Blog > Eintrag: Familienroman über den Untergang der DDR - Eugen Ruges Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts"

Familienroman über den Untergang der DDR - Eugen Ruges Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts"

Sonntag, 25. September 2011, 18:38:13 | Armin Knigge

Familienroman über den Untergang der DDR - Eugen Ruges Roman

In russischer Sprache finden Sie den Eintrag hier.

Muss es denn gleich ein „DDR-Buddenbrook-Roman“ (Iris Radisch in der ZEIT) sein? Die deutsche Literaturkritik gerät wieder einmal ins Schwärmen, etwas übertrieben, wie ich finde. Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (Rowohlt, 2011) ist aber ohne Zweifel ein interessantes Buch, das viel Staub aufwirbeln könnte. Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer erscheint das „intellektuelle Establishment“ (Radisch) der DDR in diesem Familienroman als ein Abgrund von geistiger Armut und kleinbürgerlicher Enge. Jedenfalls in der Gründergeneration der DDR, die ihre lächerlichen Rituale bis zum Ende dieses Staates mit seniler Sturheit weiter treibt. Das kommunistische Projekt und seine einstige mobilisierende Energie sind kaum noch mehr als eine Skurrilität. Die Kinder und Enkel dieser „Saurier“ des Sozialismus wissen es besser, aber sie opponieren nur im Verborgenen oder gehen einfach weg.
Für die Leser dieses Blogs könnte ein besonderer Aspekt des Romanthemas von Interesse sein: Russland und die russische Sprache.
____________________________________________________________________________________________

„Ich habe mein ganzes Leben geprobt für dieses Buch“, erklärt der Autor im Gespräch mit Sandra Kegel (FAZ). Die Nähe der Romanwelt zum eigenen Leben des 57-jährigenAutors ist sowohl für die Stärken wie für die Schwächen des Buches verantwortlich. Vieles wirkt hier so authentisch wie das Blättern in einem Fotoalbum, andererseits ist von diesem Autor keine Objektivität zu erwarten. Er begegnet seinen Figuren mit der Mischung von Hass und Liebe, die für Familienbeziehungen charakteristisch ist. Vor allem geht es ihm nicht darum, die politischen Debatten um den Untergang der DDR durch eine eigene Stellungnahme zu bereichern. Als ein Mann des Theaters (nach dem Studium des Mathematik) sieht er die Geschichte der DDR vor allem als ein Familiendrama, das sich in der Vorführung konkreter Individuen, ihres Bewusstseins, ihrer Sprache, ihrer Marotten und vor allem ihrer Beziehungen untereinander entfaltet. Das Historisch-Politische bildet dabei nur eine Komponente, die oft sogar in den Hintergrund gerät.
Dass eine Schwiegertochter die Mutter ihres Mannes hasst, sich von ihr gedemütigt fühlt, ist gewiss keine spezifische Erscheinung der DDR-Geschichte. Wenn die Schwiegertochter aber eine Russin ist, die in der Roten Armee gegen die Deutschen gekämpft und ihren Mann als einen politischen Verbannten in Sibirien kennen gelernt hat, befinden wir uns zugleich in der großen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Auch die Schwiegermutter hat ihre politische Dimension: als eine herrschsüchtige Dame, die in ihrem Haus die dort einst vorhandene „Personalklingel“ vermisst, illustriert diese Figur die Verbürgerlichung der politischen Klasse. Das gilt aber nicht weniger für ihren Mann, einen eisernen Parteisoldaten, der die Klingel hat entfernen lassen. Er genießt genauso die Privilegien eines Würdenträgers der DDR. Die Wahrnehmung solcher „typischen“ Züge ist jedoch eher eine Leistung des Lesers mit entsprechenden Interessen, dem Autor geht es zuerst um Charlotte, die ihr Vorbild in seiner eigenen Großmutter hat, einer Frau mit einer ungewöhnlichen, gar nicht „typischen“ Biographie. Ihr Exil mit Wilhelm in Mexico hat bei ihr und ihrem Enkel Alexander tiefe Spuren hinterlassen und bildet einen exotischen Kontrast zu der Tristesse der DDR.

„Panorama von Lebensgeschichten“

Die Kritik hat dieses Vorherrschen des Familiären, Privaten gegenüber dem Historischen als einen Vorzug des Buches gelobt. Es gehe dem Autor nicht um die Rettung der Ideale des Sozialismus, die heute unwiederbringlich verloren erscheinen, sondern um die „literarische Bergung dieser zum Untergang verurteilten Lebensentwürfe“ (Iris Radisch), also um die Biographien mit ihrem ganz eigenen Wert, die nicht zusammen mit dem politischen System einfach entsorgt werden dürfen. Jörg Magenau (SZ) meint, das Buch wirke gar nicht so sehr als ein Roman über die DDR, sondern als ein „Panorama von Lebensgeschichten“, besonders durch die Fokussierung auf eine persönliche Perspektive, die mit jedem Kapitel wechselt: „Die Zeit ist reif für diesen unverstellten, humorvollen und einfühlsamen Blick“. In diesem Sinne sei Ruges Roman „große Literatur“.

Sicher ist es richtig, dass die Lebengeschichten in diesem Roman wichtiger sind als die Geschichte der Ideologie und des Staates. Mir scheint allerdings, dass Ruge nicht immer der Gefahr entgangen ist, mit dieser Betonung des Familiären und Alltäglichen in das seichte Fahrwasser von Trivialromanen zu geraten. Das geschieht zum Beispiel, wenn Charlotte in Gedanken eine Liste der Gründe zusammenstellt, die für die Entmündigung ihres Mannes sprechen oder wenn sich Irina, während sie die Weihnachtsgans vorbereitet, mit verhaltener Wut über ihren Mann und die „Neue“ ihres Sohnes einen Whisky nach dem anderen genehmigt. In solchen Passagen ist das Buch nicht „große“, sondern Unterhaltungsliteratur, wenn auch eine von der besseren Sorte. Der mit dieser Erzählweise verbundene Humor lässt die Figuren nicht unbedingt sympathischer, oft einfach lächerlich erscheinen.

Väter und Söhne

Zu den Standardkonflikten des Familienromans gehört die Vater-Sohn-Beziehung, hier gleich mehrfach vertreten und im Ton ernsthafter gehalten als das Geschehen um die „Saurier“ der Partei. Kurt und sein Bruder Werner sind mit dem Vater Wilhelm Powileit, der im Geheimdienst der Internationale gearbeitet hatte, 1936 vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen. Der Vater wurde in den Westen zurückgeschickt und ließ seine Söhne gewissermaßen als Pfand in Moskau zurück. Wegen einer kritischen Bemerkung Kurts über den Hitler-Stalin-Pakt wurden beide Söhne zu zehn Jahren Arbeitslager in Sibirien verurteilt. Werner ist im Lager umgekommen, Kurt hat danach als politisch Verbannter in einem Dorf Irina kennengelernt und ist nach dem Krieg mit ihr und Sohn Alexander in die DDR übergesiedelt. Als Sohn des Altkommunisten Wilhelm ist Kurt ein bekannter Historiker geworden. Im Familienkreis äußert er scharfe Kritik am DDR-Staat, macht seiner Mutter Vorwürfe, dass sie mit ihren Auftritten als Literaturkritikerin den Kurs einer Re-Stalinisierung unterstützt: „Dein Sohn ist in Workuta ermordet worden!“ Dabei schreibt er weiter Artikel für das „Neue Deutschland“ und schweigt über seine Erfahrungen im Gulag.
Sohn Alexander ist empört über die Doppelmoral des Vaters und hält damit nicht hinter dem Berg. Er widersetzt sich der Eingliederung in die Welt seiner wohlanständigen Familie und erklärt dem Vater früh seine Absicht, „Gammler“ zu werden. Beim Exerzieren in der NVA träumt er von den Rolling Stones. Am Anfang des Romans, im Jahr 2001, besucht Alexander seinen Vater, der nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Er, der für sein Redetalent bekannt war, hat – symbolisch genug – die Sprache verloren, antwortet auf jede Frage nur mit Ja. Auf dem Bücherregal stehen meterlang die Ergebnisse seiner historischen Forschungsarbeit, „dieses ganze halbwahre und halbherzige Zeug“ über die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, das nun „Makulatur“ ist, wie Alexander meint. Aber eine Sache in dieser vernichtenden Bilanz seines Lebens hinterlässt Kurt der Nachwelt. Mit fast achtzig Jahren hat er ein Buch geschrieben, das die Makulatur überwiegt: die Erinnerungen eines deutschen Kommunisten an seine Jahre im Gulag.

Unglück einer Familie oder Wirkung des Kommunismus?

In der Figur des Historikers Kurt Umnitzer hat Eugen Ruge ein ziemlich genaues Abbild seines Vaters geschaffen. Wolfgang Ruge galt in der DDR als eine Koryphäe der Geschichtswissenschaft. Ob das riskante Spiel mit dem eigenen Vater der Racheakt eines ungeliebten Sohns oder umgekehrt der Versuch einer Rechtfertigung des Vaters, vielleicht einer Bitte um Vergebung war, ist schwer zu entscheiden. In dieser komplizierten Beziehung ist von allem etwas zu finden.
In der Beziehung Alexanders zu seinem Sohn Markus scheint sich dieses Muster zu wiederholen. Alexander hat sich von Markus‘ Mutter Melitta getrennt, für den kleinen Markus ist er der „Arsch“, der sich nie blicken lässt und bei Irinas Beerdigung an ihm vorbeigeht, ohne ihn zu erkennen. Von den ständigen Moralpredigten seiner Mutter und ihres neuen Lebensgefährten genervt, flieht der Heranwachsende in eine von Drogen, Sex und Rechtsradikalismus bestimmte Szene. Wie sein Vater, der auf den letzten Seiten des Romans in einem mexikanischen Fischerdorf als Krebskranker seinen Tod erwartet, verspricht auch der Urenkel Wilhelms nichts Gutes für die Zukunft dieser Familie. Sie scheint von einem Fluch belastet, einem Unglück, das im Prinzip jede Familie treffen könnte, hier aber unverkennbar mit den historischen Umständen verknüpft ist. Fast alle Personen werden von Gefühlen des Verrats, der Lüge und des Betrugs heimgesucht, die sich auf ihre Nächsten beziehen, aber immer auch mit der politischen Situation zusammenhängen. Von der revolutionären Bewegung scheint eine lebensfeindliche, zerstörerische Wirkung auszugehen. Ein Freund hat Charlotte während ihres mexikanischen Exils gesagt: „Der Kommunismus ist wie der Glaube der alten Azteken: Er frisst Blut“.

Ost-Berlin – Verfall und Trostlosigkeit

Düster und trostlos ist auch der äußere Anblick der DDR, insbesondere der des Ost-Berliner Zentrums in dem Kapitel „1979“. Alexander besucht seinen Sohn, der illegal (das gab es!) in einem heruntergekommenen Mietshaus wohnt, nachdem er seine Familie verlassen hat. In einer nasskalten Nacht irren Vater und Sohn durch eine wie ausgestorben wirkende Stadt und suchen vergeblich nach einem Restaurant, wo sie sich aufwärmen und in Ruhe miteinander reden können. In der sowjetischen Literaturkritik hieß eine solche Sichtweise „chernukha“, Schwarzmalerei, und das ist sie hier wirklich. Nicht nur der sozialistische Enthusiasmus ist verschwunden, sondern jegliche Lebensfreude. Von daher hätte man erwarten können, dass dieses Bild der DDR zumindest bei Teilen der ehemaligen Bewohner dieses Landes heftigen Widerspruch und Empörung hervorrufen würde. Bis jetzt, einige Wochen nach Erscheinen des Buches, hat es solche Reaktionen, soweit ich sehe, nicht gegeben.

Die russische Sprache – ein belebendes Element

Auf eine ins einzelne gehende Betrachtung der Figurenkonstellation und der Handlung möchte ich verzichten und stattdessen auf einen Aspekt des Romans eingehen, der mit der Thematik dieses Blogs zu tun hat, nämlich auf das Bild Russlands und der Russen. Es gibt auch hier viel Düsteres, was angesichts der Erfahrungen Kurts im Gulag nicht überraschen kann, aber das russische Thema bringt auch ein Element des Komischen und Unterhaltsamen in den Roman, ohne in Trivialität abzugleiten. Das betrifft vor allem die Sprache. Selten trifft man in der deutschen Gegenwartsliteratur auf einen Autor, der das Russische nicht nur versteht, sondern ganz beherrscht. Und das ist hier der Fall. Wie sein alter ego Alexander hatte Ruge eine Mutter, die Russin war, er brauchte also keinen Sprachunterricht. Im Roman sind Irina und ihre Mutter Nadjeshda Iwanowna (so geschrieben) Familienmitglieder, die das Deutsche nur unvollkommen (Irina) oder gar nicht beherrschen. Deshalb gibt es viele russische Wörter und Repliken, manchmal kurze Dialoge in deutscher Umschrift. Für Leser, die Russisch verstehen, macht das die Figuren lebendiger: „Bogh s taboju, synok“ – Gott sei mit dir, mein Sohn - sagt Nadezhda Ivanovna zu einem netten jungen Mann, der sie in Wilhelms Haus begrüßt und mit „Babuschka“ anredet. Leser ohne Russischkenntnisse können sich über die Mühen der beiden Russinen mit der deutschen Sprache amüsieren, die sie als „schnarrende Laute“ wahrnehmen. Als Theaterregisseur hat Ruge ein Ohr für das gesprochene Wort. Nadjeshda Iwanownas einzige deutsche Wörter lauten „Chuttentak“ und „Affidersin“.
Über Irinas russifiziertes Deutsch und ihre „ruhsische Selle“ machen sich auch ihr Mann und ihr Sohn in freundlicher Weise lustig. Zu Alexander, der den Weihnachtsbaum schmückt, sagt sie: „Die Lametta musst du noch machen ein bisschen nicht so klumpisch“. Dabei ist Irina alles andere als eine komische Figur. Traumatisiert von Elend und Hunger in der Kindheit, vom Krieg und zuletzt von den Demütigungen durch die Schwiegermutter, lässt sie sich ständig von den Liedern des Protestsängers Wyssotzki beschallen und flüchtet in den Alkohol.

„Da zdrawstwujet!“ – die Parteigenossen und die russische Kultur

Ein anderer Aspekt dieses Themas im Roman ist die Beziehung der alten Parteigenossen im Umkreis von Wilhelm zu Russland und der russischen Sprache. In der Besprechung von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ habe ich in diesem Blog über die Einflüsse der russischen Kultur in der DDR geschrieben, soweit sie sich in diesem Roman bemerkbar machen: eine enttäuschende Bilanz! Der durch Krieg, Besatzung und „deutsch-sowjetische Freundschaft“ mehr oder weniger erzwungene Kulturkontakt hat nicht zu mehr Verständnis für die „Brudernation“ geführt. „Dawaj“ und „Nasdarowje“, abfällige Bilder von Rotarmisten und russischen Frauen und eine ebenso klischeehafte sentimentale Bewunderung für die russischen Volkslieder und die „russische Unergründlichkeit“ sowie, nicht zuletzt, zahlreiche Gorki-Büsten – das ist alles, was die russisch-sowjetische Kultur bei den Bildungsbürgern Dresdens hinterlassen hat. Das meiste davon ist schon aus der Vorkriegszeit bekannt.
Eugen Ruge, der mit dem russischen Thema auf Grund der Familienkontakte besser vertraut ist als Tellkamp, bestätigt im wesentlichen diesen Befund, er spitzt ihn sogar satirisch zu. Die Genossen prahlen mit Russischkenntnissen, die sie nicht besitzen. Wilhelm, der einstige Geheimdienstler im Auftrag Moskaus, begrüßt Nadjeshda Iwanowna mit einem rätselhaften „garosch“, einer Verbalhornung von khorosho – gut. Einer seiner Vasallen bringt regelmäßig einen Toast aus: „Da zdrawstwujet!“, aber wer da leben soll, bleibt offen. Als Nadjeshda Iwanowna auf Wilhelms Geburtstagsfeier das Lied vom Zicklein singt, ein eher peinlicher als rührender Auftritt, stimmen die Gäste in den Refrain ein, den sie als „Wodka, Wodka“ verstehen, in Wirklichkeit lautet die Stelle „vot tak, vot tak“ – so ist es.
Es versteht sich, dass in dieser Umgebung auch Glasnost‘ und Perestrojka (bei Tellkamp hießen sie „Klassnost“ und „Berestroiga“) der Völkerverständigung nicht dienlich sind, so etwas will man in der DDR nicht haben. Und diejenigen unter den Gästen, die wirklich etwas von Russland zu erzählen hätten, halten sich zurück, weil ihre Erinnerungen nicht in das Festprogramm passen.
Auch hier also eine traurige Bilanz der russischen Kultur bei den Ostdeutschen. Von seiten der beiden Russinen, Mutter und Tochter, kommen ebenfalls keine Impulse für eine Verständigung mit der deutschen Kultur. Nadjeshda Iwanowna ist Analphabetin und Irina liest wohl kaum Literatur, auch wenn sie behauptet, Christa Wolf gut zu finden. Der „Biermann-Rummel“ geht ihr auf die Nerven, und sie käme wohl nicht auf die Idee, dass Biermann so etwas wie ein deutscher Wyssotzki sein könnte.

Das krachende Zusammenbrechen des Buffets am Ende der Geburtstagsfeier, bei dem auch die Brille des Genossen Zenk zu Bruch geht, ist ein groteskes Symbol für den Untergang der DDR. Mit diesem Staat und seiner Elite ist auch die verpasste Chance einer wirklich neuen Etappe in der Geschichte der deutsch-russischen Kulturbeziehungen verbunden.

Kategorie: Russland und die Russen

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Für Kommentare nutzen Sie bitte das KONTAKTFORMULAR.

Неизвестный ГорькийMaxim Gorki

netceleration!

Seitenanfang