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''Man muss das alles ausmerzen!'' - Zum 90. Jahrestag der Revolution

Mittwoch, 14. November 2007, 13:50:55 | Armin Knigge

Der folgende Auszug aus dem Zyklus „Bemerkungen aus dem Tagebuch. Erinnerungen“ von Maxim Gorki bezieht sich auf reale Ereignisse im Revolutionsjahr 1917 in Petrograd. In der Nacht vom 26. auf den 27. Februar (nach dem bis 1918 gültigen Julianischen Kalender), dem historischen Datum der Februarrevolution, brannte unweit der Staatsduma, dem Zentrum der revolutionären Ereignsse, das Gebäude des Kreisgerichts. An diesem historisch unbedeutenden Nebenschauplatz spielt sich eine Szene ab, die in symbolischer Verdichtung die Atmosphäre der Zeit zum Ausdruck bringt. Das Element des Feuers und seine Reflexe im Bewusstsein der Zuschauer kennzeichnen eine von Gewaltphantasien, apokalyptischen Träumen und anderen dunklen Instinkten beherrschte Gesellschaft. Der mit einer zotteligen Fellmütze bekleidete „Wächter“ repräsentiert die bäuerliche Masse, von der in Gorkis Vorstellung die größte Gefahr für die demokratische Revolution ausging. - Geschrieben im Sommer 1917, enthält der Text mit der Rückschau auf den Februar zugleich eine Vorahnung der Ereignisse des Oktoberumsturzes.
(>> Originaltext)

Das Gebäude des Kreisgerichts brennt.
Das Dach ist schon eingestürzt, im Innern faucht das Feuer, seine gelbrote Watte kriecht aus den Fenstern, schleudert Papierasche in den schwarzen Nachthimmel. Niemand löscht den Brand.
An der Wut des Feuers weiden sich Gaffer, etwa dreißig an der Zahl. Wie schwarze Vögel stehen sie an den alten Kanonen des Artilleriemuseums, sitzen auf den langen Lafetten. Etwas Dummes, Neugieriges geht von diesen Rüsseln der Kanonen aus; irgendwie ausweichend und schief sind sie alle in Richtung der Staatsduma ausgestreckt: dort brodelt das Leben , dorthin werden mit Automobilen und zu Fuß verhaftete Generäle und Minister gebracht , dorthin bewegen sich dunkle Haufen von Menschen.
Ein junge, helle Stimme ruft:
„Genossen! Wer hat ein Stück Brot verloren?“
Bei den Kanonen geht, wie ein Wachposten, ein langer, gebeugter Mensch mit einer zotteligen Fellmütze auf und ab, das Gesicht ist von dem aufgestellten Kragen des Schafspelzes verdeckt. Er bleibt stehen und fragt jemanden in gedämpftem Ton:
„Heißt das, sie haben beschlossen, dass Vorstrafen gestrichen werden? Strafen werden aufgehoben?“
Man antwortet ihm nicht. Die Nacht ist kalt. Die gekrümmten Figuren der Bewohner schauen bewegungslos, fasziniert auf den gewaltigen Scheiterhaufen im Inneren der Mauern. Das Feuer beleuchtet die grauen Gesichter, spiegelt sich in den leblosen Augen. Die Menschen auf den Kanonen wirken irgendwie zerknittert und zerzaust, überraschend nutzlos in dieser Nacht der Wende Russlands auf einen neuen, noch schwierigeren, heroischen Weg.
„Ich sage: und was ist mit den Verbrechern? Gerichte wird es nicht mehr geben?“
Jemand antwortet halblaut, in spöttischem Ton:
„Keine Angst, sie werden dich nicht kränken, du bekommst dein Urteil.“
Und träge schleppt sich das seltsame Gespräch der nutzlosen nächtlichen Menschen dahin:
„Vor Gericht gestellt – das werden sie.“
„Wer hat das Feuer gelegt?“
„Die Angeklagten, natürlich, die Diebe.“
„Die haben den Nutzen davon...“
„Solche, wie der da...“
Der Mann mit der Zottelmütze sagt streng und laut:
„Ich bin kein Angeklagter, kein Dieb, sondern der Bewacher für dieses Gericht. Keiner ist da, aber ich bin hier!“
Er spuckt vor seine Füße und scharrt dann lange, sorgfältig mit seinem schweren Lederschuh über das Pflaster, um die Spucke zu verwischen. Dann sagt er:
„Ich habe da meine Zweifel: wenn sie beschlossen haben, alle zu begnadigen, dann ist das zu früh. Zuerst muss man das ganze Verbrechertum vernichten. Papiere verbrennen, Häuser verbrennen – das ist kein Kunst. Erstmal muss man die Verbrecher ausrotten, sonst fangen wir wieder an, Papiere zu schreiben, Gerichte, Gefängnisse zu bauen. Ich sage, ein für allemal ausmerzen das ganze Übel... Die ganze alte Zeit.“
Er schüttelt den Kopf und fügt hinzu:
„Und ich gehe jetzt hin und sage denen, wie man es machen muss.“
Er drehte sich abrupt um und ging auf der Shpalernaja davon, in Richtung der Duma. Die Menschen begleiteten ihn mit einem undeutlichen, spöttischen Gemurmel, einer von ihnen brach in lautes Lachen aus, das in einen heftigen Hustenanfall überging.
Dieser Mensch war der erste, der – nicht seinem Verstand, sondern, offensichtlich, seinem Instinkt folgend – die Parole ausgab:
„Man muss das alles ausmerzen.“
Jetzt, im Sommer, sind die Reden zu diesem Thema immer entschiedener und immer häufiger zu hören.

Kategorie: Russland und die Russen

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