Blog > Eintrag: „Der unbekannte Gorki“ – Themen im Blog 2012

„Der unbekannte Gorki“ – Themen im Blog 2012

Freitag, 03. Februar 2012, 20:39:05 | Armin Knigge

„Der unbekannte Gorki“ – Themen im Blog 2012

Kieler Kanal, Ausgang in die Ostsee

In russischer Sprache hier.
Zu den vorhergehenden aktuellen Einträgen gelangen Sie über den Button BLOG links oben.

Was bringt uns das Neue Jahr? Nach der „globalen“ Behandlung dieser Frage im vorhergehenden Eintrag über das neue Russland auf dem Bolotnaja-Platz geht es an dieser Stelle um ein bescheideneres Anliegen des Blog-Verfassers, nämlich um die Einträge der nächsten Wochen und Monate auf diesem Blog. Sie existieren vorerst nur als Bücherstapel, Karteizettel mit Auszügen aus der Literatur und als Gedanken im Kopf des Verfassers. Hier eine Vorschau zu diesen Themen.




Fünf Jahre Gorki-Blog

Am 18. Juni 2011 waren fünf Jahre vergangen, seit diese winzige Insel im Meer des Internets namens „Der-unbekannte-Gorki“ erschienen ist. Der erste Eintrag war dem 70. Todestag des Schriftstellers (18.06.2006) gewidmet und brachte die Resultate russischer Forscher zu diesem ewigen Thema der Gorki-Literatur, den Umständen und Geheimnissen seines Todes. Das meiste davon war dem deutschen Publikum unbekannt, wie auch die ganze postsowjetische Diskussion über Gorki. Ein Jahr später, am 31. August 2007, kam die Version des Blogs in russischer Sprache dazu. Inhaltlich war der „neizvestnyj Gor’kij“ weitgehend mit dem deutschen identisch, jedoch mit einigen mehr russlandbezogenen Aspekten in der Darstellung versehen.
Aus dem geplanten Erfahrungsbericht eines Bloggers erwähne ich hier als Kostprobe zwei Bildungseinrichtungen, denen Einträge gewidmet sind. Beide tragen den Namen „Maxim-Gorki-Gymnasium“ und haben mit der ehemaligen DDR zu tun. Eines davon ist fiktiver Natur und bildet einen der Schauplätze in Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ (2008). Maxim Gorki figuriert dort in Form einer Büste vor dem Schulgebäude und im Innneren in Form eines Schaukastens mit Fotos und einem Aufruf an die sowjetische Jugend. Über den Schriftsteller Gorki erfahren die Schüler wenig, dafür entspricht aber die Erziehung unter den Bedingungen einer Diktatur sehr wohl dem Geist, den Gorki als Publizist in den dreißiger Jahren propagiert hat. Das andere Gorki-Gymnasium hat bis zu seiner kürzlichen Auflösung real existiert, nämlich in Heringsdorf auf Usedom, wo Gorki nach seiner Ausreise aus Sowjetrussland den Sommer des Jahres 1922 verbracht hat. Im Jahre 2008 gab es in dieser Schule einen handfesten Streit um den Namen der Einrichtung. Der Verfasser eines Beitrags in der Schülerzeitung hatte die Abschaffung des Namens gefordert und einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Die Begründung des Schülers lautete, der Schriftsteller Maxim Gorki sei ein Befürworter des Totalitarismus gewesen. Näheres dazu im nächsten Eintrag, dem weitere zum Thema „Fünf Jahre Gorki-Blog“ folgen sollen.


BÜCHER und LANGEWEILE – aus dem Gorki-Lexikon

Die Reihe der „Schlüsselbegriffe“ NEUGIER, UNRUHESTIFTER, VERRAT u.a. wird mit den Wörtern BÜCHER und LANGEWEILE ergänzt.
Wenn man ein graphisches Emblem für Gorki suchte und dabei den reichlich abgenutzen STURMVOGEL vermeiden wollte, käme sicherlich das BUCH auf einen der ersten Plätze. Gorki war ein Fanatiker des Buches und der Literatur. In einem Brief an Romain Rolland (15. Januar 1924) nennt er sich selbst „einen Menschen, der das Beste seines Wesens den Büchern verdankt und sie fast mehr liebt als die Menschen“. Das war gesagt im Zusammenhang mit einem Erlebnis, das ihn tief erschüttert hatte. In dem Land, wo er wenige Jahre zuvor das gigantische Werk einer Bücherserie „Die Weltliteratur“ (Mirovaja literatura) auf den Weg gebracht hatte, die dem Proletariat die Schätze dieser „Religion der Menschheit“ zugänglich machen sollte, hatten die Bolschewiki (genauer Lenins Frau Nadeschda Krupskaja) eine Liste „konterrevolutionärer“ Büchern herausgebracht, die aus den Bibliotheken entfernt werden sollten. Darunter die Werke von Platon, Kant, Nietzsche und Lev Tolstoj.
Dem jungen Aljoscha Peschkow ersetzten die Bücher all das, was seinen sozial besser gestellten Altersgenossen im Elternhaus, in der Schule und im Kreis von Freunden zuteil wurde. In krassem Widerspruch zu dem kleinbürgerlichen Lebensstil seiner Arbeitgeber zeigten sie dem Heranwachsenden ein „anderes Leben“ voller großer Gefühle und Heldentaten („Unter fremden Menschen“). Neben dem autobiographischen Helden gibt es in Gorkis Werk viele andere Bücherliebhaber und leidenschaftliche Leser. Die erste Begegnung des Analphabeten Konovalov mit dem „Wunder des Buches“ gehört zu den besten Beispielen der Prosa Gorkis.

Das Wort LANGEWEILE, russ. SKUKA, in Verbindung mit den Wörtern „toska“ (Sehnsucht, Trauer), „pustota“ (Leere), „unynie“ (Verzagtheit) u.a. ist den Freunden Russlands bekannt als eine rätselhafte Eigenschaft der nationalen Seele. Es bezeichnet einen Zustand der Niedergeschlagenheit, der Bedrücktheit, der Depression aus schwer verständlichen Gründen. Es ist ein Leiden an der Abwesenheit nicht nur der Lebensfreude, sondern überhaupt der Bereitschaft, am Leben teilzunehmen. Mit dem Aufhören der Bewegung im weitesten Sinne nähert sich dieser Zustand dem des Todes. In Gorkis Werk nimmt diese Erscheinung des inneren Lebens eines Menschens oft den Charakter einer objektiven Kraft an, die aus der Umgebung, der Natur, dem Wohnort, den Straßen usw. hervorgeht und ihn überwältigt. Das Leben der Kaufleute in Nizhnij Novgorod wird mit den Worten beschrieben: „Kalte, quälende Langeweile weht einem von überall her entgegen – von der mit schmutzigem Schnee bedeckten Erde, von den grauen Schneewehen auf den Dächern, vom Fleischrot der Ziegelbauten...; sie ist im Atem der Menschen, im Dampf, der von den Pferden ausgeht“(Unter fremden Menschen“). Die alles durchdringende Langeweile erscheint zugleich als Begründung für die abstoßenden Sitten, die in diesem Milieu herrschen. Die zitierte Stelle bezieht sich auf eine Szene, die auf den ersten Blick durchaus nicht langweilig erscheint. Einer der Kaufleute bietet Wetten an, dass sein Angestellter in zwei Stunden zehn Pfund Schinken vertilgen kann. Besonders beliebt sind Veranstaltungen, die einen Menschen bloßstellen, ihn erniedrigen. Aber das geschieht, wie der Erzähler feststellt, „nicht aus Bosheit, sondern nur aus Langeweile“ (ot skuki).

BÜCHER und LANGEWEILE beziehen sich auf weit voneinander entfernte semantische Felder. Manchmal sind sie aber auch als ein Gegensatzpaar direkt aufeinander bezogen. Die Erzählung „Das Buch“ ist auf diesem Gegensatz aufgebaut. Ein Band mit unbedeutenden Erzählungen wird zum Anlass einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den Bewohnern einer einsamen Bahnstation, es entbrennt ein Kampf um das Recht des Lesens, ein Kampf zwischen der Welt der Bücher und der Gegenwelt der Langeweile.


Panait Istrati und die Freunde Sowjetrusslands

In der Kategorie „Streit um Gorki“ ist ein Eintrag über ein dreiteiliges Werk des französischen Schriftstellers rumänischer Nationalität Panait Istrati vorgesehen, das Ende der zwanziger Jahre in verschiedenen Sprachen erschienen ist und bei den Freunden Sowjetrusslands in Westeuropa eine Welle er Empörung auslöste.
In der deutschen Ausgabe, erschienen 1930 bei Piper in München, die ich gerade lese, lauten die Überschriften: Drei Bücher über Sowjet-Rußland, I – Auf falscher Bahn, II – So geht es nicht!, III – Rußland nackt. Dieser Bericht über die Feierlichkeiten zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution und die Eindrücke von einer anschließenden Reise durch die Sowjetunion gehört in die Reihe der kritischen Reiseberichte, die von den Linksintellektuellen als skandalös und verleumderisch bewertet wurden, darunter als wohl bekanntester André Gides „Retour del‘ U.R.S.S.R.“ (1936). Istrati, der sich mit seinen Schilderungen sozialer Ugerechtigkeit in den Balkanländern einen Namen gemacht hatte, war seinen Überzeugungen nach Anarchist, aber auch ein leidenschaftlicher Verteidiger des Bolschewismus. Während seiner Russlandreise kam er zu der Überzeugung, dass die Revolution zu einer Beute der Bürokraten und Parteikarrieristen geworden war, und brachte diese Ansicht ohne jegliche diplomatische Zurückhaltung zum Ausdruck, wie in der folgenden Ansprache an die Vertreter der neuen herrschenden Klasse: „Gesindel! Gestern Gemäßigte, heute Fanatiker; gestern vom Marxismus faselnd, heute vom Lenininsmus – immer zeigst du das gleiche stupide Gesicht, erweist dich gleich verbohrt, krallst deine Klauen gleich tief in den Nacken der geknebelten Masse und sabotierst so das herrlichste Werk sozialer Gerechtigkeit“. Auch der Schriftsteller Maxim Gorki ist ein Gegenstand dieser Generalabrechnung mit dem sowjetischen Modell. Der zweite Band, zusammen mit Victor Serge geschrieben, enthält ein Kapitel „Die Tragödie Gorkis“. Für Gorki war dies eine äußerst unangenehme Angelegenheit, nicht zuletzt deshalb, weil zwei seiner Freunde im Westen, die Schriftsteller Romain Rolland und Stefan Zweig, von der Sache betroffen waren. Sie kannten Istrati persönlich, Rolland hatte ihn einmal als „balkanischen Gorki“ bezeichnet. Das Thema bietet ein anschauliches Beispiel für das widersprüchliche und unter moralischen Gesichtspunkten zweifelhafte Verhalten westeuropäischer Intellektueller in Bezug auf die Sowjetunion.


Über die „Grausamkeit des russischen Volkes“

In die Kategorie „Streit um Gorki“ gehört auch ein geplanter Eintrag über eines der bekanntesten und meist-zitierten publizistischen Werke Gorkis, das dennoch keinen Eingang in die Werkausgaben gefunden hat und sogar in den Zeiten der Perestrojka nicht neu herausgegeben wurde. Die Rede ist von dem Bändchen „Über das russische Bauerntum“ (O russkom krest’janstve), im Original 1922 in Berlin erschienen. Unter der Last der Eindrücke des Weltkriegs, der Revolution und des Bürgerkriegs hatte Gorki über die Gründe für die unfassbaren Greueltaten nachgedacht, die mit diesen Ereignissen einhergingen. Einen dieser Gründe fand er in dem Gefühl einer „besonderen, kaltblütigen Grausamkeit“, die dem russischen Bauerntum und damit dem „russischen Volk“ eigen sei. Nirgendwo sonst hat der Schriftsteller seiner lebenslangen Abneigung gegen den russischen Bauern als psychologischen Typus so hemmungslos Ausdruck verliehen wie in dieser Schrift. Eigene Beobachtungen und Zeugnisse anderer Zeitgenossen führten ihn zu dem Schluss, dass nicht die Bolschewiki und nicht die russische Intelligenzija, die er in diesem blutigen Drama eher als Opfer denn als Täter sehen wollte, sondern der hasserfüllteWiderstand der rückständigen Bauernmassen die Verantwortung für die geschehenen Grausamkeiten trage. Mit dieser Botschaft signalisierte Gorki den Bolschewiki, deren Politik er um diese Zeit scharf kritisierte, seine grundsätzliche Loyalität. Neben dem Mut, unbequeme Wahrheiten offen auszusprechen, zeigt dieser Auftritt auch die angreifbaren Seiten seines Verhaltens: seine in vielem ungerechte, verächtliche Beurteilung der gesamten ländlichen Bevölkerung und die mangelnde Sensibilität für die politischen Folgen, die solche Äußerungen aus seinem Munde haben konnten.


Das erste Jahrzehnt: Was ist mit der russischen Literatur geschehen?

In der Kategorie „Neue russische Literatur“ wartet das Material aus dem Band „Der neue Belkin“ (Novyj Belkin), 2011 erschienen, auf die Bearbeitung in einem Eintrag. Dort finden sich neben Texten der Finalisten und Nominierten des angesehenen „Belkin-Preises“ für herausragende Prosawerke auch sechs Beiträge von bekannten Literaturkritikern über die Literatur des ersten Jahrzehnts. In welchem Zustand befindet sich die traditionsreiche russische Literatur? Dass es in einer solchen Frage Meinungsgverschiedenheiten gibt, kann man als normal ansehen. Dennoch überraschen die scharfen Gegensätze der Literaturkritik in einigen grundsätzlichen Fragen. Einigkeit besteht nur in der Auffassung, dass die russische Literatur nicht nur im Vergleich mit den sowjetischen Zeiten eine nie dagewesene Vielfalt und Produktivität in allen Genres aufzuweisen hat und dass die Gemeinschaft der Schriftsteller, der professionellen wie der nichtprofessionellen, fortlaufend einen starken Zustrom erfährt. Uneinigkeit herrscht jedoch, wenn es um die Haupttendenzen der Entwicklung und ihre Bewertung geht.
„Das einundzwanzigste Jahrhundert der russischen Literatur hat noch nicht begonnen, - die Literatur schreibt das zwanzigste zuende“, erklärt Natal’ja Ivanova, die Koordinatorin des „Belkin-Preises“. Sie klagt über das Fehlen von Kriterien der „Meisterschaft“ bei Schriftstellern und Kritik und über die mangelnde Bereitschaft der Schriftsteller zur Erfindung und Lösung „rein literarischer Aufgaben“. Auf dem Gebiet der Poetik und Stilistik herrscht nach ihrer Ansicht überall „das Sowjetische“ und der „neue Realismus“. Letzterer zeuge nur von dem Mangel an Kreativität bei den Autoren und stehe dem Journalismus näher als der Kunst. Lev Danilkin, einer der einflussreichsten Kritiker, bestätigt in gewissem Sinne diesen Befund, bewertet die betreffenden Erscheinungen aber nicht als Mängel, sondern als Tugenden der neuen Literatur. Als wichtigsten Befund für den Zustand der Literatur hebt er mit Befriedigung hervor, dass die Literatur den Versuchungen der Marktwirtschaft widerstanden habe: die Literatur „beschäftigt sich nicht mit dem Design und der Dekoration des kapitalistischen Viehhofs“. Mit der gleichen Entschiedenheit begrüßt der Kritiker die Entstehung des „neuen vaterländischen Romans“, der den Experimenten des Postmodernismus entsagt habe und sich überwiegend dem „kollektiven Schicksal“ Russlands widme. Volle Zustimmung findet aus Danilkins Sicht auch der „neue Realismus“, der, „kompromittiert durch seine Kollaboration mit der kommunistischen Ideologie und dennoch exhumiert aus seinem verfallenen Grab“, zur „Hauptrichtung“ in der Literatur des letzten Jahrzehnts geworden sei.
Hier gibt es manches Interessante und viel Stoff zum Streiten.

Kategorie: Einführung

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Für Kommentare nutzen Sie bitte das KONTAKTFORMULAR.

Неизвестный ГорькийMaxim Gorki

netceleration!

Seitenanfang