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Neugier

Sonntag, 18. Juni 2006, 12:41:11 | Armin Knigge

Neugier – ausgerechnet bei Gorki? Ist er nicht der Verkünder der unerschütterlichen Gewissheiten vom „stolzen Menschen“, der „Sturmvogel“ der russischen Revolution und der „Begründer des sozialistischen Realismus“? In der sowjetischen und ostdeutschen Gorki-Forschung war Neugier, d.h. Weltoffenheit und Fragelust, in der Tat kein Thema. Und das war auch nicht ganz falsch, wenn man sich streng auf den ‚bekannten‘ Gorki und den dazugehörigen Kanon seiner Werke beschränkte: „Die Mutter“, Dramen wie „Die Feinde“ und „Sommergäste“, die Publizistik der 30er Jahre. Dort herrscht Glaubensgewissheit und Verkündung der Wahrheit. Aber dieser kanonische ist nicht der ganze Gorki, und man darf daran zweifeln, ob es der ‚wirkliche‘, der authentische Künstler Gorki ist, der sich in diesen Werken ausspricht. Jenseits des kanonischen bleibt der unbekannte Gorki zu entdecken, und für ihn ist Neugier ein zentrales Thema.

In Gorkis Roman „Leben eines unnützen Menschen“ (Zhizn‘ nenuzhnogo cheloveka, 1908) wird der Held, der gerade seinen Dienst als Spion in der Ochrana (dem zarischen Staatsschutz) angetreten hat, von seinem Vorgesetzten über das richtige Benehmen eines Spions belehrt: „Du musst wissen, Jevsej, ein anständiger, ruhiger Mensch schaut sich nicht nach allen Seiten um, die Menschen interessieren ihn nicht. Menschen beobachten – das tun nur Agenten der Ochrana und Verbrecher.“ Wenn man Gorkis Persönlichkeit und sein Werk in Betracht zieht, könnte man hier anfügen „...und Schriftsteller“. Ihr leitendes Interesse ist allerdings nicht der amtliche Auftrag des Spions, sondern die Neugier, das von keinem praktischen Zweck gelenkte Verlangen, andere Menschen durch genaue Beobachtung kennenzulernen, sie zu verstehen und womöglich einen künstlerischen Gebrauch von ihnen zu machen. Neugier auf Menschen ist ein ständiges Thema in Gorkis Werk, und die Verhaltensweisen des Neugierigen, meist in Gestalt des Erzählers oder des autobiographischen Helden, sind in vielen Fällen denen eines Spions nicht unähnlich. Dieser Held bringt es sogar fertig, Menschen heimlich zu beobachten, sie zu belauschen, ihnen zu folgen, nur weil sie ihm „interessant“ erscheinen, weil er ihr „Geheimnis“ erfahren will.

Es versteht sich, dass diese Neugier nicht von der Art ist, wie sie bei wirklichen Spionen oder auch bei klatschsüchtigen Nachbarinnen begegnet. Es geht vielmehr um ein Grundbedürfnis des Menschen, das Verlangen, die Welt, in die er hineingeboren ist, zu verstehen und den eigenen Platz darin zu finden. Dazu gehört bei Gorki unbedingt die Lust zum Fragen. Wenn dieser Erkenntnisdrang zu brauchbaren Resultaten führen soll, muss er ‚neugierig‘ bleiben, offen für Anderes, Unbequemes, das scheinbar gesicherte Wahrheiten in Frage stellt. Diese Bedeutung entspricht im übrigen auch der Etymologie des russischen Wortes ljubopytstvo, das von urslavisch *pytati ‚fragen‘, ‚forschen‘ abgeleitet ist und in der Verbindung mit ljubo- etwa ‚Neigung zum Fragen‘, ‚Fragelust‘ bedeutet.

Neugier und Erkenntnisdrang sind universale Probleme des Jugendalters, für Gorki waren sie jedoch ein weit schwereres Problem als für seine Altersgenossen und späteren Berufskollegen aus der Schicht der Intelligenzija, die in soliden Elternhäusern und Gymnasien eine wohlbehütete Kindheit erlebten. Mit elf Jahren Vollwaise und fast ohne Schulbildung in eine Welt unbarmherziger Menschen und harter Arbeit gestoßen, entwickelte er ein besonderes, ambivalentes Verhältnis zu dieser Welt: es war einerseits geprägt von einer unbändigen Lebenslust und Entdeckerfreude, andererseits von Empfindungen des Misstrauens, der Kränkung und der Ablehnung gegenüber dieser ungerechten Welt.

Entsprechend dieser ambivalenten Einstellung zur Welt und den Menschen kann man bei Gorki auch zwei Arten der Neugier unterscheiden, eine weltzugewandte, unbekümmerte Neugier, die sich dem Abenteuer des Lebens mit Lust und Begeisterung ausliefert, und eine skeptische, oft sogar bösartige Neugier, die den Menschen misstraut und sich nichts Gutes von ihnen verspricht. Die erste Art ist naturgemäß eher im Frühwerk zu finden, in den Erzählungen, die von den Wanderungen durch Russland berichten, auch in „Kindheit“ und „Unter fremden Menschen“. Die zweite, düstere Variante der Neugier begegnet vor allem in den Werken der 20er Jahre, die wesentlich durch das Erlebnis der Revolution und des Bürgerkriegs geprägt sind. Aber auch der junge Gor’kij, dessen Bild in der sowjetischen Tradition so ganz von Optimismus und Lebensfreude bestimmt war, kannte diese andere, misstrauische Neugier. „Ich war böse auf das Leben“, sagt der Autor über die eigene Jugend, „in mir gärte die verfeinerte Neugier eines Menschen, der aus irgendeinem Grund unbedingt in alle dunklen Winkel des Daseins blicken muss, in die Tiefe aller Geheimnisse des Lebens, und manchmal fühlte ich mich fähig, aus Neugier ein Verbrechen zu begehen.“ („Über die erste Liebe“). In solchen Äußerungen ist die Nähe zu der Welt Dostoevskijs deutlich, den Gorki immer als Antipoden verstanden hat und den er als einen sozialpädagogisch „schädlichen“ Autor bekämpfte.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass der andere der beiden großen Klassiker der russischen Literatur, Lev Tolstoj, die Persönlichkeit Gorkis in ganz ähnlicher Weise, nämlich als die eines heimlichen Beobachters mit einer zweifelhaften Neugier, beschrieben hat. Davon berichtet Gorki selbst in seinen Erinnerungen an Tschechow. Die drei Schriftsteller, alle (auch der jüngste von ihnen) schon weltbekannt, hatten Anfang 1902 eine Zeitlang auf der Krim gewohnt und sich oft getroffen. Eines Tages, so berichtet Gorki, habe Tschechow ihm lachend erzählt, dass Tolstoi keine gute Meinung von dem jungen Kollegen habe. „Gorki ist ein böser Mensch“, habe Tolstoi gesagt. „Er hat die Seele eines Spitzels, der von irgendwoher in ein ihm fremdes Kanaanisches Land gekommen ist, sich alles genau anschaut, sich alles merkt und darüber seinem Gott berichtet. Und sein Gott ist ein Monstrum, eine Art Waldteufel oder Wassergeist wie bei den Dorfweibern.“ Merkwürdig, dass Tschechow eine so unfreundliche Charakteristik dem Betroffenen wie eine lustige Anekdote erzählt haben soll, auch wenn er das in der Absicht getan hätte, Tolstois Urteil als eine vorübergehende Laune zu kennzeichnen. In der Tat gibt es andere und freundlichere Äußerungen Tolstois über Gorki, aber es geht auch dort immer um die Herkunft dieses ungewöhnlichen Menschen aus einer anderen, fremden Welt, der des „Volkes“ oder der „einfachen Menschen“. Und eben in dieser Eigenschaft musste Gorki, so wie er war und wie er schrieb, für Tolstoj eine Irritation bedeuten. Denn er war weit entfernt von dem Bild des Volkes, das idealtypisch in dem Bauern Platon Karataev in „Krieg und Frieden“ verkörpert ist, dem gottesfürchtigen und sicher auf seinem ländlichen Fundament ruhenden einfachen Menschen, der mit seiner „Rundheit“ die Bewunderung Pierre Bezuchovs erregt. Gorki dagegen schien eher aus einer dunklen, unbekannten Tiefe aufgetaucht, die der Welt des Platon Karataev feindlich gegenüberstand: ungläubig, rebellisch, aggressiv gegen die herrschende Ordnung und ihre Kultur. Auf der anderen Seite war Tolstoi offenkundig beeindruckt von dem Erfahrungsschatz, den dieser junge Mann mitbrachte, und von seinem urwüchsigen Erzähltalent.

Etwas von diesem Kundschafter und heimlichen Beobachter steckte wohl wirklich in dem jungen Gorki, der in seinem langen ‚Russenhemd‘ mit Gürtel und Schaftstiefeln die Petersburger Salons der Literaten besuchte, deutlicher noch in manchen Helden der frühen Erzählungen, etwa in dem „Störenfried“ (Ozornik), der in der gleichnamigen Erzählung mit seiner schief aufs Ohr geschobenen Mütze und der Zigarette im Mundwinkel inmitten des bürgerlichen Publikums durch die Stadt flaniert und eine fröhliche Neugier, aber auch eine untergründige Aggressivität ausstrahlt: Hier bin ich, mit mir müsst ihr rechnen!

Neugier ist also bei Gorki in gewisser Weise ein Klassenmerkmal, aber in Bezug auf die Persönlichkeit des Autors greift diese Bestimmung zu kurz. Die „Seele eines Spions“, die Tolstoi in ihm zu entdecken glaubte, war nicht nur die eines Aufsteigers, der sich seinen Platz in der Gesellschaft erobert, sondern mehr als das: die Seele eines Schriftstellers, neugierig auf die Welt und ständig auf der Suche nach „interessanten Menschen“.Schon das für den frühen Gorki so zentrale Thema der Wanderungen durch Russland in Verbindung mit den berühmten barfüßigen Vagabunden (bosjaki) ist im Kern aus schriftstellerischer Neugier geboren. Gorki war nie ein Vagabund, wie viele seiner ersten Leser glaubten. Als er im Alter von zwanzig Jahren und drei Jahre später noch einmal für einige Monate ‚auf die Straße‘ ging, war er längst in einer Welt der Bücher und der revolutionären Zirkel von Arbeitern und Studenten angekommen und kehrte danach in diese Welt, d.h. in ein mehr oder weniger sesshaftes Leben zurück. Er war ein Gast unter den Vagabunden, ein neugieriger Beobachter dieses exotischen Milieus. In der Erzählung „Zwei Vagabunden“ ( Dva bosjaka) ist diese Gastrolle in der autobiographischen Figur namens Maksim direkt thematisiert. Er hat sich auf der Wanderschaft mit zwei Vagabunden angefreundet. Als er einem von ihnen ein Jahr später wieder begegnet, hat dieser Mann namens Stepok Mühe, seinen Weggefährten Maksim wiederzuerkennen: er trägt bürgerliche Kleidung und eine dunkle Brille. Stepok ist wütend über diesen Aufzug, fühlt sich von seinem einstigen Freund getäuscht. „Was hat das zu bedeuten?“, fragt er ihn. „Warst du also gar kein Bosjak von Natur, sondern einfach so, aus Neugier? Ohne jede Aufgabe?“ Nein, antwortet Maksim, eine Aufgabe habe er schon gehabt, nämlich zu erfahren, „was das für Menschen sind“, die Vagabunden. Diese Erklärung bringt Stepok vollends aus der Fassung: „Würdest du denn aus Neugier auch in eine Jauchegrube steigen?“

Einfach so, aus Neugier – das ist eine häufig wiederkehrende Kennzeichnung der Motive des erzählenden Ich. In der Sammlung „Wanderungen durch Russland“ (Po Rusi), entstanden in den Jahren 1912-1917, hat Gorki die Figur des „Vorbeigehenden“ (prokhodjáshchi) geprägt, den Beobachter der Menschen und des Lebens auf der Wanderschaft. Befragt, was er selbst denn eigentlich suche und wolle, antwortet er: „Nichts. Ich schaue nur zu, wie die Menschen leben.“ („Eine Frau“). Gleichwohl ist der Vorbeigehende kein bloßer passiver Zuschauer, er ist durchaus zu Mitgefühl und manchmal auch zu Empörung fähig. Aber sein Hauptziel bleibt es, interessante Menschen aufzuspüren und herauszufinden, worin ihr „Geheimnis“ besteht. In der Erzählung „Der Clown“ (Kloun) beobachtet er einen Mann dabei, wie er mit seinem Spiegelbild spricht. Von nun an ist der Erzähler an diesem Menschen, einem Zirkusclown ausländischer Herkunft, „interessiert“: „Ich ging ihm nach wie ein Spion, und mir schien, dass dieser Mensch ein besonderes, geheimnisvolles Leben lebt“. Es kommt zu Verwicklungen, aber das Geheimnis dieses Lebens wird nicht gelöst. Die Neugier selbst scheint das Thema dieser seltsamen Erzählung zu sein Sie zeigt Ähnlichkeiten mit einer Sammlung autobiographischer Episoden unter dem Titel „Menschen mit sich allein“ (Ljudi naedine sami soboju, 1923), in denen der Autor Menschen (unter ihnen bekannte Zeitgenossen wie Tschechow) in Momenten abbildet, in denen sie sich unbeobachtet glauben. Ihr Verhalten scheint seltsam, fast phantastisch.Thema dieser indiskreten Beobachtungen ist die Erkenntnis, dass der Mensch an sich ein „seltsames Wesen“ ist.

Texte wie dieser zeigen eine Veränderung im Thema der Neugier, die erst nach der Revolution voll zur Wirkung kommt. Die menschenfreundliche Grundstimmung dieser Neugier, die Lust an der Vielfalt der menschlichen Spezies, macht einer kalten Analyse des Abgründigen in der menschlichen Seele Platz. Gorkis Lieblingstyp, der „einfache russische Mensch“ mit seinen physiognomischen und mentalen Absonderlichkeiten, erscheint immer häufiger als ein monströses Wesen, in erschreckendem Maße abgestumpft, ohne Glauben und ohne Gewissen, dafür aber mit einer kalten, grausamen Neugier ausgestattet. Die Sammlung „Notizen aus dem Tagebuch. Erinnerungen“ (Zametki iz dnevnika. Vospominanija, 1923-24) enthält eine ganze Galerie solcher Typen. Zwei von ihnen sind unter dem Titel Ispytateli beschrieben, sinngemäß etwa „Forscher“, also Menschen, die eine Sache erforschen, experimentell ergründen, erproben. Der Bademeister Prokhorov und der Lastenkutscher Merkulov „erforschen“ nicht mehr und nicht weniger als die moralische Weltordnung, der eine wird „aus Neugier“ zum Dieb und fast zum Mörder, um herauszufinden, ob Gott ihn dafür zur Rechenschaft zieht, der andere führt seine ‚philosophisch‘ motivierten Mordtaten brutal aus, er wird, wieder ausdrücklich „aus Neugier“, zum Mörder, weil er die „Festigkeit“ (prochnost‘) des Menschen erproben will. Das Ergebnis versetzt ihn in Angst und treibt ihn schließlich in den Selbstmord: Ich kann jeden umbringen, jederzeit, und jeder kann mich umbringen! Das Unheimliche dieser Geschichten wird dadurch verstärkt, dass von beiden Helden zunächst der Eindruck unerschütterlicher Solidität und Normalität ausgeht. Die Ereignisse spielen im ‚alten‘, vorrevolutionären Russland, aber der Bezug auf die Erfahrungen von Revolution und Bürgerkrieg ist nicht zu übersehen. In einem Artikel über das russische Bauerntum (O krest’janstve, 1922) hatte Gorki die sittliche Verrohung der Massen in diesen Jahren mit drastischen Beispielen illustriert und daraus die These abgeleitet, im russischen Bauerntum sei ein besonderer Hang zur Grausamkeit angelegt – eine Überspitzung, die zeigt, welche verheerenden Wirkungen der Schriftsteller um diese Zeit dem „Großen Oktober“ und seinen Folgen zuschrieb.

Die extremste Variante des Themas der ‚bösen‘ Neugier ist in der Erzählung „Karámora“ (der Name eines Insekts und der Deckname des Helden) enthalten, diesmal mit einem Protagonisten aus der Intelligenzija, dem Revolutionär und ehemaligen Agenten der Ochrana Karazin, der nach der Revolution in der Haft auf seine Verurteilung wartet und seine Geschichte in Form von Aufzeichnungen selbst erzählt. Über seinen Verstand sagt Karazin: „Er ist neugierig wie ein kleiner Junge und anscheinend gleichgültig gegen Gut und Böse“. Die Richtigkeit dieser Aussage wird evident, wenn der Held berichtet, mit welcher Kaltblütigkeit er die Hinrichtung eines Verräters vollzogen, gleichzeitig aber auch der Sache treu ergebene Genossen an die Ochrana verraten hat. Dabei behauptet der Täter trotzig die Unabhängigkeit von seinen Richtern: „Ich schreibe nicht für die, sondern für mich, weil ich mich langweile. Und das eigene Leben sich selbst zu erzählen, das ist sehr interessant“ Ton und Inhalt weisen hier unverkennbar auf Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ (Zapiski iz podpol’ja), und die sowjetische Kritik zeigte sich entsprechend ungehalten über diese Reverenz Gorkis an seinen erklärten Gegner. Der wesentliche Grund für die Wahl dieses ungewöhnlichen und für Gorki anscheinend so untypischen Sujets besteht wiederum darin, das Ausmaß der moralischen Erschütterungen in Staat und Gesellschaft exemplarisch deutlich zu machen: an die Stelle von Gut und Böse ist das „Interessante“ getreten, die Neugier der Fremd- und Selbstbeobachtung. Das Handeln unterliegt dabei nur einer gewissen Zweckmäßigkeit, Verrat und Mord eingeschlossen. Die Analyse zielt auch auf die neue Ordnung, den „Jesuitismus“ der Revolutionsführer, den Gorki in den Jahren vor seiner Ausreise schmerzlich erfahren hatte. Gorkis Abschiedswerk, das vierbändige Romanfragment „Das Leben des Klim Samgin“ (Zhizn‘ Klima Samgina) bringt noch einmal eine vielschichtige und hintergründige Variation des Themas der Neugier. Es geht um eine Abrechnung mit der zweifelhaften Rolle der bürgerlichen Intellektuellen in der revolutionären Bewegung, vorgeführt am Beispiel eines „Revolutionärs auf Zeit“, der den Bolschewiki praktische Hilfe leistet und zugleich auf ihre Niederlage und ihren Untergang hofft, denn er empfindet diese Menschen und ihre Welt als eine permanente Bedrohung seiner geistigen Unabhängigkeit. Zugleich ist Klim Samgin wieder ein heimlicher Beobachter, diesmal als ein Zeitzeuge, der die antagonistischen Kräfte der in Auflösung befindlichen vorrevolutionären Gesellschaft mit der kalten Neugier eines Naturforschers beobachtet und analysiert. Nach dem Erscheinen der ersten Bände 1927/28 herrschte Ratlosigkeit in der sowjetischen Kritik: Hatte Gorki diesen negativen Helden auch mit mancher Erfahrung seines Autors ausgestattet? Solidarisierte er sich heimlich mit der Abneigung Samgins gegen den Radikalismus der Bolschewiki und ihr eindimensionales Denken? „Klim Samgin“ ist ein widersprüchliches Werk und darin ein Spiegel der widersprüchlichen Persönlichkeit des Autors. Kaum zu glauben, dass dieser selbe Gorki zeitgleich mit „Klim Samgin“ Artikel in der „Pravda“ veröffentlichen konnte, die in der brutalen Sprache der Stalinzeit gehalten waren, darunter einer mit dem vielzitierten Titel: „Wenn der Feind sich nicht ergibt, wird er vernichtet.“

Im erzählerischen und dramatischen Werk begegnet dieser gnadenlose Parteijargon selten, und dabei in der Regel als Zitat und Personenrede. Weit häufiger haben wir es hier mit einem neugierigen Autor zu tun, einem „Menschenanbeter“ (chelovekopoklonnik), wie Gorki sich gern genannt hat. „Je länger ich lebe“, erklärt Gorki in den „Aufzeichnungen aus dem Tagebuch“, „desto verlockender und interessanter erscheinen mir die Menschen“. Und er bedauert, dass ihm nicht mehr die Zeit bleibe, sein Lieblingsprojekt zu realisieren – ein Buch, in dem „das Leben von zehntausend russischen Menschen“ erzählt werden sollte.

Kategorie: Streit um Gorki

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