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Unruhestifter (Ozorniki)

Donnerstag, 16. Juli 2009, 19:16:46 | Armin Knigge

(Die russischsprachige Version dieses Eintrags finden sie hier.)

„Warum treibst du Unfug?“ (Zachem ty ozornichaesh?), fragt der Bischof Khrisanf den Schüler Aleksej Peschkow bei seiner Inspektion der Kunavinsker Elementarschule in Nizhni Novgorod. Im weiteren Verlauf des Besuchs gesteht dieser Vertreter der Orthodoxen Kirche seinen begeisterten jungen Zuhörern, er sei in ihrem Alter ebenfalls „ein großer Unruhestifter“ (velikij ozornik) gewesen. Zu Peschkow sagt er beim Abschied in vertraulichem Ton: „Also halte dich zurück, einverstanden? Ich weiß doch, warum du Unfug treibst!“

Was ist ein „ozornik“?

Ein Würdenträger der Kirche und ein zehnjähriger Junge in zerlumpter Kleidung, der künftige berühmte Schriftsteller Gorki – in dieser Episode aus „Kindheit“ (Detstvo) werden sie beide einem literarischen Typus zugeordnet, den der Schriftsteller besonders liebte, den Unruhestiftern (Ozorniki). Die Übersetzung mit „Unruhestifter“ und die des dazugehörigen Verbs „ozornichat‘“ mit „Unruhe stiften“ oder „Unfug treiben“ sind keineswegs die einzig möglichen und vielleicht auch nicht die besten, ich habe sie hier eher als Arbeitstermini gewählt. Die Bedeutungsbreite von „ozornik“ hat Gorkis Übersetzern Kopfzerbrechen bereitet. Der Titel seiner Erzählung „Ozornik“ lautet in deutschen Übersetzungen „Der Tunichtgut“, „Der Halunke“ (oder auch „Hallunke“), „Der Flegel“. J. Pavlovskijs Russisch-deutsches Wörterbuch (Riga 1900) gibt als deutsche Äquivalente an: streitsüchtiger, frecher Mensch; Skandalmacher, Raufbold, Rabulist; mutwilliger Kopf. H. Bielfeldts Russisch-Deutsches Wörterbuch (2. Aufl. 1961), das Standardwerk der DDR-Slavistik, auch für Studenten im Westen, verzeichnet nur zwei Äquivalente: Wildfang und Frechdachs. Dass hier vieles nicht zusammen passt, liegt an der Bedeutungsbreite von „ozornik“, die sich aus einer Grundbedeutung von „Störenfried“ oder „Unruhestifter“ ableitet. In Gorkis Werk wird diese Bezeichnung auf sehr verschiedene Individualitäten angewendet, die kaum in eine Schublade passen. In der gleichnamigen Erzählung handelt es sich um einen aufgeweckten jungen Proletarier, der als Setzer einen frechen Kommentar in den Leitartikel des Chefredakteurs einfügt, ein „ozornik“ ist aber auch der geniale Schriftsteller Lew Tolstoi in Gorkis Erinnerungen, der seinen Besucher mit „listigen“ Fragen in Verlegenheit bringt. „Frechdachs“ wäre hier völlig unpassend, und Waska Buslaev, der Held eines Zyklus von Volksepen (Bylinen) aus Novgorod, ist kein „Wildfang“, sondern ein veritabler Raufbold, zudem ein dreister Herausforderer Gottes, der seinen Hochmut mit dem Leben bezahlt. Neben zahlreichen Unruhestiftern kleineren Formats (etwa dem Helden der Erzählung „Ein Mensch von leichter Lebensart“) mit überwiegend sympathischen Zügen ist bei Gorki auch die traditionelle Variante des bei den Bürgern verhassten „Tunichtguts“ zahlreich vertreten. Das sind etwa die kleinen Jungen, die auf der Straße Hunde und Katzen verfolgen und quälen und hilflose Bettler mit Steinen bewerfen; Dorfburschen, die sich grobe Scherze mit den Mädchen erlauben und ähnliche Beispiele für ein grobes, rüpelhaftes, skandalöses Verhalten, das eindeutig zu verurteilen ist.

Die ozorniki gehören also zwei gegensätzlichen Kategorien an: die einen sind selbst Teil der „bleiernen Widerwärtigkeiten“ des russischen Lebens, die anderen treten, jeder auf seine Art, als Feinde dieser Lebensordnung hervor, bekämpfen sie mit Regelverstößen und mit Spott. Unruhestifter sind beide, aber das Ziel der letzteren ist nicht bloß Radau, sondern eine produktive, auf Veränderung gerichtete Unruhe. In diesem „positiven“ Typ drückt sich Gorkis Sympathie für „alle Elemente der Rebellion oder auch nur des Unruhestiftens (ozorstvo)“ aus (wie der Dichter Felix Chodasevich in seinen Erinnerungen feststellt) und gleichzeitig seine Sympathie für die „schöpferischen Kräfte des russischen Volkes“ (so der Kritiker Aleksandr Voronskij ). Besondere Aufmerksamkeit unter Gorkis Unruhestiftern verdienen diejenigen, die in einen philosophischen oder religiösen Kontext gestellt sind. Zuerst aber ist die Rolle des Unruhestifters eine fundamentale Lebenseinstellung des jungen Gorki, sie ist Teil seines autobiographischen Mythos.

Aleksej Peschkow – Rächer der Erniedrigten und Beleidigten

Der Leser der „Kindheit“ versteht ebensogut wie der Bischof Khrisanf, warum der zehnjährige Aleksej „Unfug treibt“ (ozornichaet): „Prügelei war meine liebste Beschäftigung und mein einziger Genuss, und ich gab mich ihr mit Leidenschaft hin“. Die Motive für diesen Hang zur Gewalt unterscheiden sich jedoch wesentlich von den rüpelhaften und sinnlosen Aktionen seiner Altersgenossen. Aleksej widersetzt sich mannhaft jeder Erscheinng von Ungerechtigkeit, Erniedrigung und Gewalt gegen Menschen seiner Umgebung. Als der Großvater seine Frau grausam misshandelt hat, schneidet er den Heiligen im geliebten Kalender des alten Kaschirin die Köpfe ab. Empörung „bis zur Weißglut“ lösen die grausamen Spiele der Jungen auf der Straße in ihm aus, die Hunde und Katzen verfolgen und den geistesgestörten Bettler Igosha verhöhnen. Aber Aleksej, der „kleine Satan“, rächt sich auch für Ungerechtigkeiten, die ihm selbst widerfahren sind. In der Kunavinsker Elementarschule hat er durch sein abgerissenes Äußeres – Zeichen der Armut - das Missfallen des Religionslehrers erregt, der ihn mit gehässigen Bemerkungen schikaniert. Aleksej vergilt es ihm mit „wildem Unfug“ (dikim ozorstvom), z.B. sorgt er mit einer technischen Vorrichtung dafür, dass eine gefrorene Melone sich auf den Kopf des Lehrers niedersenkt. Aber zum Lachen gibt es bei alldem keinen Anlass. Gorkis „Kindheit“ ist – im Vergleich mit den Klassikern der Autobiographie (Rousseau, Tolstoj u.a.) – ein Antigenre. Nicht der gerührte Blick auf ein verlorenes Paradies, sondern die grausame Erzählung einer unglücklichen Kindheit: „Mein Leben war schwer, ich hatte ein Gefühl, das der Verzweiflung nahe kam, aber aus irgendeinem Grunde wollte ich es verbergen, prügelte mich herum und trieb Unfug (ozornichal).“ Unfug (ozorstvo) erscheint so als eine Form des Widerstands gegen die bedrückenden Verhältnisse im Haus der Kaschirins und später im Haus des Stiefvaters. Den Kulminationspunkt dieser Karriere des Rächers der Erniedrigten und Beleidigten bildet Aleksejs Attacke mit einem Messer auf den Stiefvater, nachdem der seine schwangere Frau mit einem Fußtritt in die Brust traktiert hat.

Ein Verwandter bei Dostojewski

Der Held der „Kindheit“ erinnert an Kolja Krasotkin in Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamazow“. Der dreizehnjährige Kolja, der Schrecken der Marktfrauen, gilt unter den Bürgern ebenfalls als ozornik, und die Motive seiner Missetaten sind ebenso ritterlich wie die Aleksej Peschkows. Er verteidigt Arme und Schwache, Menschen und Tiere, gegen ihre Bedrücker. Dostojewski hat ihm die Züge eines typischen Vertreters der radikalen Jugend seiner Zeit verliehen, viele davon scheinen den jungen Gorki vorwegzunehmen, vor allem sein Stolz sowie die Kühnheit und Leidenschaftlichkeit seiner progressiven Überzeugungen. Kolja versteht sich als „Sozialist“, als „Mensch ohne Vorurteile“, in der Gestalt Christi sieht er eine „vollkommen humane Persönlichkeit“, die, in die Gegenwart versetzt, ihren Platz bei den Revolutionären finden würde. Nach eigenem Bekenntnis liebt er es , „die Dummköpfe in allen Schichten der Gesellschaft aufzustören“ und ist immer geneigt, „die Klugheit des Volkes anzuerkennen“. Vieles aus dieser Charakteristik könnte auch über Aleksej gesagt sein, der zum Zeitpunkt des Erscheinens der „Brüder Karamasow“ wie Kolja 13 Jahre alt war. Das trifft allerdings nicht für das Ende des Romans zu, wenn die Straßenbande um Kolja voller Begeisterung der Rede Aljoschas über die Auferstehung von den Toten lauscht. „Ach, wie schön wird das sein!“, sagt Kolja dazu. Hier ist der Wille des Autors maßgebend, der uns die Bekehrung eines atheistischen Unruhestifters in einen gläubigen Christen vorführen will. Der Leser kann sich aber auch die Freiheit nehmen, an der Glaubwürdigkeit dieses wunderbaren Verwandlung zu zweifeln, er kann sie auch der Wirkung jener universalen Werte zuschreiben, die Aljoscha in seiner Rede vertritt: „Lasst uns, zuerst und vor allem, gut sein, sodann ehrlich..., seien wir alle großmütig und kühn.“
Der Vergleich mit der Romanwelt Dostojewskis führt uns zu der weiteren Entwicklung der „Unruhestifter“ in Gorkis Werk. Ihre Bedeutung verbindet sich mit zwei zentralen Themenkreisen des Werkes, einerseits mit dem Thema der Revolution, andererseits mit fundamentalen philosophischen und religiösen Problemen.

Ozorniki – Rebellen und Revolutionäre

Als klassische Beispiele für ozorniki im Sinne von „Störer der Ordnung“ erschienen die Führer der Volksaufstände in der Geschichte Russlands. In Wörterbüchern des Altrussischen (11.-17. Jh.) finden sich in den Artikeln „ozornik“ und „ozorstvo“ zeitgenössische Äußerungen über Stenka Razin und andere Aufständische, die sich durch dreistes Verhalten gegenüber der Obrigkeit, eine obszöne Sprache und Gewalttaten aller Art hervortun.
Alle Wörter mit dem gemeinsamen Stamm „ozor-“ (ozornik, ozorstvo, ozornichat‘ u.a.) werden bis ins 17. Jahhrundert ausschließlich mit negativen Bewertungen verwendet: die Unruhestifter sind bösartige Wesen, sie zerstören die Ordnung, bringen Chaos, Tod und Zerstörung. Freundlichere Varianten wie „fröhliche“, „schalkhafte“, „listige“, „kluge“ Unruhestifter erscheinen erst im 18. und 19. Jahrhundert häufiger. Der Sprachgebrauch von Dostojewski und Gorki zeigt die moralische Aufwertung dieses Typs.

Bei Gorki folgt dem autobiographischen Unruhestifter Aleksej Peschkow eine lange Reihe „unnormaler“, der Norm widersprechender Menschen, die sich durch ihre Abneigung gegen die bestehende soziale Ordnung, vor allem die Lebensformen der Bauern und der Kleinbürger auszeichnen. Das sind in erster Linie die berühmten barfüßigen Vagabunden (bosjaki) in den frühen Erzählungen und daneben – oft im selben Umkreis angesiedelt - die Sonderlinge (chudaki) und Unruhestifter. Aleksandr Voronskij („O Gor’kom“, 1926) sieht die Menschen bei Gorki „eingeteilt in zwei Grundkategorien: die einen sind die Bewahrer des ruhigen und satten Lebens, die anderen Sonderlinge oder Unruhestifter“. Besonders in den letzteren erkennt Gorki ein Potential der Bestrebungen wenn nicht zu einer Revolution, so doch zu einer wesentlichen Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Im Bild des Setzers Gvozdev, des Helden der Erzählung „Ozornik“, schuf Gorki einen sozialhistorisch bedeutsamen Prototyp, den „beleidigten Menschen“ aus der Unterschicht, der sein Leben verändern will. Auf den ersten Blick scheint er ganz mit sich im reinen. Die nach oben strebenden blonden Wirbel auf seinem Kopf verleihen ihm den „verwegenen Anblick eines jungen Arbeiters, der mit sich zufrieden ist, jederzeit bereit zu singen, zu tanzen, sich zu prügeln. Auch Lust zum Trinken hat er in jedem Moment“. Seine frechen Aktionen erinnern an die kindlichen Streiche Aleksej Peschkows, so bricht er die Taubenställe seiner Nachbarn auf und entlässt die Vögel „in die Freiheit“. Es versteht sich, dass die Bürger der Stadt für einen „ozornik“ im traditionellen Sinne halten: „Nikolka ist ein Unruhestifter und ein Dieb, ein Mensch ohne Gewissen.“ Aber Gvozdev ist im Grunde ein zutiefst unglücklicher Mensch, der sich als Opfer sozialer Ungerechtigkeit fühlt: „Unsereinen erfasst manchmal eine solche Wut, dass du sie mit Schnaps nicht löschen kannst... Nun, und dann spielst du irgendwem einen Streich (sozornichaesh‘)“. Gvozdev macht sich öffentlich über den Chefredakteur lustig, indem er einen Kommentar in den Leitartikel einfügt. Dies ist jedoch nicht die Tat eines „klassenbewussten“ Proletariers. Es geht Gvozdev vielmehr darum, die Aufmerksamkeit des „Kollegen“ aus der oberen Etage auf sich zu lenken: Ihr, die Gebildeten, will er ihm sagen, habt die Pflicht, uns, die „vom Leben Abgewrackten“, nicht zu vergessen, ihr müsst euch für uns einsetzen! Der Redakteur ist, wie man sich denken kann, von dieser Eröffnung unangenehm berührt und bricht das Gespräch ab.
Das Thema der Verantwortung der Intelligenz gegenüber dem „Volk“, bekannt auch aus Gorkis Stück „Sommergäste“, bietet in dem Typ des aufmüpfigen Setzers Anlass für spekulative Überlegungen: Welche Rolle wird dieser Typ in der bevorstehenden russischen Revolution spielen? In ihm sind, wie es scheint, die Ausgangspunkte für zwei entgegengesetzte Karrieren angelegt. In einem entsprechenden sozialen Umfeld könnte er ein „bewusster Bolschewik“ werden, seine Neugier, sein Gerechtigkeitssinn und seine kämpferische Natur könnten ihm dabei zugute kommen.Im Falle der Entäuschung seiner Erwartungen und in einem anderen Milieu könnte er sich jedoch mit gleicher Gesetzmäßigkeit dem Lager der „bösen“ Unruhestifter anschließen, dem der revolutionären Hooligans, die vor allem auf Zerstörung aus sind und ihre Wut an den „Herren“ auslassen wollen. Diese dunkle Seite des revolutionären Potentials in den Unterschichten hat Gorki aufmerksam beobachtet. Er sah hier eine ständige Bedrohung für die „vernünftige“ Entwicklung der revolutionären Bewegung. Diese unterschwellige Bereitschaft zur Rebellion erkannte er sogar bei den scheinbar gehorsamen Untertanen. Die Menschen haben sich , so scheint es, ihrem Schicksal unterworfen, „aber durch diese Schale des Gehorsams bricht plötzlich der grausame, sinnlose und fast immer unfröhliche Unfug (ozorstvo)“ („Unter Menschen“). „Böse“ Unruhestifter solcher Art sind z.B. in dem Mob vertreten, der am Ende des Dramas „Kinder der Sonne“ (1905) ein Pogrom gegen die „Herren“ anzettelt. In Gorkis Werk der zwanziger Jahr, das von den Erlebnissen der Revolution und des Bürgerkriegs geprägt ist, hat sich dieser Typus in erschreckender Weise vermehrt.

„Warum treibt ihr Unfug?“

In dem Roman „Das Leben des Klim Samgin“ drückt diese Frage („Zachem vy ozornichaete?“), eines der Leitmotive des Romans, die feindliche Haltung der Hauptfigur, des Intellektuellen und Individualisten Samgin, gegen Rebellen und „Revolutionäre“ aller Art aus. Von der Position des Autors tritt hier der im Grunde konterrevolutiäre Charakter dieses „Revolutionärs auf Zeit“ zutage. Aber man kann diese Phrase, wie alles in diesem Roman, auf verschiedene Weise lesen. Der „negative Held“ Klim Samgin steht dem Autor näher, als es die erklärte Idee vorsieht, er dient dem Autor als scharfsichtiger Beobachter seiner Zeit und in dieser Funktion trotz aller Polemik gegen die Intelligenzija als ein verlässlicher Zeuge für den Zustand der vorrevolutionären Gesellschaft in Russland. Das betrifft insbesondere die Darstellung der „Unruhestifter“ aus dem Umkreis der revolutionären Bewegung. Alle diese „Philosophen aus dem Volk“, Propheten und Prediger des Aufstands, die auf den Straßen, in düsteren Kellern und manchmal auch in den Salons des Bürgertums auftreten, erzeugen zusammen einen monströsen Lärm, die Kakophonie sich gegenseitig überschreiender hysterischer Stimmen. Die Zeitgenossen dieses Typs „empörten Samgin durch ihren Unfug (svoim ozorstvom)“, konstatiert der Autor, und der Leser kann diese Reaktion des Helden gut nachvollziehen. Er muss zu der Erkenntnis kommen, dass dieser Gesellschaft entweder Chaos und Selbstvernichtung bevorsteht oder die Schreckensherrschaft der radikalsten und rücksichtslosesten Fraktion der Revolutionäre.

Unruhestifter als Herausforderer Gottes

Der ozornik ist traditionell ein Störer nicht nur der gesellschaftlichen, weltlichen, sondern auch der religiösen Ordnung. Unruhestifter zeigen oft eine ablehnende Haltung zu den kirchlichen Autoritäten oder nehmen sogar Gott gegenüber eine herausfordernde Haltung ein. Die erstgenannte Art der Sünde beging der junge Gorki vor Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn, als er sich nach einem Selbstmordversuch 1887 in Kazan‘ mit den örtlichen Würdenträgern der Orthodoxen Kirche zerstritt und exkommuniziert wurde. Diese bedeutsame biographische Episode wird in einem eigenen Eintrag des Gorki-Blogs behandelt (in Vorbereitung). Herausforderer Gottes sind zwei Helden sehr verschiedenen Formats in Gorkis Werk: der Schriftsteller Lev Tolstoi und der Volksheld Vas’ka Buslaev in einem Novgoroder Bylinen-Zyklus. Jeder von ihnen ist auf seine Art „gottähnlich“ und erhebt Anspruch auf eine übermenschliche Rolle, und beide sind im Grunde ihrer Seele „gekränkt“ durch das Wissen von der Begrenztheit ihrer menschlichen Existenz. Ausdruck dieses tragischen Zwiespalts ist ihr Umgang mit den Menschen, der sie als Unruhestifter besonderer Art kennzeichnet. Lev Tolstoj verletzt in der Darstellung Gorkis bewusst die Regeln des gesellschaftlichen Umgangs, indem er seinem Gast „listige Fragen“ solcher Art stellt: „Lieben Sie mich, Aleksej Maksimovitsch?“ , „Warum glauben Sie nicht an Gott?“. „Das ist der Unfug eines Recken (ozorstvo bogatyrja)“, bemerkt der Memoirist dazu, „als ob er eine Prügelei anfangen will“. Gorki hat seine Freude an diesem „russischen Gott“, der zwar nicht besonders majestätisch erscheint, dafür aber „listiger als alle anderen Götter“. In seiner Seele kämpft eine „sentimentale Beziehung zu Christus“ mit dem „tiefsten und boshaftesten Nihilismus“.

Manche dieser Züge verbinden Tolstoi mit Vas’ka Buslaev, obwohl dieser Held der Volksdichtung, ein Raufbold und großsprecherischer Selbstdarsteller, aus gröberem Material gefertigt ist. Gorki liebte gerade diese „russischen“ Eigenschaften an ihm, die den Novgoroder Recken als einen nationalen Prometheus und Übermenschen erscheinen ließen. In seinen Erinnerungen an Anton Tschechow erzählt Gorki, wie er einmal im Hause des Schriftstellerkollegen Verse eigener Produktion vorlas. Es handelte sich um den großsprecherischen Monolog Vas’ka Buslaevs aus einem geplanten, aber nicht vollendeten Drama Gorkis. Darin beansprucht er in einer großsprecherischen Ansprache an den Allerhöchsten die Rolle eines mindestens ebenbürtigen „Schöpfers der Erde“, der den Planeten zu einem wahren Paradies machen könnte, wenn ihm nur „mehr Kraft“ gegeben wäre (woher oder von wem, sagt er nicht): „Ach, dass ich Kräfte hätt‘, so wie ich wollt‘, o je!/ Mit meinem Atem schmelzte ich den Schnee.../ Rund um die ganze Erde würd‘ ich gehen/ Und sie mit rühr’ger Hand besä’n;/ Ich baute Städte unermüdlich überall, /Mit Kirchen, Gärten zierte ich den Erdenball!/ Wie eine Braut würd ich die Erde schmücken/ Und sie an meine Brust in Wonne drücken!/ Dem Himmel würde ich das Wunder zeigen:/ Schau, Herrgott, hin – ist sie nicht schön?/ Erfreue dich an aller neuentstand’nen Pracht/ Und frage dann, wer hat das alles so gemacht?!“ (Text aus: Maxim Gorki: Literarische Porträts, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1974).
Die Rolle Gottes wird in dieser Schöpfungsgeschichte marginal: er hat die Erde als einfachen „Stein“ ins Weltall geschleudert, erst unter Vas’kas Händen ist sie zum „Diamant“ geworden. Am Schluss bietet der neue Schöpfer dem alten seine Braut großmütig als Geschenk an, nicht ohne Bedauern über den Verlust dieser Kostbarkeit. – Dem Zuhörer Tschechow gefiel dieser Text, erinnert sich Gorki: „Das ist gut... Etwas sehr Echtes, Menschliches! /.../ Der Mensch hat die Erde bewohnbar gemacht, er wird sie sich auch gemütlich einrichten.“ Nur mit dem Schluss, dem herablassenden Geschenkangebot an Gott, ist Tschechow nicht einverstanden: „Die letzten Zeilen sind unnötig, das ist Unfug (ozorstvo).“

Ausgehend von dem bekannten Bild Tschechows könnte man Zweifel an der – trotz der Einschränkung – positiven Reaktion des Schriftstellers auf Gorkis Verse haben. Konnte ihm dieser lästerliche Auftritt des Novgoroder Raufbolds wirklich gefallen? Ich halte das durchaus für möglich. Es versteht sich, daß der Charakters Vas’kas und der großsprecherische Ton des Monologs Tschechow, dem Gegner aller Arten des Pathos, fremd waren, aber der Inhalt dieser Predigt berührte sich mit den „ökologischen“ Anschauungen des Schriftstellers. Die kulturschöpferische Rolle der Arbeit, besonders des Gartenbaus, ist ein wiederkehrendes Motiv seines Werks. Mit Gorki verband ihn eine noch wesentlichere weltanschauliche Grundposition. Es ist jene „Religion des Menschentums“, über die sich am Anfang des 20. Jahrhunderts Dmitri Mereschkowski („Der kommende Ham“) Gedanken machte. Tschechow und Gorki figurieren in der Konzeption des symbolistischen Dichters und Publizisten als die ersten Verkünder dieses neuen Menschenkults „ohne Gott“, der bis dahin nur als unbewusstes Bekenntnis der russischen Intelligenzija existierte. Gorki vertrat diese Rolle des Verkünders einer neuen Religion allerdings sehr viel lauter und bedenkenloser. In der Figur des Vas’ka Buslaev schuf er sich einen Stellvertreter, eine Maske, in der er mit plakativer Direktheit und ohne intellektuellen Anspruch auftreten konnte. Gorki schaut seinen Buslaev, wie Pavel Basinskij in seiner Gorki-Monographie (2005) treffend bemerkt, „listig und von der Seite“ an. Ihn interessiert nicht so sehr die Prahlsucht seines Helden als vielmehr die Reaktion Gottes darauf. Nichtsdestoweniger ist der Auftritt des Volkshelden, wie Basinskij feststellt, „die Herausforderung Gorkis selbst“ an die göttliche Autorität. Man kann dieser Einschätzung zustimmen, allerdings mit der Einschränkung, dass sich hinter der prahlerischen Selbstgewissheit beider, des Helden und des Autors, eine tiefe Unsicherheit verbirgt. In den Bylinen über Vas’ka geht der Held zugrunde, weil er das Schicksal herausgefordert hat. Darüber schreibt der Schriftsteller Konstantin Fedin („Gorki unter uns“): „Der Tollkopf trieb Unfug (ozornichal) nicht nur wegen der Rauflust in seinem verwegenen Blut. Er erprobte, versuchte das Schicksal zum Trotz der von den Menschen und Gott gesetzten Grenze./.../ Aus Protest gegen den Tod, aus dem Nichteinverständnis mit seinem Willen legte der kühne Held sein Haupt nieder.“ - Alle diese Unruhestifter mit einer religiösen Dimension – Tolstoi, Vas’ka und Gorki selbst – erhalten damit eine tragische Note. Sie „treiben Unfug“ mit großem Risiko, im vollen Bewusstsein ihrer Einsamkeit und der Allmacht des Todes.

Leben heißt – „Unruhe stiften“!

„Wenn du lebst, dann halte das Leben aus, Unruhe stiften (ozornichat‘) hat keinen Zweck.“ So belehrt ein Patient im Krankenhaus den 19jährigen Makar, der versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Die Erzählung „Ein Fall aus dem Leben Makars“ (1912) spiegelt Ereignisse, die 1887 im Leben Aleksej Peschkows in Kazan‘ stattgefunden haben. In den inneren Kämpfen Makars, eines zutiefst unglücklichen Menschen, thematisiert Gorki fundamentale Fragen der menschlichen Existenz. Eine von ihnen – „Hat es Sinn, Unruhe zu stiften, Widerstand zu leisten?“ – wird für den Helden buchstäblich zu einer Frage von Leben und Tod.

Die Beschreibung der Abteilung des Krankenhauses, in die Makar nach seinem Selbstmordversuch geraten ist, erzeugt einen alptraumhaften Eindruck. Unter den Patienten sind sterbende und schrecklich entstellte Menschen, „vier Nasenlose“ mit Verbänden quer über das Gesicht. Aber diese monströsen Figuren repräsentieren nichts anderes als „normale Menschen“. Sie alle verhalten sich feindselig gegen Makar. In ihrer Vorstellung ist Selbstmord ein Unfug, ein dummer, sinnloser Akt. Das Leben hat man zu ertragen.. Besonders abstoßend findet Makar den „Lehrer“, der ihm mit seiner Devise „Ich will nicht wollen“ auf die Nerven geht: „Man muss verstehen, nur so viel zu wollen, wie die eigenen Kräfte es erlauben.“ Auf die Frage „Wofür leben?“ geben alle die einhellige Antwort: „Für gar nichts.“

Makar fällt erneut in eine tiefe Depression und beschließt sich umzubringen, sobald sich eine Gelegnheit dazu bietet. Aber in diesem Moment erwacht in seiner Seele von neuem der Wille zum Leben, der sich in zwei gegensätzlichen Empfindungen ausdrückt. Da ist einerseits der Entschluss, „Unruhe zu stiften“, sich zu widersetzen, den Kampf gegen alle widrigen Umstände aufzunehmen. Das andere Gefühl besteht in dem eher passiven Wunsch nach Hilfe von außen, die Hoffnung, „es möge ein Mensch kommen, dir freundschaftlich die Hand drücken und lächelnd irgendetwas Einfaches, Menschliches sagen, ein paar Worte“.

Die Rückkehr ins Leben vollzieht sich anfangs auf dem ersten Weg, dem Weg des „Unruhestiftens“, des Widerstands. Makar verwirft entschieden die Einflüsterungen der „Normalen“. „Es ist doch alles gleich?“ Nein, antwortet er sich selbst. Es ist eben nicht gleich, ob man die widerwärtigen Reden des Lehres schweigend anhört oder ihm widerspricht und ihn in Wut versetzt.“Unruhe stiften hat keinen Sinn?“ Nein, er „spürte den unwiderstehlichen Drang eben gerade Unruhe zu stiften, zu streiten, in dem engen Kreis der verschiedenen „Ich will“ und „Ich will nicht“ zu bestehen, etwas anzunehmen oder abzulehnen.“ Leben – das heißt, sich der herschenden Ordnung widersetzen, „Unfug treiben“, „Unruhe stiften“. Einverstanden sein – das heißt sterben. Eine Lösung ganz im Geist Gorkis.

Merkwürdig ist nur, dass Makar die wirkliche Rückkehr ins Leben nicht auf diesem, sondern auf dem anderen Weg erlebt, dem der Hilfe von anderen Menschen. Der Versuch, allein und aus eigener Kraft „dem Bösen zu widerstehen“, endet in einer neuen Depression. Die Rettung kommt - „plötzlich und unerwartet“ - von anderen Menschen. Arbeitskollegen kommen ihn besuchen, zuerst sind sie ein wenig verlegen, aber dann sagen sie plötzlich die „einfachen menschlichen Worte“, nach denen sich Makar gesehnt hatte und die ihn nun zu Tränen rühren: „Brüder, wie froh ich bin...“ Es geht etwas Ähnliches vor sich wie die wunderbare Bekehrung Kolja Krasotkins und seiner Freunde, die ihre Straßenschlachten vergessen und zu Enthusiasten der brüderlichen Liebe werden. Wo ist der wahre Sinn des Lebens zu suchen – im „Unruhestiften“ und der Prügelei oder in der Brüderlichkeit aller Menschen? Die Variante „nach Dostojewski“ erscheint auf den ersten Blick überzeugender, jedenfalls „schöner“. In der Erzählung ist aber zuvor sehr anschaulich vorgeführt, wie die Kraft zum Widerstand einem Menschen seine Lebendigkeit und seine Würde zurückbringt. „Ein Fall aus dem Leben Makars“ bestätigt auf diese Weise Gorkis Liebe zu den „Unruhestiftern“. Aber zugleich bringt die Erzählung offene Fragen und ungelöste Widersprüche zum Vorschein, die nicht nur für die Welt Gorkis, sondern für die ganze russische Kultur charakteristisch sind.

Kategorie: Russland und die Russen

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