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Gorki heute

Sonntag, 18. Juni 2006, 14:48:16 | Armin Knigge

Die Reaktionen auf Gorkis Tod machten deutlich, dass dieser Schriftsteller eine in höchstem Maße umstrittene Persönlichkeit war, sie zeigten aber zugleich, dass der Verstorbene um diese Zeit noch eine höchst ‚lebendige' Persönlichkeit war, die viele Zeitgenossen menschlich etwas anging, starke Emotionen wecken konnte. Das änderte sich in den folgenden Jahren grundlegend. Schon 1932 hatte der Schriftsteller und Gorki-Kenner Kornej Tschukowski seinem Tagebuch anvertraut, der lebendige und interessante Gorki werde in den offiziellen Feiern unter "Tonnen von bürokratischem Stumpfsinn" begraben. Dieser Prozess kam nach dem Tod des Schriftstellers erst richtig in Gang, unbehindert von ‚störenden' Auftritten, die von Gorki immer zu gewärtigen waren. Nachdem Stalin schon den Dichter Majakovskij zum Klassiker ernannt oder, nach einem Wort Pasternaks, Majakovskij "eingeführt" hatte "wie Katharina die Große die Kartoffel in Russland", war nun Gor'kij an der Reihe. Viele Anzeichen seiner "Verstaatlichung" waren schon zu seinen Lebzeiten - und leider ohne energischen Widerspruch des Geehrten - erfolgt, darunter die Umbenennung seiner Heimatstadt Nizhni Novgorod in "Gorki". In der Folgezeit wurden zahllose Namen und Plätze sowie Kultureinrichtungen aller Art nach ihm benannt. Gorki nahm den Platz eines erstrangigen Klassikers der russischen Literatur neben Puschkin ein, die Profile der beiden Schriftsteller standen nebeneinander im Kopf der Literaturnaja gazeta. Kritik an Gorkis Person, seinen Ansichten oder seinen künstlerischen Werken war in der Sowjetunion schon seit 1928 in einem schleichenden Prozess verboten worden, nachdem er in den zwanziger Jahren das Ziel heftiger Angriffe von seiten der "proletarischen" Literaturkritik gewesen war. Die wissenschaftliche Gorki-Forschung ging in die alleinige Verantwortung des ebenfalls nach ihm benannten Moskauer "Instituts für Weltliteratur" über. Nach dem Krieg kamen dazu Filialen in den Ländern des Ostblocks, etwa in der Akademie der Wissenschaften der DDR in Ostberlin. Diese Einrichtungen haben - mit gewaltigen staatlichen Mitteln ausgestattet - viel für dieErfassung und Verarbeitung der Schriften von und über Gorki geleistet, die wissenschaftlche Forschung blieb dabei jedoch stets den Aufgaben der staatlichen Propaganda untergeordnet.

Gorki war in der sowjetischen Periode eine wichtige Komponente der Selbstdarstellung des Staates und seiner Gründungsmythen, gleich nach Marx, Engels, Lenin und Stalin. Unter diesen Voraussetzungen war es nicht überraschend, dass Gorki, genauer das sowjetische Gorki-Bild, von dem Zusammenbruch dieses Staates besonders hart getroffen wurde, seine Reputation stürzte ab wie einst das Flugzeug, das in den dreißiger Jahren seinen Namen getragen hatte. Besonders in dem Strom der ‚Enthüllungsliteratur' über die Stalinzeit beschäftigten sich viele Bücher, Zeitungsartikel und TV-Sendungen mit Gorkis Rolle in der Stalinzeit. Den schärfsten Angriff auf seine künstlerische und moralische Autorität unternahm Alexander Solschenizyn in "Der Archipel Gulag", wo er den Besuch einer Schriftstellergruppe unter Gorkis Führung 1933 auf den Baustellen des Weißmeer-Ostsee-Kanals behandelt. Den von Gorki herausgegebenen Sammelband zu diesem Bauprojekt, auf dem ausschließlich Häftlinge, angeblich zum Zweck ihrer Umerziehung , beschäftigt wurden, nennt Solschenizyn ein schändliches Werk, einen in der russischen Literatur einmaligen "Lobgsang auf die Sklavenarbeit". Viele andere Beiträge auf dieser Linie sind weniger von moralischer Empörung als von Schadenfreude und Sensationslust geprägt.

Parallel zu der Enthüllungsliteratur hat sich jedoch seit den 80er Jahren ein neues Interesse an Gorki entwickelt, geboren aus dem Erstaunen darüber, dass man über diesen bis zum Überdruss bekannten Autor eigentlich nichts, jedenfalls nichts Wesentliches wusste. In Beiträgen wie "Gorki - ein weißer Fleck", "Neuer Blick auf Gorki" , "Gorki, wie wir ihn nicht kannten" wurde in erster Linie der "Häretiker" neu entdeckt, vor allem der stimmgewaltige Verteidiger der Demokratie und der Kultur in der Artikelserie "Unzeitgemäße Gedanken über Revolution und Kultur" in "Novaja zhizn'", der letzten unzensierten Zeitung nach dem Oktoberumsturz, die 1918 verboten wurde. Entdeckungen solcher Art fanden sich auch in dem umfangreichen Material der unveröffentlichten Briefe Gorkis, darunter seine Korrepondenz mit Lenin , Stalin und anderen Parteiführern. Im Bereich des künstlerischen Werks werden vor allem die Erzählungen der zwanziger Jahre wiederentdeckt, die zwar veröffentlicht, aber wenig zur Kenntnis genommen wurden. Viele von ihnen handeln von den dunklen Seiten der Revolution, von Gewalt und Verrat und der Sehnsucht nach einem "ehrlichen Leben".

Gorki, so kann man heute sagen, hat seinen Sturz überlebt. Er wird auch nicht ausschließlich als politischer Schriftsteller wahrgenommen. Das Personal seines Werks, eine Galerie zahlloser "russischer Menschen", vorzugsweise Sonderlinge, Querdenker und Störenfriede, das in eigentümlicher Weise die Traditionen der russischen Klassik, vor allem die Dostojewskis und Tolstois fortsetzt, findet in einer Periode der Neufindung oder Neu-erfindung der nationalen Identität der Russen wachsende Aufmerksamkeit.

Weniger förderlich für die heute notwendige neue Sicht auf Gorki wirkt sich allerdings die nostalgisch gefärbte Rückbesinnung auf die sowjetische Periode aus, die in den letzten Jahren in der russischen Öffentlichkeit zu beobachten ist. In diesen Zusammenhang gehört die "Rückkehr" des Gorki-Profils in das Logo der traditionsreichen "Literaturnaja gazeta" im Jahr 2004. 1990, zur Zeit der Perestroika, hatte Gorki seinen Platz neben Puschkin räumen müssen, nun sind die beiden Köpfe als quasi gleichrangige Klassiker wieder vereint. Umstände und Begründungen dieses symbolischen Akts deuten darauf hin, dass diese Ehrung vorzugsweise dem ‚bekannten' Gorki, dem "großen russischen Schriftsteller" der sowjetischen Periode gilt.

In Westeuropa und Amerika ist dagegen das Interesse an Gorki nach wie vor gering, ausgenommen das Stück "Nachtasyl", das immer wieder neue Inszenierungen erlebt. In der Literaturwissenschaft wirkt das Bild des sowjetischen Klassikers weiter, nur mit umgekehrter Bewertung: ein künstlerisch unbedeutender Autor, der durch die massive Unterstützung der staatlichen Propanda zu unverdientem Ruhm gelangt ist. Die westliche Gorki-Rezeption übernimmt hier - den Autoren meist nicht bewusst - die krass negativen Urteile über Gorki aus dem Umkreis der russischen Emigration, etwa die von Ivan Bunin oder Vladimir Nabokov. Diese Urteile sind in ihrem besonderen, zuallererst politischen Kontext wichtig und aufschlussreich, aber sie dürfen nicht als unumstößliche Wahrheiten über Maxim Gorki behauptet und weitergereicht werden.

Der unbekannte Gorki , um den es in dieser Website gehen soll, ist vor allem eine Persönlichkeit der Widersprüche, der Verkünder des "neuen Menschen" und zugleich die eigene Gegenstimme, der Häretiker in diesem Projekt. Der rebellische, antichristliche Humanismus, den er propagierte, wurzelte unübersehbar in den christlichen Traditionen der russischen Klassik, besonders der Dostojewskijs. Widersrpüchlich ist auch die Künstlerpersönlichkeit Gorki: der Publizist und der Erzähler gehen zeitweilig (besonders in der letzten Periode) gänzlich getrennte Wege, und das erzählerische Werk zeigt in sich ein eigentümlich heterogenes Bild. Neben vielen konventionellen und schwachen Texten hat der Künstler Gorki unzweifelhaft sein ‚neues Wort' in die russische Literaturgeschichte eingetragen. Das betrifft vor allem seine Galerie von Menschen aus dem Volk, die jenseits der in der russischen Klassik vorherrschenden Demophilie und der entsprechenden Typisierung der "einfachen Menschen" eigenständige und komplexe Persönlichkeiten vorführt. Die Masse der Ungebildeten wird bei Gorki zum Stoff für ein literarisches Universum, das nicht weniger differenziert und kompliziert erscheint als das der Protagonisten aus den ‚kulturtragenden' Schichten. Da Gorki andererseits als ein sozialer Aufsteiger auch die Gebildeten (einschließlich ihrer herausragenden Persönlichkeiten wie Tolstoj, Savva Morozov, Lenin u.a.) mit gespannter Aufmerksamkeit studiert und beoachtet, entsteht in seinem Werk ein soziales Panorama, wie es vor ihm in der russischen Literatur nicht zu finden war. Die genannten und manche weiteren Züge des unbekannten Gorki lassen diesen Schriftsteller - auch und gerade in seinen Widersprüchen - als eine Schlüsselfigur der russischen Kultur des 20. Jahrhunderts und ihrer weltweiten Wirkung erscheinen.

Kategorie: Einführung

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