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Fünf Jahre Gorki-Blog - Bericht und Inhaltsübersicht (Erster Teil)

Freitag, 17. Februar 2012, 23:57:33 | Armin Knigge

Fünf Jahre Gorki-Blog -  Bericht und Inhaltsübersicht (Erster Teil)

Zweimal Gorki - der "bunte Zivilist" und der "marmorne" Sowjetklassiker

Die Version in russischer Sprache hier.

Ein paar Worte aus diesem Anlass sind schon im vorhergehenden Eintrag, der Vorschau auf Themen des laufenden Jahres gesagt worden. Der erste Eintrag war auf den 70.Todestag Gorkis (18. Juni 2006) datiert, der erste der russischsprachigen Variante Neizvestnyj Gor’kij auf den 31.August 2007, dort ist das fünfte Jahr also erst im Sommer komplett.

Das Internet-Genre „Blog“ schien mir für meine Gorki-Seite besonders geeignet, weil es zu einem allein schreibenden Pensionär passt und weil es den etwas zwangloseren Gebrauch der ersten Person Singular erlaubt, der anderswo, etwa in der Wissenschaft oder im Journalismus, nicht erlaubt oder nicht üblich ist. Außerdem hat der Blog (korrekt eigentlich ‚das‘ Blog, ich passe mich dem vorherrschenden Gebrauch an) mit seiner Herkunft aus ‚Weblog‘ eine Bindung an den Kalender und bietet nicht zeitlos gültige Informationen, sondern Einträge mit Datum. So können die Einträge auch auf Ereignisse wie Jahreswechsel oder die aktuelle politische Situation Bezug nehmen. Mit einem persönlichen Tagebuch hat der Gorki- Blog, wie Sie wohl bemerkt haben, trotzdem nichts zu tun.
Dabei hat dieses Genre der „Bekenntniskultur“ (so tatsächlich in einem neuen Buch über Facebook) in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung erlebt, besonders im russischen Internet (runet). Das Jahr 2007 brachte den Durchbruch des amerikanischen Formats „LiveJournal“, russ. Zhivoj Zhurnal (ЖЖ). «698.000 schreiben auf russisch», verkündete ein Blogger namens 'peresedov', dessen Betrachtungen ich damals notiert habe: «Sind wir ein Land der Voyeuristen?» Im selben Eintrag war allerdings auch eine Bemerkung zu finden, für die ich 'peresedov' dankbar bin. Seine skeptischen Fragen bezogen sich nur auf diejenigen Blogger, die wirklich nichts anderes als das eigene Leben aufschreiben. Daneben gebe es «professionelle» und «publizistische» Blogs, und die seien zuweilen «ein echter Born von Informationen, die an anderen Orten schwer zu finden sind».


Besucher aus Deutschland und aus Russland

Ich darf sagen, dass eine großeZahl von Besuchern (oder Usern, wie man heute sagt), dem «Unbekannten Gorki» eine schmeichelhafte Beurteilung, ähnlich der zitierten, hat zukommen lassen: eine gute, sinnvolle Sache, die Sie da anbieten; interessante, manchmal überraschende Informationen; wirklich ein «unbekannter» Gorki u.ä. Das bezieht sich in erster Linie auf die Leser aus Deutschland, wo der Name Gorki im wesentlichen nur mit einigen Dramen verbunden wird («Nachtasyl», «Die Kleinbürger», «Sommergäste»). Die übrigen wichtigen Teile der Hinterlassenschaft dieser Schlüsselfigur des 20. Jahrhunderts – Gorkis Prosa und Publizistik, sein bewegtes Leben, sein Weg von Lenin zu Stalin – sind heute weitgehend vergessen. Nur bei den ehemaligen Bürgern der DDR ist die eine oder andere Erinnerung an Gorki geblieben, meist Erfahrungen mit einem eher negativen Beigeschmack. Es gab allerdings in der DDR auch eine kleine, abseits der staatlich organisierten Klassikerpflege angesiedelte Gemeinschaft von Gorki-Verehrern, besonders im Kreis der Spezialisten für russische Literatur. Der Gorki-Blog hat mir einen interessanten Meinungsaustausch mit einigen von ihnen gebracht.

In Russland ist der Name Gorkis – nicht zuletzt als ein Streitgegenstand – sehr viel lebendiger geblieben. Seine «Rückkehr» in die gegenwärtige russische Kultur nach der Phase der Deglorifizierung und polemischen Vernichtung in den 90-er Jahren zu verfolgen und zu dokumentieren, ist eine der Aufgaben des Blogs. Mit der Nutzung der Kommentar-Funktion sind die Besucher aus Russland allerdings sehr zurückhaltend. Kontakt mit ihnen hat sich bisher nur über einige wenige Korrespondenten ergeben. Hier mag die «ausländische» Herkunft des Blogs eine Rolle spielen. In den Suchsystemen des Runet hat der «Neizvestnyj Gorkij» jedenfalls seinen Platz gefunden. Kürzlich entdeckte ich meine Rezension über die Leonid Leonov gewidmete Biographie Zachar Prilepins in vollem Wortlaut auf der «offiziellen Seite»des bekannten Schriftstellers.

Es folgt eine Übersicht zum Inhalt des Blogs in den fünf Jahren seiner Existenz, aufgeteilt nach thematischen Komplexen, die nicht immer mit den auf dem Blog eingerichteten Kategorien (Einführung, Streit um Gorki, Gorki in unseren Tagen, Russland und die Russen u.a.) übereinstimmen. Der Bestand der Kategorien soll demnächst neu geordnet werden. Zur leichteren Orientierung sind Links zu den Einträgen in den Text eingefügt.


Auskunftsbüro: Alles über Gorki

Bevor ich zu der Inhaltsübersicht komme, möchte ich ein paar Worte über einen Sektor der Arbeit an diesem Blog sagen, der gewöhnlich keinen direkten Niederschlag in den Einträgen des Blogs findet und der mich auch nicht immer glücklich macht. Es handelt sich um eine bestimmte Art von Anfragen, hauptsächlich im deutschsprachigen Teil. Sie beginnen sinngemäß alle mit «Wo gibt es...?». In der Regel haben sie keinen Bezug zu den Themen des Blogs und sind direkt an den Autor in seiner Eigenschaft als «Experte» für Gorki gerichtet. Dem Besucher fehlt eine Information, und er hat die nicht ganz unbegründete Hoffnung, sie bei mir zu finden. Im Gorki-Blog muss «alles über Gorki» zur Verfügung stehen. Das heißt nicht, dass die gestellten Fragen sich immer auf seltene und schwer zu findende Informationen beziehen. Oft ließe sich das Problem durch einen Besuch in der nächsten Bibliothek, in einer Buchhandlung oder, natürlich, im Internet lösen. Wo bekommt man die autobiographische Trilogie Gorkis (ein Besuscher fragte auch nach der «Fortsetzung»)? Wo kann man den «Sturmvogel» in deutscher Übersetzung finden? Wo hat Gorki die bekannte Äußerung getan «Wenn der Feind sich nicht ergibt...»? Manchmal werden mir Zitate vorgelegt, die ungenau oder allem Anschein nach entstellt sind.
Aber es ist natürlich unangebracht und undankbar, über die Fragen der Besucher zu klagen. Nicht selten haben sie mich zu interessanten Informationen geführt. Ein Beispiel: ein Mitarbeiter des Hamburger Thalia-Theaters fragte im Zusammenhang mit der Inszenierung der «Kinder der Sonne» nach einer deutschen Übersetzung des Gorki-Artikels «Zwei Seelen». Es stellte sich heraus, dass die Übersetzung nur in einer nicht leicht zu beschaffenden Ausgabe aus dem Jahr 1922 verfügbar war. Das brachte mich auf die Idee, dieses oft zitierte und in der sowjetischen Zeit als «fehlerhaft» abgestempelte Werk über den russischen Nationalcharakter neu zu übersetzen und im Blog zur Verfügung zu stellen.
Gern geholfen habe ich, um ein anderes Beispiel zu nennen, einem Freiburger Bürger und persönlich interessierten "Lokalhistoriker", der auf der Suche nach Zeugnissen über den Aufenthalt Gorkis im Jahr 1923 in dem Freiburger Ortsteil Günterstal war. Ich konnte ihn auf ca. 100 Briefe Gorkis aus Günterstal hinweisen, die im 2009 erschienenen 14. Band der großen Briefausgabe enthalten sind, viele davon erstmals veröffentlicht. Mit der Hilfe von Slavistik-Studenten als Übersetzer kam so eine interessante Episode der Stadtgeschichte zur Veröffentlichung.
Die originellste unter den Anfragen an den Gorki-Experten lautete: wie könnte ein Gorki gewidmeter Füllfederhalter aussehen? Gestellt wurde sie von dem Designer eines bekannten Herstellers von Schreibgeräten, der jährlich ein exklusives Modell für Literaturliebhaber herausbringt. Aus der russischen Klassik war schon Dostoevskij mit einem schwarzen Füller vertreten, der mit goldenen Beschlägen und den «typischen russischen Rauten» geschmückt ist. Der Besucher fragte nun nach typischen Farben, Gegenständen, Häusern u.a. für das Gorki-Modell. Das brachte mich in Verlegenheit. Wenn man z.B. den berühmten Sturmvogel abbilden wollte, wie könnte man dann eine Verwechslung mit der Möwe vermeiden, die unbestreitbar Tschechow gehört? Dass Gorkis Haus in Moskau, die Villa des Millionärs Rjabuschinskij, nicht ganz gorki-typisch ist, hatte der Besucher schon selbst festgestellt. Ich bin gespannt auf das Ergebnis, von dem ich hoffentlich erfahre (was leider in solchen Fällen nicht die Regel ist).
Zu erwähnen bleiben noch die Besucher des Blogs aus rein kommerziellen Beweggründen. Unternehmen, die auf die «Optimierung» von Webseiten und das Heranziehen potentieller Kunden «für Ihr Business» spezialisert sind, bieten ihre Dienste an. In diesem Bereich überwiegen übrigens, anders als bei den an Gorki interessierten, die Besucher aus Russland. Im russischsprachigen Teil nutzen sie ungeniert die Kommentarfunktion zu den einzelnen Einträgen, um mir Bannerreklame, Kurse in Marketing oder Heilung von Krankeiten wie «Gebissanomalien» anzubieten. Ich habe mich in einem Brief dafür bedankt: Sehr geehrte Piraten!. Immerhin beweisen diese ungebetenen Gäste die Anwesenheit des Blogs in den russischen Suchmaschinen.



Gorki – Leben und Werk

Hauptthema des Blogs bleibt natürlich der «Unbekannte Gorki». Was ich darunter verstehe, ist in der Einführung Gorki – der bekannte und der unbekanntegesagt. Ein wichtiger Ausgangspunkt für die Konzeption des «Unbekannten Gorki» ist auch die Tagebuchnotiz von Kornej Tschukowski über die Tonnen von bürokratischem Stumpfsinn, die in Gorki-Feiern der dreißiger Jahre über dem Schriftsteller ausgeschüttet wurden und die bis heute nachwirken.
Wie ich selbst zu Gorki kam, wird in dem Eintrag Mein Gorki berichtet.

Eine Liste der Werke, die auf dem Blog vorgestellt werden, ist am Ende dieses Eintrags angefügt. Es sind vor allem Texte ausgewählt, die sich durch literarische Qualität auszeichnen und wichtige Themen der sozialen und politischen Geschichte Russlands betreffen. Ein Schlüsseltext zum Thema 'Herz und Kopf in der russischen Kultur' bietet die Erzählung Der Nachtwächter. Kulturhistorisch interessant sind auch die «Russischen Abende» aus dem Erzählzyklus «Wanderungen durch Russland», die den jungen Gorki zu Gast bei extrem unterschiedlichen sozialen Milieus zeigen, bei der russischen Intelligenzija, bei den Sonderlingen und «Philosophen» der Unterschicht und bei den russischen Kaufleuten und ihren groben Belustigungen. Dem ganz andersartigen Romanfragment «Das Leben des Klim Samgin», diesem einzigartigen Versuch einer Selbstkorrektur auf dem Wege der polemischen Vernichtung des Romanhelden, ist der Eintrag Eingroßes Buchgewidmet. Auszüge aus diesem Werk sind in mehreren Einzelbeiträgen vorgestellt (s. Verzeichnis am Schluss). Aus verschiedenen Gründen bedeutsam sind auch die kleineren und weniger bekannten Werke, z.B. die Skizze aus der Revolutionszeit Man muss das alles ausmerzen, oder der Diskurs über Fremdenhass und Gewalt in der ErzählungIn der Schlucht. Lesenswerte Beispiel für das Menschenbild Gorkis bieten die Erzählungen Von dem Jungen und dem Mädchen, die nicht erfroren sind und Der Romantiker.
Mit den Problemen des Übersetzens befasst sich der Eintrag Gorki auf deutsch, angeregt durch eine Anfrage von Karsten Laske, - ein Beispiel für die Möglichkeiten zum Gespräch, die der Blog bietet.
Aus der Publizistik Gorkis wird der Artikel Zwei Seelen ausführlich vorgestellt. Kommentierte Auszüge aus den berühmten, in der Sowjetunion verbotenen «Unzeitgemäßen Gedanken über Kultur und Revolution» bieten die Einträge Blinde Fanatiker und Abenteurer und Christus und Prometheus.
Einen besonderen Zugang zu Gorkis Werk und seiner Künstlerpersönlichkeit sollen die Schlüsselbegriffe Neugier, Unruhestifter und Verrat anbieten.


Gorki und seine Zeitgenossen

Eine Reihe von Einträgen ist den Beziehungen Gorkis zu Zeitgenossen gewidmet, wobei auch Dostojewski und Solschenizyn einbezogen sind. Gorki wollte Dostojewski nicht verbieten, wie oft behauptet wird, aber er führte mit ihm einen heftigen Streitüber den russischen Nationalcharakter. Vorgestellt werden die beiden bekanntesten und einflussreichsten literarischen Porträts über Lev Tolstoj (Dieser Mensch ist gottähnlich) und Wladimir Lenin (Ich liebte ihn im Zorn). Über die Beziehungen zwischen Gorki und dem sowjetischen Schriftsteller Leonid Leonov hat Zachar Prilepin in seiner Leonov-Biographie berichtet. Eine Rezension dazu findet sich nur im russischsprachigen Teil des Blogs.
Zu den weniger bekannten Porträts von Zeitgenossen gehört Gorkis Artikel über Sofja Andrejewna Tolstaja, in dem der Schriftsteller die Frau Lev Tolstojs gegen ungerechte Vorwürfe verteidigt. Der Eintrag aus Anlass des Todes von Alexander Solschenizyn enthält auch eine Gegenüberstellung der beiden Schriftsteller.


Streit um Gorki

Die dem «Streit um Gorki» gewidmeten Einträge sind nicht alle unter der so benannten Kategorie aufgeführt, einige sind den Kategorien «Einführung», «Russland und die Russen», «Gorki in unseren Tagen» zugeordnet. Deshalb hier eine Auflistung der wichtigsten von ihnen. Dazu gehören wiederum die Einführungsbeiträge Gorki – der bekannte und der unbekannte , K. Tschukowskis Tagebuchaufzeichnung über eine Gorki-Feier 1932 und ein Beitrag des Verfassers über seine persönliche Beziehung zum Thema Gorki (Mein Gorki).
Das Verhältnis Gorkis zu Stalin betreffen die Einträge Eine schwere Schuld und Zwei Briefe an Stalin.
Einem leitmotivischen Thema der Gorki-Forschung, den „Widersprüchen“ in seiner Natur, seinem Verhalten und seinem Werk ist die Sammlung von Urteilen aus der Literatur Widersprüche bei Gorki und der Kommentar dazu gewidmet.
Ein aktuelles Streitthema ist in gewisser Weise auch Gorkis Konflikt mit der Orthodoxen Kirche anlässlich seines Selbstmordversuchs im Jahr 1887.
In der folgenden Kategorie «Gorki in unseren Tagen» bieten mehrere Beiträge Material für den «Streit um Gorki», insbesondere die Diskussion um das «Gorki-Gymnasium» in Heringsdorf.

(Fortsetzung folgt)

Kategorie: Einführung

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