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„Erstklassige Diktatur“ gegen „mittelmäßige Freiheit“ : Streit um die sowjetische Vergangenheit

Sonntag, 11. Dezember 2011, 13:20:48 | Armin Knigge

„Erstklassige Diktatur“ gegen „mittelmäßige Freiheit“ : Streit um die sowjetische Vergangenheit

In russischer Sprache hier.

Die sowjetische „erstklassige Diktatur“ und die postsowjetische „mittelmäßige Freiheit“ – welche von beiden ist „besser“? Über diese anscheinend absurde Frage geht ein Streit zwischen zwei namhaften Vertretern des gegenwärtigen Kulturlebens in Russland, die beide der liberalen, oppositionell eingestellten Intelligenzija angehören. Der Kulturologe Michail Epshtejn (Epstein) hat in der „Nezavisimaja gazeta“ (27. Oktober 2011) dem in Russland prominenten Schriftsteller Dmitrij Bykov eine eigentümliche „Blindheit“ in Bezug auf die sowjetische Vergangenheit vorgeworfen. Bykov sei von der Geisteshaltung der „Totalgie“, d.h. der Sehnsucht nach „Totalität“ und „Totalitarismus“ angesteckt, die sich in der russischen Gesellschaft ausbreite. Bykov antwortete auf diese Kritik in der „Novaja gazeta“ (1. November 2011) unter der Überschrift „Die große und die kleine Pest“.
Ich stieß auf diese Diskussion während der Arbeit an dem vorhergehenden Eintrag auf diesem Blog über den Roman „Das Phönixsyndrom“ von Aleksandr Slapowskis und war überrascht über die Nähe der Thematik. In beiden Fällen geht es um die Unterschiedlichkeit des „Maßstabs“, d.h. der Größe oder Dimension der genannten historischen Phänomene. In dem Roman Slapowskijs werden die großen „Heldentaten“ als Ideal der Sowjetzeit der „kleinen“, bescheidenen Arbeit gewöhnlicher Menschen an der Gestaltung einer besseren Welt gegenübergestellt, wobei der Autor erkennbar für die „kleinen“ Taten Partei nimmt. In der aktuellen Diskussion geht es ebenfalls um diesen Unterschied des „Maßstabs“, aber der Streit wird nicht zugunsten der einen oder anderen Position entschieden. Die Opponenten beharren kompromisslos auf ihren Standpunkten und scheuen dabei nicht vor polemischer Rhetorik zurück.
Nicht zufällig wird auf der Seite der „großen“ sowjetischen Vergangenheit in beiden Fällen Maxim Gorki angeführt. In Slapowskijs Buch ist Gorkis „Lied vom Falken“ mit seinen Idealen des Wagemuts und des Kampfes Ausgangspunkt der Diskussion, in Bykovs Artikel wird der „Falke“ in einer Definition der herrschenden Ideologie im gegenwärtigen Russland in Erinnerung gebracht. Der Antisowjetismus diene gegenwärtig vor allem der Rechtfertigung der bestehenden Verhältnisse, erklärt Bykov, er sei nichts anderes als die „feige Apologie der Gemütlichkeit im Sumpf“. – Ungeachtet eines gewissen Anteils an Koketterie und Versteckspiel geht es in dieser Debatte um ernste Angelegenheiten. Sie zeugt davon, dass die sowjetische Vergangenheit weiter eine offene Wunde ist.
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„Totalgie“ (total’gija) – mit dieser Kontamination aus „Totalität“ und „Nostalgie“ charakterisiert Epshtejn eine im heutigen Russland verbreitete Geisteshaltung, die Sehnsucht nach Totalität, einer totalitären Ordnung und in diesem Zusammenhang nach der sowjetischen Vergangenheit. Eine solche Gestimmtheit kann zum Beispiel durch den „staubig-synthetischen Geruch“ eines Pionierhalstuchs wachgerufen werden oder auch durch den Anblick einer mit Orden geschmückten Zeitung, aber sie umfasst auch weniger harmlose Gedanken wie die „Vertikale der Macht“, die „Achse Führer-Volk“, und sie kulminiert nicht selten in Träumen von der totalitären Zukunft eines faschistischen oder „eurasischen“ Russlands. Träger solcher Stimmungen ist gewöhnlich das Massenpublikum, etwa die Zuschauer von populären TV-Serien zu Themen der sowjetischen Vergangenheit. Aber in letzter Zeit habe die Totalgie auch geistig anspruchsvollere Persönlichkeiten erfasst, meint Epshtejn beobachtet zu haben, zum Beispiel den „vernünftig denkenden und geistvollen Dmitrij Bykov“. Wie viele andere, so sei auch er von der Vielseitigkeit Bykovs, von seinem „Glanz in Vers und Prosa“ begeistert, versichert Epshtejn, und er sei auch mit seinen Ansichten einverstanden, jedenfalls zu 90 Prozent. „Aber sobald die Rede auf die UdSSR kommt, überrascht ein seltsamer blinder Fleck in diesem hellen und glänzenden Geist“.

Leser, die Bykov kennen, und sei es auch nur in allgemeiner Form, werden sich über dieses Urteil wundern. Denn dieser Dichter und Prosaiker, in Deutschland so gut wie unbekannt, ist in Russland jedermann als einer der schärfsten und witzigsten Kritiker der Regierung und als ein ‚Mensch der Medien‘ geläufig. Er schreibt Kolumnen (in Versen!) in der „Novaja gazeta“ und macht sich gemeinsam mit dem Schauspieler Efremov über die PR-Aktionen des „Tandems“ lustig (etwa Auftritte beim Badminton oder auf dem Mähdrescher bei der Maisernte). Er hat eine preisgekrönte Biografie über Pasternak und eine Reihe von Romanen geschrieben, die überwiegend mit der sowjetischen Vergangenheit zu tun haben. Der letzte in der Reihe, „Ostromov oder der Zauberlehrling“ (2010), handelt von einem (historisch dokumentierten) Kreis von Menschen, die sich in Leningrad um die Mitte der zwanziger Jahre einer seltsam anachronistischen Leidenschaft verschrieben hatten, dem Freimaurertum und dem Okkultismus. Aber wenn es hier, wie immer bei Bykov, auch Züge der Komik und Groteske gibt, so ist das Ende dieser Gruppe von allen Schrecken des Totalitarismus begleitet und alles andere als nostalgisch verklärt. Und diesen Bykov soll man sich als einen Nostalgiker bezüglich der sowjetischen Vergangenheit vorstellen, wie er auf diesem Blog zum Beispiel in Gestalt des Schriftstellers Jurij Poljakov mit seinem Roman „Der Gipstrompeter“ vertreten ist? Oder in der Gesellschaft der Zuschauer der TV-Serie „Alte Geschichten von der Hauptsache“ im Ersten Kanal? Hier scheint es ein Missverständnis zu geben oder – entgegen den Versicherungen Epshtejns – doch ein polemisches Scharmützel mit dem prominenten Gesinnungsgenossen. Bykov hat seinem Opponenten ebenfalls seine Hochachtung ausgesprochen, bei der Verteidigung seiner eigenen Position aber auch nicht mit Polemik gespart. Der Streit zwischen zwei linksliberalen Zeitgenossen zeigt deutlich: die sowjetische Vergangenheit bleibt ein heißes Eisen.

„Gute Socken“ gegen „Ideale“

Als Beleg für die sympathisierende Beziehung des Schriftstellers zu der sowjetischen Vergangenheit führt Epshtejn eine Äußerung Bykovs in einem Interview mit der Zeitung „Argumenty i fakty“ an: „Eine Kritik an der UdSSR, die von dem Argument ausgeht, dass es dort Engpässe bei Wurst und Herrensocken gab, ist eine Geschmacklosigkeit ersten Ranges. Ich würde es vorziehen, in einem Land zu leben, in dem es ein Ziel, einen Sinn, Ideale gibt. Für mich ist das wichtiger als gute Socken. Ja, die Sowjetunion war ein riesiges Loch in vielerlei Hinsicht, aber durch dieses Loch wehte die Zukunft“. Aus dem Munde eines Menschen wie Bykov können diese Worte in der Tat schockieren. Soll das heißen, dass der Autor sich anstelle des putinschen Russlands das Russland Breschnews oder gar Stalins wünscht und dass er es „vorziehen“ würde, dort zu leben? Und von welchem „Ziel“ und welchen „Idealen“ ist die Rede, von den Idealen des Totalitarismus?

Dem Schriftsteller Bykov solche Meinungen zuzuschreiben, wäre, gelinde gesagt, seltsam und wenig überzeugend. Zusammen mit anderen Auftritten Bykovs zu diesem Thema enthält diese Aussage eine hinreichend klare und ‚typische‘ Erklärung für die wirklichen Ansichten des Autors. Die Hauptsache ist für ihn der „Maßstab“, die Gegenüberstellung von „Großem“ und „Kleinem“, Hochwertigkeit und Nichtigkeit. Im gegebenen Fall wird die Abgeschmacktheit der „Socken“ dem großen historischen Projekt gegenübergestellt, das der sowjetische Kommunismus, jedenfalls in seinem Ursprung, trotz allem war. Bykov weiß natürlich sehr gut, dass die UdSSR in erster Linie nicht wegen des Mangels an Wurst und Socken verurteilt wird, sondern wegen des großen Terrors. Aber wählt dieses banale Argument, um die Nichtswürdigkeit der postsowjetischen Gesellschaft und ihres Hauptwerts, des Konsums, zu charakterisieren. Über die reale Sowjetunion und die abscheulichen Resultate dieses historischen Projekts ist damit noch nichts gesagt, am allerwenigsten enthält die zitierte Aussage eine moralische Rechtfertigung des Terrors.

Epshtejn ist anderer Meinung, er versteht die zitierte Äußerung so, dass Bykov dem Gesamtbild des Lebens in der Sowjetunion eine Höherwertigkeit gegenüber dem Leben in der postsowjetischen Gesellschaft zuspricht, und das empört ihn: „Ja, ist denn etwa die Wurst die Hauptsache? ... Es geht doch darum, dass wir in einem Glaskolben lebten, aus dem man alles Menschliche herausgedampft und nur die Trockenmasse als Pulver für die Eroberung der Welt übrig gelassen hatte. Ja, bei Mangel an Wurst gab es Ideale im Überfluss. Aber was für welche? Den Menschen minimieren zu einem Anhängsel der Partei- und Sicherheitsorgane. Der Einzelne – eine Null, der Einzelne – Unsinn...“ Weiter nennt der Verfasser in dieser Liste der „Ideale“ unter anderen „allgemeine Bespitzelung“, „Feinde des Volkes“, „Klassenkampf“, „Entkulakisierung“ und „ein Pol-Pot-Regime in grandiosem Maßstab“. Alles das (mit Ausnahme Pol Pots) hat es wirklich gegeben, aber muss man das einem Künstler wie Bykov erklären? Zudem weist diese Aufzählung der „Ideale“ eben jenen Stil der Stereotypie und Klischeehaftigkeit auf, den Bykov an den Texten des offiziellen Antisowjetismus kritisiert.
Auf die gleiche Weise werden in Epshtejns Artikel auch die „guten Prinzipien“ behandelt, die Bykov dem sowjetischen Regime zugesteht, insbesondere die „Blüte der Kultur und Literatur“ und die „aufklärerisch-schöpferischen Errungenschaften“ des Sowjetregimes. Nicht ohne Ironie lädt der Verfasser die Leser ein, sich einmal das Schicksal Dmitrij Bykovs vorzustellen, wäre er einige Jahrzehnte früher geboren. Kein einziger seiner Romane wäre gedruckt worden. Für „antisowjetische Tätigkeit“ (antisovetschina, die es also doch bei Bykov gibt!) wäre er für mindestens 15 Jahre nach Mordovien ins Lager geschickt worden.

„Wichtig ist nicht der Vektor, sondern der Maßstab“

„Warum also ein solches Regime loben“, „wozu dieser rhetorische Selbstmord“, fragt Epshtejn und führt eine Erklärung Bykovs selbst an: „Ja, die Sowjetmacht hat abscheuliche Dinge getan, aber dabei hat sie immer sehr richtige Worte ausgesprochen, und diese richtigen Worte haben einige Generationen erzogen, die nicht schlecht waren. Ich habe lange über die Frage nachgedacht, warum das so ist, und bin zu dem Schluss gekommen: wichtig ist nicht der Vektor, sondern der Maßstab. Die sowjetische Diktatur war eine erstklassige, die heutige Freiheit ist dagegen eine zweitklassige, eine sehr mittelmäßige Freiheit.“
Man muss es Epshtejn lassen, dieses Zitat ist geschickt gewählt. Denn es erklärt einerseits die Position Bykovs, zeigt aber andererseits auch die paradoxalen und angreifbaren Seiten seiner Argumentation. Der Hinweis auf die Generationen, die „nicht schlecht“ waren, macht deutlich, dass sich der Begriff der sowjetischen Vergangenheit bei Bykov nicht auf die Machtorgane und ihre Politik reduzieren lässt, sondern immer die geistige Opposition einschließt, die diese „erstklassige Diktatur“ unwillentlich hervorgebracht hat. Die sowjetische Vergangenheit, das ist nicht allein die Zeit der Generalsekretäre und der Staatssicherheitsorgane, es ist auch die Zeit Bulgakows, Platonovs, Pasternaks, Solschenizyns, Schalamows, Grossmans. Wie weit allerdings die Genannten von den „richtigen Worten“ der sowjetischen Propaganda erzogen worden sind (man könnte dabei an Begriffe wie Sozialismus, Wahrheit und Gerechtigkeit, Treue u.a. denken) – bleibt natürlich eine strittige Frage. Epshtejn bemerkt mit Recht: „Nein, richtige Worte für sich allein erziehen nicht, wohl aber das Auseinanderfallen von richtigen Worten und abscheulichen Taten“. Und die Resultate einer solchen Erziehung können nichts anderes sein als Heuchelei, Apathie und Zynismus. Man kann dem hinzufügen, dass das wie selbstverständliche Nebeneinanderstellen von wahren Worten und abscheulichen Taten bei einem professionellen Schriftsteller zumindest erklärungsbedürftig erscheint.
Besser verständlich, wenn auch nicht weniger strittig, erscheint die These „Wichtig ist nicht der Vektor, sondern der Maßstab“ (Epshtejn hat sie als Überschrift für seinen Artikel gewählt).. Der Vektor, das ist in diesem Zusammenhang die Qualität der behandelten Erscheinung, eingeschlossen moralische Bewertungen wie Gut und Böse, im Unterschied zum Maßstab, der sich auf den Begriff des Schönen in der Philosophie Hegels bezieht. In seiner Antwort auf Epshtejn erklärt Bykov diesen Gedanken. Im Hegelschen Sinne schön ist ein Gegenstand dann, wenn er die Idee dieses Gegenstandes in der vollständigsten Weise verkörpert. In diesem Sinne war die Sowjetmacht sozusagen eine ideale, musterhafte Diktatur. „Wenn das ein Lob ist, so nur ein rein phänomenologisches“, erklärt der Schriftsteller. Das ist, versteht sich, im vollen Bewusstsein des Skandalösen in einer solchen Äußerung gesagt. Hier erlaubt sich ein extravaganter Künstler in einer so schwerwiegenden Frage ein rein ästhetisches Urteil ohne jede Moral. Es überrascht daher nicht, dass eben diese methodische Grundlage der Urteile Bykovs die Empörung seines Opponenten über dieses „Sich-Delektieren an grellfarbigen Übeltaten in kosmischem Maßstab“ hervorgerufen hat. Als Parallele zu einem solchen „exaltierten Superman-Katastrophismus“ führt Epshtejn den Auftritt des deutschen Komponisten Karlheinz Stockhausen wenige Tage nach dem Terrorakt vom 11. September 2001 in New York an. In einem Pressegespräch hatte Stockhausen erklärt: „Was dort vor sich gegangen ist, war ein Kunstwerk größten Ausmaßes. Diese Leute haben in einem einzigen Akt das vollbracht, wovon wir in der Musik nur träumen können“.

Die Gleichsetzung dieser in der Tat skandalösen Äußerung mit den Auftritten Bykovs zum Problem der sowjetischen Vergangenheit darf man der Kategorie grobe Polemik zurechnen. Überzeugender erscheint Epshtejns Hinweis auf Boris Pasternak, den Helden der von Bykov verfassten Biographie, der dem Autor geistig nahe steht. Pasternak war, wie bekannt, einer der ersten Dichter, die Stalin aus vollem Herzen Lob gespendet haben. In dem Gedicht „Der Künstler“ (1936) figuriert Stalin in der Gegenüberstellung mit dem Künstler des Wortes als der Künstler der Tat, und er wird, seinem „Maßstab“ entsprechend, als „Gigant“ gekennzeichnet („die Tat, groß wie die Weltkugel“). Bykov hat sich nach Meinung Epshtejns bei Pasternak mit der Krankheit der „ästhetischen Totalgie“ infiziert, der „platonisch-wagnerischen Utopie vom Staat als Gesamtkunstwerk“. Pasternak mag man diesen Fehler verzeihen, meint der Verfasser. Er durfte noch auf eine Besänftigung der Dikatur hoffen. Den „Totalgisten“ unserer Tage stehe ein solches Recht nicht zu.

Der Vorwurf einer gewissen Ästhetisierung des historischen Problems an die Adresse Bykovs ist sicher nicht unberechtigt (obwohl man dessen Sichtweise auch mit der Freiheit der Kunst rechtfertigen könnte). Ungerecht ist aber die Beschuldigung der „Totalgie“ im Sinne der Sehnsucht nach einem starken Staat. Die Überschrift des Antwortartikels Bykovs in der „Novaja gazeta“ lautet „Die große und die kleine Pest“ (Chuma i chumka), und sie macht deutlich, dass der Autor weder die sowjetische noch die postsowjetische Periode als eine Lebensweise betrachtet, die man den Menschen unserer Tage empfehlen könnte.

„Es lebe die Mittelmäßigkeit!“

Epshtejn selbst tritt als Verteidiger des gegenwärtigen Russlands auf, eine unbeliebte Position für einen Liberalen, aber der Verfasser sieht darin offenbar kein großes Problem: „Ist es denn nicht klar, dass die mittelmäßigste Freiheit unermeßlich besser als die erstklassigste Diktatur ist?“ Das Beste, was es in der Geschichte des totalitären Staates gegeben habe, sei gerade der Wechsel des Maßstabs, der Übergang von der erstkassigen zur mittelmäßigen Diktatur. Von Stalin zu Breschnew, und weiter zu Putin: „Es lebe die Mittelmäßigkeit!“ Nein, antwortet ihm Bykov: „Die Diktatur der Nichtigkeit, die Allmacht derjenigen, die die Mittelmäßigkeit hochleben lassen, führt zu moralischen Verfall“.
Zu den Thesen Bykovs, die bei aller polemischen Zuspitzung ernsthafte Beachtung verdienen, gehört seine Meinung über die affirmative Funktion des Antisowjetismus im heutigen Russland. Die pauschale Verurteilung alles „Sowjetischen“ findet man nach seiner Beobachtung nicht nur bei den liberalen Intellektuellen, sondern auch bei regierungsnahen Politikern und Organisationen wie dem Jugendverband „Die Unsrigen“ (Nashi). „Die antisowjetische Rhetorik“, erklärt Bykov, „ist ein außerordentlich bequemes Argument für alles, was gegenwärtig geschieht; noch bequemer ist nur der Antifaschismus. ‚Wenn nicht wir – dann die Skinheads (GULAG)‘ “. Jeder Versuch, die sowjetische Vergangenheit zu verteidigen oder sie auch nur in einem etwas anderen Licht erscheinen zu lassen, wird mit solchen Argumenten quasi unter Verbot gestellt. Hinzu kommt, dass viele ehemalige Sowjetbürger solche ungewöhnlichen Erinnerungen als Bedrohung für ihr Selbstverständnis empfinden. Solange sie die sowjetische Vergangenheit nur als ein Unrechtsregime betrachten können, in dem sie nichts anderes als die Rolle von schuldlosen Opfern gespielt haben, lässt sich diese Vergangenheit leichter vergessen. Bykovs Sichtweise beschwört diese Vergangenheit als eine Zeit, in der es zugleich mit dem Terror und durch ihn hervorgerufen im Leben des Einzelnen auch große Momente und persönliche Siege im Kampf mit der Diktatur gab. Und solche Erinnerungen sind vielen von ihnen unangenehm, erklärt Bykov: „Der Mensch hat es nicht gern, an seine frühere Größe und seine heutige offensichtliche Degradation erinnert zu werden“. Der Schriftsteller weiß, dass er für solche Ansichten des Stalinismus bezichtigt werden wird, begegnet diesem Vorwurf aber mit Gelassenheit. Unter der Maske des „Antistalinismus“ verbirgt sich nach seiner Ansicht nur die „feige Apologie der Gemütlichkeit im Sumpf“ – eine Formulierung, die deutlich auf die Metaphorik in Gorkis „Lied vom Falken“ Bezug nimmt.

„Was Bykov sagt, ist mir unbegreiflich“

Aus dem Echo auf Epshtejns Artikel und Bykovs Antwort führe ich exemplarisch drei Stimmen an (die Diskussion setzt sich möglicherweise noch fort). Keiner dieser Autoren versucht eine Verteidigung Bykovs, im Gegenteil, der polemische Ton verschärft sich. Das spricht dafür, dass sich Bykov allzu weit vom Mainstream der liberalen Ansichten entfernt hat. Charakteristisch ist das Geständnis des Publizisten Il’ja Mil’shtejn in der „Novaja gazeta“ („Die Pestbaracke, auf ewig geliebt“, 4. November 2011): „Mir sind die Gedanken verständlich, die der Autor der ‚Nezavisimaja‘ [Epshtejn] darlegt. Was Bykov sagt, ist mir unbegreiflich“. Mil’shtejn unterstützt den Einwand Epshtejns gegen Bykov, es gebe im gegenwärtigen Russland in Bezug auf die sowjetische Vergangenheit viel mehr Nostalgie als scharfe Kritik. Ferner widerspricht er Bykovs Meinung, dass die postsowjetische „Diktatur der Nichtigkeiten“ zu moralischem Verfall geführt habe. Er verweist dazu auf die Bedeutung der Perestrojka, in der die Macht und die Gesellschaft einen Prozess der „Vermenschlichung“ durchgemacht hätten. Das sei ein Zeichen dafür, dass „der russische Mensch dankbar auf das süße Wort ‚Freiheit‘ reagiert“.

Im Unterschied zu diesen relativ gemäßigten Einwänden zeichnet sich der Artikel der Führerin der Partei „Demokraticheskij sojuz“ Valerija Novodvorskaja (rusref.nm.ru, 14 November 2011) durch scharfe Polemik aus: „Dmitrij Bykov dient niemandem, er ist der freie Sohn des Äthers, ein großartiger Satiriker, aber das gänzliche Fehlen von Ideen und Seriosität macht ihn eher zu einem Hanswurst und einem Clown als zu dem Helden Nekrasovs, der ‚Liebe predigt mit dem Wort des Hasses‘“. Bykovs Verlangen nach dem großen Maßstab zeugt nach Ansicht der Verfasserin von der „Krankeit des Sowjetismus“, dem „chronischen Etatismus der russischen Elite“. Der Schriftsteller habe sich ins „Lager aller Apologeten der UdSSR und des Großen Russlands“ begeben. Unter seinen Gesinnungsgenossen nennt Novodvorskaja (in dieser Reihenfolge) Nikolaj I., die Bolschewiki, Michail Leont’ev, den patriotischen Filmemacher Nikita Michalkow, Putin sowie den Dichter und „Nationalbolschewiken“ Eduard Limonov. Novodvorskaja selbst träumt dagegen von Russland als einem „kleinen, bescheidenen, harmlosen Land“, verkleinert bis zu dem Format von Monaco oder Luxembourg. – Bykov im Lager der Putinverehrer und Russland im Kleinformat, beides vorgetragen in äußerst aggressivem Tonfall – dieser Beitrag zeigt, dass die politische Kultur auch bei den Liberalen in Russland noch in den Kinderschuhen steckt.
Feliks Shvedovskij (Grani.ru, 16. November 2011) schließt sich Novodvorskaja im wesentlichen an, kritisiert sie aber dafür, dass sie offenbar noch irgendwelche Hoffnungen auf das russische Volk setze. Denn dieses Volk, belehrt uns der Verfasser, existiere längst nicht mehr, es sei in der Kultur der anderen Völker aufgegangen, die es in seinem Imperium „versklavt“ habe. Nun sei es, analog zu den alten Römern, von diesen Völkern besiegt worden: “Nur wenn sie die Feuerprobe der Demut bestanden haben, werden die Russen auferstehen und sich die Heilige Rus‘ zurückholen“.
Es lohnt wohl kaum, im einzelnen zu analysieren, wer von den zitierten Autoren in welchen Punkten Recht oder Unrecht hat. Der Ausgangspunkt der Debatte verliert sich in einem Gewirr von unbewiesenen Behauptungen und gegenseitigen Beschuldigungen.

Deutschland und seine nazistische Vergangenheit – Vorbild für Russland?

Bykov zitiert in seiner Erwiderung auf den Artikel Epshtejns eine Äußerung aus Thomas Manns „Dr. Faustus“, die man als ein Lob für das Hitlerregime lesen könnte. Dank der Fähigkeit des Führers, Gefühle in extremer Weise zu „vereinfachen“, einen „tödlichen Hass“ hervorzurufen, habe sein Regime auch die mächtige antifaschistiche Bewegung hervorgebracht. In diesem Zusammenhang spricht Mann von einer „in sittlicher Beziehung wohltätigen Epoche“ [rückübersetzt, das Originalzitat liegt mir nicht vor]. Milshtejn zitiert im Gegenzug eine andere Äußerung Thomas Manns, die ein ganz anderes Bild der Naziherrschaft zeichnet. Der Schriftsteller spricht dort davon, dass man eigentlich alle Bücher, die in der Zeit des Nationalsozialismus gedruckt wurden, vernichten müsse, denn sie seien „untrennbar mit dem Geruch von Schande und Blut behaftet“ [auch hier Rückübersetzung, Quelle nicht genannt]. Zugleich gibt Mil‘shtejn zu bedenken, dass es ungerecht wäre, eine solche Forderung auch in Bezug auf die Sowjetliteratur zu erheben, in der „der Geruch des Blutes untrennbar ist von dem Geruch der Blumen, die den Asphalt durchdringen“. (Eben dies hat Bykov im Sinn, wenn er vom „Maßstab“ der sowjetischen Vergangenheit spricht.)
Weiter weist Milshtejn darauf hin, dass die Erfahrung Deutschlands mit seiner „erstklassigen Diktatur“ für die Russen eben deshalb von besonderem Interesse sei, weil dieses Kapitel dort „längst erforscht und verurteilt ist“. Die Generation der Väter habe sich daher in den Augen der Kinder nicht von ihrer braunen Vergangenheit reinwaschen können. Mil’shtejn vergisst allerdings auch nicht hinzuzufügen, dass die Analogie nicht ganz korrekt ist: „Die Deutschen sind besiegt worden, wir haben uns selbst besiegt“. Das Resultat könne man – „mit einem tiefen Seufzer“ – besichtigen, wenn man die gegenwärtige Gesellschaft Russlands mit der des gegenwärtigen Deutschlands vergleicht.

„Totalgie“ – es gibt sie auch in Deutschland

In der russischsprachigen Variante dieses Eintrags habe ich darauf hingewiesen, dass der gewissenhafte Blogger zu dieser schmeichelhaften Beurteilung einer „erstklassigen“ Vergangenheitsbewältigung in Deutschland aus aktuellem Anlass eine Korrektur anbringen muss. Gemeint ist natürlich die Mordserie der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“. Bekanntlich haben verantwortliche Beamte die Nichtentdeckung dieser Gruppe damit begründet, dass ein organisierter Terror ‚von rechts‘ für sie nicht im Bereich des Möglichen gelegen habe, während der Terror ‚von links‘ sorgfältig beobachtet und verfolgt wird.
Der Umstand, dass die Neonazis in den Ländern der ehemaligen DDR besonders erfolgreich agieren und damit auch der Boden für Terroraktionen dort besonders günstig ist, stellt eine weitere Verbindung zwischen den beiden Vergangenheitsdebatten in Russland und Deutschland her. Was hier vergleichbar und was unvergleichbar ist, will ich hier nicht erörtern. Eine Tatsache bleibt jedenfalls bestehen: „Totalgie“ gibt es auch in Deutschland.

Aufruf zur „erstklassigen Freiheit“

Man kann gegen Bykovs Thesen eine Reihe gewichtiger Einwände erheben, man kann ihm auch einen gewissen Mangel an Ernst im Umgang mit diesem ernsten Thema vorwerfen. Aber wenn es überhaupt gerechtfertigt erscheint, ihn dem „Lager aller Apologeten der UdSSR und des Großen Russland“ (V. Novodvorskaja) zuzurechnen, dann nimmt er dort einen Platz zwischen sämtlichen Stühlen ein, und eben darin besteht, wie mir scheint. sein Verdienst. Mit seinen absichtsvoll paradoxalen Thesen hat Bykov die angreifbaren Seiten des offiziellen Antisowjetismus zum Vorschein gebracht. Und er hat seine liberalen Gesinnungsgenossen genötigt, die ungeliebte „mittelmäßige Freiheit“ zu verteidigen. Sie haben dies in einer wenig überzeugenden Art getan. Aleksej Slapowskij, der Autor des Romans „Das Phönixsyndrom“, hat mit seiner Kritik der „Heldentaten“ sowjetischer Prägung und der Apologie der „gemächlichen und sorgfältigen Arbeit“ für eine bessere Welt ein eindrucksvolleres Plädoyer für die Freiheit geliefert. Bykov, der Verteidiger des großen Maßstabs, vertritt – auf seine Art nicht weniger pointiert und eindrucksvoll – die Gegenposition, so dass sich auf den Seiten dieses Blogs ein Gespräch pro et contra ergeben hat. Bykovs Plädoyer für eine Gesellschaftsform, in der Ziele und Ideale höher rangieren als „gute Socken“, mag simpel erscheinen, aber sie verdeutlicht Defizite in der gegenwärtigen russischen Kultur, die von Künstlern verstärkt wahrgenommen werden. Eine ähnliche Tendenz lässt sich in den Überlegungen des Philosophen Nikolaj Berdjaev über „Wahrheit und Lüge des Kommunismus“ beobachten, die in diesem Blog besprochen worden sind. Den „Maßstab“ bildete dort allerdings nicht ein säkularer bzw. ästhetischer Begriff der Größe, sondern das Christentum und die Freiheit der Persönlichkeit.
Nicht zuletzt erscheint hier der Hinweis auf die Nähe der Position Bykovs – pardon! - zu der „Romantik“ Maksim Gorkis angebracht. In seiner Gorki-Biographie hat der Schriftsteller vehement für die Aktualität der heute als hoffnungslos veraltet geltenden Lieder vom Falken und vom Sturmvogel gestritten. Es ist der – von aller Parteipolitik losgelöste – Freiheitsdrang in diesen Frühwerken Gorkis, der Bykov beeindruckt hat. Die provokative These von der Sowjetmacht als einer „erstklassigen Diktatur“ ist letztlich als der Ruf nach einer „erstklassigen Freiheit“ zu verstehen.

P.S. Auf dem großen Meeting der Opposition am 10. Dezember auf dem Bolotnaja-Platz in Moskau ist auch Dmitrij Bykov aufgetreten.

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Kategorie: Russland und die Russen

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