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Der „wahre Gorki“ (L. Spiridonova) – wer ist er im heutigen Russland?

Sonntag, 10. August 2014, 12:48:13 | Armin Knigge

Der „wahre Gorki“ (L. Spiridonova) – wer ist er im heutigen Russland?

In russischer Sprache hier.

L. Spiridonova: Nastojascij Gor’kij – mify i real’nost’ (Der wahre Gorki – Mythen und Realität) Moskva IMLI RAN, 2013.

Die drei vorhergehenden Einträge auf diesem Blog waren der Ukraine-Krise gewidmet. In diesem geht es um eine Gor’kij-Monographie, die im vorigen Jahr erschienen ist. Der Zusammenhang mit dem Kontext der aktuellen Ereignissen ist dennoch unübersehbar vorhanden. Es geht um die Wiederbelebung der sowjetischen Vergangenheit.

Die Verfasserin, Lidija Aleksejewna Spiridonova, ist eine bekannte Gor’kij-Forscherin und leitet die Abteilung für die Erforschung und Herausgabe des Werkes Maksim Gorkis am Moskauer Institut für Weltliteratur (IMLI). In dem vorliegenden Buch, dem dritten über Gorki (nach M. Gorki: Dialog mit der Geschichte, 1994; M. Gorki: neuer Blick, 2004) wiederholt die Verfasserin ihre Grundthesen über den Schriftsteller und bekräftigt sie zum Teil mit neuem Material aus dem Gorki-Archiv und anderen Quellen. Zusammengefasst lauten sie so: Gorki war der prophetische Verkünder und dann der Inspirator und Lehrer des Sowjetmenschen, „jenes neuen Menschen, der im Verlauf von 70 Jahren einen sozialistischen Staat erbaute, der den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg errang und als erster in den Kosmos flog“. 1928 in seine Heimat zurückgekehrt, erkannte er in den realen Sowjetmenschen die Erfüllung seines utopischen Traums vom neuen Menschen. Gorki war nach Ansicht der Verfasserin „einer der Schöpfer der sowjetischen Zivilisation“, aber er war dennoch nicht verantwortlich für den staatlichen Terror der dreißiger Jahre, den er nach Kräften aufzuhalten versucht habe. Damit sei Gorki der humanistischen Tradition der klassischen russischen Literatur treu geblieben.
(Das passende Porträt zum Thema findet sich auf der Rückseite des Buchumschlags: die Gorki-Skulptur des sowjetischen Bildhauers Iwan Schadr, der auch eine Reihe von Lenin-Denkmälern geschaffen hat.)

Haben wir es hier wirklich mit dem „wahren Gorki“ zu tun? Im vorliegende Eintrag wird neben einer Reihe von Einwänden grundsätzlich Widerspruch gegen ein Konzept erhoben, das in Fortsetzung einer langen Tradition einen weiteren Versuch darstellt, den Schriftsteller zum Instrument der politischen Agitation zu machen, diesmal mit dem Ziel der Verteidigung des sowjetischen Staates und der Rückkehr zu den Ruhmgesängen, mit denen dieser Staat seine Herrschaft gesichert hat. Das über alle politischen „Aktualitäten“ Hinausreichende und Bleibende in dem Erbe Gorkis sind nicht die Illusionen des Schriftstellers über das Wesen der Sowjetmacht, sondern sein künstlerisches Werk, das in vielen seiner Teile durch eine große Frische und Originalität beeindruckt und das insgesamt die Persönlichkeit eines großen Menschen und eines freien Künstlers abbildet.

„Indem sie verschiedene Mythen und Legenden widerlegt, zeigt die Autorin das wahre Gesicht Gorkis, des Schriftstellers, des Denkers und des Menschen“, heißt es in der vorangestellten Kurzfassung des Inhalts. Zu den Mythen gehört auch das kanonisierte Bild der sowjetischen Propaganda, aber hier beschränkt sich die Entkräftung des Mythos auf zwei ideologische Attribute: ein „proletarischer“ Schriftsteller und ein „orthodoxer Marxist“ war Gorki nicht. Dennoch war er ein Kämpfer für den Sozialismus des sowjetischen Typs, wobei seine Gesinnung um eine „patriotische“ Komponente erweitert wird. Wesentlich härter geht die Autorin mit zwei anderen „Legenden“ um, nämlich mit der Gorki-Kritik der russischen Emigranten und der Zerstörung des staatlich organisierten Gorki-Kults in der Periode der Perestrojka. In beiden Fällen handelte es sich in der Tat um politisch motivierte Angriffe auf den Schriftsteller, die seine persönliche Integrität und ebenso seine künstlerische Leistung radikal in Frage stellten. Für die Verfasserin ist das im Grunde eine unzulässige Art des Umgangs mit dem Klassiker, sie spricht von den „Beschuldigern“ und den „Verleumdern“ Gorkis und illustriert ihre Haltung mit möglichst zugespitzten Äußerungen der Gorki-Gegner. Von dem „halbintelligenten“ Plebejer ist da die Rede, der seinen Ruhm nur den Bolschewiken verdankt, von dem „treuen Sklaven Stalins“, dem Freund der „blutigen Tschekisten“ und seinen Lobgesängen auf die „Umerziehung“ in den Straflagern. Eine Auseinandersetzung mit den Gründen für solche Urteile und mit ihrem Wahrheitsgehalt findet nicht statt, darin bietet das vorliegende Buch ein Beispiel für das Fortwirken der sowjetischen Kultur in den Geisteswissenschaften: Andersdenkende sind Feinde, die es zu bekämpfen gilt. Man muss allerdings hinzufügen, dass es sich hier nicht (oder noch nicht) um eine allein herrschende Staatsideologie handelt, sondern um Gruppen von meist älteren Menschen mit einer rückwärtsgewandten Einstellung, die der gesamten postsowjetischen Kultur ablehnend gegenüberstehen. Sie fühlen sich fremd in einer Kultur, die heute ein in Russland nie gekanntes Maß an Vielfalt und Freiheit erlangt hat.
Auch in der noch stark von der sowjetischen Vergangenheit geprägten Gorki-Forschung gibt es andere Stimmen und einen - nicht nur vorgeblichen – „neuen Blick“ auf den Schriftsteller und Menschen Gorki.
Zu diesem neuen Blick gehört unbedingt die Auseinandersetzung mit seinen Gegnern, nicht zuletzt auch deshalb, weil unter ihnen große Namen sind, die heute in Russland wieder hoch im Kurs stehen, vor allem Iwan Bunin und Wladimir Nabokow. Ihre Empörung über Gorkis Nähe zum Bolschewismus und später zum Sowjetstaat ist eine Reaktion auf die Oktoberrevolution, die heute sogar in der Staatsideologie als historische Katastrophe gilt. Nicht ganz so verständlich ist die kalte Verachtung, die diese Autoren der Person und der Schreibweise Gorkis entgegenbrachten. Hier ging es um die Ablehnung einer neuen literarischen Kultur „von unten“, die sich schon in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in Gestalt von schreibenden Proletariern und Bauern bemerkbar machte und von Gorki aktiv gefördert wurde. Bunin und Nabokov vertraten dagegen eine intellektuell und ästhetisch anspruchsvolle literarische Hochkultur und blickten nicht ohne Neid auf den Weltruhm Gorkis, den er mit seiner „primitiven“ Literaturproduktion erlangt hatte. Hier geht es um interessante kulturhistorische Entwicklungen, die durch pauschale Zurückweisung „falscher“ Anschuldigungen unbeachtet bleiben. Dasselbe gilt für die Demontage des sowjetischen „Götzen“ in der Zeit der Perestrojka, die sich gegen das vom Staat geschaffene und propagierte Bild des Schriftstellers richtete und insofern eine Chance für die Neuentdeckung Gorkis bot.
Die Verfasserin der Monographie konstatiert nur mit Befriedigung, dass Gorki „das stürmische Meer der ‚Perestrojka’ überlebt“ hat und unbeschadet als „lebendiger Klassiker“ im 21. Jahrhundert angekommen ist.


Gorki – der Inspirator und Lehrer des Sowjetmenschen?

Jenseits von Mythen und Legenden werde nun das „wahre Gesicht“ des Schriftstellers sichtbar, erklärt Spiridonova. „Als ein Verkünder der Ideen der Revolution lange vor der Oktoberrevolution schrieb Gorki für jenen neuen Menschen, der im Verlauf von 70 Jahren einen sozialistischen Staat erbaute, der den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg errang und als erster in den Kosmos flog“. An anderer Stelle erscheint der neue Mensch nicht nur in Gestalt einer Prophezeiung, sondern als real existierender Bürger der Sowjetunion. In ihm erblickte der Schriftsteller, als er nach Sowjetrussland zurückkehrte, „die Erfüllung seines Traums vom neuen Menschen“ (im Russischen mit großem Anfangsbuchstaben).
Gorkis mythischer Mensch, in dem auch Nietzsches Übermensch seine Spuren hinterlassen hatte, war ein utopisches Ideal, die stolze freie Persönlichkeit, Schöpfer einer neuen Welt und Herr über das eigene Schicksal. Es ist schwer zu begreifen, wie man dieses Ideal heute in Russland, mit dem historischen Wissen unserer Zeit, auf den Bürger der Sowjetunion in den dreißiger Jahren anwenden kann. Es ist die trotzige Antwort auf das Schimpfwort „sowók“, die Sklavennatur des Sowjetmenschen, das hier mit dem Ausdruck der Empörung angeführt wird. Die Stalinzeit, geprägt von Enthusiasmus und Heldentum der Arbeit, hat gegenwärtig Konjunktur in Russland und wird auch hier beschworen. Dabei zitiert die Verfasserin an anderen Stellen Gorkis Ansicht zum Verhältnis von Individuum und Staat, die nicht in dieses Bild passt: niemals dürfe der Einzelmensch zu einem „Rädchen und Schräubchen“ in einem staatlich organisierten Mechanismus herabgewürdigt werden. Im vorliegenden Buch wird zwar der staatliche Terror als „Verletzung der Gesetzlichkeit“ und als Abweichung vom Ideal des Sozialismus kritisiert, nicht aber das dem gesamten System innewohnende Prinzip der Unfreiheit.
In der Erzählung „Geburt eines Menschen“ erzählt Gorki von einem Erlebnis auf seiner Wanderschaft durch Russland, er hat einer unbekannten jungen Frau Geburtshilfe geleistet und ist stolz auf das neue Leben, dem er auf die Welt geholfen hat. Die glückliche Mutter malt sich am Schluss aus, wie ihr kleiner Sohn einem schönen Leben „in Freiheit“ (na privol’e) entgegen geht. Spiridonova deutet dieses Ereignis als Geburt des Sowjetmenschen, und sieht den Jungen, 1892 geboren, als den künftigen Arbeiter auf den „Baustellen des Sozialismus“. Auf die historischen Verhältnisse bezogen, hätte dieser Junge, wenn er im Charakter seinem Geburtshelfer ähnlich gewesen wäre, eher in einem Straflager enden können als auf der Ehrentafel der Stoßarbeiter.

Im folgenden werden drei Probleme erörtert, die in diesem Buch nicht ausreichend behandelt sind oder Widerspruch herausfordern: die Künstlerpersönlichkeit Gorkis, die Frage der Verantwortung des Schriftstellers für den Terror der Stalinzeit und die Frage nach der „Aktualität“ des Schriftstellers.


Der Künstler und die Freiheit

In den Beschreibungen der Persönlichkeit Gorkis verwendet die Verfasserin oft die Formel „kompliziert und widersprüchlich“. Meist geht es dabei um die politischen „Schwankungen“ des Schriftstellers und seine Konflikte mit der Partei. Die Formel war auch in der sowjetischen Periode in Gebrauch. Sie gab dem Leser zu verstehen, dass der in Rede stehende Mensch sich Gedanken erlaubt, die man besser nicht haben sollte, dass er aber, wenn auch widerborstig und ein wenig unzuverlässig, doch „zu uns gehört“. Im vorliegenden Buch ist der warnende Unterton obsolet geworden, die Formel weist aber immer noch auf etwas wie einen Mangel oder einen Fehler hin, der eine Entschuldigung, zumindest eine Erklärung fordert. Unzulässig erscheint dagegen die Annahme, Kompliziertheit und Widersprüchlichkeit könnten auch Gaben der Natur sein, die Respekt oder sogar Bewunderung verdienten, weil sie von der Ehrlichkeit und dem Mut eines Menschen zeugen, der fähig ist, sich entgegen den Normen seiner Umgebung zu verhalten. Eben diese Eigenschaft fordert die Natur des Künstlers, und sie war Gorki in hohem Maße eigen. Man kann nicht sagen, dass die Verfasserin des Buches diese Seite Gorkis ignoriert, zumindest in den zitierten Äußerungen von Zeitgenossen sind Gorkis überraschende Wendungen ein wiederkehrendes Thema, und auch die Verfasserin selbst findet für Gorkis Natur treffende Ausdrücke, wenn sie zum Beispiel von der Begeisterung (wörtlich „Beflügelung“) des jungen Gorki spricht und ihn im ganzen als einen „unruhigen Menschen“ charakterisiert. In zahlreichen bekenntnishaften Äußerungen hat sich Gorki selbst als „Häretiker“ und als Freund der Gattung der Häretiker bezeichnet, als ein Mensch, der mit den herrschenden Verhältnissen „nicht einverstanden“ ist. (Als „nesoglasnye“ haben sich auch die Demonstranten der Protestbewegung 2011/13 bezeichnet.) Im Buch wird ein Brief Gorkis an den Maler Il’ja Repin aus dem Jahr 1899 angeführt, in dem der gerade zu weltweiter Bekanntheit aufsteigende Schriftsteller sich zu seinem unerschütterlichen Glauben an die göttliche Natur des Menschen bekennt. Sie ist nach seiner Auffassung untrennbar verbunden mit der Freiheit der Persönlichkeit. Der Mensch braucht die Freiheit, erklärt Gorki, „und die Freiheit auf seine Art zu denken braucht er noch mehr als die Bewegungsfreiheit“. Ihren idealen Ausdruck findet die Freiheit im Schaffen des Künstlers, und Gorki will selbst ein „freier Künstler“ werden wie der bewunderte Repin. Ungeachtet des jugendlichen Überschwangs in dieser und vielen ähnlichen Äußerungen muss man Gorkis Bekenntnis zur Freiheit ernst nehmen. „Herr über die eigene Seele zu sein“, war eine Devise seines Lebens. Es ist bezeichnend, dass in dem angeführten Teil des Briefes im vorliegenden Buch wohl der Menschenkult Gorkis, aber nicht das Bekenntnis zur Freiheit enthalten ist. Der Begriff der Freiheit, der schon bei Dostojewski einen zweifelhaften Wert bezeichnet, ist im heutigen Russland zusammen mit dem des Liberalismus zu einem politischen Schimpfwort geworden. Er gehört auch im vorliegenden Buch eher zu den falschen, egoistischen Leitbildern der postsowjetischen Gesellschaft als zum Wesen des Schriftstellers Gorki.
Ohne den Begriff der Freiheit kann man aber den Schriftsteller Gorki und seine Konflikte mit der Gesellschaft nicht verstehen. Sein Lebensweg lässt sich als eine wechselnde Folge von Perioden der Freiheit und der Unfreiheit beschreiben, als Rebellion gegen oder Unterwerfung unter die Forderungen der Autoritäten in seiner Umgebung. Von einer vollständigen Aufgabe der eigenen Unabhängigkeit kann man jedoch selbst in den letzten Jahren seines Lebens nicht sprechen.
Die Helden in Gorkis Werken sind (vielleicht mit Ausnahme der Protagonistin in „Die Mutter“) keine „positiven Helden“ im Sinne des sozialistischen Realismus, es sind nachdenkliche, oft von Zweifeln geplagte Menschen, die ihren Platz im Leben suchen. Nicht selten sind sie einsam, Fremde in ihrer Umgebung, Sonderlinge, Störenfriede, „Philosophen“ aus dem Volk, Menschen „mit ihrem eigenen Kopf“. In dieser Hinsicht sind sogar so verschiedene Charaktere wie der Zigeuner Makar Tschudra und der Intellektuelle Klim Samgin, der erste und der letzte in der Reihe der Helden Gorkis, einander ähnlich.
Die letzten Jahre seines Lebens bilden eine Periode der maxiamlen Entfernung Gorkis von dem Ideal des freien Künstlers. Wohl wissend, was ihn in Russland erwartete, verzichtete er in der Hoffnung auf die Realisierung eines großen Kulturprojekts auf diese Grundbedingung des künstlerischen Schaffens. Allerdings doch nicht ganz. Der Roman „Das Leben des Klim Samgin“ blieb ein von seiner politischen Tätigkeit seltsam abgehobenes Projekt, das dennoch die „Hauptsache“ in seinem Leben darstellte. Nach Inhalt und Form ein in der Zeit eigentlich „unmögliches“ Werk, war es ein Akt der Verteidigung der künsterlischen Freiheit.

Im vorliegenden Buch erfahren wir wenig über dieses und andere Probleme der Psychologie des Schaffens. Das Hauptaugenmerk ist auf den politischen Ideologen Gorki gerichtet, insbesondere auf seine Beziehungen zu den rivalisierenden Strömungen, den Volkstümlern und den Marxisten, den Menschewisten und Bolschewisten, auch auf seine persönlichen Beziehungen zu prominenten Parteiführern der Zeit, darunter Karl Kautsky und August Bebel. In diesem Material gibt es viel Interessantes, aber im ganzen scheint diese verwirrende Vielfalt von Theorien, Allianzen und Auseinandersetzungen den Eindruck zu bestätigen, dass der Ideologe in Gorki den Künstler dominierte und dass die Politik das eigentliche Feld seiner Tätigkeit war. Aber dieser ganz im Parteienkampf aufgehende Gorki ist hauptsächlich ein Produkt der sowjetischen Propaganda, in der das Prinzip der totalen Politisierung aller Lebensbereiche herrschte. In Wirklichkeit hat ihm die Politik wenig Freude gebracht. Klagen über die Atmosphäre des „Jesuitentums“, der Lüge, des Betrugs und der Menschenverachtung, die in dieser Sphäre herrschen, finden sich vor allem in seinen Briefen in großer Zahl. Nichtsdestoweniger hat Gorki selbst in seiner Rolle als Agitator und Autor von Zeitungsartikeln in den dreißiger Jahren einem solchen Verständnis seiner Person Vorschub geleistet. Die Verfasserin stellt zu Recht fest, dass diese Auftritte durch ein „bürokratisches, offizielles Pathos“ gekennzeichnet waren. In dem Zyklus „Unzeitgemäße Gedanken“ (1917/18) hatte der Schriftsteller selbst seine Abneigung gegen diesen Stil und seine Benutzer ausgedrückt: „Menschen, die unter dem Druck des Glaubens, zu dem sie sich bekennen, verholzen und versteinern, haben nie meine Sympathieen genossen“. Leider bestimmt dieser Stil auch weite Teile des vorliegenden Buchs, etwa in der Inhaltsangabe zu dem Poem „Der Mensch“, in dem Gorki seinen Traum vom neuen Menschen verkündet: „Als eine Verkörperung der Ideen des Kollektivismus und des Internationalismus hat dieser Traum die ganze Generation der Menschen inspiriert, die den Faschismus besiegt und den mächtigen Sowjetstaat aufgebaut haben“. Es ist schwer vorstellbar, dass eine solche Aneinanderreihung von Schlagwörtern das Interesse eines jungen Lesers unserer Tage wecken könnte, der Gorki nicht gelesen hat, hier aber bestätigt sieht, was er schon immer von dem Schriftsteller wusste: er war die allgegenwärtige Ikone der Sowjetunion.
Wesentlich interessanter erschien mir eine kleine, fast anekdotische Randbmerkung in dem vorliegenden Buch, die sich auf eine persönliche Eigenheit Gorkis bezieht, nämlich seine Schwäche für das Element des Feuers. Er hat gern Feuer angezündet und geschürt, große im Freien und kleine im Aschenbecher. In seinen Erzählungen gibt es zahlreiche Schilderungen von Bränden, in denen die Symbolkraft des Feuers hervortritt – ein Element der Zerstörung und der Erneuerung, das mit Leidenschaft, Kampf und Revolution assoziiert wird, aber auch mit dem Chaos und dem Absurden. Hier haben wir es nicht mit abstrakten Ideen und Zeitungsphrasen zu tun, sondern mit einem lebendigen Menschen und seiner schöpferischen „Energie“ (ein Lieblingswort Gorkis).


„Wie kann der Schriftsteller verantwortlich sein…?“

Die Verfasserin stellt fest, dass Gorki bei seiner Rückkehr nach Sowjetrussland überzeugt war, dass im Land ein Bürgerkrieg tobte, und dass er deshalb der Staatsmacht das Recht zuerkannte, mit Gewalt und Grausamkeit gegen äußere und innere Feinde vorzugehen, und sie schließt hier die Frage an: „Aber kann der Schriftsteller verantwortlich sein für die Verletzung der Gesetzlichkeit und die Verurteilug unschuldiger Menschen in den Jahren der Auseinandersetzung zwischen Stalinisten und Oppositionellen?“ Es sei doch gerade Gorki gewesen, der versucht habe, den wachsenden Terror aufzuhalten, der verfolgte Menschen gerettet , sich um eine Versöhnung zwischen Stalin und den Oppositionellen bemüht habe. Gorkis eigene Weltanschauung sei nicht stalinistisch gewesen, versichert die Verfasserin, und „seine Lebenspraxis war nach wie vor auf der traditionellen Liebe zum Menschen gegründet“.
Lassen wir die Frage beiseite, ob eine solche Verbindung von offizieller Grausamkeit und privater Menschenliebe für eine Persönlichkeit wie Gorki denkbar war. Widerspruch muss vor allem die kategorische Zurückweisung des Gedankens hervorrufen, Gorki könne für die Ungesetzlichkeit im Lande mitverantwortlich gewesen sein. Man muss sich in Erinnerung rufen, welchen Platz der Schriftsteller in Sowjetrussland einnnahm. Die Verfasserin selbst weist Gorkis einen hohen Rang im sowjetischen Staat zu, er war der „Organisator des gesamten Kulturprozesses der UdSSR“ und „einer der Schöpfer“ des Sowjetstaates: „Zusammen mit Stalin und seinen Kampfgenossen formte er das System der sowjetischen Zivilisation, bestimmte die Perspektiven ihrer Entwicklung“. Kann man unter diesen Umständen wirklich glauben, dass der Schriftsteller keine Verantwortung für das trug, was in diesem System vor sich ging?
Die Verfasserin argumentiert nach dem Prinzip: Schuld gab es nur bei Stalin, dem Initiator des Terrors, und bei denen in seinem Umkreis, die seine Befehle ausführten. Zu ihnen gehörte Gorki nicht. Dennoch kann es keinen daran Zweifel geben, dass Gorki nicht nur mittelbar, als Mitgestalter des sowjetischen Systems, sondern auch unmittelbar an den „Ungesetzlichkeiten“ mitgewirkt hat, indem er sie öffentlich rechtfertigte. So sprach er zum Beispiel im Jahr 1930 in dem Artikel „An die Humanisten“, gleichzeitig in „Pravda“ und „Izvestija“ veröffentlicht, von der „unbeschreiblichen Niederträchtigkeit“ der 39 wegen angeblicher Sabotage der Lebensmittelproduktion zum Tode verurteilten Angeklagten, und erklärte mit dem ganzen Gewicht des ersten Schriftstellers im Lande: „Ich halte diese Hinrichtung für vollkommen gesetzlich. Das ist ein Gericht des Volkes…“ Gleichzeitig griff Gorki die angesprochenen „Humanisten“, die gegen das Urteil protestiert hatten, unter ihnen Albert Einstein und Heinrich Mann, mit scharfen Worten persönlich an. Der Umstand, dass er in diesem und weiteren Fällen in gewisser Weise ein Opfer falscher Informationen des OGPU-Chefs Jagoda war, rechtfertigt diesen Akt der Grausamkeit und Menschenverachtung nicht. Im übrigen lässt die Verfasserin keinen Zweifel daran, dass Gorki wusste, was im Land vor sich ging, er hatte schon in Italien zu den bestinformierten Beobachtern des sowjetischen Staates gehört. Wenig überzeugend erscheint auch das Argument, der Schriftsteller habe sich bei allen seinen Worten und Taten von einer „großen Idee“ leiten lassen, und es sei „nicht seine Schuld, dass diese Idee verfälscht worden ist“. Ein solches Verständnis der Sache ist nicht weit entfernt von der Formel „Der Zweck heiligt die Mittel“, die Gorki stets entschieden abgelehnt hat.
Unter diesen Umständen ist es schwer oder sogar unmöglich anzunehmen, dass Gorki selbst sich so frei von jeder Verantwortung und Schuld fühlte, wie es der ihm hier gewährte Freispruch nahelegt. Andernfalls müsste man ihn, ganz im Gegensatz zu seinem gesamten Erscheinungsbild, für einen Menschen ohne Gewissen halten. Verantwortlichkeit für das eigene Handeln gehörte für Gorki zu den Grundeigenschaften eines Menschen. Der Held der Erzählung „Konowalow“ besteht entschieden auf der Verantwortlichkeit und Schuld für sein verpfuschtes Leben, während sein´“Lehrer“, der junge Gorki, ihm zu verstehen geben will, dass allein die ungerechten „Umstände“ schuld seien. Der Erzähler gibt der Ansicht des Vagabunden Konowalow offensichtlich mehr Gewicht als seinem früheren Ich, das seinem Zuhörer die in Parteizirkeln erlernten Gewissheiten weiterzugeben versucht.

Kritische Urteile über das Verhalten Gorkis werden im vorliegenden Buch in der Regel als ungerechtfertigte Beschuldigungen oder als bewusste Verleumdungen gekennzeichnet. Die Verfasserin erspart sich die Mühe einer eingehenden Analyse der Gründe, indem sie besonders maßlose und von heftigen Emotionen bestimmte Äußerungen auswählt. Die Verfechter beider Einstellungen, sowohl der bedingungslosen Verurteilung als auch der Suche nach „mildernden Umständen“ , interessieren sich im Grunde wenig für das Innenleben des Schriftstellers, dessen Persönlichkeit hier wieder einmal zu einer Waffe des politischen Kampfes gemacht wird. Die „Tragödie“ Gorkis in der letzten Periode seines Lebens bestand nicht darin, dass er in der Rolle des hilflosen Zuschauers gezwungen war, der „Verfälschung“ seiner Ideale beizuwohnen, sondern darin, dass er selbst einer der Hauptakteure in diesem Drama war. Der Zusammenbruch des Humanismus, der im Land vor sich ging, fand auch in seiner Seele statt. Im Buch wird eine Äußerung Gorkis aus den „Unzeitgemäßen Gedanken“ (1917-18) angeführt, in der der Schriftsteller davon spricht, dass er „überall ein Häretiker“ und deshalb auch nicht willens sei, die eigenen inneren Widersprüche auf eine klare Linie zu bringen. Er sei sich daüber im klaren, erklärte Gorki, dass er im Falle einer solchen Begradigung gezwungen sein werde „eben den Teil meiner Seele abzutöten, der leidenschaftlich und qualvoll den lebendigen, sündigen und – Pardon! – ein wenig erbärmlichen russischen Menschen liebt“. Eben diese gewaltsame Operation an der eigenen Seele vollzog sich bei Gorkis Rückkehr in die Heimat. Er verwandelte sich in eben den Typ des Revolutionärs, den er zehn Jahre zuvor in der Gestalt Lenins verurteilt hatte, d.h. in einen grausamen und erbarmungslosen Experimentator am Material der gesamten Bevölkerung des Landes, den Erbauer der „sowjetischen Zivilisation“. Dabei handelte es sich in Gorkis Vorstellung um ein Land von glücklichen Menschen, die – wie er in einem Artikel zum Jahrestag der Revolution („Zehn Jahre“) formuliert – „ihren eigenen Weg zur Freiheit gehen – den einzigen Weg, der direkt zu ihr führt“. Aber der Preis für dieses Glück war die Absage an die Barmherzigkeit, an das Mitleid mit dem sündigen und erbärmlichen russischen Menschen, dem eine harte Erziehung bevorstand. Stalin erschien Gorki – für eine gewisse Zeit – als der ideale Realisator dieses Projekts, als die Verkörperung des „eisernen Willens der Geschichte“.

Um Gorki von den schweren Vorwürfen zu entlasten, die sich auf seine Verstrickung in die staatlichen Repressionen beziehen, führt die Verfasserin eine eindrucksvolle Reihe von Hilfs- und Rettungsaktionen des Schriftstellers für vom Regime verfolgte Menschen in Russland an. Einige davon waren frühere politische Gegner, die Gorki persönlich angegriffen hatten. Indem er seinen Einfluss auf Stalin und die Behörden geltend machte, hat Gorki zweifellos seine persönliche Integrität unter Beweis gestellt. Das Urteil der Verfasserin über dieses Verhalten geht aber wesentlich weiter. Gorki sei damit „seinem Prinzip treu geblieben“, das in einer angefügten Äußerung des Schriftstellers besagte: „Das Glück der Freiheit darf nicht durch Verbrechen gegen die Persönlichkeit verdunkelt werden, andernfalls ermorden wir die Freiheit mit eigenen Händen“. Gorki hat einzelne Menschen gerettet, aber für die Millionen Opfer der Kollektivierung der Landwirtschaft und anderer Terroraktionen kein öffentliches Wort des Bedauerns gefunden. Die ohne Quelle zitierte Äußerung stammt mit großer Wahrscheinlichkeit aus der Zeit, in der Gorki die Gewalt in Revolution und Bürgerkrieg entschieden verurteilt hat. In den dreißiger Jahren war er diesem Prinzip eben nicht „treu geblieben“. Indem er sich von der Haltung der Barmherzigkeit lossagte, sagte er sich auch von einem großen Teil seines künstlerischen Werks und von der Tradition der russischen Klassik los.
Über Gorkis innere Verfasssung in den letzten Jahren seines Lebens ist wenig bekannt. Bekannt ist aber eine Reihe von Fällen, in denen sein Verhalten geeignet war, auch bei wohlwollender Betrachtung Unverständnis und Ablehnung hervorzurufen. Genannt seien hier nur sein unaufrichtiges, taktisches Verhalten gegenüber dem Freund und Briefpartner Romain Rolland, wenn es um Ungerechtigkeiten in Russland ging, und die an Selbstaufgabe grenzende Zusammenarbeit mit Stalin, dem er seine Manuskripte mit der Bitte um Korrektur vorlegte. Über solche Verhaltensweisen Gorkis, die einem Selbstverrat gleichkamen, hat, als einer unter vielen Zeitgenossen, der Schriftsteller Michail Prischwin, ein früherer Vertrauter Gorkis, in seinen Tagebüchern geschrieben. Solche kritischen Stimmen aus dem Inneren Russlands werden im vorliegenden Buch nicht behandelt, die Verfasserin weist aber darauf hin, dass es im Gorki-Archiv zahlreiche Dokumente gibt, in denen Bürger sich über Ungesetzlichkeiten beklagen. Publikationen dazu gibt es nicht. Dieser weiße Fleck auf der Landkarte der Gorki-Forschung wartet noch auf eine Bearbeitung.

Dem ewigen Thema der Umstände des Todes Gorkis wird in dem Buch breiter Raum eingeräumt. L. Spiridonova wiederholt ihre aus früheren Publikationen bekannte These, der Tod sei durch eine raffinierte Vergiftung erfolgt, die in dem pharmazeutischen Labor des Geheimdienstchefs Genrich Jagoda vorbereitet wurde und einen natürlichen Tod vortäuschen sollte. Die Mehrzahl der Spezialisten neigt demgegenüber heute zu der Auffassung, es handele sich um eine natürliche Todesursache im Zusammenhang mit der Tuberkulose des Schriftstellers, wobei die Frage offen bleibt, wie gefährlich Gorkis Verhalten bei den bald nach seinem Tod einsetzenden Terrorprozessen für Stalin und das Regime hätte werden können. Die Verfasserin löst das Problem im Sinne ihrer Entlastungsstrategie: für sie gilt als erwiesen, dass Gorki ermordet worden ist, und damit entfällt die Grundlage für alle Anschuldigungen, er sei für den Staatsterror mitverantwortlich. Der gewaltsame Tod erweist sich gleichsam als unwiderlegbarer Freispruch für den Schriftsteller.


Wer ist Maxim Gorki im heutigen Russland?

Die Rolle Gorkis in der Geschichte Sowjetrusslands wird weiter ein Gegenstand politischer Auseinandersetzungen bleiben. In der Perestrojka ging es darum, den „sowjetischen Götzen“ von seinem Sockel zu stoßen, in den letzten Jahren gibt es Tendenzen, ebendiesen Götzen auf seinem alten Sockel wieder aufzurichten. Den Wendepunkt bezeichnete die im Jahr 2004 erfolgte Rückkehr des Profils Gorkis auf die Titelseite der „Literaturnaja gazeta“, wo er bei der Neugründung dieser ursprünglich von Puschkin herausgegebenen Zeitung 1928 an der Seite des Klassikers den sowjetischen Neubeginn verkörperte. Von dort war das Gorki-Profil 1990 im Zuge der Perestrojka entfernt worden, Puschkin blieb allein zurück. Dass Gorki nun wieder seinen angestammten Platz an der Seite des Klassikers einehmen durfte, begründete die Redaktion der LG mit der Erklärung, die Periode der „Selbstbespeiung“ sei nun vorbei, die sowjetische Vergangenheit erscheine endlich wieder als eine heroische Periode der Geschichte Russlands, der mit Verehrung und Stolz begegnet werden müsse.
Das vorliegende Buch setzt diese Linie fort. Bezogen auf das heutige Russland wird der sowjetische Klassiker als Verbündeter im Kampf mit dem russischen Neokapitalismus und der Konsumgesellschaft präsentiert, wobei Gorkis Verurteilung des „Spießbürgertums“ als Anknüpfungspunkt dient. Der Jugend im heutigen Russland, die vom „Dollarkult“ infiziert sei und nur die egoistischen Ziele des eigenen Fortkommens verfolge, wird Gorki als Vorbild vor Augen gestellt, der leidenschaftliche und selbstlose Kämpfer für die Ideen des Sozialismus und Kollektivismus. Überraschend, jedenfalls für den, der Gorkis Ansichten kennt, erscheint der Schriftsteller hier auch als ein Verfechter des „Patriotismus“, der weitgehend mit einer positiven Einstellung zur gegenwärtigen Macht in Russland zusammenfällt. Im Gegensatz zu dem bekannten „Westlertum“ Gorkis, seine manchmal übertrieben erscheinende Hochschätzung des willenstarken, vernunftgesteuerten und arbeitsamen Europäers, wird Gorki hier als Verfechter einer antiwestlichen Haltung präsentiert. Dem „mehrdimensionalen“ , nach vielen Seiten offenen russischen Menschen, wird der „eindimensionale“ Europäer gegenübergestellt, der nur auf seine Bequemlichkeit bedacht ist. Zu den Komponenten des „wahren Gorki“ gehört in dieser aktualisierten Gestalt auch die Idee des Schriftstellers, dass die Religion im Leben des Individuums und der Gesellschaft wieder ihren Platz finden muss. Aktuell geht es dabei natürlich nicht um das Gotterbauertum, das Projekt einer sozialistischen Religion im Roman „Die Mutter“ und anderen Werken, sondern um die Rückkehr der Orthodoxen Kirche in Staat und Gesellschaft. Gorkis Ablehnung der Kirche, die ihn vor der Revolution zeitweise exkommuniziert hatte, kommt nicht zur Sprache. Als einen weiteren in der Reihe der möglichen Anschlüsse an das Erbe Gorkis nennt die Verfasserin das Projekt des „dritten Sozialismus“ von S. Mironow, der mit seiner Partei „Gerechtes Russland“ ein Modell der „marktlosen“ Wirtschaft propagiert, das dem sowjetischen ähnlich ist.

Vieles an diesem Gorki-Bild steht in krassem Gegensatz zu unserem heutigen Wissen über die Anschauungen und Aktivitäten des Schriftstellers. Es gibt durchaus Argumente für die Auffassung, dass Gorki seinen Platz heute eher bei den Verfechtern des „Euromaidan“ finden würde als bei den Patrioten und der Orthodoxen Kirche. Der vorhergehende Eintrag auf diesem Blog über das „nationale Gesicht“ enthält Überlegungen, die in diese Richtung weisen. Aber auch das ist nicht das letzte Wort über Gorki. „Aktualität“ ist eine veränderliche Größe und es ist schwer vorauszusagen, worin man in zehn oder zwanzig Jahren die Nähe Gorkis zur dann gegenwärtigen Situation zu erkennen glauben wird. Überhaupt gehört die Verbreitung politischer Programme (und darum geht es im vorliegenden Buch hauptsächlich) nicht zu den genuinen Aufgaben eines Schriftstellers. Als warnendes Beispiel für diese Herangehensweise an Literatur ist der Eintrag „Dostojewski – Politisches Testament“ auf diesem Blog zu lesen. Kennzeichnend für solche Versuche der Instrumentalisierung einer Schriftstellerpersönlichkeit für bestimmte Zwecke ist das Fehlen eines menschlichen Gesichts. Im vorliegenden Buch taucht dieses Bild in kurzen Momenten auf, wenn von dem „Häretiker“ und dem „unruhigen Menschen“ Gorki die Rede ist oder von seiner Passion für das Element des Feuers.

Das für den Leser Interessante und Bleibende an dem Erbe Gorkis sind nicht seine „Ideen“ und „Überzeugungen“ und auch nicht seine politischen Aktivitäten, sondern das lebendige Bild des Autors in den verschiedenen Erscheinungsformen seiner Werke, beginnend mit dem kleinen Aleksej Peschkow, der in einem Milieu von Habgier, Neid und Gewalt nicht nur seinen Instinkt der Selbsterhaltung ausbildet, sondern ein untrügliches Gefühl für die Würde des Menschen. Nach ihm beeindruckt der Halbwüchsige, der für sich die Welt der Literatur, der „heiligen Bücher“, als Lehrer und Freunde seiner einsamen Existenz entdeckt; ihm folgt (im dritten Band der Autobiographie) der unglückliche Revolutionär, der in dem schmutzigen Keller einer Bäckerei vergeblich versucht, das politische Bewusstsein seiner Klassenbrüder zu mobilisieren (sie gehen lieber „Studenten verprügeln“). Von den weiteren Verkörperungen der Autorpersönlichkeit ist vor allem der Wanderer durch Russland zu nennen, immer auf der Suche nach „interessanten Menschen“, unter denen es viele naive Träumer, aber ebenso Spione, Verräter und gewissenlose „Erforscher“ der Grenzen der göttlichen Weltordnung gibt. Nicht weniger beeindruckt Gorki als Gesprächspartner berühmter Zeitgenossen wie Tolstoj, Tschechow, Andrejew und Lenin, wobei er seine Kunst beweist, mit Hilfe der Stimme des anderen auch Selbstgespräche zu führen. Fast in jedem Werk Gorkis kann der aufmerksame Leser solche mehr oder minder versteckten Beziehungen zwischen dem Autor und seinem Helden entdecken, die Spannung erzeugen. Zur Meisterschaft auf diesem Gebiet hat es Gorki in seinem letzten Roman „Das Leben des Klim Samgin“ gebracht, dessen Hauptheld – mit den Worten des Autors – „ein mir fremder Mensch“ ist. Klim Samgin ist die Verkörperung aller Laster der russischen und der universalen Intelligenz, und zugleich erfüllt dieser abstoßende Held die Aufgabe eines Chronisten der vier Jahrzehnte vor der russischen Revolution, wofür er mit dem ganzen Wissen und dem darstellenden Talent seines Schöpfers ausgestattet ist. Alle diese und viele andere Vorzüge des literarischen Werks Gorkis, die natürlich auch „Ideen“, Politik und Geschichte als Material literarischer Gestaltung enthalten, werden alle politischen Transformationen seiner Rezeptionsgeschichte überleben, auch das Projekt „UdSSR-2“, das gegenwärtig in Russland von vielen propagiert wird. Das gilt zumindest so lange, wie es Leser gibt, die sich für die Literatur als solche interessieren. Aber auch ein Leser, der sich dem Erbe Gorkis in der Hoffnung nähert, dort Gedanken über ein neues Russland zu finden, eine starke und selbstbewusste Nation ohne Überheblichkeit, kann fündig werden, wenn er sich nicht an den „Organisator der sowjetischen Zivilisation“ wendet, sondern an den großen Menschen Gorki, der im künstlerischen Werk zum Vorschein kommt.

Weiteres zum Thema auf diesem Blog

Ein Märchen über das „nationale Gesicht“ Russlands – Maxim Gorkis Kommentar zur Krimkrise
Der Eiserne Vorhang in den Köpfen – in Russland droht ein neuer Isolationismus
Eine schwere Schuld – Gorki und Stalin
Zwei Briefe an Stalin
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Kategorie: Streit um Gorki

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