavistin verheiratet (heute getrennt von ihr lebend). Er spricht perfekt deutsch und hat in der schweizerischen Einwanderungsbehörde als Dolmetscher für russische Asylbewerber gearbeitet. Diese persönliche Erfahrung und die Geschichten der Flüchtlinge bilden wesentliche Erzählstränge des Romans, der damit tiefe Einblicke in die russische wie die „westliche“ Mentalität und ihre traditionell gespannten Beziehungen verspricht. Die Schreckcn des zwanzigsten Jahrhunderts gehören zum Erfahrungsbereich der Romanpersonen: Revolution und Bürgerkrieg, Stalinzeit, Gulag, Afghanistan, Tschetschenien. Und schließlich – nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg! – empfiehlt sich dieser Autor als Laureat der drei wichtigsten Literaturpreise in Russland. Den prestigeträchtigen „Russkij Buker“ hat er schon für seinen 1999 erschienenen Roman „Die Einnahme Ismails“ (Vzjatie Izmaila) erhalten, für „Venushaar“ gab es die Preise „Nacional’nyj bestseller“ (2005) und „Bol’shaja kniga“ (Das große Buch) (2006). Der 2010 erschienene dritte Roman „Pis’movnik“ (Briefsteller) ist von der Kritik wiederum als ein Ereignis des literarischen Lebens begrüsst worden.

Warum erst jetzt?

Bleibt nur die Frage, wie es geschehen konnte, dass dieser Schriftsteller , dessen Werke in französischer, italienischer, serbischer und chinesischer Übersetzung vorliegen, erst jetzt im deutschsprachigen Raum auftaucht. Der Autor selbst hat bei seinen Auftritten auf viele vergebliche Anfragen bei deutschen Verlagen hingewiesen und dort auch die Ursache ausgemacht: die Angst der Verleger vor einem drohenden Misserfolg! Das Buch sei zu „komplex“, es werde zu wenig Leser finden. Die Büchermacher halten ihre Leser für dümmer als sie sind, sagt der Autor dazu. Hat er damit Recht? Ich glaube eher, dass die Lektoren ihre Leser schon richtig eingeschätzt und vorausgesehen haben, dass ihnen hier viel, vielleicht zu viel, zugemutet wird, nicht nur mit der „Komplexität“ des Textes, sondern grundsätzlich mit dem Literaturbegriff des Autors und seinem Umgang mit dem Leser. Schischkins Markenzeichen, das nicht nur in der Struktur seiner Texte, sondern auch in immer neuen direkten Bekenntnissen zum Ausdruck kommt, ist ein radikaler Kult des Wortes und der Literatur, der im postsowjetischen Russland einmalig und höchst ungewöhnlich ist. Es handelt sich dabei nicht, jedenfalls nicht nur, um den bekannten „Literaturzentrismus“ der russischen Geschichte, sondern um die Auffassung von einer Welt, die nur aus Sprache besteht. „Warum schreiben Sie das alles auf, wenn Sie mir sowieso nicht glauben?“, fragt ein „Gesuchsteller“ (so heißen die Asylbewerber in der Schweiz) den Beamten. Und der antwortet, ganz in der Rolle des Schriftstellers: „Ich schreibe, damit etwas von Ihnen bleibt“. Kein neuer, aber ein immer wieder anrührender Gedanke: „Was aber bleibet, stiften die Dichter“. „Venushaar“ ist damit ein Buch über die Literatur, das Schreiben und Lesen als Gedächtnis der Menschheit.

Welt aus Worten

Aber Schischkin will weit mehr als das. Die Sprache ist für ihn nicht ein Instrument, um eine für sich bestehende „Wirklichkeit“ zu beschreiben und zu deuten, sondern ein Instrument des Künstlers, der seine eigenen Welten schafft. Wenn er seine Figuren in die Tiefen ihres Bewusstseins eintauchen lässt (und das geschieht oft und über lange Strecken des Buches), entstehen bizarre Landschaften, in denen Worte eine dominierende Rolle spielen, z.B. in dem folgenden Abschnitt aus der Sicht eines „Telegrafisten“ unbestimmter Identität:

Am anderen Morgen ist die Ebene weiß, in schwungvollen Wehenschnörkeln überschrieben, ein Wolkenschattensiegel beglaubigt den Schnee. Durch die vereisten Drähte fliegen die Worte, nur das Schweigen ist nicht zu übermitteln. Kinder bauen einen Schneemann. Hinkende Telegrafenmasten streben im Gänsemarsch bis hinter die sieben Berge. Suchen das Glück da, wo sie es nicht verloren haben – wie den Haustürschlüssel unter der Straßenlaterne, nur weil es dort heller ist. Sowie man den Fliehenden ins hölzerne Kreuz schaut, erstarren sie zu einem Lambda. Weit kommen sie sowieso nicht, da hinten ist Schluss. Das Ende der Welt verläuft genau hier, sehen Sie, wo die Worte aufhören. Weltkimm aus Blauschnee, scharfkantig. Dahinter das tonlose Nichts. Das Jenseits der Worte ist unbegehbar. Der vorige Telegrafist, wenn er bis an die Grenze ging, blieb jedes Mal in den Buchstaben stecken, rannte sinnlos dagegen an wie die Fliege gegen die Scheibe. Diesseits der Worte kann eine Mondvogelraupe als Lindwurm gelten, jenseits...stummdumpf.



Für ein Literaturseminar wäre das zweifellos ein sehr ergiebiger Text. Eher als Gedicht denn als erzählende Prosa konzipiert, zeigt er eine surreale Winterlandschaft, belebt durch eine surreale Handlung (die Flucht der Telegrafenmasten), die mit dem schöpferischen Prozess des Dichters und seinen Qualen assoziiert wird. Anfang und Ende der Welt sind durch Worte markiert, auch alles andere sind Worte. Ausgedrückt wird das mit vielen ausgefallenen Wortbildungen, Metaphern und Vergleichen, die der Übersetzer mit sichtlicher Mühe nachzubilden versucht. (Den Originaltext finden Sie in der russischsprachigen Version des Eintrags.)
Wie reagieren Leser auf einen solchen Text? Sicher sehr verschieden: die einen werden ihm aufmerksam folgen, die seltsamen Sprünge des Bewusstseins nachzuvollziehen versuchen und ihre Freude daran haben, andere werden sich einfach dem Fluss dieser faszinierenden Prosa überlassen, wieder andere werden den Text für überspannt oder sogar für schlichten Nonsens halten. Auf jeden Fall ist diese Schreibweise, die einen erheblichen Teil des 500 Seiten umfassenden Romans ausmacht, sehr anstrengend und ermüdend. Ich war jedesmal erleichtert, wenn diese Wortkaskaden übergangslos von den Erinnerungen und Tagebüchern der Romanzensängerin Isabella abgelöst wurden, einer Frau mit begrenztem Horizont, deren konventionelle Erzählweise mit den Bewusstseinsspielen des Autors nicht mehr gemeinsam hat als die Zugehörigkeit zur Welt der Texte. Allerdings ist auch das Geplapper der Isabella auf die Dauer ermüdend.
Seine eigentlichen Qualitäten entfaltet der Autor meines Erachtens dort, wo er „selbst“ (in der Rolle des Dolmetsch, des „Junglehrers“, des unglücklich Liebenden und des Schriftstellers) in direkter Form und ohne Bewusstseinseskapaden von sich erzählt, etwa von seinen Recherchen zu den Erinnerungen der Sängerin. Das Manuskript fasziniert ihn durch den „Geruch einer auf dicht beschriebenen Seiten abgelagerten Zeit“. Schischkin ist ein Meister der Beschreibung von Erfahrungen, die der Leser nachempfinden kann: Winterkälte, die Leiden von Soldaten in Staub und Schlamm, Jungmädchenträume im Kontrast mit den Gräueln der Revolution. Aber dieser Autor hat weit größere Ambitionen als eine Fortsetzung der klassischen Erzähltradition. Neben der Montage verschiedener Erzählstimmen gehört auch der freie Umgang mit der historischen Zeit und mit den Grenzen zwischen Geschichte und Mythologie zu den Besonderheiten der Methode Schischkins. Die Geschichte von Daphnis und Chloe wird in die sowjetische Wirklichkeit versetzt; die griechischen Krieger in dem von Xenophon berichteten Feldzug im Kaukasus begegnen tschetschenischen Dorfbewohnern, die im zweiten Weltkrieg von der Deportation bedroht sind.

Mystizismus der Sprache

„Im Grunde handelt das Buch von der Wiederauferstehung oder der Wiederherstellung der Welt durch Sprache“, erklärt der Autor („der Freitag“, 21.06.2011). Der entsprechende Teil des Mottos, das dem Roman vorangestellt ist - „Denn durch das Wort ward die Welt erschaffen, und durch das Wort werden wir einst auferstehen“ – stammt übrigens nicht aus der Offenbarung des Baruch, sondern, wie der Autor freimütig gesteht, von Schischkin. Der archaisch-religiöse Stil zeigt an, dass wir es nicht mit einem modernistischen Ästhetizismus, sondern eher mit einem Mystizismus der Sprache zu tun haben, der sich wenig um Logik und Verständlichkeit kümmert. In einem Interview zu seinem Roman „Die Einnahme Ismails“ (itogi.ru, 2000) spricht Schischkin in dunklen Andeutungen von der universellen Bedeutung des Wortes „Stil“. „Die Zeit der Wörter, multipliziert mit dem Raum der Wörter, ergibt den Stil“. Seine Montagetechnik beschreibt der Autor als „die Kollision (wörtlich: das Kratzen, Schrammen) der Stile“. Dieser Störeffekt spiele „die Rolle, die traditionell den Konflikten zwischen Gut und Böse, dem Willen des Helden und dem Schicksal, der schwachen Faust des Menschen und dem Ehernen Reiter zugeschrieben wird“. (Der letzte Teil bezieht sich auf den Konflikt zwischen dem kleinen Mann und dem allmächtigen Staat in Puschkins Poem „Der Eherne Reiter“). Schwer zu sagen, ob solche Äußerungen als ernsthafte Provokationen oder eher als augenzwinkernde Bonmots zu verstehen sind. Jedenfalls lässt sich der Autor nicht gern festlegen, „Die Einnahme Ismails“, eine Textmontage auf der Basis der eigenen Familiengeschichte, nennt der Autor einen „totalen Roman“, der „von allem handelt“, einen Roman über die „allgemeine Harmonie“.

„Text der Texte“ oder Plagiat?

Die grundlegende Eigenschaft der Texte Schischkins ist ihr Zitatcharakter (citatnost‘), ihre Intertextualität. „Ich will einen idealen Text schreiben, einen Text der Texte, der aus Fragmenten alles dessen besteht, was jemals geschrieben wurde“, erklärt er in einem Offenen Brief. Diese Stellungnahme, 2006 durch einen Freund im Internet (mezh-du.livejournal.com) veröffentlicht, war eine Antwort auf Plagiatsvorwürfe, die gegen die beiden Romane „Die Einnahme Ismails“ und „Venushaar“ erhoben worden waren. Verschiedene Kritiker meinten dort längere nicht gekennzeichnete Auszüge aus anderen Literaturwerken entdeckt zu haben. Als eine der möglichen Vorlagen für Teile in „Venushaar“ wurde ein zwei Jahre zuvor publizierter Roman von Michail Gigolashvili angeführt, der mit dem Titel „Tolmach“ und seinem Sujet in vielem der Figur des Dolmetsch ähnlich ist, die im Original ebenfalls “tolmach“ (altertümliche Bezeichnung für einen Dolmetscher) genannt wird. Ausführliche nicht gekennzeichnete Zitate aus den Erinnerungen der Schriftstellerin Vera Panova fand ein Petersburger Schriftsteller in den Erinnerungen der Romanzensängerin Isabella. Parallelen mit den spektakulären Plagiatsfällen in Deutschland sind natürlich unangebracht, soweit es sich dort um Dissertationen handelt. Vergleichbar wäre aber der Fall Helene Hegemann („Axolotl Roadkill“). Dort wurde das Zitieren ohne Quellenangabe von vielen Kritikern als ein legitimes Verfahren moderner Romankonzeptionen gerechtfertigt. In Russland geschah das in ähnlicher Weise. Nur die konservativ-„patriotische“ „Literaturnaja gazeta“ präsentierte die Sache als „Skandal“. Schischkin bestritt die ihm vorgehaltenen „Ähnlichkeiten“ nicht, in dem genannten Brief verteidigt er sich mit dem Argument, in die entsprechenden Romanteile seien nicht nur ein einziges, sondern „Dutzende, wenn nicht hunderte“ Bücher eingegangen, und der aus diesen Fragmenten zusammengesetzte Text stelle jedenfalls ein „neues Mosaik“, ein „aus alten Worten“ geschaffenes „prinzipiell neues Buch“ dar. Worte seien für ihn „Material“, „Lehm“: „Wichtig ist, was du aus diesem Lehm formst, unabhängig davon, was dieser Lehm früher einmal war“. Die Plagiatsvorwürfe bezeichnet er als bösartige Attacken von Menschen, die ihm seinen Erfolg neiden.

„Ein Roman für Schriftsteller“

Man sieht, dass es hier einigen Diskussionsstoff gibt. Leider hat die Tatsache, dass in Russland über Schischkin sehr kontrovers diskutiert wird, in den deutschen Rezensionen keine Erwähnung gefunden. Dort erscheint er stets als ein gefeierter Autor, sogar als ein „Star“ (maiak.info). Schischkins Romane haben in der Tat eine in der russischen Literaturszene seltene Begeisterung ausgelöst, und das ist ein erfreuliches Anzeichen für ein neu erwachtes Interesse an Sprache und Literatur jenseits der ideologischen Debatten. Aber Schischkins Anhänger sind zur Hauptsache unter den Literaturexperten zu finden, nicht in der breiten Leserschaft. In einem Beitrag der „Nezavisimaja gazeta“ (23.06.2005) anlässlich der Verleihung des Preises „Nationaler Bestseller“ für „Venushaar“ zitiert der Verfasser ein Jurymitglied mit dem Satz “Schischkin wird man nicht lesen“. Ungeachtet der beiden prestigeträchtigen Literaturpreise sei der Autor – außer bei „professionellen Lesern“ – so gut wie unbekannt. Ähnlich urteilte ein Kritiker 2006 anlässlich der short list für den Preis „Bol’shaja kniga“: „Schischkins ‘Venushaar‘ ist dem Typ nach ein Roman für Schriftsteller, für diejenigen, die es lieben, die Literatur schräubchenweise auseinanderzunehmen, die Zahnräder zu berühren, die Prinzipien der Handlung zu studieren. Es geht dabei nicht einmal um Postmodernismus und den totalen Zitatcharakter. Es ist einfach so, dass Schischkin den Text zielgerichtet kompliziert, um zufällige Leser auszuschließen... Im Ganzen erinnert der Roman an ein gigantisches Puzzle“.
Auch der Verfasser einer Rezension (Martyn Ganin, openspace.ru, 20.09.2010) zu Schischkins neuestem Roman „Briefsteller“ (Pis’movnik) unterstreicht, nicht ohne Stolz auf seine Zugehörigkeit zum Kreis der Verehrer des Autors, den elitären Charakter dieser Persönlichkeit und ihrer Texte. Es gebe im gegenwärtigen Russland viele, die Schischkin übel wollen, aber niemanden, der diesen Autor mit der gebotenen Aufmerksamkeit lesen könne. Im Widerspruch zu dieser Feststellung folgt darauf eine interessante Analyse des Buches, das – wieder in einer Verflechtung disparater Zeiten und Räume - einen Briefwechsel zweier Liebender enthält, die sich realiter nie begegnen. Für den männlichen Partner ist – wieder einmal – eine wahrscheinliche Textvorlage entdeckt worden, die Memoiren eines Kriegskorrespondenten im ersten Weltkrieg. Plagiatsvorwürfe seien aber auch diesmal „völlig bedeutungslos“, meint der Rezensent. „Briefsteller“ sei, neben den anderen Romanen Schischkins, einer der besten Texte des Jahrzehnts.

Kritische Stimmen in Deutschland

Vielstimmigkeit ist, wie man sieht, ein Merkmal nicht nur des Romans, sondern auch seiner kritischen Rezeption. Auch in Deutschland hat es neben viel Lob einzelne kritische Einwände gegeben, die mir bedenkenswert erscheinen. Christiane Pöhlmann („Tageszeitung“) bemängelt den übertrieben kunstvollen Aufbau der Bewusstseinsprotokolle, der diese Passagen so „anstrengend“ mache und den „schalen Nachgeschmack des Selbstzwecks“ hinterlasse. „Wer an Bewusstseinsströmen, dem großen Bildungsrätsel und einem literarischen Wimmelbild Gefallen findet, ist bei Schischkin gut bedient“. Weniger polemisch, aber ebenfalls skeptisch, äußert sich Sabine Berkin in der FAZ. „Venushaar“ sei zweifellos ein sehr „komplexes“ Werk. „Doch ist Komplexität ein Qualitätsmerkmal an sich?“ Zweifel scheinen der Verfasserin angebracht, wenn es um die übergreifende Einheit der disparaten Erzählstränge im Roman geht. Das Asylantenthema mit seinem Komplex düsterer Geschichten; die vertrackte Dreierbeziehung des Dolmetsch; das Zusammentreffen der Griechen aus Xenophons Kriegsbericht mit den vertriebenen Tschetschenen der Stalinzeit; die Erinnerungen der Sängerin Isabella – werden diese Komponenten wirklich zu einem Ganzen?
Schischkin sei ein Sprachvirtuose, dessen surreale, apokalyptische Szenarien an die Filme Andrej Tarkowskijs erinnern, lautet das abschließende Urteil. Dennoch erweise sich die Lektüre als „ermüdender Kraftakt“. „Denn allzu oft erschöpft sich die postmoderne Komplexität im Manierismus – und der Leser verliert in der Kakophonie der Stimmen die Orientierung“.
Diskussionswürdig erscheint mir nicht nur die mögliche Abschreckung des Lesers, sondern mehr noch die Priorität des Kunstcharakters gegenüber dem erkennbaren „Anliegen“ des Autors, Verständnis oder sogar Sympathie für seine Personen zu wecken. Christiane Pöhlmann bemängelt zu Recht die „Funktionalisierung von russischen Flüchtlingen zu bloßen Aufhängern eines literarischen Textes“. Ulrich M. Schmid spricht in diesem Zusammenhang (ohne kritische Einwände) vom Charakter eines „literarischen Wettbewerbs“, den das Asylverfahren erhält: Wer die dramatischste Geschichte erzählt, wird aufgenommen.
Widerspruch könnte meines Erachtens auch das russozentrische Weltbild des Autors hervorrufen, vor allem sein Bild des Westens. In bewährter russischer Tradition von Dostojewski bis Solschenizyn erscheint der Mensch im Westen durch ein einziges Merkmal erschöpfend gekennzeichnet: er versteht nichts von Russland. Die Gestalten des Vorgesetzten in der Asylbehörde und der Pflichtverteidigerin liefern Muster für diesen Typ, und nicht besonders geistreiche. Einen Max Frisch kann man sich in dieser Schweiz nicht vorstellen. (Es passt in diese Linie, dass Schischkin ein vielbeachtetes Buch nicht über die Schweiz, sondern über prominente Russen in der Schweiz geschrieben hat: „Die russische Schweiz“, deutsch 2003).
Damit mag es genug sein mit den Mäkeleien. Sie sollen als leise Einwände gegen die, wie mir scheint, allzu enthusiastische Aufnahme des Buches in der deutschsprachigen Kritik verstanden werden. Es bleibt genug Lobenswertes an diesem Buch, und es wird sicher noch weitere begeisterte Leser finden, wenn auch nicht in großem Maßstab.

Neue Namen in der Literatur der „nuller Jahre“

Schischkin ist zweifellos einer der wichtigsten Autoren des vergangenenr Jahrzehnts. Aber er ist nicht, wie das Medienecho in Deutschland nahe legt, der einzige neue Name neben den hierzulande bekannten Schriftstellern Wladimir Sorokin, Viktor Jerofejew, Viktor Pelewin, Wladimir Makanin und einigen anderen. Die Literaturszene in Russland hat sich in den „nuller Jahren“ äußerst lebhaft entwickelt. Es gibt heute, zum Glück, keine einheitliche, an staatlichen oder korporativen Vorgaben ausgerichtete russische Literatur mehr. Auch die Grenzen von Unterhaltungs- und Kunstliteratur sind durchlässig geworden. Dafür gibt es eine große Zahl jüngerer, wie Schischkin um 1960 geborener Autoren, die man auch den Lesern im Westen ohne Bedenken empfehlen kann. Fast gänzlich unbekannt ist bei uns z.B. der Dichter, Journalist und Prosaist Dmitrij Bykov, der Verfasser einer Reihe von Bestsellern, die sich durch ein sicheres Gespür für die fundamentalen Probleme der Gegenwart in Verbindung mit einer sprühenden Phantasie auszeichnen. Von beachtlicher literarischer Qualität sind auch die Romane und Erzählungen der Vertreter des „neuen Realismus“ Robert Senchin (dazu der Eintrag “Ein Mönch der Literatur“ ), Sergej Shargunov, Zachar Prilepin, Aleksej Slapovskij und vieler anderer aus der zweiten Reihe, die zusammen eine vielfältige und lebendige Literaturszene bilden. Wenn der Erfolg von „Venushaar“ die Aufmerksamkeit der deutschsprachigen Medien wieder ein wenig mehr auf die russische Literatur richten sollte, werden vielleicht auch sie bei uns bekannt. Ich glaube, dass viele Leser freudig überrascht wären von der Frische dieser Texte. Auf einen „Tolstojewski“ zu warten, ist unzeitgemäß und überflüssig.

Kategorie: Neue russische Literatur

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