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Kultur gegen Krieg und Politik – Ein Bekenntnis Maxim Gorkis (1923)

Mittwoch, 05. November 2014, 22:39:40 | Armin Knigge

Kultur gegen Krieg und Politik –  Ein Bekenntnis Maxim Gorkis (1923)

Porträt Maxim Gorkis von N.A. Andrejew. 1921

In russischer Sprache hier.

Unter dem Einfluss der noch frischen Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg, mit Gorkis Worten „ein vierjähriges Gemetzel, veranstaltet von den höchstentwickelten Kulturnationen Europas“, rief der Schriftsteller seine Kollegen und alle Kunstschaffenden auf, den Zerstörungen des Krieges und der ihn begleitenden Politik die „Kraft der Phantasie“ entgegenzustellen, von neuem „vydumki“, ausgedachte Welten und „Luftschlösser“ im Geist des Humanismus hervorzubringen, frei von den „aufdringlichen Forderungen der Politik“. Der 1923 geschriebene Zeitungsartikel, 1989 erstmals publiziert, bezeugt den nahezu grenzenlosen Glauben Gorkis an die Fähigkeit der Kultur, den Menschen zu „vermenschlichen“ und „die Wirklichkeit zu überwinden“. Die Kanonen hätten steinerne Häuser in Schutt und Asche gelegt, erklärte der Schriftsteller, aber die Phantasien der Künstler zu erschießen, hätten sie nicht vermocht. Ein Kulturoptimismus solchen Ausmaßes war immer eine Illusion, wenn auch eine attraktive. Das Kunstschaffen ist eine Sache von Einzelpersönlichkeiten, deren Stimmen von einer lautstarken Propaganda leicht übertönt werden können. Das bezeugt die aktuelle Situation in Russland. In dem nächsten Eintrag auf diesem Blog wird der Essay „Leb wohl, Europa!“ der Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja und eine Erwiderung „von oben“ vorgestellt.


Die russische Literatur im Dienst der Politik

„Russland hatte nie eine selbstgenügsame Kunst gekannt, frei von den aufdringlichen Forderungen der Politik und der Soziologie, es kannte nicht die Kunst als geheimnisvolles Spiel des Genies, das aus den Fakten der Wirklichkeit formt, was immer es will, wobei es sich den Erscheinungen des Lebens nur so weit unterordnet, wie der Bildhauer sich dem formlosen Steinblock unterordnet.// Die russische Literatur hat eine untergeordnete und gewaltige politische Rolle gespielt, da sie durch die Lebensbedingungen ihres Volkes genötigt war, schreckliche Bilder des russischen Lebens zu zeigen, um Abscheu vor ihm zu wecken.“

Schwer zu glauben, dass diese Gedanken von Maxim Gorki stammen, seinem sowjetischen Markenzeichen zufolge dem „Begründer des sozialistischen Realismus und Stammvater der Sowjetliteratur“. Erscheint doch die revolutionäre Rolle der russischen Literatur und die Abwesenheit eines rein künstlerischen Schaffens nicht als eine Tugend, auf die man stolz sein muss, sondern als ein bedauerlicher Mangel, weil die Künstler so ihrer für das Schaffen unerlässlichen Freiheit beraubt waren. Die Literatur war „genötigt“, erklärt Gorki, zu den Mitteln der Didaktik und der Predigt zu greifen, um ihre moralische Pflicht im Dienst der Gesellschaft zu erfüllen, insbesondere durch die Mobilisierung von Mitleid und Empörung für die notleidenden Bauern. Aber nicht dies sei die wahre Aufgabe des Schriftstellers und des Künstlers, erklärt Gorki, sondern die Mobilisierung der Phantasie, der Bau von Luftschlössern.

Die Entstehungsgeschichte dieser kleinen Arbeit ist charakateristisch für den weiten Umkreis, in dem Gorki Anfang der 20-er Jahre wirkte. Vor der Veröffentlichung 1989 (unter dem Titel „Die Berufung des Schriftstellers“ in Bd. 2 der Serie „Gor’kij i ego epocha. Issledovanija i materialy“) war der Text nur in einer ungarischen Übersetzung 1925 in der Budapester Zeitschrift „Nyugat“ (Europa) erschienen. Im Vergleich der Übersetzung mit dem russischen Originaltext, der sich im Gorki-Archiv in Moskau befindet, ergaben sich einige interessante Abweichungen. Ursprünglich war der Artikel für eine Publikation in England vorgesehen. In einem Brief an Wladislaw Chodassewitsch (den bekannten Dichter, mit dem Gorki bei verschiedenen Gelegenheiten zusammenarbeitete) berichtete der Schriftsteller (23. Juli 1923): „Ich habe für die Engländer einen Artikel über die Überwindung der Wirklichkeit mittels des ‚Ausgedachten’, d.h. der Phantasie, geschrieben“. Während er in Deutschland (um diese Zeit in Günterstal bei Freiburg) mit dem Status eines Halbemigranten oder sowjetischen Dienstreisenden lebte, fühlte sich Gorki als ein Vertreter der europäischen Kultur. Dafür sprechen nicht nur seine zahlreichen westeuropäischen Korrespondenten, sondern auch Projekte wie die Zeitschrift „Beseda“ mit Beiträgen von russischen Schriftstellern der Emigration und Sowjetrusslands sowie nicht zuletzt das gesamte Prosawerk der 20er Jahre. Das Schicksal der europäischen und der universalen Kultur war auch Hauptthema der hier behandelten Schrift.

„Wir leben in einer kranken Welt“

Europa befand sich in diesen Jahren noch ganz unter der Wirkung der Katastrophe des Weltkriegs. „Wir leben in einer kranken Welt, die nie dagewesene Schrecken erlebt hat und weiter erlebt“, erklärt Gorki. Das „vierjährige Gemetzel, veranstaltet von den höchstentwickelten Kulturnationen Europas“ war in seinen Augen vor allem ein schrecklicher Rückschlag auf dem Weg des Menschen zu einer vernunftbestimmten Weltordnung. Im Krieg hatten sich die animalischen Instinkte des halbzivilisierten Menschen offenbart. Wenn es einem Künstler einfiele, einen der Heerführer des Weltkriegs darzustellen, so würde er ihn wahrscheinlich als eine „sehr große, sehr giftige und wahrscheinlich sehr unglückliche Fliege“ abbilden, meint der Schriftsteller. In seinen Werken der 20er Jahre begegnen viele solche monströsen Insekten. Aber die wahre Kunst besteht nicht in solcher Duplizierung der Wirklichkeit, versichert uns der Schriftsteller. Sie wendet sich schon immer von blutigem Fleisch und all den Scheußlichkeiten des Krieges ab, sogar in der „Ilias“ und Tolstojs „Krieg und Frieden“. Das Gegengift, dass diese kranke Welt heilen kann, muss etwas prinzipiell Andersartiges sein. Dem Bösen muss das Gute, der Barbarei das ideale Menschentum entgegengesetzt werden. Und da diese Ideale in der Wirklichkeit nicht zu finden sind, müssen Luftschlösser für sie erbaut werden. „Etwas Schlechteres als die Wirklichkeit kann man nicht erfinden, etwas Besseres schon“, erklärt Gorki.


Wovon die Kunst sprechen soll

Aber worin besteht nun eigentlich die immer von neuem beschworene „Kraft der Phantasie“, welche Flaggen wehen auf den Luftschlössern? Auf diese Frage antwortet Gorki mit großem Pathos, zugleich aber mit merklicher Zurückhaltung in Bezug auf die konkreten Inhalte des „Ausgedachten“:
„Ich bin überzeugt, dass die Künstler Europas sehr bald anfangen werden, von neuem mit lauter Stimme über die Menschenliebe, den Humanismus, die Brüderlichkeit der Nationen, die tiefen Geheimnisse der Seele des Menschen zu sprechen, über die Notwendigkeit, dem Menschen Achtung und Aufmerksamkeit zu erweisen, über unsere Einsamkeit im Weltall, über die großen Freuden und das unerschöpfliche Leiden der Liebe, über die verfluchten Geheimnisse des Lebens, die heroische Arbeit des Denkens – über alles, was den Geist des Menschen vertieft und erweitert, ihn über die Wirklichkeit erhebt…“

In dieser Reihe der möglichen und wünschenswerten Ziele der schöpferischen Tätigkeit finden sich neben traditionellen Werten des Humanismus auch persönliche Themen Gorkis, die im Werk der zwanziger Jahre oft begegnen: die Vorliebe für die „Kompliziertheit“ gegenüber der zeittypischen „Vereinfachung“, die existenzielle Einsamkeit des Menschen, die Bewunderung für das Denken und die Wissenschaft.
Aber nicht weniger interessant ist die vollständige Abwesenheit von ganzen Ideenkomplexen, die in jenen Jahren und zum Teil bis heute untrennbar mit Gorkis Namen verbunden zu sein scheinen. Die imaginierten Schriftsteller der Zukunft schreiben über die Menschenliebe und die Brüderlichkeit der Nationen, aber nicht über Revolution und Klassenkampf. Sie interessieren sich für die Tiefen der Seele des einzelnen Menschen, aber nicht für die Besonderheiten der nationalen Seele der Russen oder Franzosen und den Zusammenstoß des Ostens mit dem Westen. Es fehlen auch die Markenzeichen, mit denen Gorki Weltruhm erlangt hat: der „Wahnsinn der Tapferen“ und der „Mensch, der stolz klingt“.


Politik – eine „schmutzige Sache“

Die gleichsam ausgeklammerten Themen sind verbunden durch ihre Nähe zum Reich der Politik, des Kampfes der Ideologien, der nationalen, klassenspezifischen und staatlichen Interessen. Das besondere Merkmal der von Gorki vertretenen Konzeption der Kultur und der Kunst ist die entschiedene Ablehnung der Politik. Die Überzeugung, dass Politik eine „schmutzige Sache“ sei, hatte sich bei Gorki schon seit den Auseinandersetzungen mit Lenin um die Parteischule in Capri 1908 und in den Folgejahren gebildet, sie festigte sich mit der Erfahrung des nationalen Fanatismus im Weltkrieg und fand ihre endgültige Bestätigung im Terror der Bolschewiki nach der Oktoberrevolution. Anfang der 20-er Jahre weckte die Entwicklung der Kultur in Gorki die neuerliche Hoffnung auf ein Gelingen des sozialistischen Experiments in Russland, aber seine Ablehnung der Sowjetmacht änderte sich damit nicht wesentlich. Die Politik der Bolschewiki und die Politik überhaupt blieb für ihn die Sphäre des „Jesuitentums“, in der Gewalt und Unfreiheit, Lüge und Betrug, Missachtung der Persönlichkeit und des Wertes eines einzelnen Menschenlebens herrschten. In der Schrift von 1923 lässt Gorki keinen Zweifel daran, dass es in der wahren Kultur keinen Platz für solche menschenverachtenden Praktiken geben kann.

Man könnte meinen, dass Gorki, einer der „politischsten“ Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, sich in einen Anhänger der reinen Kunst, des l’art pour l’art , verwandelt habe, gleich dem oben zitierten Bildhauer, für den „das Leben“ nicht mehr als der Steinblock ist, den er als Material für seinen künstlerischen Selbstausdruck braucht. Der Gedanke an eine Veränderung der Welt scheint hier ausgeschlossen. Gorkis Konzeption der Kultur basiert aber gerade auf diesem Gedanken. Der Prozess der Kultur zielt in seinem Verständnis ständig auf die Überwindung der schlechten Wirklichkeit und die „Vermenschlichung“ des Menschen und seiner Verhältnisse. Aber dies ist immer auch ein erklärtes Ziel der Politik. Auf diese Weise ergibt sich ein seltsam paradoxales Ideal: die unpolitische Propaganda des Humanismus, die mit den Mitteln des künstlerischen Schaffens operiert und den „Jesuitismus“ der Politik ablehnt.


„Ein Gebet um das Glück“

Die kleine Schrift zeichnet sich – wie die Publizistik Gorkis im allgemeinen – nicht durch ein klare Begrifflichkeit und stringenten Aufbau der Argumentation aus. Um so stärker ausgeprägt sind darin die Emotionen, die Wünsche und Antipathien des Autors. In diesem Fall geht es um den leidenschaftlichen Wunsch, die Sehnsucht nach dem „Positiven“ in einer kranken Welt, die in diesem Lobgesang auf die Kraft der Phantasie ihren Ausdruck findet. Das „Ausgedachte“ (die vydumka) steht letztlich für die weltverändernde Macht des utopischen Denkens. Dieser Gedanke gipfelt in dem Bild eines Liedes, das die ganze Menschheit singt: „Dieses Lied ist ein Gebet um das Glück. Die ganze Erde ist von seinen Lauten erfüllt, von der leidenschaftlichen Melodie des Schaffens und der Arbeit“. Eine umfassende Bedeutung für alle diese Werte findet Gorki im Begriff der Kultur: „Und da es außerhalb der Kultur Glück und Freude unmöglich sind, ist das Verlangen nach Glück zugleich das Verlangen nach Kultur“.
Wiederum wird hier die Politikferne der Gedanken des Schriftstellers deutlich, zugleich aber die Leidenschaft für die Veränderung der Wirklichkeit.


Hauptkriterium – die künstlerische Qualität

Kennzeichnend für die politikfreie, unabhängige Position Gorkis in dieser Zeit sind auch seine Gedanken zur russischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts im letzten Teil der behandelten Schrift. Überraschend erscheint sein Lob für den russischen Symbolismus, der seiner Gedankenwelt eigentlich fern zu stehen scheint. Die Symbolisten, meint Gorki, haben zum ersten Mal ernsthaft versucht, die russische Literatur aus ihren politisch-soziologischen Zwängen zu befreien, indem sie ihre Aufmerksamkeit auf das Innnenleben des Menschen konzentrierten. In diesem Zusammenhang erwähnt Gorki, wiederum mit Zustimmung, den Einfluss seines ewigen Opponenten Fjodor Dostojewski. Überhaupt fällt Gorkis Bemühen um Gerechtigkeit gegenüber seinen Vorgängern und Zeitgenossen auf, unter denen um diese Zeit nicht wenige politische Gegner oder sogar geschworene Feinde des Schriftstellers waren. Zu ihnen gehörten Leonid Andrejew (1919 gestorben), Iwan Bunin, Zinaida Gippius, Dmitri Mereschkowskij , Fjodor Sologub u.a. Jedem von ihnen widmet er respektvolle Aufmerksamkeit, im Vordergrund steht immer die künstlerlische Persönlichkeit und die Verdienste des jeweiligen Autors im Prozess der Literaturgeschichte. Die besondere Liebe Gorkis galt den jungen Schriftstellern in Sowjetrussland. Der proletarische Dichter Wassilij Kasin erscheint hier mit seinem Talent auf einer Ebene mit den „Serapionsbrüdern“, die sich in einer ganz anderen Ideenwelt bewegten. Zu der Gruppe, die sich unter Mitwirkung Gorkis im Petrograder „Haus der Künste“ gebildet hatte, gehörten u.a. Lew Lunz, Michail Soschtschenko, Wsewolod Iwanow, Weniamin Kawerin, Konstantin Fedin und der Gorki-Biograph Ilja Gruzdev. Der Name der Gruppe, auf E.Th.A. Hoffmanns gleichnamige Erzählungssammlung bezogen, stand für das Programm einer Erneuerung der Literatur unter dem Primat der Kunst gegenüber der Ideologie. Gorki bemerkt dazu: „Die apolitische Einstellung von Menschen, die von der Revolution erzogen wurden, löst bei vielen Erstaunen, bei manchen Ärger aus – mir erscheint sie als eine sichere Garantie der Objektivität, die für den Künstler unverzichtbar ist“. Von diesen jungen Schriftstellern erhoffte sich Gorki die Mobilisierung der Schaffenskraft, um die es in der behandelten Schrift ging. Sie endet mit einem Lob der Kunst - „das Wunderbarste von allem Wunderbaren, was der menschliche Erfindungsgeist geschaffen hat“.


Von der Einsamkeit der „Häretiker“

Ohne Zweifel geht von diesem überschwänglichen Lob der Phantasie und der Kultur etwas Naives, fast Kindliches aus. Aber zugleich offenbart sich in diesem leidenschaftlichen Grundton eine starke und unabhängige Persönlichkeit. Man kann mit Bestimmtheit sagen, dass Gorki um diese Zeit trotz seiner vielfältigen Kontakte ein zutiefst einsamer Mensch war. Mit seinem Ruf nach Kultur und künstlerischem Schaffen konnte er bei keiner der gesellschaftlichen und staatlichen Formationen auf ein zustimmendes Echo hoffen, am wenigsten bei seinen früheren Genossen und teilweise immer noch Freunden in der Führung Sowjetrusslands. Ihnen ist eine Bemerkung gewidmet, die im Originaltext stand, aber in der ungarischen Übersetzung (1925) ausgelassen ist: „In jenen Jahren [der Revolution, A.K.] galt die Literatur als ‚bourgeoise’, dem Volk feindlich, die Literaten lebten in ständiger Erwartung von Verhaftungen, Durchsuchungen, Beschlagnahmungen ihrer Bibliotheken, sie lebten unter schweren Bedingungen, in Hunger und Kälte“. – Im Lager der Emigranten war Gorkis Reputation ohnehin zerstört, er galt als Feind der Kultur und als Person selbst „unfähig zur Kultur“ (Z. Gippius).

Zustimmung und Solidarität fand Gorki nur bei einzelnen Persönlichkeiten seines Umfelds, unter denen der Schriftsteller Romain Rolland einen besonderen Platz einnnahm. Mit ihm verband Gorki nicht nur der gemeinsame Kampf gegen Militarismus und Nationalismus im Weltkrieg und die Treue zum Ideal des Sozialismus, sondern auch die problematische persönliche Situation im Umkreis der politischen Gesinnungsgenossen. Beide kannten sie den schmerzhaften Zustand eines Menschen, der mit seinen Überzeugungen und seinem Auftreten bei den Genossen nicht nur Widerspruch, sondern eine feindselige Ablehnung erfahren hatte. Für Gorki war das seit langem ein fast gewöhnlicher Zustand, Rolland machte erst 1921 diese Erfahrung. In der Gruppe der französischen Sozialisten unter der Führung von Henri Barbusse trat er nicht nur wie Gorki für die Freiheit des Schaffens ein, sondern verteidigte fundamentale Prinzipien der Ethik, die nach seiner Ansicht in der praktischen Arbeit der Gruppe missachtet wurden: die Achtung der Wahrheit und der Gewissensfreiheit, den freien Meinungsstreit, den Verzicht auf den Sieg um jeden Preis. Barbusse antwortete darauf mit einer öffentlichen Rüge an die Adresse der „Rollandisten“, forderte kategorisch das Ende des „Moralisierens“ und des „Sentimentalismus“ und den bedingungslosen Gehorsam gegenüber dem Programm und der Führung der Gruppe. Rolland hob in seiner Erwiderung die prinzipielle Bedeutung des Konflikts hervor. Er sei bereit, gemeinsam mit den Genossen „die Ketten der Vergangenheit zu brechen“, und fügte hinzu: „Aber ich bin nicht bereit, sie durch neue zu ersetzen“.

Rolland unterrichtete Gorki ausführlich über diesen Steit und bat ihn um seine Meinung. Gorki erklärte dem Freund in seiner Antwort (25. Januar 1922) seine uneingeschränkte Solidarität. Insbesondere schloss er sich Rollands strikter Ablehnung des Prinzips „Der Zweck heiligt die Mittel“ an: „Was ist das Ziel? Bedingungen schaffen, die die Menschen zu gutherzigen, klugen, starken, ehrlichen Wesen erziehen.// Für mich ist schon lange klar, dass die Mittel, die heute für die Schaffung solcher Bedingungen angewandt werden, in die diesem Ziel direkt entgegengesetzte Richtung führen“.
Eines der Leitmotive des Briefwechsels der beiden Schriftstellers um diese Zeit ist die gegenseitige Versicherung, dass man in diesem Konflikt stark bleiben müsse. „Wir, die Häretiker, sind verpflichtet, für unsere Überzeugungen zu kämpfen, sie ins Leben zu tragen, und sei es mit Schimpf und Schande“, erklärte Gorki (25. Januar 1922) und Rolland versicherte im gleichen Geist (22. Oktober 1922): „Menschen des freien Geistes, wie Sie und ich, frei und der Wahrheit ergeben, sind auf dem Grund ihrer Seele immer einsam, einer Seele, die mit der ganzen Menschheit verbunden ist“. In diesen Kontext fügt sich die Schrift Gorkis über die Bestimmung der Kultur. Gerechterweise muss man aber darauf hinweisen, dass dieser Geist des Widerstands gegen den Druck der Politik in den folgenden Jahren bei beiden Schriftstellern merklich an Kraft verlor und einer „vernünftigen“ Einstellung zu dem wachsenden Terror des Stalin-Regimes Platz machte. Die Rede war nun nicht mehr von der Einsamkeit der Andersdenkenden, sondern von den „Errungenschaften“ der Kulturpolitik in Russland und der Notwendigkeit, die junge Sowjetmacht vor den Verleumdungen der bürgerlichen Presse in Schutz zu nehmen. Die Schriftsteller und der Kommunismus – das ist eine unerschöpfliche Quelle von Dramen und Tragödien.

Im folgenden Beitrag auf diesem Blog wird das Thema des Konflikts zwischen Kultur und Politik am Material der gegenwärtigen Situation in Russland fortgesetzt.

Kategorie: Russland und die Russen

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