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„Das bärtigste Land der Welt“ – Jens Mühlings unglaubliches Russland

Montag, 22. Oktober 2012, 16:47:38 | Armin Knigge

In russischer Sprache hier.

„Das unglaubliche Russland: geprüft an sich selbst“ – unter diesem etwas rätselhaften und insofern passend „russischen“ Titel wurde in dem Informationsportal für die russisch-sprachigen Bewohner Deutschlands Germania-online.ru (20.03.2012) das Buch „Mein russisches Abenteuer“ von Jens Mühling, Redakteur und Kolumnist des Berliner „Tagesspiegel“, vorgestellt. Der Artikel ist ganz in dem seit Dostojewski bekannten Ton des Stolzes auf die nationale Besonderheit und der Herablassung gegenüber dem westlichen Unverständnis für dieses Phänomen gehalten: „Für den westlichen Spießbürger erscheint Russland derart rätselhaft, dass er sogar die unglaublichsten Märchen ernst nimmt“. Im vorliegenden Fall, versichert der Rezensent, wird aber nicht von einem ausgedachten, sondern von dem gänzlich realen Russland berichtet, und nichtsdestoweniger finde die Ansicht von der Rätselhaftigkeit Russland ihre volle Bestätigung.

Im allgemeinen finde ich diese bekannte Melodie „Mit dem Verstand kann man Russland nicht begreifen“ eher langweilig und enervierend, aber im Fall von Jens Mühlings Buch muss ich gestehen, dass diese neueste Variante eines alten Refrains mir in vielem gefallen hat. Ungeachtet seiner sehr selektiven und subjektiven Wahrnehmung Russlands und seiner stellenweise zu deutlichen literarischen Ambitionen zeugt das Buch von einer leidenschaftlichen Neugier des Autors und seinem ehrlichen Wunsch, auch das noch so Unverständliche zu verstehen. Mit eben diesen Eigenschaften ist das Buch geeignet, eine „ansteckende“ Wirkung auf den westlichen Leser auszuüben und ein neues Interesse an diesem in der Tat sehr widersprüchlichen und nicht leicht zu verstehenden Land zu wecken. Vieles in diesem Buch erinnert an Maksim Gorkis Bild Russlands und der Russen. Von den Ähnlichkeiten und Unterschieden in diesem Vergleich wird am Schluss des Eintrags die Rede sein.

Das Erscheinen des Buchs fiel in eine Periode, in der das Interesse unseres lesenden Publikums nicht nur an der Rätselhaftigkeit Russlands, sondern an Russland überhaupt sehr abgeschwächt ist. Die intensive Beschäftigung der Medien mit dem Prozess gegen die Gruppe Pussy Riot stellt eher eine Ausnahme dar und bezeugt, dass nur Informationen politischer Art, meist über die neuesten Auswüchse des Putinimus, breitere Beachtung finden. Das normale Leben der Russen und Ereignisse aus Kultur und Literatur gelten in den Redaktionen als nicht ausreichend interessant. Bei der Durchsicht der ZEIT habe ich z.B. festgestellt, dass es in mehrenen aufeinander folgenden Nummern keinen einzigen Beitrag über russische Themen gab. Über das mangelnde Interesse in Deutschland an seiner Heimat klagte auch ein Russe, den Jens Mühling vor zehn Jahren in Berlin kennen lernte und der gewissermaßen den Anstoß für das Buch geliefert hat. Dieser Mann namens Juri produzierte in einem kleinen Berliner Studio Reportagen aus Russland, vorzugsweise über das Leben der an Langeweile leidenden neuen Millionäre, und verkaufte sie an verschiedene TV-Sender. Juri gestand seinem Gast offenherzig, dass diese Berichte in Wirklichkeit mit bezahlten Schauspielern produzierte Inszenierungen waren. „Die echten Menschen in Russland sind viel unwahrscheinlicher als alles, was ich mir ausdenken kann“, rechtfertigte sich der Produzent, „aber hier kauft mir das keiner ab. Deshalb erzähle ich die Geschichten über Russland, die die Menschen in Deutschland hören wollen“.


Die rätselhafte russische Seele – gibt es sie?

Den Autor des Buchs „Mein russisches Abenteuer“ regte diese Begegnung an, das Bild Russlands in seinem eigenen Kopf an der Realität zu überprüfen. Im Laufe von zehn Jahren bereiste er das Land viele Male, war nicht nur in Moskau und Petersburg, sondern in den entferntesten Winkeln Russlands, in Jektarinburg, Krasnojarsk, Abakan, Sotschi und in zahlreichen unbekannten kleinen Dörfchen. Auch in der ukrainischen Haupstadt Kiew, dem einstigen Zentrum Altrusslands, ist er gewesen. In dieser Zeit lernte er Russisch und beschäftigte sich mit russischer Literatur, darunter mit im Westen wenig bekannten Werken wie der „Nestorchronik“ aus dem 12. Jahrhundert und den Schriften Awwakums, des rebellischen Begründers der Sekte der Altglaübigen im Zuge der Kirchenspaltung im 17. Jahrhundert. Mühling hat sich auch sich in die publizistische und wissenschaftliche Russlandliteratur eingelesen, darunter die Reportagen Ryszard Kapuscinskis und die Studien von Orlando Figes und Felix Philipp Ingold. Was suchte also der Reisende in Russland? Es ist leichter zu sagen, was er dort nicht suchte, nämlich das aus „Glamour“ und Langeweile gemischte Leben der Neureichen. Wenig intereressierte ihn auch die entstehende Mittelklasse und die aus ihr hervorgegangene Oppositionsbewegung (die großen Moskauer Demonstrationen im Dezember ereigneten sich nach Abschluss des Buches). Es ging Mühling nicht so sehr um das, was Russland dem Westen näher bringt, sondern um das, was das Leben in Russland weiter erheblich von der globalen kapitalistischen Zivilisation unterscheidet und noch lange unterscheiden wird. Die Rede ist von der Eigenart der russischen Kultur, bekannt als die rätselhafte russische Seele. Am Anfang des Buches, während eines der „Moskauer Abende“, die der Autor mit seinen neuen Freunden und viel Alkohol verbringt, diktiert ihm einer in seinen Notizblock, was er bei seinen Russlandstudien unbedingt beachten soll: „Die rätselhafte russische Seele existiert nicht. Die russische Seele ist nicht rätselhafter als der morgendliche Kopfschmerz nach einem Besäufnis“. Man kann nicht sagen, dass der Autor diesen Rat beherzigt hat. Er hat sich eher nach Kräften bemüht, den Mythos von der russischen Seele zu bekräftigen und mit anschaulichen Beispielen zu belegen. Als eine Verkörperung dieses Mythos erscheint eine alte Frau, Agafja Lykowa, die der Sekte der Altgläubigen angehört und als Einsiedlerin in den schwer zugänglichen Wäldern Südsibiriens lebt. Der Bericht über die Begegnung mit ihr, in viel mystisches Dunkel gehüllt, steht am Ende des Buchs.
Zuvor porträtiert der Autor eine lange Reihe russischer Menschen, unter denen wiederum die Gläubigen dominieren: weitere Altgläubige, dazu Priester der Orthodoxen Kirche und Anhänger messianischer Ideen verschiedenster Provenienz. Zu den sichtbaren Erkennungszeichen dieser Umgebung gehören Ikonen zahlreicher Heiliger und prächtige Bärte. Russland, wie Mühling es erfahren hat, ist „das bärtigste Land der Welt“.


Altgläubige und andere seltsame Menschen

Von Agafja Lykowas Existenz hat Mühling aus russischen Zeitungsberichten erfahren. Ihre Familie hat sich aus Angst vor den Bolschewiken mehr als 40 Jahre im Wald versteckt, sie allein ist übriggeblieben.Agafjas mit Bibelworten durchzogene Erzählung ihres Lebens hört sich für den Besucher an wie ein leise dahinfließender Singsang. Fünf Tage und vier Nächte hat er zugehört und fragt sich, ob dieser Singsang andauert, wenn die Zuhörer gegangen sind.
Mit der modernen Welt unterhält Lykowa nur sehr sporadische Kontakte. Lebensmittel, die in Läden gekauft sind, lehnt sie ab. Den Strichcode auf den Waren hält sie für ein Teufelszeichen. (Eine Variation dieses Themas enthält der gerade in deutscher Übersetzung erschienene autobiographische Roman „Strichcode“ der ungarischen Schriftstellerin Krisztina Toth. Für das Kindheits-Ich der Autorin war der Strichcode ein Erkennungsmerkmal wunderbarer, unerreichbarer Dinge aus dem Westen. In der Rückschau auf diese Begegnungen versucht die Autorin, den „Strichcode des eigenen Lebens“ zu entschlüsseln.)
Bei dem Strichcode als Teufelszeichen handelt es sich keineswegs um die Wahnvorstellung einer alten, verwirrten Frau. Auch die Verwandten Lykowas, gleichfalls Altgläubige, die Mühling in ihrem Dorf besucht, teilen ihren Glauben an den satanischen Charakter der modernen Welt, zu der auch die Erkennungszeichen der sowjetischen Vergangenheit gehören: der rote Stern (er ist auch auf dem Schutzumschlag zu sehen) ebenso wie Hammer und Sichel. Eine Frau in der Altgläubigensiedlung fragt den Besucher, ob er an der Hand oder der Stirn einen „Chip“ unter der Haut trage. Die Bewohner sind überzeugt, dass alle Europäer mit einem solchen solchen Steuergerät, das Siegel Satans, ausgerüstet sind. Die Bestätigung dafür finden sie in der Offenbarung des Johannes (13.17), wo von dem zweiten der apokalytischen Tiere berichtet wird, dass die Menschen veranlasst, „sich ein Zeichen zu machen an ihre rechte Hand oder ihre Stirn“. Im anschließenden Vers erhält auch der Strichcode seine wahre Bedeutung: „und dass niemand kaufen oder verkaufen kann, wenn er nicht das Zeichen hat“.

Je nach dem Standpunkt kann man solche Episoden als Andeutungen einer mystischen Wahrheit oder einfach als komische Anekdoten verstehen. Der Autor lässt auch die zweite Variante zu, wenn er „aufgeklärte“ Landsleute der Gläubigen mit spöttischen Bemerkungen zu Wort kommen lässt. Sie raten dem Besucher, von diesen Begegnungen lieber nicht zu erzählen, er könnte sich sonst die eigene Reputation verderben. Mühling selbst ist jedoch eher beeindruckt von der Glaubensgewissheit dieser Zeugen einer vormodernen Existenz.

Andere Gesprächspartner des Autors gehören ebenfalls zur Kategorie der Gläubigen, jedoch mit dem Unterschied, dass sie unerschütterlich von der Idee ihrer persönlichen Mission glauben. In der sibirischen Taiga südlich von Krasnojarsk (über die geographischen Verhältnisse kann sich der Leser am inneren Buchdeckel informieren) hat der neu erschienene Sohn Gottes, genannt Wissarion Christus, auf einem Berg eine Gemeinde um sich geschart. Zahlreiche Pilger kommen zu seinen Audienzen, wo der ehemalige Verkehrspolizist die evangelische Botschaft der Liebe und Gewaltlosigkeit, und ein ehemaliger Rocksänger schreibt seine Worte in eine Chronik, die „Das letzte Testament“. Der Besucher hört dem Messias und ebenso seinen Jüngern aufmerksam zu und macht sich auch hinterher nicht über sie lustig. Denn es handelt sich nicht um religiöse Fanatiker, sondern um Menschen mit ganz normalen sowjetischen und postsowjetischen Biographien. Nicht ganz so respektvoll begegnet er einer Gruppe ehemaliger Studenten, die in einem Dorf in der Nähe von Moskau währen der Perestroika etwas wie eine altslavische heidnische Sekte gegründet haben. Die
Priester, deren Namen alle mit –slav enden (Stanislav, Bratislav, Svjatoslav ...), verrichten ihre Rituale, in Wolfsfelle gekleidet, vor den hölzernen Götzen.


Die sowjetische Vergangenheit in den Menschen von heute

Neben solchen Beispielen eines wiederbelebten mittelalterlichen Gauklertums präsentiert Mühling auch Menschen, deren Biographien den historischen Umbruch in den letzten Jahrzehnten symbolisieren. Kümmerlich und ein wenig rührend wirken die Anhänger der einst mächtigen kommunistischen Partei, die im Zentrum Kiews Tag und Nacht das Lenindenkmal bewachen, nachdem der radikale Antikommunist Kochaniwskij dem Führer des Weltproletariats die Nase abgeschlagen hat. Auch Kochanowskij selbst kommt im Buch zu Wort. Lenindenkmäler spielen im Buch überhaupt eine wichtige Rolle. Häufig erschienen sie in direkter Nachbarschaft neu erbauter Kirchen. Zwischen diesen beiden Symbolen scheint sich ein stummer Kampf um die Vormachtstellung in der Geschichte Russlands abzuspielen.
Eine fast unheimliche Koexistenz von Henkern und Opfern fand der Autor im Moskauer Stadtteil Butovo. Ein ehemaliges Hinrichtungsgelände des Geheimdienstes NKWD, wo von den dreißigern bis in die fünfziger Jahre Tausende Menschen erschossen und verscharrt worden sind, grenzt an eine Datschensiedlung ehemaliger Mitarbeiter des KGB. Der orthodoxe Priester Vater Kirill, in sowjetischer Zeit Geologe, hat hier die Überreste einer großen Zahl von Erschossenen ausgegraben, dreihundert von ihnen, Kleriker der orthodoxen Kirche, darunter sein eigener Großvater, sind heiliggesprochen worden. Für jeden wurde eine Ikone in Auftrag gegeben und in der auf dem Gelände neu neugegründeten Kirche ausgestellt.
Ikonen haben überhaupt eine wichtige symbolische Bedeutung in Mühlings Reisebericht. Ein paradoxales Exemplar der Sammlung zeigt Josef Stalin, wenn auch nicht direkt als Heiligen, so doch als Gast der heiligen Matrona von Moskau, die in der Zeit des Krieges eine bekannte Wahrsagerin war. Angefertigt war die Ikone im Auftrag von Vater Jewstafij, der wegen dieser Sache sein Priesteramt verloren hat. Jewstafij war zu Sowjetzeiten Dozent für Marxismus-Leninismus, und auch dieses Amt hat er damals verloren, weil er den Glauben für sich entdeckt hatte. Stalin ist in seinem Verstädnis ein frommer Diener der Orthodoxen Kirche gewesen und verdient es, mit eigenen Ikonen geehrt zu werden. Mit diesem Bekenntnis zu einer stalinistischen Religion versucht Jewstafij, „die beiden Hälften einer zerbrochenen Biographie zusammenzusetzen, den Parteisekretär mit dem Priester zu versöhnen“.
(Diese Geschichte ist keineswegs ein extremer Einzelfall. In dem Infokanal digest.subscribe.ru (22.07.2012) stieß ich auf eine Mitteilung über eine Veranstaltung des Petersburger Senders „Radio Petrov“, eines Organs der Orthodoxen Kirche. Es ging um die Präsentation des Dokumentarfilms „Die Akte Josif Stalin“, und das Thema der Veranstaltung war, laut Einführung der Moderatorin, die „Destalinisierung des kirchlichen Lebens“. Einer der Autoren des Films wies darauf hin, dass in den Kirchen Petersburgs „Stalinikonen in großer Zahl“ zu finden seien. In der Eparchie Petersburg habe sich eine Gruppe aus Priestern und Gemeindemitgliedern gebildet, die sich „orthodoxe Stalinisten“ nennen. Der Film soll den Zuschauern klar machen, dass Stalins Taten Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den christlichen Glauben waren, wobei dieses Urteil gewissermaßen als eine innere kirchliche Angelegenheit, nicht als gesellschaftliches Problem behandelt wird.)
Eine „zerbrochene Biographie“ anderer Art entdeckte Mühling auch auf den Spuren des bekannten sowjetischen Schriftstellers Arkadij Gajdar. Bevor er zum Autor des berühmten Kinderbuchs „Timur und sein Trupp“ wurde, hatte sich Gajdar als roter Kommandeur in Chakassien (Südsibirien) die Reputation eines besonders grausamen Henkers erworben. Der Reisende konnte sich an Ort und Stelle davon überzeugen, dass die Erinnerungen an den Kampf Gajdars mit dem Kosakenataman Solowjow in Form einer Volkslegende weiterleben.


„Jeder hält alles für möglich“

Zusammen genommen, bilden alle diese seltsamen Geschichten das Bild eines wirklich unglaublichen Russlands. Eine mögliche Erklärung für die phantastische Gedankenwelt seiner Bewohner bietet Mühling in der Geschichte des Mathematikers Anatolij Fomenko, Professor für höhere Geometrie und Topologie an der Moskauer Universität und Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Fomenko hat eine neue Zeitrechung erfunden und damit auch in westlichen Medien Aufmerksamkeit erregt. In einem komplizierten Zahlenwerk, das mit historischen Daten arbeitet, will er herausgefunden haben, dass wir nicht im dritten, sondern eigentlich erst im zweiten Jahrtausend leben. 1000 Jahre haben irgendwie gar nicht stattgefunden. Die komplette geschichtliche Chronologie, die in den Schulen gelehrt wird, basiere auf „Irrtümern, Fäschungen, Lügen und Manipulationen“, erklärte er in Interviews. Ein anderer Gelehrter, Byzantinist, erklärt dem Besucher, warum eine solche Idee in Russland offene Ohren findet: „In diesem Land glaubt niemand mehr an irgendwas, und schon gar nicht an die Vergangenheit. Unsere Geschichte ist zu oft umgeschrieben worden... Es gibt in diesem Land keinen historischen Konsens mehr, jeder hält alles für möglich.“
Die Erklärung hat eine gewisse Plausibilität für sich, man könnte aber auch auf bestimmte in Russland verbreitete Denkweisen hinweisen, die über den Rahmen der Geschichtsschreibung hinaus fast schon Eigenschaften des Nationalcharakters geworden sind. Es ist die Abneigung gegen alle Logik und Rationalität, die Lust am „Philosphieren“, das oft nichts anderes als ein freies Spiel der Phantasie ist. Erfindungen, und seien sie noch so abenteuerlich, sind allemal interessanter als beweisbare Tatsachen. Das ideale Feld für solche geistige Betätigung ist die Religion, der Glaube an eine Idee. Diese Idee kann eine kollektive religiöse oder quasireligiöse Konfession sein wie die Orthodoxie, das Altgläubigentum, das altslavische Heidentum, der Kommunismus oder der russische Nationalismus, und sie kann ebenso die Form eines individuellen Projekts annehmen, wie es in dem religiösen Stalinismus des Priesters Jewstafij, in dem Ausgrabungsprojekt Vater Kirills oder in dem neuen Kalender des Mathematikers Fomenko zutage tritt. In der russischen Literatur sind Menschen, die von einer Idee besessen sind, hauptsächlich im Werk Dostojewskis zu finden. Die Charakteristik „der fleischgewordene Held eines Dostojewskij-Romans“, die der Autor dem Bettler und „Philosophen“ Wladimir zukommen lässt, könnte auf viele Gestalten des Buchs zutreffen.


Maksim Gorkis „unfertige Menschen“

Mir persönlich boten sich bei die Lektüre des Buchs Vergleiche mit einem anderen Klassiker an, nämlich mit – Verzeihung! – Maksim Gorki. An den Gorki der Zyklen „Wanderungen durch Russland“ oder „Bemerkungen aus dem Tagebuch“ erinnnert schon die Ausgangssituation von Mühlings Reisebericht: ein „Wanderer“ (bei Gorki heißt er prokhodjashchi,„der Vorübergehende“) erforscht ein unermesslich großes, rätselhaftes Land, immer auf der Suche nach „interessanten Menschen“, die ihm etwas Wesentliches über sich selbst und über dieses Land mitteilen können. Im vorliegenden Fall wird die Rolle des Beobachters von außen dadurch unterstrichen, dass der Wanderer ein Ausländer ist und vergleichsweise wenig von der Sache versteht. Aber dieses Defizit wird kompensiert durch Neugier, das mächtige Werkzeug der Erkenntnis, über das der Schriftsteller Gorki in hohem Maße verfügte und das auch den Journalisten und Reisenden Mühling auszeichnet. Seine Gesprächspartner weisen manche Ähnlichkeiten mit Gorkis Lieblingshelden auf. Sie sind in der Regel nicht „normale“ Bürger, typische Vertreter ihrer Klasse, sondern eher ausgefallene Exemplare der menschlichen Spezies, seltsame, „nicht fertig gemachte“ (nedodelannye) Menschen.

Bei Gorki findet man sie z.B. in den „Bemerkungen aus dem Tagebuch“, wo der Held der Erzählung „Der Totengräber“ allen Sündern zum Trost verkündet, es gebe keine Hölle, wo der Millionär N.A. Bugrov die Altgläubigen an der Wolga unterstützt (so wie an anderer Stelle der Millionär Savva Morozov die Bolschewiken unterstützt), und wo der Held der Erzählung „Der Veterinär“ den Nachweis führt, dass „die geistige Energie das Resultat der Tätigkeit von Magen und Darm ist“. In dem Kommentar zu den „Bemerkungen...“ spricht Gorki von seiner ursprünglichen Absicht, den Zyklus „Ein Buch über die russischen Menschen, wie sie einmal waren“ zu nennen. In die Koordinaten seiner Überzeugungen versetzt, bedeutete dieser Titel, dass diese „unfertigen“ und „halbverrückten“ Menschen möglichst bald verschwinden und neuen, vernünftigen Wesen, willenstarken Herren ihres Schicksals Platz machen sollten. Die Vorstellung, dass das so geschehen könnte, weckt jedoch überraschend Zweifel in seiner Seele: „Aber will ich denn eigentlich, dass diese Menschen anders werden?“ Als Antwort folgt eine Liebeserklärung an das russischen Volk, das Gorki „dennoch“ als ein ganz besonderes, „phantastisch talentiertes“ Volk ansieht: „Sogar die Dummköpfe sind in Russland auf eine originelle Weise talentiert, und die Faulpelze geradezu genial“. Mit seiner erfindungsreichen Rhetorik und der Originalität des Denkens und Fühlens biete dieses Volk das dankbarste Material für einen Künstler.

Solche Inspirationen durch die Begegnung mit „interessanten“ russischen Menschen hat auch Mühling erfahren. Seine Hauptfigur Agafja Lykowa erinnert z.B. an die Erzählerin von Werken der Volksdichtung (skazitel’nica) Orina Fedosova in Gorkis Roman „Das Leben des Klim Samgin“, die der Schriftsteller selbst auf der Allrussischen Ausstellung 1896 in Nishni Nowgorod erlebt hat. Den Helden des Romans rührt sie zu Tränen mit dem Klang ihrer Stimme, die über Gutes und Böses mit der gleichen liebevollen Anteilnahme berichtet.

Der Autor des Buchs „Mein russisches Abenteuer“ würde Gorkis Urteil über die russischen Menschen sicher zustimmen. In den russischsprachigen Rezensionen wurde er mit Recht als „Freund“ und „Verehrer“ Russlands bezeichnet. Nichtsdestoweniger ist das Russlandbild, das Mühling den westlichen Lesern präsentiert im Vergleich mit dem Gorkis sehr einseitig. Gorki hat bei aller Liebe zu den talentierten russischen Menschen doch nie die Kehrseite dieser „Seltsamkeiten“ des russischen Nationalcharakters aus dem Blick verloren: die feindselige Einstellung zu allem Fremden, „nicht Russischen“, den Kult der Macht und der Gewalt, den Alkoholismus, die geringe Bewertung des Lebens und der Unversehrtheit des einzelnen Menschen u.a.m. In Gorkis Werk sind diese dunklen Seiten des Lebens in Russland stets präsent und stehen in scharfem Kontrast zu den „interessanten“ und „talentierten“ Menschen. Alle diese „Scheußlichkeiten des russischen Lebens“ sind im heutigen Russland nicht verschwunden, haben aber keinen wesentlichen Anteil an dem Russlandbild, das Mühling in seinem Buch vermittelt. Die unangenehmen Eindrücke, von denen der Autor bei öffentlichen Auftritten gesprochen hat, besondern die Begegnungen mit fanatischen Rassisten und Nationalisten, sind in seinem „russischen Abenteuer“ weitgehend ausgeblendet. Nicht verschwiegen hat er allerdings eine Erfahrung, die seine Sympathien für Russland zeitweise auf eine harte Probe gestellt haben: die Unzuverlässigkeit von Menschen, die ihm großartige Versprechungen gemacht haben, die sie dann nicht halten konnten oder wollten. Seinem Ärger über solche Erfahrungen lässt Mühling in einer halb komischen, halb ernsten Hasstirade gegen die Russen freien Lauf: „Sie waren das unsympathischste Volk der Welt. Ich hasste ihre haltlosen Versprechungen , ich hasste ihre bevormundende Gastfreundschaft, ich hasste ihre Sauferei, ich hasste ihren Kinderglauben an die Macht und die Machthaber.“

Im ganzen überwiegen jedoch die positiven Eindrücke dieses „russischen Abenteuers“, und in einer Periode des nachlassenden Interesses an Russland ist dieses überraschende Dokument einer deutschen „Russophilie“ eine erfreuliche Erscheinung. Mühlings Buch bietet viele Ansätze für eine ernsthafte Diskussion über Russland. Die Rezensenten in den deutschen Zeitungen zeigten sich überrascht und beeindruckt von den skurrilen Gestalten in Mühlings Buch. Nicht ganz einig waren sie sich in der Frage, wie ernst man diesen Beitrag zur Erforschung der russischen Seele nehmen müsse. Während das Buch im Deutschlandfunk (7.05.2012) als ein „Abenteuer für’s Sofa“ empfohlen wurde, annoncierte der Rezensent der „Süddeutschen Zeitung“ (30.04.2012) hier keine Urlaubslektüre, sondern ein „tiefsinniges“ Buch über ein unbekanntes Riesenland.

Kategorie: Russland und die Russen

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