Blog > Eintrag: "Der Romantiker" (1910) - eine Meistererzählung Maxim Gorkis

"Der Romantiker" (1910) - eine Meistererzählung Maxim Gorkis

Donnerstag, 06. Oktober 2011, 12:49:35 | Armin Knigge

„Die Einheit der Interessen, gut und schön..., aber woher kommt manchmal diese Einsamkeit und diese unerträgliche Schwermut?“ Das sagt der Tischlergeselle Fomá Varaksin zu seiner Lehrerin, die ihm im Auftrag der Partei das richtige Klassenbewusstsein beibringen soll. Die junge Frau aus bürgerlichem Hause ist von den Herzensergüssen ihres Schülers eher unangenehm berührt. Als sie am Ende erfährt, dass es sich hier um Liebeserklärungen handelt, reagiert sie mit Entsetzen und Empörung. – Im Eintrag geht es um eine Vorstellung dieses wenig bekannten Werks, um seine Bedeutung im Kontext des Gesamtwerks und – nicht zuletzt - um die Kunst des Erzählers Gorki.
_________________________________________________________________________

Es erscheint heute schwer zu glauben, dass die Erzählung „Der Romantiker“ (Romantik), zusammen mit „Die Mordwinin“ (Mordovka) und einigen anderen Werken, ursprünglich zu dem Projekt einer Fortsetzung des Romans „Die Mutter“ gehörte; das zweite Buch sollte „Der Sohn“, „Pavel Vlasov“ oder „Der Held“ heißen und das Leben des Arbeiterführers bis zur ersten russischen Revolution (1905) weitererzählen. Lenin hatte sich bei seinem Besuch auf Capri 1908 von Gorki „etwas in der Art der ‚Mutter‘“ gewünscht, um die Parteiarbeit in einer schwierigen Situation propagandistisch voranzubringen. Was er über den „Romantiker“ dachte, ist nicht bekannt, aber er kann eigentlich nur entsetzt gewesen sein über diese Figur und ihre Ansichten, die eine Sammlung der „Häresien“ Gorkis darstellen: Ideen von der „brüderlichen Vereinigung aller Menschen“, von Frieden und Gewaltlosigkeit, von Mutterliebe und der Gemeinschaft des Volkes – alle mit einer sakralen, christlich-religiösen Färbung. Die Partei Lenins erscheint demgegenüber als eine kalte, menschenfeindliche Welt, in der der einzelne niemanden findet, mit dem er über sein persönliches Leben sprechen kann. In einem Brief an den Literaturkritiker V.A. Desnickij hat Gorki 1933 geäußert, an den Fortsetzungsentwürfe sei bei nachträglicher Betrachtung zu erkennen, „dass ich mit dem ‚Sohn‘ nicht zurechtgekommen wäre“. In der Tat signalisieren diese Werke die Rückkehr des Schriftstellers von den utopischen Experimenten der Romane „Die Mutter“ und „Die Beichte“ in die harte Wirklichkeit der Jahre nach der Revolution 1905. Stilistisch war das eine Rückkehr zu der klassischen Erzähltradition der russischen Literatur. „Der Romantiker“ und „Die Mordwinin“ gehören zu den Werken Gorkis, in denen unverkennbar die Begabung eines großen Erzählers zum Ausdruck kommt. Sie widerlegen die immer noch weit verbreitete Ansicht, Gorkis Bedeutung beruhe auf seiner ungewöhnlichen Lebensgeschichte, nicht auf seiner Qualität als Schriftsteller. In der Gestalt des „Romantikers“ bietet Gorki ein eindrucksvolles Beispiel für das Denken und Fühlen eines Menschen aus der Masse des Volkes, der mit seinen bizarren Erkentnissen und Phantasien einen extremen Sonderfall darstellt, zugleich aber auch nationaltypische Züge dieser Millionenmasse verkörpert. Die Erzählung führt dem heutigen Leser vor Augen, welches geistige Potential in dem Projekt der russischen Revolution steckte, und sie zeigt zugleich, welchen Irrsinnn es bedeutete, in diesem Land den Sozialismus marxistischer Prägung einführen zu wollen.

Es lebte einmal Foma Varaksin, ein Tischlergeselle, um die 25 Jahre alt, ein ganz verdrehter Mensch: sein Schädel war groß, an den Schläfen zusammengedrückt und zum Nacken hin verlängert; der schwere Hinterkopf zog den geschorenen Schädel nach hinten. Die breite Nase nach oben gereckt, wandelte Foma auf der Erde - von Ferne schien es, als wolle er jemandem hochmütig zurufen:
„Na los, fass mich an, versuch es!“
Aber beim ersten Blick auf sein verschwommenes Gesicht mit dem großen Mund und den Augen unbestimmter Farbe wurde jedem klar, dass da ein gutmütiger Kerl gegangen kam, gleichsam in einem Zustand freudiger Verwirrung durch irgendetwas.



Ein proletarischer Myschkin

Es mag unwahrscheinlich klingen, aber dieser „verdrehte Mensch“, der so unendlich weit von Gorkis Ideal des „stolzen Menschen“ entfernt scheint, ist doch dem Typ nach ein Lieblingsheld des Autors, in vielem sogar sein alter ego. Und er ist in eine Umgebung versetzt, die so gar nicht zu ihm passt: die revolutionäre Arbeiterbewegung mit ihren Idealen des Klassenkampfs, der Rationalität und der Aufklärung.
In den ersten Sätzen der Erzählung ist viel über den Helden gesagt, gleichzeitig erscheint hier auch ein charakteristisches Element der Erzählmethode Gorkis in beispielhafter Weise: das physio-psychologische Porträt bei der Einführung einer Person. „Nelepyj chelovek“, hier übersetzt mit „ein verdrehter Mensch“, bezieht sich zuerst auf Fomas äußere Erscheinung, die fast monströse Hässlichkeit seines Kopfes und die daraus folgende Körperhaltung. „Nelepyj“ kann aber ebenso eine Geistesverfassung oder ein Verhalten kennzeichnen: „ungereimt“, „unsinnig“, „absurd“, und auch das trifft auf Foma Varaksin zu. Nichts passt hier zusammen, die hochgereckte Nase deutet nur scheinbar auf Kampfeslust, sie kennzeichnet eher Fomas Weltfremdheit. Seine Gesichtszüge sind „verschwommen“, die Augenfarbe „unbestimmt“, und doch erkennt der Betrachter sogleich, dass er einen gutherzigen Menschen vor sich hat. Die wichtigste Besonderheit Fomas steht am Schluss des Porträts: „kak by radostno smushchennyj chem-to“, der Held ist von „etwas“, einem Erlebnis, einem Gedanken, in eine „freudige Verwirrung“ (auch „Unruhe“„Erregung“) versetzt, und dies ist anscheinend sein Dauerzustand. Ein normales Verhalten ist das nicht, es lässt sich mit dem eines berühmteren Helden vergleichen, dem des Fürsten Myschkin in Dostojewskis Roman „Der Idiot“. Auch der ist durch diese permanente „Unruhe des Herzens“ gekennzeichnet, die den anderen oft als Geistesverwirrung erscheint. Foma Varaksin, könnte man sagen, ist ein proletarischer Myschkin.

„Das Volk! Das ist auch eine Kirche.“

Was es mit diesem seltsamen Charakter auf sich hat, erfahren wir aus den Gesprächen Fomas mit seinem Arbeitskollegen Aleksej Somov. Der hat fünf Monate im Gefängnis gesessen und „viele verschiedene Bücher gelesen“. Daraus resultiert sein illusionsloser, oft boshafter Blick auf die Wirklichkeit. Seine grünen Augen signalisieren, wie immer bei Gorki, ein Teufelsmerkmal, jedenfalls einen zweifelhaften Charakter. Aleksej hat Foma in einen Zirkel eingeführt, wo der Genosse Mark den Arbeitern politische Bildung vermittelt. Er berichtet ihnen von der Arbeiterbewegung im Westen. Foma ist beeindruckt von diesen Erzählungen. Zu Aleksej sagt er, die von Lack durchtränkte Hand auf die Brust gelegt: „Das verstehe ich, Aljoscha! Das gibt es wirklich... Das ist dieser Drang zur Vereinigung der Menschen... Nimm mich, zum Beispiel: egal was es ist – eine Prozession, ein Feuer, ein Fest, immer wenn sich irgendwo das Volk versammelt, dann zieht es mich unaufhaltsam dorthin! Das Volk! Das ist auch eine Kirche. Warum gehe ich gern in die Kirche? Weil das eine Versammlung der Seelen ist!“
Nichts deutet hier direkt auf den Sozialismus und die Arbeiterbewegung, eher scheint es sich um einen religös gefärbten Kollektivismus zu handeln. Somov versucht seinen Kollegen von solchen Irrwegen abzubringen: „Das ist ein bürgerliches Vorurteil. Utopie. Man muss die Kulturgeschichte kennen. Du verstehst die Klassenwidersprüche nicht“. Aber, so hofft er, „das geht bei dir vorbei, wenn du dir die Idee angeeignet hast“. Aber genau das habe er doch getan, erwidert Foma, die Idee habe er sich ganz und gar zu eigen gemacht: „Und nun ist sie für mich wie die Muttergottes, die Freude aller Mühseligen und Beladenen...“ Auf Somovs Einwand, das sei doch das Evangelium, antwortet er: „Das hat nichts zu bedeuten. Sie (die Gottesmutter) ist, wie ich es verstehe, überall ein und dieselbe. Die Ansichten, die Zeichnung sind verschieden, aber das Bild ist dasselbe! Die Mutter der Liebe ist sie! Richtig?“
Jetzt wird Somov ernstlich böse und hält ihm einen Vortrag über seine Rückständigkeit: er sei ein „Utopist“, sein Klassenbewusstsein sei eingeschlafen, und schuld daran sei der Priester, in dessen Haus er aufgewachsen ist und bei dem die Mutter als Köchin gearbeitet hat. Der habe ihm die Seele mit Vorurteilen und Aberglauben vergiftet.

Utopische Entwürfe – zu Hirngespinsten geschrumpft

Der Streit mit Somov bringt ein komisches Element in die Erzählung, vor allem durch den Zusammenprall zweier gänzlich entgegengesetzter Stile. Foma redet in einer verschrobenen Mischung aus Volkssprache und biblischen Elementen, Aleksej im hölzernen Parteijargon. Nichtsdestoweniger geht es um ernste Dinge. Wir befinden uns in der Welt der Romane „Die Mutter“ und „Die Beichte“, beide ernsthafte Versuche Gorkis, einen religiösen Mythos der Arbeiterbewegung zu schaffen, Religion und Sozialismus zu vereinigen. In der „Mutter“ ist es die Idee der Mutterschaft in biblisch-sakralen Formen, in der „Beichte“ die Idee des Volkes, das sich seinen Gott erschafft, das „Gotterbauertum“ (bogostroitel’stvo). Reflexe beider Gedanken sind in den schwärmerischen Bekenntnissen Foma Varaksins erkennbar. Aber die Erzählung „Der Romantiker“, Teil des Versuchs einer Fortsetzung des Romans „Die Mutter“, zeigt im Grunde den Verzicht auf die großen utopischen Entwürfe in der Art der „Mutter“ und der „Beichte“. Was dort als ein weltumspannendes Projekt vorgeführt wird, das, zumindest in der Gemeinschaft der Revolutionäre, schon Wirklichkeit geworden scheint, ein glückseliger Zustand der Liebe und der grenzenlosen, wundertätigen Kraft des Kollektivs, begegnet hier geichsam auf ein menschliches Maß reduziert, als das Hirngespinst, die „freudige Verwirrung“ eines einzelnen Menschen, des Sonderlings und „Romantikers“ Foma Varaksin. Und es ist vorauszusehen, dass dieser Mensch unter den Revolutionären schlimme Enttäuschungen erleben wird.

Denken in Bildern – Fomas Vorstellungswelt

Zugleich ist dieser Held aber keineswegs eine Ausnahmeerscheinung. Mit seiner skurril wirkenden Denk- und Sprechweise repräsentiert er, weit mehr als der „klassenbewusste“ Somov und seine Parteigenossen, die Millionen der „einfachen Menschen“ Russlands, die wie er von einer besseren Welt träumen und dafür nur die Ausdrucksformen einer religiösen Erlösungshoffnung kennen. Fern von jeder Rationalität, ist Fomas Vorstellungswelt von Gefühlen und sinnlichen Eindrücken bestimmt, was wiederum zu komischen Effekten führt.
Unverständliche Wörter verwandelt er in phantastische Bilder. Das Wort „utopija“, das Somov in seinen Strafpredigten benutzt, assoziiert er mit dem russischen Verb „utopit‘“ – (einen Menschen) „ertränken“, (ein Tier) „ersäufen“. Die Utopie erscheint in seiner Phantasie als ein Sumpf mit grasbewachsenen Erdhügeln. Über diese gefährlichen Höcker schreitet, ganz in Weiß gekleidet und die Arme vorgestreckt, eine Frau mit dem Antlitz der Gottesmutter. Tränen in ihren Augen drücken die „tiefe Trauer der Mutter“ aus.
Den Begriff „religiöser Kult“ verbindet Foma nicht nur mit der Feierlichkeit der Frühmesse am Osterfest, er hält ihn für die Bezeichnung einer „tiefen Wissenschaft“, die alle verwickelten Fragen auflöst und Ordnung in die verwirrende Vielfalt der Gedanken bringt.

Auf den verschlungenen Wegen der Denkarbeit Fomas kommen die Grundprobleme der revolutionären Bewegung zur Sprache, insbesondere das Thema Kampf und Gewalt. Natürlich muss man kämpfen, sich wehren, das ist doch klar, stimmt er seinem Freund Somov zu. Aber sogleich folgen auch die Einwände, der Mensch ist doch keine Kampfmaschine: „Bin ich etwa ein Stemmeisen? Wenn einer, sagen wir mal, mit dir zu stemmen anfängt, dann haut er doch mit dem Hammer auf dich... Der Mensch ist kein Werkzeug“. Ja, der Kampf muss sein, aber von der apostolischen Idee der Versöhnung, Friede auf Erden, möchte Foma sich doch nicht trennen.
Zwischendurch macht Gorki immer wieder deutlich, dass es hier nicht um einen abstrakten Diskurs geht, sondern um die Eigenheiten eines einzelnen, konkreten Menschen: „Er redete viel, sich überstürzend vor Begeisterung, wobei er seinen Gesprächspartner immer direkt ins Gesicht sah mit seinem trüben und gleichsam trunkenen Blick. Jeder neue Gedanke, der in seinem Bewusstsein auftauchte, löste in Foma einen reißenden Strom von Worten aus – er fuchtelte mit den Händen, wobei er freudig ausrief: ‚Hervorragend! Das ist es! Ganz einfach!‘“

„Leben heißt wissen - Kulturgeschichte bei Genossin Liza

Was geschieht, wenn sich ein solcher Mensch verliebt? Soviel ist gewiss: das kann kein gutes Ende nehmen. Insofern ist die Geschichte vorhersehbar, aber Gorki gelingt es, die Spannung bis zur Katastrophe zu halten und den Helden bei aller unvermeidlichen Komik nicht der Lächerlichkeit preiszugeben.
Auch als Liebesgeschichte bleibt die Erzählung politisch, setzt den Diskurs über Revolution und Menschlichkeit fort. Die Angebete heißt Liza (seit Karamzins „Die arme Liza“ ein Synonym für liebens- und bedauernswerte Mädchen in der russischen Literatur) und unterrichtet die Arbeiter im Fach „Kulturgeschichte“. Dieses „kleine, rundliche, blauäugige Fräulein“ mit straff gekämmtem Haar und einem üppigen Zopf soll ihren proletarischen Schülern solides Wissen vermitteln und ihnen die religiösen Vorurteile austreiben. Bei Foma lösen ihre Vorträge über Blitze und Wolken, die Recken der Volkssagen und die griechischen Götter, von denen er nichts versteht, zuerst ein Gefühl des Mitleids aus. Die „Genossin Liza“ macht das anscheinend zum ersten Mal und gerät oft in Verlegenheit, wie konnte man eine so zarte Person mit einer so schweren Aufgabe betrauen? Aber dieser Zweifel wird sogleich abgelöst von einem seiner gewöhnlichen Anfälle der Rührung und Begeisterung: „Das ist doch schön, Aljoscha, da kommt in unsere grobe Gesellschaft so eine kleine Persönlichkeit und sagt – wie wunderbar! – bitte sehr, da habt ihr, was ich weiß, möchtet ihr vielleicht zuhören? Se-ehr schön!“
Rasch versteht er auch, dass der neue Lernstoff ein weites Feld für seine eigene schwärmerische Gedankenwelt eröffnet. Nach einer Lektion darf er die Lehrerin durch die nächtliche Stadt nach Haus begleiten und trägt ihr, nach anfänglicher Verlegenheit, seine Idee von der Rolle der „Phantasien“ im Leben des Menschen vor, eine Theorie, in der der Leser Lieblingsgedanken auch des Autors Maxim Gorki erkennen kann. Nur mit der Hilfe seiner Träume, die „Ergänzungen“ und „Verschönerungen“ in seine traurige Existenz bringen, ist es dem Menschen möglich, sein Leben zu ertragen, und deshalb darf man auch die Säufer nicht verurteilen, denen der Alkohol zu diesen Phantasien verhilft. Besser sind aber Bücher – und Lehrer, die, wie die Genossin Liza, „von der Höhe herabsteigen“, um den einfachen Menschen Wissen zu bringen. „Leben heißt wissen“ – mit dieser Formel schließt Foma seine Tirade ab. Liza ist von diesem Redeschwall irritiert, aber auch beeindruckt: „Leben heißt wissen! Das ist es, Genosse, Sie verstehen das erstaunlich weit gefasst...“

„Sie sind ja ein Romantiker!“

Zur Belohnung lädt die Lehrerin den Schüler zum Einzelunterricht in ihre Wohnung ein. Bald darauf besucht er sie in dem großen Haus mit den Säulen an der Fassade, wo sie ihn in ihrem Mädchenzimmer empfängt (über die Eltern ist nichts gesagt). Foma gefällt es in diesem reinlichen Zimmer mit dem Bett und den Bücherregalen. Besonders erwähnt werden die Fotografien von bekannten Schriftstellern und Gelehrten an den Wänden, Menschen mit langen Haaren und finsteren Gesichtern. Sie werden im weiteren so etwas wie die bösen Geister in der Geschichte. Das Bild der liebenswerten kleinen Lehrerin wird sich in Fomas Sicht immer mehr dem dieser strengen Herren annähern und schließlich ganz mit ihnen verschmelzen. Das beginnt schon mit Fomas Bericht von der Lektüre eines Buches, das er sich von ihr ausgeliehen hat. Er hat nur zwei Kapitel gelesen, in der Tischlerwerkstatt war viel zu tun, aber das Wenige reicht schon, um eine neue Tirade über die Sonne, den Mittelpunkt der Welt, auszulösen. Foma erzählt dazu eine Episode aus seinem Leben. Er saß an einem Abhang und betrachtete den Sonnenuntergang, als ein fremder Hund, ein schmutziges und heruntergekommenes Tier, sich neben ihn setzte und, wie es schien, ebenso beeindruckt war von dem prachtvollen Schauspiel des Lichts: „Und wir, Mensch und Hund, wissen Sie, sitzen da und schauen“. Und warum soll ein Hund nicht genauso wie wir die Bedeutung der Sonne verstehen, wenn er Wärme und Kälte fühlt und in den Himmel blicken kann? Liza ist wieder einmal befremdet von diesem Wortschwall, wehrt aber seine Entschuldigungen tapfer ab: „Nicht doch, Sie sprechen sehr interessant... Mir ist es sehr wichtig, die psychische Verfassung von Menschen kennenzulernen, die..., von Menschen Ihrer Klasse.“
Freudig erregt, macht sich Foma sofort daran, der Lehrerin die Gemütsverfassung der Menschen seiner Klasse zu erklären. Dabei kommt ein Selbstporträt heraus, das dem des räudigen Hundes in der Erzählung von der Sonne nahe kommt: alle diese Menschen sind wie kleine Kinder, einsam und verlassen, dabei hatte doch jeder eine Mutter, war an Zärtlichkeit gewöhnt. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein für sich lebt. „Der Mensch will seine Seele zur Sprache bringen, will sie in ihrem feiertäglichen Gewand, in voller Größe zeigen...“ Natürlich, das Klassenbewusstsein, die „Gemeinsamkeit der Interessen“, das verstehe er sehr gut, versichert Foma, „aber woher kommt manchmal diese Einsamkeit und diese unerträgliche Sehnsucht?“
Liza reagiert immer deutlicher ablehnend auf Fomas Bekenntnisse, ohne zu ahnen, dass es sich um unbewusste Liebeserklärungen handelt. „Sie sind ja ein Romantiker!“, ruft sie im Ton der Enttäuschung und Missbilligung. Ihre Bemühungen waren offensichtlich erfolglos. Dieser Mensch ist ein hoffnungsloser Fall.

„Ich geh‘ aufs Ganze!“

Somov, der den Freund die ganze Zeit beobachtet hat, sagt ihm auf den Kopf zu, dass er verliebt sei, und warnt ihn vor den Folgen einer solchen ungleichen Beziehung. Er hat im Gefängnis selbst eine junge Revolutionärin (eine „devica-intelligentka“) kennengelernt und ihr von seiner Einsamkeit erzählt, aber die Geschichte hat ein schmerzliches Ende gefunden. In dem nächtlichen Gespräch kommt gleichzeitig heraus, dass Somov doch mehr Verständnis für seinen Freund hat, als er gewöhnlich zu erkennen gibt: „Es gefällt mir, dass du so einer bist, wie ein Kind: was du weißt, an das glaubst du auch...“
Für Foma ist das wieder ein Stichwort zu einer neuen Tirade über den Glauben, ohne den das Wissen nichts ist. Das Wissen geht allem voran, aber erst der Glaube bringt es zur Wirkung.
Die Eröffnung, dass er verliebt sei, überrascht Foma. Statt der Warnung Somovs zu folgen, stürzt er sich rückhaltlos in einen Rausch der Liebe: „Nein, ich geh‘ aufs Ganze!“ („Do polnogo“ – Aufs Ganze - lautete der Titel der Erzählung in einigen der frühen Publikationen). Foma will Liza heiraten, und drückt dieses Ziel mit denselben pathetischen Formeln aus, die die „Vereinigung aller Menschen“ bezeichnen. Er malt sich das Leben mit Liza in den schönsten Farben aus, ein einfaches, liebevolles Leben mit einer klugen und herzlichen Frau soll es sein, sogar die Verbannung in einem kleinen Dörfchen, unter tiefem Schnee vergraben, ist schon eingeplant.
An einem Sonntag schreitet Foma zur Tat. Er zieht ein Hemd mit Krawatte und sein bestes Jackett an, das irgendwie schief auf seinen Schultern hängt, und macht sich auf zu Liza, um ihr einen Heiratsantrag zu machen. Lange begreift Liza nicht, was er von ihr will. Er schwadroniert von der „Vereinigung aller Menschen“, gibt vor, im Namen seiner Genossen zu sprechen: „Sie kennen uns, mich und alle – kommen Sie zu uns, gehen Sie mit uns zur vollen Vereinigung!“ Als sie endlich verstanden hat, worum es geht, ist Liza entsetzt.

„Mein Gott, was für eine Dummheit!“, hörte er sie mit einer unterdrückten, beleidigten Stimme sagen. „Was für eine Gemeinheit!“
Foma schien es, als sei jemand unbemerkt an ihn herangetreten und habe ihm den Mund so fest zugepresst, dass das Herz in seiner Brust stehen blieb und der Atem stockte.
„Schämen Sie sich denn nicht, Foma!“, hörte er ihre empörte, leise Stimme. „Das ist doch schrecklich! Das ist doch dumm – verstehen Sie das denn nicht? Ach, wie hässlich das ist, wie hässlich!“
Ihm schien, dass das Mädchen in der Wand verschwindet, sich in den Porträts versteckt, ihr Gesicht wurde ebenso grau und tot wie die Gesichter auf den Fotografien neben und über ihr. Sie zerrte mit einer Hand an ihrem Zopf, mit der anderen stieß sie die Luft von sich fort und sagte, immer kleiner werdend, in leisem, aber scharfem Ton:
„Schämen Sie sich denn nicht, in mir nur eine Frau zu sehen?“
Foma breitete die Arme aus und murmelte: „Warum denn? Ich meine nicht die Frau, sondern überhaupt...uns, Sie und mich, als Menschen...“
„Was ist denn das für ein Umgang unter Genossen?“, fragte sie. „Wie soll ich Sie denn jetzt ansehen? Warum haben Sie mich so gekränkt, wofür?“



Der Schlussteil zeigt Foma wie betäubt auf dem Heimweg. Er begreift nichts: wieso war das eine Gemeinheit, wofür soll er sich schämen? Ist es denn wichtig, ob es um eine Frau geht oder einfach um einen Menschen? Er begegnet einem Leichenzug, ein Soldat wird beerdigt. Und ein Hündchen, das vergeblich Kontakt zu dem Trommler an der Spitze sucht, bringt noch einmal den Hund aus Fomas Erzählung vom Sonnenuntergang in Erinnerung, ein Symbol der Einsamkeit.

Revolution und Menschlichkeit

Auf den konkreten Fall bezogen, signalisiert dieses Ende das Scheitern des „Romantikers“ Foma Varaksin an seinen Hirngespinsten, die der Wirklichkeit nicht standhalten. Zugleich wird im Verhalten des Mädchens die mangelnde Tragfähigkeit der Motive sichtbar, die junge Menschen aus der Intelligenzija zu ihrem „Gang ins Volk“ und in die Revolution veranlassen.
Im weiteren historischen Kontext veranschaulicht der Fall das problematische Verhältnis von „Volk“ und „Intelligenzija“. Gorki hat dieses Verhältnis auch an anderer Stelle als Sujet einer unglücklichen Liebe gestaltet, besonders anrührend in dem Roman „Das Leben des Matvej Kozhemjakin“.
Als Entwurf für eine Fortsetzung des Romans „Die Mutter“, der in vielen Motiven der Erzählung gegenwärtig ist, lieferte das Werk gleichsam den Beweis dafür, dass die utopische Konzeption der „Mutter“, d.i. die sakralisierte Erzählung von der brüderlichen Gemeinschaft der Revolutionäre den Autor selbst nicht mehr überzeugte. Mit der Rückkehr in die realistische Tradition der klassischen Prosa war ein nüchterner Blick auf die Dinge gefordert, den Gorki mit seinen physio-psychologischen Porträts, mit der Sprache der Figuren und einer großen Portion Ironie (einer passend zum Thema ‚romantischen‘ Ironie) eindrucksvoll unter Beweis stellt. Das Ideal der brüderlichen Vereinigung der Menschen im Geist Dostojewskis erscheint in der Ideologie der revolutionären Bewegung als Häresie oder einfach als dummes Zeug. Dasselbe gilt für die Probleme des Individuums: Einsamkeit, Sehnsucht nach Liebe, nach Freiheit und Selbstausdruck. Revolution und Menschlichkeit scheinen sich, entgegen den deklarierten Zielen, nicht zu vertragen. In der Reaktion Lizas auf den Heiratsantrag kommt auch die Prüderie in der revolutionären Moral zum Vorschein. Jeder Bezug auf die Weiblichkeit, sei es auch wie hier in einer fast kindlichen Liebeserklärung ohne jede Anzüglichkeit, wird als Versuch gewertet, die Frau zu einem Sexualobjekt herabzuwürdigen. Eine unauslöschliche Schande für die brave Revolutionärin. Zugleich kommt in Lizas Protest der gänzliche Mangel an Verständnis für diesen Menschen und an Mitgefühl mit ihm zum Vorschein.

Was hat es mit der „Romantik“ im Titel auf sich? Es ist gewiss nicht die „sozialistische Romantik“ als Teil der Doktrin des sozialistischen Realismus, die sich auf die antizipatorische Abbildung der „lichten Zukunft“ in der Literatur bezieht. Im Roman „Die Mutter“ könnte man von einer solchen sozialistisch-utopischen Romantik sprechen, nicht aber im „Romantiker“. Dort geht es um die alte, im Parteijargon „reaktionäre“ Romantik, die im wesentlichen der umgangssprachlichen Bedeutung des Wortes entspricht. Foma Varaksin ist ein weltfremder Träumer mit einem fast kindlichen Gemüt, ein Mensch des Herzens, nicht des Verstandes; seine Vorstellungswelt ist von religiösen Bildern und Mythen bestimmt. Er verkörpert zugleich ein Individuum, das sich den Zwängen der Gesellschaft widersetzt. Obwohl sein Charakter wie eine Verkörperung der Güte und Friedfertigkeit erscheint, wirkt er doch als ein Querkopf und Störenfried. Die einzige Erwähnung des Titelbegriffs im Text – „Sie sind ja ein Romantiker!“ – ist deutlich missbilligend intoniert. Den gleichen Vorwurf, allerdings wesentlich schärfer formuliert, hat Lenin gegen Gorki erhoben. In der Tat hat sich Gorki mit diesem proletarischen Myschkin und ähnlichen Gestalten selbst als ein „Romantiker“ erwiesen, der die Revolution mit den elementaren Bedürfnissen des Menschen, vor allem seinen geistigen, religiösen und künstlerischen Bestrebungen, in Einklang zu bringen versuchte.

Gorki – ein großer Erzähler

Das fehlende Verständnis für den Einzelmenschen und seine Probleme thematisiert Gorki auch in der Erzählung „Die Mordwinin“ (1911). Sie zeigt den Schlosser Makov, einen nüchternen und ehrlich bemühten Aktivisten der Partei, in einem zermürbenden Konflikt zwischen der Partei (den „Genossen“) und seiner Ehefrau, die ihn wegen seiner Parteiarbeit hasst. Makov flüchtet vor diesem Konflikt in eine Liebesbeziehug mit der Titelheldin, die ihn tröstet und schließlich verlässt, um ihm seine ausweglose Situation zu erleichtern. Die Mordwinin, die übrigens auch Liza heißt, ist als eine Verkörperung der christlichen Barmherzigkeit gezeigt. Auch ihre Beziehung zur revolutionären Bewegung drückt sich in christlich-religiösen Vorstellungen aus: die Aktivisten der Abeiterbewegung sind für sie heilige Märtyrer, für die sie betet.

„Der Romantiker“ und „Die Mordwinin“ sind aber mehr als nur Zeugnisse von den ideologischen Differenzen zwischen dem Schriftsteller und der Partei. Sie gehören zu den Texten, auf die man verweisen kann, wenn wieder einmal von der generellen Schwäche des künstlerischen Werks Gorkis die Rede ist, das angeblich hinter der Bedeutung seines Lebens zurücksteht. Für den Dramatiker Gorki kann diese Ansicht längst als widerlegt gelten, aber auch die Liste der Werke, in denen sich das Talent eines großen Erzählers zu erkennen gibt, ist lang, beginnend mit „Tschelkasch“ und endend mit „Klim Samgin“. Das Erzählwerk der zwanziger Jahre, das viele bemerkenswerte Neuerungen in Thema und Stil aufweist, ist bisher in seiner Bedeutung kaum gewürdigt. Natürlich gibt es in den 25 Bänden des künstlerischen Werks auch schwache Arbeiten, aber bei wem unter den Klassikern gäbe es die nicht? Auch innerhalb einzelner Werke kann man Mängel entdecken, hier im „Romantiker“ ist das beispielsweise der Gefühlsüberschwang und das fast zwanghafte Mitteilungsbedürfnis, Eigenschaften, die der Autor bisweilen mit seinem Helden zu teilen scheint. Aber das gehört zur Natur dieses Schriftstellers, und es wird aufgewogen durch die Vorzüge dieser Prosa, vor allem durch Gorkis Fähigkeit, die schwerfälligen Denkmechanismen seiner Protagonisten abzubilden, sie „philosophieren“ zu lassen in einer Sprache, die für die Zwecke der Schulphilosophie gänzlich ungeeignet ist; und auch durch die Plastizität des Erzählens; seine Personen erscheinen in allen Merkmalen (äußere Erscheinung, Mimik, Gestik, Stimme, Gang usw.) als unverwechselbare Individuen.

Das Urteil über die Schwäche des Künstlers hat, wie alle Urteile über Gorki, auch eine politische Dimension, es zielt auf den „Sturmvogel“ und den Begründer des sozialistischen Realismus. Wer so eng mit dem revolutionären Kampf, der Partei und schließlich mit dem Stalin-Regime verbündet war, kann kein bedeutender Künstler sein. Ein Irrtum, wie sowohl das Werk als auch die Lebensgeschichte Gorkis beweisen.


Die Qualitätsmerkmale des Künstlers Gorki behandeln viele Einträge in diesem Blog, insbesondere die folgenden

Neugier
VERRAT – Gorki über eine Krankheit des 20. Jahrhunderts
Unruhestifter (Ozorniki)
Ein großes Buch – „Das Leben des Klim Samgin“
Über „Seltsamkeiten“ und den „echten Künstler“ – Pavel Basinskij über Maksim Gorki


Übersetzungen vom Verfasser. Die deutsche Übersetzung der Erzählungen „Der Romantiker“ und „Die Mordwinin“ in der Ausgabe: Maxim Gorki, Der Romantiker und andere Erzählungen, Berlin: Aufbau-Verlag 1962. Dazu eine Reihe älterer Ausgaben.

Kategorie: Russland und die Russen

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Für Kommentare nutzen Sie bitte das KONTAKTFORMULAR.

Неизвестный ГорькийMaxim Gorki

netceleration!

Seitenanfang