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Der "Unruhestifter" Gorki und die Kirche

Donnerstag, 16. Juli 2009, 19:58:51 | Armin Knigge

(Die russischsprachige Version des Eintrags finden Sie hier.)

Die „Unruhestifter“ (ozorniki) nehmen in der Galerie der „Typen“ in Gorkis Werk einen herausragenden Platz ein. Das weite Bedeutungsfeld dieses Themas ist in dem Eintrag „Unruhestifter“ dargestellt. Der vorliegende Eintrag ist einer biographischen Episode gewidmet, in der Gorki selbst, genauer der zwanzigjährige Aleksej Peschkow, in der Rolle eines „Unruhestifters“ gegen die Orthodoxe Kirche auftritt. In Verbindung mit seinem Selbstmordversuch, den er 1887 in Kazan verübte, legte sich der namenlose Handwerker mit den örtlichen Autoritäten der Kirche an und wurde infolge seines ungebührlichen Verhaltens – zeitlich auf sieben Jahre befristet - exkommuniziert. Diese in mehrfacher Hinsicht bedeutsame Episode hat Pavel Basinskij in seiner Monographie „Gor’kij“ (2005, S. 103-111) ausführlich nacherzählt und mit einem interessanten Kommentar versehen, der zu wesentlichen Fragen nicht nur der Biographie des Schriftstellers, sondern der kirchlichen und politischen Kultur in Russland führt.

Zunächst die Fakten: Das Kazaner Geistliche Konsistorium erfuhr auf administrativem Wege, d.h. von der Polizei und den Ärzten des Krankenhauses, dass ein gewisser Peschkow einen Selbstmordversuch unternommen habe und im Zustand der Rekonvaleszenz aus dem Krankenhaus entlassen worden sei. Daraufhin „befahl“ das Konsistorium (nach dem Wortlaut des erhaltenen Dokuments), Peschkow wegen versuchten Selbstmords „dem privaten Gericht seines Gemeindepriesters zu übergeben, damit der ihm die Bedeutung des irdischen Lebens erkläre und ihn davon überzeuge, dieses Leben künftig als die höchste Gabe Gottes zu schätzen und sich der Würde eines Christen gemäß zu benehmen“. Die Durchführung dieser Prozedur, der „Epitimie“ (Kirchenbuße), an dem jungen Mann wurde dem Oberpriester der Peter-Paul-Kathedrale Petr Malov übertragen. Der Beschluss des Konsistoriums wurde Peschkow durch die Polizei zugestellt. Von der Reaktion des jungen Mannes wissen wir aus Briefen Gorkis an seinen Biographen Ilja Gruzdev (geschrieben 1929 und 1934). Peschkow erklärte rundheraus, er werde nicht zu dem Oberpriester Malov gehen, worauf der Polizeibeamte antwortete: „Dann führen wir dich am Strick dorthin.“ „Diese Drohung machte mich ein wenig wütend“, erzählt Gorki, „und da ich um jene Zeit sarkastisch gestimmt war, schrieb ich einen Brief in Versen an Malov, den ich ihm mit der Post schickte und der so begann: Was hat ein Pope über eine Kugel zu befinden?...“ Dieser Frechheit folgte ein Verhör des Delinquenten vor einer Kommission des Geistlichen Konsistoriums, an dem zwei Priester und ein namhafterTheologe der Zeit, der „Professor der Apologetik des Christentums“ der Kazaner Geistlichen Akademie Aleksandr Gusev, teilnahmen (letzterer allerdings nur als schweigender Zuhörer). Die Verhandlung fand im Fedorov-Kloster statt. Die Priester versuchten Peschkow zu bewegen, den von ihm beleidigten Oberpriester um Entschuldigung zu bitten und die Epitimie anzunehmen, aber der weigerte sich beharrlich und erklärte, wie Gorki berichtet, „dass sie mich in Ruhe lassen sollten, andernfalls würde ich mich am Tor des Klosters aufhängen“. Für diese Ungeheuerlichkeit hätte Peschkow mit härtesten Strafen, Körperstrafen eingeschlossen, rechnen müssen. So betrachtet, ließ ihn das Konsistorium glimpflich davonkommen, er wurde „nur“ für sieben Jahre aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen. Von dem Beschluss erfuhr Peschkow 1888 während seines Aufenthalts in dem Dorf Krasnovidovo, wo er mit einer Gruppe von Narodniki revolutionäre Propaganda betrieb. Die Exkommunikation war für ihn nur ein weiterer Akt in einer absurden Komödie.

Pavel Basinskij, der Autor der inhaltsreichen Monographie und vieler kleinerer Arbeiten über Gorki, bezieht in seinem Kommentar zu diesen Ereignissen eine etwas zwiespältige Position, man kann sogar sagen, das sein Mitgefühl eher der beleidigten Geistlichkeit gilt als dem „Unruhestifter“ Peschkow. Hier kommt eine neue, respektvolle Haltung gegenüber der Religion und der Orthodoxen Kirche zum Vorschein, die für viele Vertreter der postsowjetischen Intelligenzija charakteristisch ist und die sich wohltuend von der groben atheistischen Propaganda der sowjetischen Periode abhebt. Im vorliegenden Fall scheint mir jedoch, dass der Autor in das andere Extrem verfällt und selbst zum Professor der Apologetik des Christentums wird. Dieser ganze Versuch der geistlichen Autoritäten, ein verirrtes Schaf in die Herde zurückzuführen, erscheine ihm wie das „Bruchstück einer unverständlichen Zivilisation“, die trotz möglicher Einwände im ganzen eher Achtung und Bewunderung als Verurteilung verdiene. In dieser Aktion komme die echte, von Humanität geprägte Sorge des Staates und der Kirche um die Seele eines jeden einzelnen, auch des noch so unbedeutenden Staatsbürgers und Glaubensbruders zum Ausdruck. Auf der Gegenseite ist der Autor nicht bereit, die Reaktion des jungen „Unruhestifters“ (ozornik) zu rechtfertigen, der „sich flegelhaft (ja, das ist leider so!) und dazu in nicht besonders geistreicher Form gegenüber einem älteren Geistlichen benommen hat“. Schließlich sei der Obepriester Malov nicht irgendwer gewesen, sondern das Oberhaupt von mehr als der Hälfte der Kazaner Kirchen. Basinskij ist sich sehr wohl bewusst, dass manche Zeitgenossen die Sache wohl ganz anders gesehen hätten, vor allem die aus dem Umkreis der revolutionär gesinnten Studenten. Sie haben sich gewiss empört über diese „geistlichen Inquisitoren“, die einen unglücklichen jungen Mann nach einem Selbstmordversuch einem bürokratischen Prozess unterziehen und ihn mit Gewalt bedrohen. Aber die Sympathien des Autors unserer Tage sind nicht auf seiten dieser jungen Schreihälse, sondern eher auf der der beleidigten Autoritäten. Basinskij zeigt sich vor allem beeindruckt von dem enormen personellen und sachlichen Aufwand der Aktion, der ihm angesichts der Bedeutungslosigkeit des Delinquenten unverhältnismäßig erscheint. Alle diese Beamten, Priester, Doktoren und Professoren vereint einzig zu dem Zweck, einen 19jährigen Malergesellen namens Peschkow auf den rechten Weg zurückzuführen. „In welch hohem Maße wurde in diesem Russischen Imperium, in der Epoche der „bleiernen Scheußlichkeiten des Lebens“ (Gorki), das einzelne Leben und die menschliche Seele geschätzt“, erklärt der Autor. „In welchem Maße aufmerksam gegenüber der einzelnen Persönlichkeit war dieses System. Ja, es war schwerfällig, ja, es war grob. Ja, es kümmerte sich nicht darum, dass man einen jungen Menschen, der gerade einen schweren Schock erlitten hat, nicht „am Strick“ in die Kirche führen darf. Aber das war ein System, in dem jeder Mensch wertvoll war und „das Auge der Majestät“ jeden beobachtete. – Heute bringt man einen Kazaner Selbstmörder ins Leichenschauhaus oder ins Krankenhaus, und niemand in der Stadt erfährt etwas davon.“

Mir erscheint diese für das vorrevolutionäre „System“ sehr schmeichelhafte Interpretation nicht überzeugend. Bezog sich die fürsorgliche Beobachtung durch Staat und Kirche wirklich auf jede beliebige Einzelpersönlichkeit? Im vorliegenden Fall ist ja gerade nicht von irgendeinem kleinen Mann die Rede, der einen Selbstmordversuch begangen hatte. Man kann annehmen, dass dieser Tatbestand allein kaum Aufsehen erregt hätte, nicht in der Öffentlichkeit und auch nicht bei den beteiligten Beamten, die ihre gesetzliche Pflicht routinemäßig erledigt hätten. Aber hier hatte man es mit einem ungehorsamen Glied des „Systems“ zu tun, einem „Unruhestifter“ zu tun, der die Kirchenbuße dreist zurückgewiesen und geistliche Würdenträger der Stadt beleidigt hatte. Das Faktum, dass es sich um eine gänzlich unbedeutende Figur handelte, konnte aus der Sicht der Macht als ein erschwerender Umstand des Verbrechens erscheinen. Puschkin hat in seinem Poem „Der eherne Reiter“ gezeigt, wie ein „kleiner Mann“ die scheinbar unerschütterliche Macht in Wut versetzen kann, wenn er es wagt, ihr seinen Fluch entgegenzuschleudern. Störenfriede solchen Formats können in ihrem herausfordernden Benehmen eine ernste Bedrohung des „Systems“ heraufbeschwören. Die Reaktion der Vertreter des Konsistoriums muss deshalb keineswegs nur durch die Sorge um das Seelenheil des Delinquenten motiviert gewesen sein, sondern mit größerer Wahrscheinlichkeit durch die Sorge um die Sicherheit des Staates und die Autorität der heiligen Kirche. Für diese Hypothese spricht auch das Maß der verhängten Strafe. Auch wenn sie dem ungläubigen Revolutionär wenig Kummer machte, so war sie doch eine ungewöhnlich harte Maßnahme, wie sie später gegen einen wirklich mächtigen Feind der Kirche zur Anwendung kam, gegen den Schriftsteller Lev Tolstoj. (Basinskij verweist auf diesen Umstand: „Exkomuniziert! Früher als Tolstoi!“) Unter diesem Gesichtspunkt bezeugt die Reaktion der Kazaner Kirchenführer einen richtigen Instinkt für die Gefahr, die dem Imperium von diesem scheinbaren Niemand drohen konnte.

Gorki bekam in Kazan die „starke Hand des Imperiums“ zu spüren, wie der Autor richtig feststellt. Ob dabei auch das fürsorgliche „Auge des Herrschers“ oder gar das „Auge Gottes“ auf ihn gerichtet war, mag man glauben oder nicht. Keinesfalls jedoch muss man dem Urteil des Autors zustimmen, der freche Unruhestifter habe seine Strafe verdient, er habe sich in seinem hochmütigen Stolz verirrt wie die Helden Dostoevskijs. Mag sein, dass ich die Position Basinskijs etwas zu geradlinig deute, aber sie ergibt sich, wie mir scheint, aus seiner Argumentation.

Im vollen Bewußtsein der Tragweite seiner Entscheidung habe der künftige Schriftsteller Maksim Gorki schon in diesem frühen Moment eine „endgültige Wahl getroffen“, erklärt Basinskij. Es ist die Entscheidung für eine Existenz außerhalb des Glaubens und der Gnade Gottes, allein auf die Allmacht des Menschen vertrauend, der in dem gleichnamigen Poem furchtlos dem Ziel, der „Wahrheit“, entgegengeht, „vorwärts und „aufwärts“. Mit dieser Religion war Gorki keine Enzelerscheinung, sondern ein Kind seiner Zeit. Basinskij erörtert in diesem Zusammenhang Gorkis Thema der „Einsamkeit des Menschen im Weltall“ und konstatiert eine überraschende Nähe des Begründers der sozialistischen Realismus zu den französischen Existentialisten. Dennoch kann sich der Autor eine Alternative zu diesem Unglauben des 20. Jahrhunderts vorstellen. Auch der widerborstige Gorki hätte sich möglicherweise, so überlegt Basinskij, mit der Kirche versöhnen können, wenn ihm andere, verständnisvollere Vertreter des Christentums begegnet wären. Vielleicht hätte ihn dann der „Teufel“ des Unglaubens verlasssen. So aber hat die russische Orthodoxe Kirche einen ungewöhnlich talentierten jungen Mann, einen bedeutenden Schriftsteller und den Schöpfer einer neuen Kultur verloren. Darin sieht Basinskij eine gemeinsame Tragödie Gorkis und der Kirche – „das Drama der Spaltung zwischen der alten Kirche und der neuen Kultur, der Kirche und der Intelligenzija“.

Von der Überwindung dieser Spaltung und einer neuen allumfassenden russischen Kultur träumte auch Dostoevskij. Von einer Realisierung dieses Traums war Russland zur Zeit der Entstehung der „Brüder Karamazov“ ebenso weit entfernt wie in der Zeit der Bolschewiki und der Sowjetmacht. Sogar ein zweiter Aljoscha Karamasow hätte es wohl kaum vermocht, den „Unruhestifter“ Gorki in einen demütigen Gläubigen der Orthodoxen Kirche zu verwandeln. Dafür besaß diese Kirche in ihrer Gesamtheit zu wenig geistige und moralische Autorität. Es scheint mir eine interessante Frage, in welchem Maße diese Autorität in unseren Tagen gegeben ist, in einer Situation, da die geistige und organisatorische Machtstellung der Russischen Orthodoxen Kirche weitgehend wieder hergestellt ist und die russische Elite, nach den Erkenntnissen der Statistik, mehrheitlich aus gläubigen Christen besteht.


Einmal angenommen, die Geschichte mit Peschkows missglücktem Selbstmord würde sich heute in einer russischen Stadt ereignen und der junge Mann würde, wie damals Peschkow, seinem Gemeindepriester Verse beleidigenden Inhalts zuschicken. Es ist vorstellbar, dass er dafür nicht nur einer Kirchenbuße, sondern einem weltlichen Gerichtsverfahren unterworfen würde. Entsprechende Paragraphen in den geltenden Gesetzen sind bekannt und kommen in der Gerichtspraxis auch zur Anwendung. Man kann sogar davon ausgehen, dass eine Mehrheit der Bevölkerung ein solches Vorgehen gutheißen würde. Es gäbe allerdings, wie damals, auch Stimmen des Protests gegen diese Art der Durchsetzung staatlicher und kirchlicher Autorität. Vor die Wahl gestellt, würde ich persönlich eher mit ihnen und dem „Unruhestifter“ sympathisieren als mit seinen Richtern. Denn ich kann ihnen und den anderen Bürgern Russlands nicht ein System wünschen, das Kirchen und konfessionellen Einrichtungen eine solche Einmischung in das Seelenleben einer Einzelperson erlaubt. In diesem Sinne erscheint mir auch die „Frechheit“ des jungen Gorki im Umgang mit den Kirchenoberen durchaus „vernünftig“, sie war, unabhängig von ihrer ästhetischen Qualität, ein berechtigter Akt des Widerstands. Und im heutigen Russland, 120 Jahre später, kann ein respektloser Umgang mit einer Kirche, die sich wieder einmal der Staatsmacht unterworfen hat und gegenüber den Bürgern mit quasi staatlicher Autorität auftritt, durchaus angebracht erscheinen.

Man kann sich also streiten über die „Frechhheit“ des jungen Gorki gegenüber der kirchlichen Obrigkeit. Und eben das macht den Wert dieser Episode aus. Basinskijs solide recherchierter Bericht und seine weitreichenden Überlegungen dazu zeigen wieder einmal, dass Leben und Werk des Schriftstellers Gorki ein reiches Potential an „aktuellem“ Diskussionsstoff zu bieten haben.

Kategorie: Gorki in unseren Tagen

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