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Gorkis Besuch im Lager Solowki – ein politisches und literarisches Desaster

Freitag, 19. April 2019, 20:21:43

Gorkis Besuch im Lager Solowki – ein politisches und literarisches Desaster

Das Foto zeigt Maxim Gorki im Juni 1929 in dem Lager Solowki mit Funktionären der OGPU


„Material für dieses Buch lieferten auch sechsunddreißig von Maxim Gorki angeführte sowjetische Schriftsteller, die Verfasser des Buches über den Weißmeer-Kanal, jenes schändlichen Werkes, in dem zum ersten Mal in der russischen Literatur der Sklavenarbeit Ruhm gesungen wurde“. So steht es in der Einleitung zu Alexander Solschenizyns berühmtem Buch „Der Archipel GULAG“ (Deutsche Übersetzung 1974 im Scherz Verlag Bern). Dieses oft zitierte vernichtende Urteil über Gorkis Rolle nach seiner Rückkehr in die UdSSR bezieht sich auf das 1934 erschienene Sammelwerk über den Bau des Weißmeer-Ostseekanal, der 1933 eröffnet wurde. Im Grunde war dieses Urteil schon in Solschenizyns Bericht über ein Ereignis gesprochen, das fünf Jahre zuvor stattgefunden hatte: der Besuch Gorkis auf der Inselgruppe im Eismeer Solowki im Juni 1929. Der dritte Teil des „Archipel GULAG“, in dem diese Geschichte behandelt wird, trägt die Überschrift „Arbeit und Ausrottung“. Das „Sonderlager“ Solowki gilt heute als die „Keimzelle für den berüchtigten Gulag“ (Wikipedia), und Gorkis Besuch dort in der Darstellung Solschenizyns lässt den Schriftsteller als einen schamlosen Heuchler erscheinen, der sich in seinem eigenen Bericht über den Besuch – im fünften Teil des Werkes „Durch die Union der Sowjets“ – dazu hergab, die kritischen Darstellungen des unmenschlichen Regimes in der westlichen Presse durch die gegenteiligen Eindrücke eines hochgeachteten Schriftstellers zu entkräften. „Und es wurde ab- und nachgedruckt“, erklärt Solschenizyn, „in der großen freien Presse, der unsrigen und der westlichen, durch den Namen des Falken und Sturmvogels belegt: dass die Solowki zu Unrecht als Schreckgespenst galten, dass sich die Häftlinge dort eines herrlichen Lebens samt einer herrlichen Erziehung erfreuten.“ Gorki habe nicht nur das „Sonderlager“, sondern das gesamte Lagersystem gerechtfertigt. „Er segnete, mit einem Fuß im Grabe, den Archipel“.

Die Verteidiger Gorkis in dieser Sache – sie entstammen fast ausnahmslos dem Umkreis der sowjetischen Gorki-Forschung – empören sich in der Regel über die maßlosen Übertreibungen in den Urteilen Solschenizyns und das fehlende Verständnis für die komplizierte Situation, in der sich Gorki nach seiner Rückkehr befand. Angesichts des Themas des Werkes und seiner Entstehungsgeschichte in Verbindung mit den eigenen Erfahrungen Solschenizyns als Häftling in allen Verzweigungen des sowjetischen Gefängnis- und Lagersystems kann man solche Einwände nicht gelten lassen. Solschenizyn berichtet über staatlich organisierte Verbrechen eines unvorstellbaren Ausmaßes und er erfindet dafür die Gattung „Versuch einer künstlerischen Untersuchung“, d.h. nicht einer wissenschaftlichen Forschungsarbeit mit gesicherten Quellen und abgewogener Argumentation. Der Grundton ist ein grimmiger Humor, und dieser Ausdruck der Fassungslosigkeit angesichts des Materials ist die enorme literarische Leistung Solschenizyns, die einen Leser, sofern er sich nicht bewusst verweigert, in eben diesen Zustand der Fassungslosigkeit versetzen muss. Es ist zugleich der Zustand der Millionen von Opfern dieses Systems, denen der Autor seine Stimme leiht, 278 von ihnen mit ihren Erinnerungen nennt er in der Einleitung als seine Zeugen.

In Bezug auf Gorkis Rolle kann man diese sarkastische Entlarvung des über alle Maßen gefeierten Klassikers auch unter Berücksichtigung aller Übertreibungen als eine verdiente Strafe betrachten. Er hatte sich der sowjetischen Regierung zur Verfügung gestellt, um in der Rolle des Revisors die Vorwürfe aus dem Ausland zurückzuweisen. Ein anderes Ergebnis kam unter diesen Umständen nicht in Frage. Gorkis Auftreten vor hunderten Häftlingen, die jedes seiner Worte und jede seiner Bewegungen mit höchster Aufmerksamkeit verfolgten, weil sie sich von ihm eine Besserung ihrer Lage erhofften, und dies unter den wachsamen Augen seiner Begleiter in Ledermänteln – das war eine Bewährungsprobe, die für den Gast schwerer kaum vorstellbar war und am Ende nur zu seinem Nachteil ausgehen konnte. Und dieses Element des Schändlichen und Erbärmlichen haftet dem Bild dieses Schriftstellers unauslöschbar bis heute an.


Was geschah wirklich bei Gorkis Besuch?

Wenn also das Mitgefühl des Lesers eher den Häftlingen als dem prominenten Besucher gebührt, so bedeutet das nicht, dass man Solschenizyns Version der Vorgänge ungeprüft als Tatsachen hinnehmen muss. Der Verfasser des „Archipel Gulag“ spricht nicht als Augenzeuge, er übermittelt die von zahlreichen Bewohnern des Lagers erzählten Geschichten, in denen die Grenzen zwischen selbst Erlebtem und Überlieferungen der Lagermythologie oft verschwimmen. Manche Einzelheiten sind einfach zweifelhaft, z.B. das Outfit der Schwiegertochter Nadeshda (Maxim Peschkows Frau, in der Familie Timoscha genannt), die beim ersten Empfang von Kopf bis Fuß in Leder eingekleidet erschienen sein soll, „ein lebendiges Symbol der OGPU, Schulter an Schulter mit der russischen Literatur“, wie Solschenizyn sarkastisch anmerkt. Man muss sich hier hüten, in die Sphäre der Klatschgeschichten zu geraten, die sich reichlich um Gorkis Familie ranken. Andere Episoden müssen dagegen unbedingt erwähnt werden, weil sie Gorki schwer belasten und bis heute strittig sind. So soll die Lagerleitung eine Gruppe von Häftlingen mit Zeitungen als eifrige Leser um Tische gruppiert haben, wobei einer, um die Aufmerksamkeit Gorkis zu erregen, das Blatt falsch herum gehalten habe. Gorki sei zu ihm gekommen und habe die Zeitung kommentarlos in die richtige Stellung gebracht. Die Kommentare dazu besagen, der Schriftsteller habe die Potjomkinschen Dörfer sehr wohl durchschaut, aber die erwarteten Reaktionen wie Nachfragen oder Protest aus politischen Rücksichten unterlassen. Noch schwerer wiegt die Geschichte um einen vierzehnjährigen Jungen in der Abteilung für schwer erziehbare Minderjährige, also einen Jungen aus dem Milieu, das Gorki besonders am Herzen lag und das im gesamten Werk „Durch die Union der Sowjets“ eine wichtige Rolle spielt. Der Junge habe sich „plötzlich“ an Gorki gewandt mit den Worten: „Hör zu, Gorki! Was du da siehst, ist alles Lüge. Willst du die Wahrheit wissen? Soll ich sie dir erzählen?“ Der Gast stimmt zu und alle, die Kinder genauso wie die begleitenden OGPU-Funktionäre, werden angewiesen, den Raum zu verlassen. Anderthalb Stunden hätten die beiden allein verbracht, heißt es weiter, und danach habe Gorki die Baracke „tränenüberströmt“ verlassen. Die Kinder bestürmen den Kameraden, wollen wissen, ob er von allen Grausamkeiten des Lagers erzählt habe. „Alles-alles-alles hatte der wahrheitsliebende Junge erzählt“, bestätigt Solschenizyn und fügt hinzu: „Wir aber wissen nicht einmal, wie er hieß.“ Er wurde erschossen, kaum dass das Schiff mit Gorki außer Sicht war, lautet die abschließende Information über das Schicksal des Jungen. In vielen Kommentaren zu dem Solowki-Besuch wird Gorki der Vorwurf gemacht, es wäre doch ein Leichtes für ihn gewesen, den Jungen mitzunehmen. Mit dieser Gleichgültigkeit habe er sich als Mensch und als Künstler disqualifiziert.
Wenig wird dagegen über die Glaubwürdigkeit der ganzen Episode diskutiert, außer bei den Verteidigern, die in aller Regel als befangen gelten dürfen. Aber es ist wirklich schwer zu glauben, dass ein Vierzehnjähriger aus dem Milieu der Besprisorniki, die mit allen Gefahren des Umgangs mit der Obrigkeit vertraut waren, sich auf ein solches Risiko eingelassen hätte. Und hätten die Männer in den Ledermänteln wirklich über eine Stunde geduldig vor der Tür gewartet? Die Existenz des Jungen ist von vier Augenzeugen beglaubigt. Es wird auch vielfach berichtet, sein Schicksal sei im Lager anschließend lebhaft diskutiert worden. Trotzdem sind weder sein Name noch sonstige Fakten seiner Biographie bekannt. Am ausführlichsten erinnert sich der bekannte Linguist Dmitri Lichatschow an das Ereignis, der zu dieser Zeit Häftling auf Solowki war und seine Informationen zum Teil auf Akten der Verwaltung stützen konnte. Aber auch er konnte die fragliche Person nicht identifizieren. Gewissheit wird es in dieser Sache vermutlich niemals geben.


Gorkis Bericht – „Umerziehung durch Arbeit“

Auch Gorkis eigener Bericht über seinen Besuch auf Solowki ist nicht geeignet, dem Leser eine klare Vorstellung von den Ereignissen des 20. und 21.Juni 1929 zu vermitteln, denn es handelt sich nicht um eine Chronik oder ein persönliches Reisetagebuch, sondern in erster Linie um ein für die Öffentlichkeit bestimmtes Dokument, mit dem der Schriftsteller faktisch einen Auftrag der sowjetischen Regierung erfüllte. Während er die Routen seiner Russlandreisen in der Regel selbst festgelegt hatte und sich dabei von Eindrücken seiner Wanderungen in den 1890er Jahren leiten ließ, reiste er nach Solowki auf ausdrücklichen Wunsch der Führung, insbesondere des Vorsitzenden des Geheimdienstes OGPU Genrich Jagoda, mit dem er in persönlichem Kontakt stand. Berichte von Häftlingen, denen die Flucht von Solowki in den Westen gelungen war, setzten die sowjetische Führung unter Druck. Schon 1926 hatte der Vorsitzende des Internationalen Roten Kreuzes um die Erlaubnis gebeten, eine Kommision zu einer Besichtigung des Lagers Solowki zu schicken. Eine Ablehnung des Reiseziels war für Gorki unter diesen Umständen kaum noch möglich. Es gab aber bei ihm auch ein persönliches Interesse an dem Projekt „Umerziehung durch Arbeit“, das im „Sonderlager“ Solowki mit großem propandistischen Aufwand durchgeführt wurde. In der Komposition des Werkes „Durch die Union der Sowjets“ sollte der fünfte und letzte Teil so etwas wie einen krönenden Abschluss des in den ersten Teilen dominierenden Themas der Arbeit und der Umerziehung der Menschen bilden. Dieser Plan ist jedoch offensichtlich nicht gelungen. Der in der deutschen Übersetzung ca. 30 Seiten umfassende Text bietet dem Leser ein seltsames Gemisch aus verschiedensten Textsorten: Naturbeschreibungen, eine lange Einführung in die 500 Jahre umfassende Geschichte des Klosters Solowki, eine ausführliche Beschreibung der wirtschaftlichen Erfolge des Lagers und zwischendurch theoretische Abhandlungen über den Klassencharakter des Verbrechens und die segensreiche Wirkung der Arbeit.

Die Mittel des sozialistischen Realismus kommen wieder reichlich zum Einsatz, insbesondere das Kontrastmodell ‚alte vs. neue Welt’. Die düstere und kalte Natur in Verbindung mit den mittelalterlichen Bauwerken wird gewissermaßen aufgehellt durch die mit Blumenbeeten geschmückten Plätze, saubere und gut durchlüftete Kasernen für die Häftlinge, ein perfekt eingerichtetes Lazarett u.a.m. Die jahreszeitlich bedingten weißen Nächte tun ein übriges für ein insgesamt helles, freundlliches Erscheinungsbild des Lagers. Man muss dabei berücksichtigen, dass Solowki schon vor Gorkis Besuch ein Vorzeigeprojekt „Umerziehung durch Arbeit“ war. Es gab Bibliotheken, ein Theater, mehrere Orchester und ein Museum. Eine Lagerzeitschrift wurde im ganzen Gebiet der UdSSR verbreitet. Auch Solschenizyn hebt hervor, dass Solowki kein Vernichtungslager war und die Insassen erst bei ihrer Überführung in das Projekt Eismeer-Ostsee-Kanal erfuhren, was ein „richtiges Lager“ im Archipel Gulag bedeutete. Das Wachpersonal war zudem zahlenmäßig so gering, dass die Administration weitgehend in die Verantwortung der Häftlinge gelegt wurde, zuerst waren das Offiziere und Beamte aus der Zarenzeit, später Kriminelle, die die Lagerordnung zu ihren Gunsten gestalteten. Trotzdem hatte die große Zahl von Intellektuellen, die in Solowki in Haft waren, im Vergleich zu normalen Arbeitslagern ein gewisses Maß an Freiheiten, und die Professoren, Schriftststeller und Kulturarbeiter pflegten einen lebaften geistigen Austausch. Der Schriftsteller Sachar Prilepin, gegenwärtig der bekannteste Vertreter des patriotischen Flügels in der russischen Literatur, hat dieses „bunte Solowki“ in dem vielbeachteten Roman „Das Kloster“ (Obitel’, 2014) geschildert: dieses Lager sei ein „Abbild Russlands wie in einem Vergrößerungsglas“, erklärt der Autor darin, ein Russland mit all seiner kulturellen Vielfalt und der Grausamkeit seiner Regierungsformen.

Über diese Hintergründe spricht Gorki erwartungsgemäß nicht, aber er deutet das Selbstbewusstsein seiner meist gebildeten Gesprächspartner im Sinne seiner Zeitschrift „Unsere Errungenschaften“ als Erfolg der Revolution. Die Umerziehung der Menschen aus der alten Welt scheint auf den Solowki schon weitgehend Wirklichkeit geworden: die Mönche des Klosters, früher nur der Propaganda reaktionärer Ideen und weltlichen Freuden zugewandt, verrichten, soweit sie noch da sind, nützliche Arbeiten. Einer ist Leiter der Milchwirtschaft geworden und hat seine Klause im Nachbarraum seines Labors eingerichtet. Auch andere Einrichtungen des Lagers werden von Menschen „mit Vergangenheit“ geführt. Den Pferdehof leitet ein ehemaliger Offizier der Koltschak-Armee, die Frauenunterkunft untersteht einer Dame aus der Familie des berühmten französischen Karikaturisten Caran d’Ache. Ein ehemaliger Häftling ist freiwillig auf seinem Posten geblieben, weil er nach dem Vorbild der berühmten sowjetischen Agronomen und Botaniker Mitschurin und Wawilow leidenschaftlich mit Pflanzen experimentiert. Die Begeisterung des Autors über die gelungene Umerziehung ehemaliger Krimineller, perekovka (‚Umschmieden’) genannt, führt stellenweise zu stilistischen Eskapaden. Bei der Überfahrt zu einer der kleineren Inseln wird die Bootsbesatzung so beschrieben: „Zwei Banditen ruderten, am Heck saß ein Mörder, am Bug ein Falschmünzer.“ Um mit solchen Darstellungen nicht gänzlich unglaubwürdig zu werden, fügt Gorki einzelne Kontrastfiguren ein, die sich als unbelehrbar erwiesen und ihre alten Gewohnheiten und Begriffe beibehalten haben, darunter ein professioneller Dieb, der früher viele junge Menschen in seinem Gewerbe ausgebildet und damit ins Unglück gestoßen hat, oder eine boshafte Kleinbürgerin, die einen aus Habgier begangenen Mord mit dreisten Lügen bestreitet.


Bei den Straßenkindern (Besprisorniki)

Die Menschen auf den Inseln sind in Gorkis Text aneinandergereiht wie in einer Fotogalerie, den meisten haftet die mechanische soziologische Typisierung des sozialistischen Realismus an. Die Begegnungen mit dem Besucher bleiben flüchtig, es entsteht kein persönlicher Kontakt. Eine Ausnahme bildet Gorkis Besuch in der Kolonie der Kinder, und in dieser Episode kommt die zentrale Bedeutung des Milieus der Straßenkinder zum Ausdruck. Auf diesen „Verwahrlosten“, den Besprisorniki, ruhen die Hoffnungen des Menschen und des Ideologen Gorki, sie sind die Prototypen des neuen Menschen.
Gorki kommt hier als willkommener Gast gleichsam in seine Familie. Es ist die gleiche Welt, die er im zweiten Teil des Reiseberichts „Durch die Union des Sowjets“ geschildert hat, als er 1928 die mit seinem Namen ausgezeichnete Kolonie im Kloster Kurjasch bei Charkow unter ihrem Leiter Anton Makarenko besuchte. Es ist eine Welt ohne Gefängnismauern, in der die anarchischen Instinkte der Zöglinge durch eine auf Verantwortung und Gemeinsinn ausgerichtete Erziehung im Zaum gehalten werden.
Die Besprisorniki in Solowki sind ihrer Natur nach nicht anders als die Zöglinge der Gorki-Kolonie: sie haben sich auf der Straße daran gewöhnt, allen Autoritäten zu misstrauen, im Kampf um das Überleben frei zu denken und zu handeln. Und die meisten von ihnen verfügen, wie Gorki immer wieder betont, über besondere Talente, sei es als Sänger, als Versemacher, als Zeichner oder als glänzender Redner im Streit mit der Obrigkeit. Der neue Mensch soll auch in der Arbeit ein Künstler sein, lautet Gorkis Botschaft.

Als ein Theoretiker und Organisator dieser Reformpädagogik im Zusammenhang mit der Gefängnisreform ist im vorigen Eintrag auf diesem Blog der Funktionär Matwej Pogrebinski vorgestellt worden, in vielem Makarenko verbunden, eine höchst ungewöhnliche Persönlichkeit im Dienst der OGPU. Wir erinnern uns: Pogrebinski endete 1937 mit Selbstmord und hinterließ einen Brief an Stalin, in dem er seine unerträgliche Tätigkeit beschrieb: Mit der einen Hand habe er Kriminelle in höchst anständige Menschen verwandelt, mit der anderen höchst anständige Revolutionäre als Kriminelle abgestempelt. Pogrebinski hatte Gorki schon 1928 auf seiner Russlandreise begleitet und war nun auch in Solowki dabei. Er hatte daneben die Aufgabe, eine größere Zahl von Zöglingen auszuwählen, die in die von ihm organisierte Arbeitskommune für Minderjährige in Bolschewo bei Moskau überführt werden sollten. Die Kommune entließ laufend gut vorbereitete Zöglinge an weiterführende Bildungseinrichtungen und brauchte neue Bewohner.

Bei der Vorstellung seines Begleiters im „Solowki“-Bericht spart Gorki nicht mit Ausdrücken des Respekts und der Sympathie, Pogrebinski sei „ein Mensch mit einer unerschöpflichen Energie und ein ausgezeichneter Kenner der Welt der ‚sozial Gefährlichen’“. Die Zöglinge wissen, dass er unter ihnen „einige hundert“ zur Überführung nach Bolschewo auswählen wird, und sie wollen unbedingt dabei sein, Freunde haben ihnen von dort berichtet. Nach dieser allgemeinen Einführung folgt eine lange Szene, in der Gorki zum ersten Mal die Möglichkeit hat, unbeobachtet mit Bewohnern des Lagers zu sprechen und zugleich Pogrebinski im Umgang mit seinen Zöglingen zu erleben. Dass dies bei einem Besuch zu mitternächtlicher Stunde in der Kaserne der Besprisorniki vor sich geht, hat offensichtlich den Grund, der ständigen Beobachtung zu entgehen. Davon wird aber nicht gesprochen.
Die Situation zeigt eine gewisse Nähe zu der Geschichte mit dem vierzehnjährigen Jungen, die Solschenizyn erzählt, nur ist der Gast hier der Fragende, und Antworten gibt nicht nur einer, sondern eine ganze Gruppe. Gorki – jetzt in der Rolle des Revisors – fragt einen Jungen in der Nähe: „Habt ihr es schwer hier?“ „Es ist nicht leicht“, antwortet der und wird von einem Kameraden korrigiert: „Sag geradheraus – schwer!“ Die Diskussion in dieser Frage ist nicht ganz offenherzig, manch einer äußert sich ausweichend, andere geben – offensichtlich zur eigenen Sicherheit – positive Urteile ab. Immerhin werden zwei Arbeitsbereiche genannt, von denen aus anderen Quellen bekannt ist, dass sie zu vielen Todesfällen führten – die Holzarbeiten im Wald und das Torfstechen. Aber Einzelheiten gibt es dazu nicht, und die Klagen richten sich hauptsächlich auf die Mühen des Lernens: „Ob du willst oder nicht, du musst lernen!“ , „Sie ziehen einem rein das Fell ab“. Nicht erwähnt werden erwartungsgemäß Strafmaßnamen wie die Behandlung im Karzer und die Erschießungsaktionen in bestimmten Kellerräumen. „Trotzdem ist es kein Gefängnis!“, sagt einer und verkündet damit die Botschaft des Autors an die Kritiker im Westen.

Nachdem das heikle Thema abgeschlossen ist, wird die Stimmung ausgelassen und fröhlich. Die Jungen singen Spottlieder aus dem Milieu der Besprisorniki, aber sie können auch über Bücher und Schriftsteller diskutieren, ohne Respekt vor der hohen Kunst. Einige haben nicht nur Jack London und Mark Twain gelesen, sondern auch Charles Dickens und Victor Hugo, allgemein finden sie ausländische Schriftsteller interessanter als die heimischen, so wie einst der junge Gorki. Am Schluss dieser Begegnung kommt es zu einer überraschenden Störung. Ein junger Mann erscheint, der von den Kameraden mit Unwillen und Beschimpfungen empfangen wird, für sie ist er ein feindlicher Propagandist, ein Spion gegen die Sowjetmacht. Er überreicht Gorki eine „Eingabe“ an die Regierung, in der er seine Verbrechen gesteht, um Entlassung aus der Haft und um Aufnahme in die Rote Armee ersucht. Das Dokument ist in vollem Wortlaut abgedruckt. Die Richtigkeit der Angaben zum Lebenslauf des jungen Mannes hat sich Gorki anschließend bestätigen lassen: er war als Kämpfer der Roten Armee im Bürgerkrieg von Petljura-Verbänden (den Verteidigern der Ukrainischen Volksrepublik) gefangengenommen worden und mit ihnen nach Polen gelangt. Von dort aus wurde er als Diversant nach Russland geschickt mit dem Auftrag, in den Komsomol einzudringen und mit vorbildlichem Verhalten ein Studium im Bereich Bergbau und Forstwirtschaft zu erreichen zwecks weiterer Wühlarbeit. In einzelnen Beiträgen der Literatur zum Gorki-Besuch in Solowki wird die Vermutung geäußert, dieser junge Mann habe möglicherweise als Ausgangspunkt für die Geschichte mit dem vierzehnjährigen Informanten gedient, von dem Solschenizyn erzählt, gleichsam das ins Positive gekehrte Bild eines Verräters, der in der Lagermythologie zum Helden und Märtyrer der Wahrheit umgestaltet wird. Dies ist eines der vielen Beispiele für die mehr oder weniger wilden Spekulationen, von denen die Diskussion zu diesem Thema begleitet wird.

Zu einer Verdunkelung der Ereignisse haben auch bestimmte Manipulationen der Texte beigetragen, von denen im vorigen Eintrag die Rede war. Es ging dort um die Entfernung des Namens und der Person M.S. Pogrebinskis aus dem Text einer deutschen Übersetzung der Sammlung „Durch die Union der Sowjets“, 1956 im Aufbau Verlag in Berlin erschienen. Dort ist der Begleiter Gorkis und Organisator der Kolonie, die sie gerade gemeinsam besichtigen, aus dem Text verschwunden, was zu absurden Entstellungen führt. Der Vorgang wiederholt sich in dieser Übersetzung konsequenterweise bei dem Besuch in der Kinderkolonie des Lagers Solowki. Gorki beobachtet einen Kreis von Jungen, die sich um Pogrebinski versammelt haben und eine von Scherzen und Gelächter begleitete lebhafte Unterhaltung mit ihm führen. Von dem Hauptakteur in dieser Szene wird aber nur die Kubanka, seine Lammfellmütze, erwähnt, so dass sich die Jugendlichen nicht um den (inzwischen in Ungnade gefallenen) Pogrebinski, sondern einfach um einen Mann mit einer Lammfellmütze versammelt haben. (Auf dem Foto zu diesem Eintrag ist Pogrebinki nicht anwesend, aber es gibt andere Fotos, die ihn bei Gorkis Besuch mit seiner Kubanka zeigen.)
Dem aufmerksamen Leser dieser Übersetzung dürfte jedoch nicht entgangen sein, dass der in solcher Weise entfernte Pogrebinski auf den letzten Seiten des Textes wieder am Leben und gegenwärtig ist, zwar nicht mit seinem Namen, aber mit seinen Ideen und dem Projekt der Arbeitskommune Bolschewo. Es geht dort um Gorkis abschließende Gedanken zu seinem Besuch im Lager Solowki, die seine Erlebnisse dort zu einem – im Grundton hoffnungsvollen – Ausblick auf die gesamte weitere Entwicklung in Russland ausweiten. Gorki fasst den Sinn der vom Rat der Volkskommissare beschlossenen Gefängnisreform in einer deutlich von seinen eigenen Idealen geprägten Formulierung zusammen. Es gehe darum, „die Gefängnisse für Kriminalverbrecher zu liquidieren und in den nächsten fünf Jahren bei ‚Rechtsverletzern’ nur noch Erziehung durch Arbeit unter den Bedingungen größtmöglicher Freiheit anzuwenden“. Das Lager Solowki ist nicht „Das Totenhaus“ Dostojewskis, erklärt Gorki, „denn dort lernt man zu leben, lehrt lesen und schreiben und arbeiten“. Mit dieser Aufgabenstellung müsse man das Sonderlager SLON als eine „Vorbereitungsschule“ zum Eintritt in weiterführende Lehranstalten vom Typ der Arbeitskommune Bolschewo ansehen. Das Lager Solowki besitze „einen unendlich tiefen sozialpädagogischen Wert“, und westliche Staaten würden „alle Trommeln rühren und alle Posaunen blasen“, wenn sie eine solche Einrichtung vorzuweisen hätten. Gorkis Fazit lautet: „Lager wie Solowki und Arbeitskommunen wie Bolschewo sind notwendig. Auf diesem Wege wird der Staat schnell eines seiner Ziele erreichen: die Abschaffung der Gefängnisse“.

Der Zweck heiligt die Mittel

Was bei Solschenizyn als polemische Übertreibung erscheinen kann, erweist sich mit dieser Apotheose des Projekts Solowki als durchaus zutreffende Bestimmung der Absicht Gorkis: er bezeugt mit seiner Autorität, dass das Lager zu Unrecht als Schreckgespenst gilt, dass sich die Häftlinge dort „eines herrlichen Lebens samt einer herrlichen Erziehung“ erfreuen. Der Auftrag der Sowjetregierung scheint zu hundert Prozent erfüllt. Zugleich war aber schon für die ersten Leser dieses Textes und alle weiterenTeilnehmer der kontroversen Diskussion um diesen Besuch klar, dass die Thesen des Autors mit der Wirklichkeit der Situation in Russland wenig oder nichts zu tun hatten und nur die Phantasien und Wünsche des „Rückkehrers“ Gorki zum Ausdruck brachten. Strittig ist dabei nur die Frage nach der geistigen Verfassung des Autors dieser Erinnerungen: war es Opportunismus, Berechnung oder gar Zynismus, die zu diesem schöngefärbten Bild der Verhältnisse führten, oder doch der ehrenwerte naive Glaube eines Kommunisten an die lichte Zukunft? Für die Emigranten und nach ihnen die Kämpfer gegen den Stalinismus wie Solschenizyn gab es nur die Erklärung aus den negativen Charaktereigenschaften des Menschen Gorki: die Verehrung von Führer- und Vatergestalten, Ruhmsucht, Neigung zu einem luxuriösen Leben, zu einer autoritären Bevormundung der Schriftstellerkollegen und anderes mehr. Für die Verteidiger – sie kommen, wie gesagt, aus den Reihen der einst mächtigen Gorki-Forschung – sind auch die offensichtlichen Illusionen in den Reiseberichten „Durch die Union der Sowjets“ Belege für die hohen Ideale des Revolutionärs Gorki und seine ehrenhaften Versuche, den zunehmenden Terror unter Stalin einzudämmen und der Opposition wieder zu mehr Einfluss zu verhelfen.
In den Jahren der Perestrojka, als die öffentliche Meinung über Gorki fast auschließlich auf die Demontage des größten sowjetischen Kulturdenkmals ausgerichtet war, wurde von einigen Gorki-Forschern die These vertreten, der Bericht „Solowki“ sei mit der geheimen Absicht des Autors geschrieben, der Regierung und besonders den Sicherheitsorganen Vorbilder und Wegweiser für eine richtige Politik zu liefern und so mit der Kraft des Wortes Änderungen zu bewirken. Gleichzeitig wurde die Aufmerksamkeit auf bestimmte Passagen in diesem Text gelenkt, die als Anspielungen auf die grausame Wirklichkeit des Lagerlebens verstanden werden könnten. In einem Beitrag zu den regelmäßigen „Gorki-Lesungen“ in Nischni Nowgorod (T.A. Ryschowa, 1990) wagte die Verfasserin sogar die These, Gorkis Bericht „Solowki“ könne als ein „kodierter Text, eine Allegorie“ gelesen werden, in der der Autor dem Leser durch den Doppelsinn bestimmter Äußerungen zu verstehen gibt, dass er die Wahrheit sehr wohl kenne, aber genötigt sei, sie zu verschweigen. Dazu führt Ryschowa u.a. die ausführliche Beschreibung eines Bildes aus der Geschichte des Klosters an, auf dem die Bestrafung einer Frau mit Rutenschlägen auf den Rücken zu sehen ist. Dazu gibt es einen langen Kommentar des Autors über die richtige „Technik der Auspeitschung“. Besser als dieser etwas weit hergeholte Bezug auf die Lagerverhältnisse scheinen sich zwei Textstellen für eine allegorische Deutung zu eignen, an denen von einer falschen, unaufrichtigen Redeweise gesprochen wird. In dem historischen Abriss über die Geschichte des Klosters empfiehlt Gorki interessierten Lesern die „Historische Beschreibung“ des Priors des Klosters Meletij, erschienen 1881, und bemerkt dazu: „Es (das Buch) ist sehr beredt geschrieben und so salbungsvoll, als hätte der Autor es nicht mit Tinte, sondern mit dem Öl des Lämpchens vor dem Heiligenbild unter Zusatz von Honigseim geschrieben“. Sollte sich Gorki auf diesem Wege gleichsam für seinen eigenen salbungsvollen Text bei den Lesern entschuldigt haben? Auf dem Schiff von Kem nach Solowki lernt Gorki einen Mönch kennen, der zu den typischen „Volksphilosophen“ seines Werks gehört: immer etwas angetrunken und beschlagen in der Kunst, Weisheiten von sich zu geben, ohne sich auf irgend etwas festzulegen. Er belehrt Gorki, der ihn nach seinem Glauben gefragt hat: „Du musst weniger fragen. Und wenn du gefragt wirst, antworte nicht gleich, denke erst nach. Aber denke nicht über das Gefragte nach, sondern – warum man dich gefragt hat. Wenn du das errätst, wirst du wissen, wie du zu antworten hast.“ Ist auch dies eine Anspielung auf den eigenen Text und den taktischen Umgang mit den Auftraggebern des Besuchs? Es dürfte sich in diesen Fällen eher um Assoziationen handeln, die sich aus dem Wissen des Lesers ergeben, als um eine bewusste „Kodierung“ des Textes durch den Autor.


Die verschwundenen Aufzeichungen

Zu den aufschlussreichen Hintergründen des Solowki-Besuchs gehört Gorkis Beziehung zu dem Sicherheitschef Genrich Jagoda. Der Briefwechsel Gorkis mit Jagoda in den Jahren 1928 bis 1936, veröffentlicht 1994, ermöglicht Einblicke in die unaufrichtige, fast gespenstische Atmosphäre dieser Beziehung. Gorki hatte sich auf den jovialen Ton eingelassen, den der ihm aus Nischni Nowgorod bekannte „Landsmann“ Jagoda angeschlagen hatte. Man erkundigte sich nach Gesundheit und Familie und tauschte quasi nebenbei politische Nachrichten und Meinungen aus. Dabei ging es auf beiden Seiten nur um den Nutzen, den diese Verbindung bringen konnte, bei Jagoda war das die lückenlose Kontrolle über den als unberechenbar geltenden Schriftsteller, bei Gorki waren es die Informationen über die politische Entwicklung und die Einflussmöglichkeiten durch den mächtigen Mann an der Spitze der Dienste OGPU und NKWD. Auch der Solowki-Besuch Gorkis fand auf Inititiative und unter ständiger Kontrolle Jagodas statt.
Wenige Tage danach (Ende Juni 1929) berichtete Gorki Jagoda in einem Brief über seine Eindrücke von der Reise. Er habe sich zwar in den „nördlichen Regionen“ eine schwere Bronchitis geholt, aber dennoch sei er sehr zufrieden mit dem Erlebten. Er werde dem Adressaten bei ihrem nächsten Treffen ausführlich berichten. Einstweilen werde Jagoda aber von dem „lieben Matwej Semjonowitsch“ über alles unterrichtet werden. Die Rede ist von Matwej Pogrebinski, den Jagoda als Begleiter Gorkis gewählt hatte, und der in gewisser Weise die Hauptfigur in Gorkis Text war, der Organisator der Arbeitskommune Bolschewo, der Gesinnungsgenosse Makarenkos und von seinen minderjährigen Zöglingen geliebte Erzieher. Gorki nennt ihn in dem Brief seinen „Lehrer“, „einen Menschen von unbändiger Energie“: „Je mehr ich ihn kennenlerne , desto mehr gefällt er mir. Wie geschickt und erfahren er die kleinen Kriminellen für die Arbeitskommune erobert!“ Es ist unwahrscheinlich, dass Jagoda über dieses Lob für seinen Untergebenen sehr erfreut war. Die ganze Gefängnisreform mit ihrem Konzept der Erziehung durch Arbeit war um diese Zeit schon zugunsten rein ökonomischer Ziele abgeblasen. Sowohl Makarenko als auch Pogrebinski verloren ihren Einfluss auf die Musterkommune Bolschewo, die Erziehungsarbeit dort wurde praktisch eingestellt zugunsten der Produktion von Sportartikeln. Die einfühlende, väterliche Beziehung der Erzieher zu den Zöglingen passte nicht mehr in eine Zeit, die Helden der Arbeit forderte.
Im Januar 1930, nach der Veröffentlichung des Reiseberichts, kam Gorki in einem Brief an Jagoda noch einmal auf Solowki zu sprechen. Zwischen den Besprechungen anderer Angelegenheiten findet sich dort die Bemerkung: „Für die Skizzen (Gattung des „ocherk“) über die ‚Solowki’ muss ich ich mich, wie es scheint, bei Ihnen entschuldigen. Aber sie wissen , dass alle meine Aufzeichnungen - abhanden gekommen sind, und ich musste nach dem Gedächtnis schreiben“. Auch Gorkis Schwiegertochter hat berichtet, dass zwei Koffer mit Reisenotizen verschwunden, vermutlich gestohlen worden seien. Als Jagoda davon unterrichtet wurde, sprach er von „Spitzbuben“. Ein Koffer tauchte wieder auf, aber er enthielt nur Reste von Asche. Gorki-Forscher betrachten das als eine Maßnahme Jagodas, der dem Schriftsteller auf diese Weise signalisierte: es wird keine Veröffentlichung ungenehmigter Texte geben.
Ob diese Botschaft bei Gorki ankam, ist ungewiss, jedenfalls ist die Erwähnung des Vorfalls ein Zeichen für die undurchsichtigen Hintergründe des Besuchs. Aber wofür glaubte Gorki sich vor Jagoda entschuldigen zu müssen? Die Verteidiger nutzen diese Leerstelle, um „ihren“ Gorki zu entlasten. Sie weisen darauf hin, dass in Gorkis Text etwas fehlt, was von Jagoda unbedingt erwartet wurde: das Lob der „Tschekisten“ in ihrer Rolle als Bewacher und Erzieher der Häftlinge und die Würdigung ihres Vorgesetzten Jagoda.
In der Tat ist der Name des Organisators des Sonderlagers nicht genannt und auch keiner der Funktionäre aus der Lagerleitung. An ihrer Stelle nimmt der OGPU-Kommissar Pogrebinski mit seiner im Sinne der Partei zweifelhaften Gesinnung als Begleiter und Führer Gorkis einen zentralen Platz ein. Man kann sich solchen Interpretationen anschließen oder sie als durchsichtige Manöver zurückweisen, jedenfalls sprechen sie nicht grundlos von Ungereimtheiten in diesem Text, und man kann solche Merkmale als Zeichen dafür ansehen, dass Gorki selbst mit dieser ihm aufgezwungenen Situation und moralischen Bewährungsprobe nicht zurechtkam.

Auch die von den Verteidigern Gorkis immer wieder angeführten Hilfsaktionen für politisch verfolgte Menschen können im Sinne einer inneren Zerrissenheit des Schriftstellers gedeutet werden. Sie bleiben dennoch Belege für eine seltene Großherzigkeit. Die Behauptung, er habe in Solowki niemandem geholfen, ist nachweislich falsch. Als ein spektakulärer Fall muss hier die Befreiung einer Frau erwähnt werden, die eine alte Bekannte Gorkis schon aus vorrevolutionärer Zeit war: Julija Dansas, eine ehemalige Hofdame (frejlina) der Zarin Aleksandra Fjodorowna. Sie war außerdem eine russische Historikerin und Religionswissenschaftlerin sowie eine römisch-katholische Ordensschwester. Gorki hatte sie nach der Revolution wie viele Intellektuelle vor dem Hunger und der Verfolgung gerettet, indem er sie als Leiterin in dem von ihm gegründeten „Haus der Gelehrten“ in Petrograd einsetzte. Nach seiner Ausreise wurde sie verhaftet und in das Lager Solowki deportiert. Möglicherweise hat Gorki Kontakt mit ihr gehalten, jedenfalls traf er sie – überraschend oder mit Vorbereitung – bei einem Besuch im Museum des Lagers und sprach allein mit ihr. In der Folge erreichte er die Freilassung und Ausreise von Julija Dansas nach Frankreich. Julija Danzas hat einen bemerkenswerten Nekrolog über Gorki geschrieben und gehört zu dem eigentümlichen Netzwerk russischer Intellektueller aus anderen Denkrichtungen, mit denen er Kontakte unterhielt. Ihr Name taucht weder im Bericht „Solowki“ noch in Gorkis Briefen der Zeit auf, aber es gibt aus anderen Quellen zuverlässiges Material zu dieser Geschichte wie auch zu anderen Hilfsaktionen Gorkis für Häftlinge des Lagers Solowki.


Eine verdorbene Biographie?

Alexander Solschenizyn hat seiner Beschreibung des Solowki-Besuchs seine persönliche Ansicht über das Verhalten des Schriftstellers nach der Rückkehr aus Italien angefügt. Er erkärt das „jämmerliche Verhalten“ Gorkis jenseits politischer Überzeugungen ausschließlich aus dem Motiv des „materiellen Vorteils“. „Er sah ein, dass Geld und Ruhm nur mit der Heimkehr und der Annahme aller Bedingungen zu erkaufen waren. Damit wurde er zum freiwilligen Gefangenen Jagodas . Und dass ihn Stalin töten ließ, war überflüssig, eine unnütze Absicherung: Gorki hätte auch das Jahr 1937 besungen.“
Dass materielle Überlegungen bei der Entscheidung für die Rückkehr nach Russland eine erhebliche Rolle spielten, wird in der Gorki-Literatur im allgemeinen nicht bestritten. Als alleinige Erklärung ist diese These aber nicht akzeptabel, sie ignoriert die für Gorki unlösbare Verbindung mit dem Projekt der Revolution und allgemein mit dem nationalen Schicksal Russlands. Seine Briefe und die künstlerische Produktion der frühen zwanziger Jahre belegen sein Bemühen, eine kritische Distanz zu der neuen Macht zu bewahren. Gleichzeitig bewirkten aber die Festigung der Staatsmacht und die anfangs relativ freie Kulturentwicklung in Sowjetrussland einen Wandel im politischen Bewusstsein des Schriftstellers, der sich in den Reiseberichten „Durch die Union der Sowjets“ in aller Deutlichkeit widerspiegelte: das große Experiment, das in den blutigen Auseinandersetzungen von Revolution und Bürgerkrieg gescheitert war, kann doch noch gelingen, glaubte der Schriftsteller, ein demokratischer Sozialismus in Russland ist möglich, man muss nur die schon sichtbaren „Errrungenschaften“ durch einen neuen revolutionären Enthusiasmus voranbringen. Ein geeigneter Ansatzpunkt für seine eigene Mitwirkung erschien Gorki die Gefängnisreform, die am Ende von „Solowki“ mit großem Pathos zu einem utopischen Projekt ersten Ranges erhoben wird. Das Ziel „Abschaffung der Gefängnisse“ scheint hier die Bedeutung „Abschaffung des Terrors“ anzunehmen, denn das Konzept „Erziehung durch Arbeit“ sollte „unter den Bedingungen größtmöglicher Freiheit“ durchgeführt werden.

Im ganzen weist dieses Programm eine gewisse Logik im Sinne einer freiheitlichen Ordnung auf, aber nur als eine Konstruktion aus Worten, die in der Wirklichkeit des Landes keine Basis hatten. Auch ohne eine Abgleichung mit den Fakten im einzelnen war für den Leser klar, dass hier Potjomkinsche Dörfer vorgeführt wurden, mit stolzen Proletariern, die ihr Sklavendasein hinter sich gelassen haben, und mit ehemaligen Straßenkindern, die unter der Führung kluger und menschenfreundlicher Pädagogen zu einer Elite neuer Menschen heranwachsen. Der Preis für diese mustergültige Propagandaliteratur war eine deutliche Absenkung des intellektuellen und künstlerischen Niveaus, weit entfernt von der Qualität der gleichzeitig entstehenden letzten Prosawerke wie „Das Werk der Artamonows“ oder „Klim Samgin“.
Gorki folgte hier bedenkenlos der Devise „Der Zweck heiligt die Mittel“, insbesondere mit dem Verzicht auf Wahrheit im Sinne von Realitätsnähe und Kritik an Missständen (von der Regierung verordnete „Selbstkritik“). Auf Vorwürfe von seiten alter Freunde aus dem revolutionären Milieu reagierte er mit trotziger Zurückweisung. An Jekaterina Kuskowa, die ihm Einseitigkeit bei der Darstellung der russischen Wirklichkeit vorgehalten hatte, schrieb er am 22. Januar 1929 (also im Jahr des Solowki-Besuchs), er teile nicht ihre Gewohnheit, gegen Erscheinungen zu protestieren, die bei ihr Empörung auslösen, er verstehe es zu schweigen und halte das nicht nur für sein Recht, sondern für eine Tugend. „Die Sache ist die, dass ich die Wahrheit aufrichtig und unerschütterlich hasse, denn sie besteht zu 99% aus Gemeinheit und Lüge.“ Sein Leitbild sei der neue Mensch, den er auf seinen Reisen in Russland kennen gelernt habe, erklärt Gorki, ein von vielseitigen Interessen und literarischer Bildung geprägter Mensch („der Arbeiter einer Zuckerfabrik, der Shelley im Original liest“). Und dieser Mensch, der Erbauer eines neuen Staates, „braucht nicht die kleinliche, verfluchte Wahrheit, in der er lebt, er braucht die Behauptung jener Wahrheit, die er selbst erschafft“.
Die Verteidiger Gorkis sprechen in diesem Zusammenhang gern von der Natur eines Don Quijote, einem Träumer und Romantiker, andere von Naivität, Blindheit und Schönfärberei. Einem Wort Puschkins folgend bevorzugte Gorki gegenüber den „niedrigen Wahrheiten“ stets „den uns erhebenden Betrug“. Die Folge war, dass er nicht nur eine minderwertige Publizistik produzierte, sondern auch äußerst riskante Allianzen mit den neuen Führern der Sowjetmacht einging, deren Politik er „besänftigen“ wollte, faktisch aber durch seine Autorität unterstützte. Die Briefwechsel mit Stalin und Jagoda bieten anschauliche Belege für diese zweifelhafte Rolle des Schriftstellers. Mit Stalin hat Gorki bis 1934 eine enge Verbindung aufrecht erhalten, in der er die Rolle des Ratgebers und loyalen Genossen spielte. Dabei hat er, z.B. mit seinem Eintreten für seine Freunde Bucharin, Rykow u.a., solange er lebte, eine physische Vernichtung der Opposition verhindert. Dass er selbst von Stalin umgebracht wurde, wie Solschenizyn meinte, glauben allerdings heute nur noch wenige. Und dass er auch die Terrorprozesse 1937 „besungen“ hätte, ist eher unwahrscheinlich. Aber er hätte möglicherweise - schlimm genug - dazu geschwiegen.

Ein abschließendes Urteil über die Persönlichkeit des Schriftstellers Maxim Gorki bleibt letzlich jedem einzelnen seiner Leser überlassen, soweit es sie noch gibt. Abschließend sei hier noch die Äußerung eines der bekanntesten Schriftsteller im heutigen Russland, Boris Akunin, zitiert, der die letzte Periode im Leben Gorkis gewissermaßen als einen Unglücksfall beschreibt, der die Biographie eines großen Menschen „verdorben“ habe.
„Sich selbst den Nekrolog verderben“ – für diese Redensart biete Maxim Gorki das bekannteste und schrecklich traurige Beispiel, schreibt Akunin in livejournal.com (18.04.2014): „Ein unglaublich starkes Talent, ein sehr schönes Leben, in dem es alles gab: machtvolle Werke und weltweiten Ruhm, die Liebe schöner Frauen und die Anbetung der Leser, große Honorare und große Freigebigkeit, den Kampf mit dem Zarismus und den Kampf mit der Diktatur des Bolschewismus. Wenn Aleksej Maximowitsch zehn Jahre früher gestorben wäre, in der Emigration, wäre er uns als eine der hellsten Gestalten der russischen Kultur in Erinnerung geblieben.
Aber das Finale seines Lebens war so erbärmlich, dass es alle früheren Verdienste ausgestrichen hat. Die Reise nach Solowki, um die Umerziehung der Häftlinge anzuschauen; der begeisterte Bericht über diese Reise; /…/ die Villa Rjabuschinskis; das zu Lebzeiten umbenannte Nischni Nowgorod in Gorki… Mein Gott, wie schändlich ist das alles“.

Als Verfasser des Gorki-Blogs stimme ich dieser traurigen Bilanz eines Schriftstellerlebens grundsätzlich zu, nicht aber dem Urteil, dass mit Gorkis Rolle nach seiner Rückkehr alle vorigen Verdienste „ausgestrichen“ seien. Gegenwärtig wird in Deutschland über den Maler Emil Nolde gestritten, der ein Verehrer des Führers war. Die Enthüllungen darüber hatten zur Folge, dass zwei Bilder von ihm aus dem Arbeitszimmer der Bundeskanzlerin entfernt wurden. In einigen Kommentaren dazu wurde eine Meinung vertreten, die mir einleuchtet. Man könne doch die berühmten Blüten des Meisters nicht einfach verschwinden lassen und sich dafür entschuldigen, dass man sie bislang schön gefunden habe. Ein künstlerisches Werk kann dem Vergessen anheimfallen, aber vernünftigerweise doch nicht deshalb, weil der Autor etwas getan hat, was uns heute unakzeptabel erscheint. Ein vergleichbarer Fall ist die Hitlerverehrung von Knut Hamsun, aber sein Werk, in vielem dem Gorkis verwandt, gehört heute unangefochten zum Bestand der Weltliteratur. Das gilt auch für Gorkis
„Wanderungen durch Russland“, das Drama „Nachtasyl“ oder den Roman „Klim Samgin“. „Durch die Union der Sowjets“ ist dagegen ein trauriges Zeugnis für das Scheitern eines politischen und literarischen Projekts und zurecht vergessen.

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Kategorie: Streit um Gorki

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