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"Konovalov" - Gorkis Traum von der Revolution

Mittwoch, 04. September 2013, 11:52:07 | Armin Knigge

Der Eintrag enthält die bearbeitete Fassung eines Vortrags, den ich am 31.08.2013 auf einer Tagung der Russisch-Lehrer Schleswig-Holsteins gehalten habe. Die Tagung "Migration und Wanderungen im Spiegel der russischen Literatur" wurde vom IQSH in der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte in Malente organisiert.


Der Bäckergeselle Konovalov, Held der gleichnamigen Erzählung (1897), Arbeitskollege und Freund des 18jährigen Gorki, ein Mensch, der in regelmäßigen Abständen vom gewissenhaften Arbeiter zum Vagabunden und haltlosen Säufer mutiert und schließlich im Selbstmord endet – ist dieses „große Kind“ nicht zugleich der Prototyp des neuen Menschen, Vorbote einer freien, gerechten, humanen Gesellschaft in Russland? So sieht es jedenfalls Maksim, der autobiographische Held der Erzählung, denn in Konovalov verbinden sich ganz verschiedene Eigenschaften zu einem bemerkenswerten Charakter. Handwerkliches Können und die Liebe zur Arbeit sind vereint mit den positiven Eigenschaften des russischen Nationalcharakters: Gutherzigkeit und Mitgefühl mit den Leiden anderer Menschen, der unbändige Freiheitsdrang des Vagabunden, Wahrheitsliebe und ein starkes Empfinden eigener Schuld, die Neugier auf die Welt der Bücher und nicht zuletzt das Talent eines Sängers. Es gibt viele solcher „nachdenklichen“ Menschen in Gorkis Werk. Sie repräsentieren, wenn auch nicht immer explizit, das Humankapital einer künftigen Gesellschaft, Gorkis Traum von der Revolution, die vor allem als eine Kulturrevolution verstanden ist. Kein Wunder, dass der junge Gorki gegenüber diesem „interessanten Menschen“ nicht nur eine tiefe Sympathie, sondern auch gewisse „literarisch-pädagogische Absichten“ hegt. Er will Konovalov, wie er sagt, „zu meinem Glauben bekehren“. Maksim selbst hat diesen Glauben, wie seinen Bekenntnissen zu entnehmen ist, in den revolutionären Zirkeln der Arbeiterbewegung erworben: man muss sich wehren gegen Unrecht und Unterdrückung, die Armen sind die Guten, Opfer einer Klassengesellschaft, die allein den „Herren des Lebens“ dient und beseitigt werden muss. Maksim will seinem 12 Jahre älteren Freund gewisse falsche Vorstellungen über sich selbst und über die Gesellschaft austreiben und einen würdigen Kämpfer für eine gerechte Ordnung aus ihm machen. Die Erzählung „Konovalov“ ist die Geschichte des Scheitern dieses ehrgeizigen Projekts. Konovalov erweist sich in den Diskussionen mit seinem jugendlichen Lehrer als ein kluger Opponent mit eigenen, sehr pessimistischen Ansichten und ergibt sich – nach einem vielversprechenden Anfang der Freundschaft mit Maksim – von neuem dem Alkohol und seinem Weltschmerz.

Maksims Misserfolg als Lehrer ist in dieser Erzählung nicht das einzige Thema des Scheiterns von Hoffnungen und guten Absichten. Auch Konovalov erlebt eine Reihe von Misserfolgen: sein Versuch, eine Prostituierte loszukaufen und ihr ein würdiges Leben zu ermöglichen, endet in einer Katastrophe; seine Hoffnung, in den Büchern, die Maksim ihm vorliest, die Erklärung für das eigene Unglück und Anweisungen für ein ordentliches Leben zu finden, erfüllt sich nicht. Man könnte meinen, dass der Autor Maksim Gorki hier, im Alter von 28 Jahren (die Erzählung ist 1886, zehn Jahre nach den Ereignissen geschrieben), sein eigenes Lebensprojekt in einer vorausschauenden Ahnung zu Grabe trägt. Aus Konovalov und den vielen „nachdenklichen“ russischen Menschen seiner Art wird niemals ein Sozialist und Revolutionär werden. Der Selbstmordversuch des 19jährigen Gorki, ein Jahr nach den Ereignissen der Erzählung, scheint eine solche Interpretation zu stützen.

Die letzte Begegnung mit Konovalov, bevor er aus der Stadt verschwindet, zeigt ihn
in einer düsteren Kneipe, wo Konovalov im Kreis seiner zerlumpten Saufkumpane eine Orgie veranstaltet. Die Versammlung wird als eine Totenmesse von lebendig Begrabenen beschrieben, in der Konovalov als Sänger Abschied vom Leben nimmt.
Von einem Abschied anderer Art wird am Ende dieses Eintrags die Rede sein. In einem Brief an junge Sowjetbürger 1930 hat Gorki seinem Helden Konovalov gewissermaßen den Prozess gemacht und ihm die Liebe entzogen, die er als junger Mensch zweifellos für diesen Menschen empfunden hat. Es handelt sich um ein trauriges Zeugnis der Selbstverleugnung des Künstlers Gorki, der sich der Staatsideologie unterworfen hat. Der Traum von der großen Kulturrevolution und dem neuen Menschen ist ausgeträumt. Von Konovalov bleibt nur der gewissenhafte Arbeiter, der mit dieser einzigen guten Eigenschaft als Vorbild für die sowjetische Jugend präsentiert wird.


Schwärzester Pessimismus?

Vom Ende her betrachtet, könnte die Geschichte also als Ausdruck des schwärzesten Pessimismus verstanden werden. Wer sie gelesen hat, wird aber kaum zu dieser Einschätzung kommen. Die vorherrschende Stimmung ist nicht Trauer und Tod, sondern Lebensfreude, der Freiheitsdrang der Vagabunden, Begeisterung für weite Räume wie Meer und Steppe, Empörung über soziales Unrecht, Neugier auf die Welt der Bücher, Stimmungen, die zusammen das Lebensgefühl des Aufbruchs zu neuen Ufern wiederspiegeln. Wie könnte es auch anders sein bei einem Schriftsteller, der es mit eben diesem Lebensgefühl in kürzester Zeit zu Weltruhm gebracht hat. Die sowjetische Gorki-Literatur sprach in diesem Zusammenhang vom „Optimismus“ des jungen Gorki und meinte natürlich den politisch motivierten Enthusiasmus des „Sturmvogels“ der Revolution. Vladimir Nabokov hat Gorki in verächtlichem Ton als den „größten Optimisten der russischen Literatur“ bezeichnet. „Konovalov“ ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass Optimismus und Pessimismus ungeeignete Bezeichnungen für die Welt des frühen Gorki sind. Eher zutreffend ist ein anderes Markenzeichen des Schriftstellers, das Gorki selbst verwendet hat: „Romantik“. Es bezeichnet den träumerischen Charakter der Hoffnungen auf eine bessere Welt und eine literarische Methode, die die Welt nicht „realistisch“ mit dem Akzent auf ihren dunklen Seiten abbildet, sondern die Phantasie des Lesers durch ein „schönes“ Bild der Welt mobilisiert, indem sie die Keime einer besseren Zukunft sichtbar werden lässt. Gorki war sich darüber im klaren, dass ein solches „schönes“ Bild zugleich ein „geschöntes“ sein konnte oder sogar sein musste.

In einem Brief an Anton Tschechow (5. Januar 1900) beschreibt Gorki die mobilisierende Wirkung, die Tschechows Erzählung „Die Dame mit dem Hündchen“ bei ihm ausgelöst hat: „Eine gewaltige Sache tun Sie mit ihren kleinen Erzählungen – Sie wecken in den Menschen Abscheu vor diesem verschlafenen, halbtoten Leben – der Teufel soll es holen! Auf mich wirkte Ihre ‚Dame’ so, dass ich sofort den Wunsch verspürte, meine Frau zu betrügen, zu leiden, zu schimpfen und weiteres in diesem Geist“. Gorki kennzeichnet Tschechows Methode als einen nicht mehr steigerungsfähigen Realismus, niemand könne „so einfach über einfache Sachen“ schreiben. „Sie erschlagen den Realismus“, erklärt er dem älteren Kollegen, und drückt ihm dazu seine volle Zustimmung aus: „Wahrlich, es ist eine Zeit angebrochen, die das Heroische braucht: alle wollen das Erregende, Farbige, etwas, das dem Leben nicht ähnlich ist, sondern höher als das Leben, besser, schöner. Es ist unbedingt notwendig, dass die jetzige Literatur beginnt, das Leben auszuschmücken, und sobald sie das tut, werden die Menschen anfangen schneller, intensiver zu leben…“
Beim heutigen Leser weckt die Forderung, das Leben „auszuschmücken“, Assoziationen mit dem sozialistischen Realismus und der berüchtigten „lakirovka“ der Wirklichkeit, aber wir befinden uns am Jahrhundertanfang und es handelt sich nicht um eine Parteidoktrin, sondern um die Gedanken eines jungen Schriftstellers, der sein Lebensgefühl beschreibt. Es geht dabei nicht um Ideologien und den politischen Kampf, sondern um die „Beschleunigung“ und Intensivierung des Lebens, die Überwindung von Stagnation und Hoffnungslosigkeit.


Ein typischer Bosjak?

Auf Maksim hat das Erscheinen Konovalovs in der finsteren und schmutzigen Backstube genau diese mobilisierende, das Leben beschleunigende Wirkung. Vorher hatte er es mit einem Bäcker zu tun, der ebenfalls ein Säufer, dazu aber ein fauler, schlampiger Arbeiter und höchst unsympathischer Mensch war. Der Auftritt Konovalovs „verschönert“ schlagartig das Leben in dieser tristen Backstube. Maksim, immer auf der Suche nach „interessanten Menschen“, findet in Konovalov ein ideales Objekt für seine Neugier: Der Bäckermeister preist ihn als einen erstklassigen Arbeiter, kündigt aber gleichzeitig an, dass er in ein paar Monaten wieder der Trunksucht verfallen wird. Und dann wird man wieder sein zweites großes Talent erleben können, das eines begnadeten Sängers, der einem mit seinem Gesang das Herz zerreisst. Beide Eigenschaften, die des Arbeiters und die des Sängers, gehören zu den Tugenden, die in Gorkis Werk besondere Wertschätzung genießen, sie haben beide mit dem Wesen des Künstlers, der schöpferischen Persönlichkeit zu tun. Bei seinem Auftritt erscheint Konovalov dem Erzähler als ein „typischer Bosjak“, wie die barfüßigen Vagabunden heißen, aber nur der äußeren Erscheinung nach, ein hünenhafter Mensch mit struppigem Haar und vollem Bart, in malerische Lumpen gehüllt. Im Verhalten fehlt diesem Menschen aber gänzlich die bei den Bosjaken gewöhnliche Dreistigkeit. Seine großen blauen Augen blicken „freundlich“ (laskovo) und sein Lächeln erscheint Maksim so, als ob er gewissermaßen um Entschuldigung bitte: „So bin ich nun mal.. Seid nicht zu streng mit mir…“ Auch in späteren Begegnungen der beiden Freunde mit Bosjaken und in Gesprächen über sie wird die Andersartigkeit Konovalovs im Vergleich mit diesen Menschen deutlich. Für die Bosjaken sind immer andere an ihrem missglückten Leben schuld, Konovalov besteht dagegen auf der persönlichen Verantwortung eines jeden für sein Schicksal. Entsprechend unterscheidet sich die Art, wie Bosjaken ihre Lebensgeschichten erzählen, von der Art des Erzählers Konovalov. Die ersteren bemühen sich um eine „Verschönerung“ der Wirklichkeit, die auf kleineren Korrekturen oder faustdicken Lügen über die eigene Biogaphie beruht, Konovalov schont sich nicht, wenn er aus seinem Leben erzählt, und versichert glaubhaft, dass es „die Wahrheit“ ist .

Ein Grundzug der Bosjaken ist jedoch auch Konovalov eigen: der „Instinkt des Nomaden“. Die Abneigung gegen das seßhafte Leben, das eigene Haus, die eigene Familie treibt ihn immer wieder auf die Straße. Der Freiheitsdrang der Vagabunden wird hier wie im ganzen Frühwerk Gorkis immer wieder durch die Vorliebe der Bosjaken für weite und grenzenlose Räume, vor allem Meer und Steppe, veranschaulicht, meist im Kontrast zur Enge der Städte und den düsteren, halb unterirdischen Löchern, die als Behausungen und Arbeitsstätten dienen. In seinem ersten Gespräch mit Maksim berichtet Konovalov, dass er „vom Meer gekommen“ ist (er hat beim Fischfang im Kaspischen Meer gearbeitet) , und wie schwer es ihm fällt, in dieser „Grube“ zu arbeiten, „das reinste Gefängnis“. Auch Neugier und Weltoffenheit bildet ein wesentliches Motiv für Konovalovs Drang zur Ortsveränderung. Schauplatz der letzten Begegnung Maksims mit dem Freund ist der Hafen von Feodosia an der Krim, Bilder des Meeres und des Himmels verbinden sich mit einer riesigen Baustelle, auf der hunderte Arbeiter die Pfähle einer neuen Mohle in den Grund rammen. Dort besucht Maksim den Freund an einem typischen Lagerplatz der Bosjaken: unter freiem Himmel mit einem nächtlichen Lagerfeuer. Konovalov lädt den Freund ein, mit ihm „die Welt zu durchwandern“, und macht sich nach der Absage allein auf den Weg.
Während ihrer gemeinsamen Arbeit in Kazan’ geben sich die beiden Freunde ab und zu der Leidenschaft für grenzenlose Räume hin. „Lass uns in den Himmel schauen“, fordert Konovalov den Freund auf, und sie gehen in die freie Natur, legen sich auf den Rücken und genießen das gleichsam entgrenzte Dasein beim Anblick des Himmels.


Das Wunder der Bücher

Ein starker Impuls für die „Beschleunigung“ des Lebens ist das gemeinsame Erlebnis des Lesens und der Literatur, das einen breiten Raum in der Erzählung einnimmt. Unverkennbar drückt sich hier Gorkis Leidenschaft für die Welt der Literatur aus, sein Glaube an die charakterbildende und weltverändernde Wirkung der „heiligen Bücher“, wie sie in der Autobiographie genannt werden („Unter fremden Menschen“). Bei Konovalov handelt es sich um die erste nähere Begegnung eines Analphabeten mit dem Medium des Buches, eine Begegnung, die Begeisterung, große Hoffnungen und ebenso große Entttäuschungen in ihm auslöst. Für Maksim bietet die Rolle des Vorlesers und Kommentators eine willkommene Gelegenheit, seine „literarisch-pädagogischen Absichten“ in Bezug auf Konovalov zur Geltung zu bringen. Auch er erlebt in diesem Prozess Begeisterung und Enttäuschung.
Zuerst liest er seinem Freund den Roman „Die Leute von Podlipnaja“ (Podlipovcy) von Fjodor Reschetnikow vor, ein Buch, das dem Umkreis der revolutionären Demokraten (Nekrasow, Tschernyschewskij, Dobroljubov) entstammt, 1864 erschienen, aber auch heute noch als Schullektüre in Russland gelesen. In dieser „ethnographischen Skizze“ erzählt Reschetnikow in einem nüchtern beschreibenden Stil das traurige Leben zweier Bauern, Pila und Sysojka (beides männliche Namen). Zuerst wird von ihrem Dahinvegetieren in einem kleinen, von aller Welt verlassenen und sterbenden Dorf berichtet, dann von ihrem vergeblichen Versuch, auf der Wanderschaft Arbeit und ein Auskommen für ihre Familien zu finden. Sie arbeiten als Treidler, bleiben bettelarm und kommen schließlich durch einen Unfall bei der Bergung eines Schiffes ums Leben.

Bei Konovalov ruft dieses Buch eine gewaltige Wirkung hervor, es verändert sein Leben. Von nun an sind Pila und Sysojka Menschen, die ihm nahestehen, die irgendwo in einem zeitlosen Raum seine Freunde sind und die er grenzenlos bemitleidet. Konovalovs Reaktionen und seine eigenen Kommentare dazu bilden zusammen so etwas wie eine kleine Schule der Literatur: Worin besteht das Erlebnis der Fiktion? Was löst die Begegnung mit den fiktiven Personen und Ereignissen aus? Wie verlagert sich das Interesse des Lesers von der Handlung zum Autor, dann zur eigenen Person und schließlich zum Leben im allgemeinen?
Konovalov ist zunächst einmal tief beeindruckt, wie real diese beim Vorlesen entstehenden Gestalten erscheinen („das sind ja richtige Menschen“), und er nimmmt das Buch in die Hand, die gegenständliche Quelle dieses wunderbaren Vorgangs: „Wie weise ist das ausgedacht“, bemerkt er dazu. „Da hat ein Mensch ein Buch geschrieben…, Papier und verschiedene Pünktchen darauf…“. Er ist gestorben, überlegt er weiter, aber das Buch ist geblieben, und man begegnet darin scheinbar lebendigen Menschen. Die wichtigste Beziehung zu ihnen ist für Konovalov emotionaler Art, er empfindet tiefes Mitgefühl mit diesen Menschen und er wundert sich zugleich darüber, wie das möglich ist: Sie sind doch gar nichts Besonderes, auf der Straße laufen solche vielleicht dutzendweise herum, und du kümmerst dich nicht um sie, „aber im Buch tun sie dir so leid, dass dir das Herz wehtut…“.

Dann wechselt Konovalovs Interesse von den Personen zum Autor des Romans. Das muss ein ungewöhnlicher Mensch sein, einer mit „besonderen Augen“. Und was hat er dafür bekommen? Gemeint ist eine Auszeichnung, eine Prämie für die Aufdeckung von Misständen. Maksim antwortet mit einer herzzerreissenden Schilderung dessen, was einen Schriftsteller in Russland als Lohn erwartet und kommt dabei auch auf die verhängnisvolle Rolle des Alkohols im Leben russischer Literaten zu sprechen. Dieser Konovalov so vertraute Punkt löst bei ihm einen neuen Redeschwall über die Psychologie des Schriftstellers aus, über den Zusammenhang zwischen Welterfahrung, Schwermut und Trunksucht. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zu der Frage: wer bin ich selbst? Die Antwort darauf macht Maksim, der bisher über das lebhafte Interesse seines Schülers an der Literatur hocherfreut ist, gar nicht glücklich. Konovalov sieht sich selbst als ein Übel, eine ordnungswidrige Erscheinung: „Was bin ich denn? Ein Bosjak, ein Unkraut, ein Trunkenbold und verdrehter Mensch… Ich lebe, sehne mich nach irgendetwas… Weshalb? Niemand weiß das. Ich habe keinen inneren Weg…“

Wieder kommt er auf die Literatur zu sprechen: könnte nicht einer von diesen „Verfassern“ „mir vielleicht mein Leben erklären“? Maksim sieht sich herausgefordert und bietet seinem Freund sogleich an, diese Aufgabe, die ihm einfach und klar erscheint, selbst zu übernehmen. Mit großem Eifer trägt er vor, was er in den Zirkeln der Arbeiterbewegung und aus Büchern gelernt hat. Die wichtigste Aussage lautet: „Du brauchst die Schuld nicht bei dir zu suchen… Du bist das traurige Opfer der Umstände“. Konovalov weist diese Deutung entschieden zurück. Er verweist auf seinen Bruder, der nicht trinkt und ein ordentlicher Bäcker ist – „in mir selber ist etwas nicht in Ordnung“. Zum Entsetzen Maksims fordert Konovalov sogar härtere Gesetze, um seinesgleichen „auszurotten“. Die deutlich hörbare Ironie des Erzählers in dieser Episode bezieht sich nicht nur auf die maßlose Selbsterniedrigung Konovalovs, sondern mehr noch auf Maksim und seine auswendig gelernten soziologischen Erkenntnisse, hinter denen sich seine eigene Unsicherheit verbirgt.


Blutsbande mit Stenka Rasin

Auf der Suche nach weiteren Büchern zum Vorlesen bietet Maksim u.a. Dostojewskis Roman „Arme Leute“ an, aber den lehnt Konovalov rundweg ab: Leute schreiben sich Briefe, wie langweilig, er will etwas, das starke Emotionen weckt wie das Schicksal von Pila und Sysojka. Als ein Volltreffer erweist sich das Buch „Der Aufstand Stenka Rasins“ des Historikers und erfolgreichen Schriftstellers Nikolaj Kostomarow (1872 erschienen). Es ist die Geschichte des berühmten Atamans der Donkosaken, der 1670-71 einen der größten Bauernaufstände gegen die Regierung des Zaren führte. In der kleinen Literaturschule „Konovalov“ fügt Gorki hier das Kapitel „Mobilisierung von Protest und Kampfgeist“ hinzu. Mit Konovalov geht beim Zuhören eine sichtbare Veränderung vor sich, „etwas Löwenhaftes“ kommt in diesem sanftmütigen Menschen zum Vorschein, besonders im Zusammenhang mit der Folterung und Hinrichtung Rasins. Konovalov gerät in einen Zustand der Verzweiflung und des Zorns, schließlich reißt er Maksim das Buch aus der Hand, wirft es auf den Boden und bricht in Tränen aus. Es schien, als ob „Blutsbande“ diesen Bosjaken mit dem dreihundert Jahre zuvor hingerichteten „freien Falken“ verbanden, stellt der Erzähler fest (eine Formulierung, die Assoziationen mit Gorkis „Lied vom Falken“ weckt). „Stenka Rasin“ wird zu Konovalovs Lieblingsbuch, das er fast auswendig kann und bei jeder Gelegenheit anbringt.

Mit dem erneuten Absturz in den Alkohol ist aber auch das Kapitel der Bücher für Konovalov erledigt. Seinen Freund, der ihn in der finsteren Kneipe „Die Wand“ aufsucht, begrüßt er mit der spöttischen Anrede „Na, du Bücherwurm und Pharisäer?“, und bei ihrer letzten Begegnung macht er ihm zum Vorwurf, dass er sich zu viel mit Büchern beschäftige: „Bücher, das ist dummes Zeug“, wer die Welt erfahren will, der muss auf Wanderschaft gehen, das ist ganz etwas anderes. Auch für den Ausdruck des Weltschmerzes, in den Konovalov von neuem versunken ist, taugt das geschriebene und gesprochene Wort offenbar nicht mehr. Geblieben ist der Gesang, der so stark ist, das sogar seine hartgesottenen Saufkumpane wie gebannt zuhören.


Nachspiel: Gorki sagt sich von Konovalov los

In den späten 20er und den 30erJahren hat Gorki bekanntlich viele seiner früheren Positionen korrigiert, darunter auch seine Einschätzungen von Helden des eigenen Werks. Dazu gehört die Figur des Luka in dem Drama „Nachtasyl“ (Na dne), der immer schon umstrittene „Tröster“ der leidenden Menschen, den der Autor nun endgültig zu einer für die sowjetische Gegenwart „schädlichen“ Figur erklärte. Dieses Schicksal wurde auch dem Helden der Erzählung „Konovalov“ zuteil. Zwei junge Männer aus Sormovo (dem aus dem Roman „Die Mutter“ bekannten Industriegebiet von Nizhni Nowgorod) hatten dem Schriftsteller 1930 in einem Brief mitgeteilt: „Wir wollen ebenso sein wie Ihr Konovalov, d.h. Menschen, die ewig auf der Suche nach Glück sind und keinen ständigen Platz auf Erden finden“. Gorki war offenbar entsetzt über diese Ansicht zweier Sowjetmenschen in der Periode der Industrialisierung und des Enthusiasmus auf den Großbaustellen. Seine Antwort war eine strenge Zurückweisung in dem gleichen Parteijargon, der auch seine Artikel in „Pravda“ und „Izvestija“ auszeichnete. Ihre Ansicht über Konovalov sei allein damit zu erklären, dass sie erst 17 Jahre alt seien und noch keine Zeit gehabt hätten, über den Menschen und seinen Platz auf der Erde nachzudenken, erklärte Gorki den Briefschreibern: „Für euch, Menschen der dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, hat es überhaupt keinen Sinn, in irgendeiner Weise Aleksander Konovalov nachzuahmen, einen Menschen des 19. Jahrhunderts, einen Menschen, der nicht schlecht ‚von Natur’, aber ‚unglücklich’, erbärmlich, alkoholabhängig war. Wegen seiner Krankheit suchte er nicht nach einem festen und bequemen Platz im Leben, weil er fühlte, dass es ihm nicht gelungen war und nie gelingen würde, sein persönliches Leben einzurichten.“ Im weiteren ordnet Gorki Konovalov dem Milieu der Vagabunden und der „Pilger zu den ‚heiligen Stätten’ oder den Kneipen“ zu, einem Lumpenproletariat, dem es an jeglicher politischer Gesinnung gefehlt habe. Aus ihm hätte genauso ein Revolutionär wie ein Mitglied der „Schwarzhundertschaft“ (einer monarchistischen und chauvinistischen Organisation) werden können, beides aber nur für kurze Zeit. „So sieht der Held aus, dem ihr nacheifern wollt“, hält Gorki den Briefschreibern vor und macht dann eine Einschränkung, die Konovalov doch noch als Vorbild für die Gegenwart tauglich erscheinen lässt. Sie bezieht sich auf seine „Liebe zur Arbeit“, seine einzige positive Eigenschaft, die die Briefschreiber übersehen hätten. Konovalov habe ehrlich und sauber gearbeitet, nicht wie viele seiner Kollegen in den Teig gespuckt, wenn sie mit dem Lohn nicht zufrieden waren. Das allein sei an Konovalov nachahmenswert, und dies um so mehr, „weil jetzt die Arbeiter die einzigen gesetzmäßigen Herren ihres Landes sind, und ganz gleich, welche Aufgabe jeder von ihnen erfüllt, er arbeitet für sich und nur für sich, für seinen Staat“.

Man darf annehmen, dass Gorki dies alles geglaubt und seine Strafpredigt an die Adresse der jungen Leute mit den besten Absichten gehalten hat. Aber gerade deshalb ist dieser Brief ein trauriges Dokument der Vorherrschaft des politischen Ideologen über den Künstler Gorki, eine an Selbstverleugnung grenzende Umdeutung der ursprünglichen künstlerischen Konzeption des Konovalov. Alles, was die Sympathie des jungen Gorki für diese „große Kind“ geweckt hatte, seine Freundlichkeit und die Fähigkeit zum Mitleiden, sein waches Interesse für die Welt, der Freiheitsdrang des Vagabunden, ja selbst sein permanentes Schuldbewusstsein und sein Weltschmerz, Eigenschaften, die Maksim nicht gutheißt, aber doch als Zeichen eines sensiblen und „nachdenklichen“ Charakters wahrnimmt – all dies wird in Bausch und Bogen verworfen, der vielschichtige und tragische Charakter des Helden wird zu dem verachtungswürdigen Typus des Lumpenproletariers umgedeutet, dem jegliches „Bewusstsein“ fehlt, zu einem kranken, schwachen und orientierungslosen Menschen, der Gottseidank der Vergangenheit angehört und auf keinen Fall als Vorbild für die Jugend Sowjetrusslands gelten darf. Dabei zeigt die Ansicht der jungen Briefschreiber, dass sie in der herrschenden Staatsideologie ein fehlendes Interesse an den Problemen der Persönlichkeit wahrnahmen und dass sich ihre Sympathie für Konovalov auf eben diesen Mangel bezog.
Gorki war, auch in Bezug auf seine eigenen Probleme, ein exponierter Vertreter dieser persönlichkeitsfeindlichen Ideologie des Staates, eine Haltung, die einen permanenten Konflikt mit seinem Künstlertum nach sich zog.
Gorkis verächtliche Charakteristik Konovalovs enthielt auch eine deutliche Entpolitisierung des Themas der Erzählung zugunsten einer eher pathologischen Betrachtung, in der Konovalov nichts weiter als ein haltloser kranker Mensch ist. Dabei bleibt die „löwenhafte“ Erscheinung des Helden bei der „Stenka-Rasin“- Lektüre und das in dieser Person angelegte Potential des Protests unbeachtet.

Die Zensur im Zarenreich hat diese Seite in der Konzeption des Helden klarer gesehen als der Autor selbst dreißig Jahre später. Der Text konnte 1897 nur mit umfangreichen Streichungen in „Novoe slovo“ erschienen, einer politischen Zeitschrift, die auch Beiträge von Lenin publizierte und noch im selben Jahr verboten wurde. Zu den Staatsbeamten, die das Verbot verhängten, gehörte auch der bekannte Ober-Prokurator der Heiligen Synode Russlands Konstantin Pobedonoszew, das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche. In der Begründung des Verbots wurde insbesondere auf den belletristischen Teil der Zeitschrift verwiesen, in dem der Klassenkampf gepredigt werde. Erwähnung fanden auch die „talentierten Erzählungen“ eines gewissen Gorki, darunter „Konovalov“. Es gehört zu den Paradoxien in Gorkis Leben, dass Pobedonoszew dem Schriftsteller ein revolutionäres Potential bescheinigt hat, von dem der Autor selbst später nichts mehr wissen wollte.

Gänzlich unakzeptabel erscheint die Reduktion der positiven Eigenschaften Konovalovs auf die „Liebe zur Arbeit“, mit der Gorki seine Figur zum Vorbild für die sowjetischen Helden der Arbeit zu machen versuchte. Die daran sich anschließenden Propagandaformeln über die sowjetischen Arbeiter, die „Herren“ ihres eigenen Staates sind und für nichts anderes als für sich selbst arbeiten, wirken heute nur noch zynisch und aus dem Munde eines bedeutenden Schriftstellers beschämend.

Als tröstliche Erkenntnis mag gelten, dass die ideologisch motivierte Umdeutung des Helden durch seinen Schöpfer heute vergessen ist, und Konovalov, davon völlig unberührt, zu den interessantesten und sympathischsten Figuren Gorkis gehört. Man darf ihn heute immer noch oder von neuem als einen „guten Menschen“ lesen, als einen proletarischen Myschkin mit manchen Zügen des Fürsten in Dostojewskis Roman „Der Idiot“. Wer es will, kann die Erzählung auch als eine dunkle Vorahnung des jungen Gorki lesen, die besagt, dass der Traum von der großen Kulturrevolution mit den „nachdenklichen“ russischen Menschen vom Typ Konovalovs nicht zu verwirklichen sein wird und dass andere Menschen, die aus gröberem Holz geschnitzt sind, an seine Stelle treten werden.


Als ergänzende Lektüre auf diesem Blog zu empfehlen:

„Der Romantiker“ (1910) – eine Meistererzählung Gorkis

Kategorie: Russland und die Russen

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